Der ewige Krieg

Screenshot: „9/11 – Die Welt danach“ / © Zadig Productions/Arte


Zwei Tage nach dem entsetzlichen Attentat in Manchester sind leider nur ein paar Tage vor dem nächsten Massaker*. Sechzehn Jahre, nachdem George W. Bush den „Global war on terror“ verkündete, ist der djihadistische Terrorismus nirgendwo besiegt, sondern stärker denn je und in Regionen aktiv, wo Al-Qaida und verwandte Gruppen vormals kaum eine Bedeutung hatten. In keinem Staat, der beim „GWOT“ mittut, leben Menschen heute sicherer als 2001. In keinem Land, das von der westlichen Militärmaschinerie überrollt wurde, gibt es heute weniger Leid und Tod, sondern mehr, viel, viel mehr davon. Der globale Krieg gegen den Terror ist tatsächlich ein Krieg für den Terror, so wie alle Kriege nichts weiter sind als organisierter Schrecken, massenhafter Mord, Eruptionen von Barbarei, Sadismus und Haß. Der „GWOT“ hat sich als das beste erwiesen, was dem militanten Islamismus passieren konnte, er ist das sprichwörtliche Benzin, das zum Löschen ins Feuer gegossen wird.

Der Dokumentarfilmer Ilan Ziv hat die gewollte Katastrophe, den blinden Wahn des „GWOT“ in einem Zweiteiler für Arte minutiös und fernab jeder Verschwörungsspinnerei beschrieben. „9/11 – Die Welt danach“ erzählt, wo der Weg hinab in den Mahlstrom aus Gewalt und Grauen begann, wie und warum die USA und ihre Verbündeten nach dem 11.iSeptember 2001 jeden Fehler begingen, den sie begehen konnten, und weshalb keine Aussicht bestand noch besteht, den Terror mit Krieg zu besiegen.

Die Zeitzeugen, die Ziv interviewte, bestätigen dies. Und es sind keine Pazifisten, Yankeehasser oder „Truther“, die hier reden. Sondern echte Wissenschaftler wie der Anthropologe Scott Atran, Forschungsdirektor am französischen Centre national de la recherche scientifique (Teil 1, ab 35‘15):

Den westlichen Staaten ist es noch nie gelungen, dem Mittleren Osten ihre politischen Systeme aufzuerlegen. Der Faschismus, der Kommunismus, die liberale Demokratie, der nationale Militarismus – alle sind gescheitert. Unseren Demokratien ist es nicht gelungen, die Erwartungen der Menschen zu erfüllen, die ihre Orientierung durch die Globalisierung verloren haben. Der radikale Islam ist vielleicht die bedeutendste Gegenkultur weltweit seit dem Zweiten Weltkrieg.

Oder bürgerliche Politiker wie Dominique de Villepin, unter Jacques Chirac Generalsekretär des Élysée (Teil 1, ab 18‘15):

Warum Krieg? Weil die führenden Politiker in unseren Demokratien immer wieder ihre Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen müssen. Der Krieg schien ihnen damals die richtige Antwort zu sein, obwohl wir alle wissen, daß Krieg nie eine Antwort sein kann. Schlimmer noch – obwohl wir alle wissen, daß der Krieg das Finden einer Lösung erschwert, obwohl wir alle wissen, daß wir diesen Weg nicht gehen sollten.

Paul Schulte, von 1997 bis 2005 Analytiker im britischen Kriegsministerium, versuchte zu Beginn des „GWOT“, seinen Vorgesetzten die Ideologie der Djihadisten aus deren Sicht zu erklären. Es scheint, als hätte ihm niemand zugehört; jedenfalls hat keiner der Kriegstreiber die richtigen Schlüsse aus dem Rollenspiel gezogen (Teil 1, ab 32‘30):

Ich sage euch, was der Djihad für uns bedeutet und was er für euch bedeuten soll. Unsere Anhänger eint der weltweite Kampf für unsere Sache. Ihr aber kämpft unkoordiniert, ohne gemeinsame Basis, mit verhängnisvollen Militäreinsätzen auf muslimischem Boden. Welches Ziel hat der Heilige Krieg? Wir wollen die Mißstände beheben, die die jüdisch-christlichen Kräfte im Lauf der Geschichte angerichtet haben, zum Schaden des Islam, den ihr zerstört habt.

Colonel Lawrence Wilkerson, von 2001 bis 2005 Stabschef des US-Außenministers Colin Powell, liefert eine Erklärung für George W. Bushs Eile, dem Terror den Krieg zu erklären, die erheblich plausibler ist als jede Komplottphantasie. Die, nach den zahllosen Opfern des „GWOT“, Bush und seine Regierung so erbärmlich, bigott, kriminell aussehen läßt, wie das inkonsistente Geschwätz der 9/11-Paranoiker es nie könnte (Teil 1, ab 16:30):

Die erste Reaktion zeigte, daß der amerikanische Präsident und sein Vizepräsident ein Amtsenthebungsverfahren befürchteten. Denn seit Pearl Harbor hatte es auf amerikanischem Boden nicht mehr so viele Tote durch einen Angriff von außen gegeben.

Im zweiten Teil der Dokumentation, „Die Spirale der Gewalt“ überschrieben, kommt Wilkerson abermals zu Wort, und was er hier sagt, mit den Tränen kämpfend, ist ein guter Beleg dafür, daß Soldaten wissen, was Krieg bedeutet, während die meisten Befehlshaber es nicht mal ahnen.

Wilkerson war einer der Ghostwriter, die Colin Powells berüchtigte „Weapons of mass destruction“-Rede vor der UN-Vollversammlung vorbereiteten, jenen mit Schauermärchen gespickten Vortrag, der den Überfall auf den Irak 2003 rechtfertigen sollte. Der Colonel behauptet, er habe nicht gewußt, mit Lügen zu hantieren; das Material, das ihm von den Geheimdiensten zur Verfügung gestellt wurde, sei ihm als glaubhaft verkauft worden. Von Ilan Ziv befragt, wie er heute damit lebe, für den Irakkrieg mitverantwortlich zu sein, erwidert der Stabschef (Teil 2, ab 30‘20):

Ich habe über zehn Jahre lang keine Nacht durchgeschlafen. Ich denke oft an die vielen jungen Menschen, die gestorben sind. Auf beiden Seiten. Vernünftig geschätzt haben wir 300.000 Iraker getötet. (Pause.) Wofür? Um Al-Qaida und den IS in der Region zu stärken? Um einen Bürgerkrieg in Syrien heraufzubeschwören? Und um den Irak zu zerstören? Wofür das alles? Für Erdöl?!

Jedenfalls nicht für die Menschen, die der „GWOT“ vorgeblich beschützt, und nicht für eine Welt frei von Terror, komme der nun mit Sprengstoffgürtel oder Drohne daher. Zum Schluß von Zivs exzellent recherchierter, brillant montierter, weniger polemisch als verzweifelt argumentierender Dokumentation erhält Lieutenant Colonel John Nagl das Wort, Experte für Aufstandsbekämpfung bei der US-Army. Wie Wilkerson fällt es ihm schwer, die Tränen zurückzuhalten, und wie der Waffenbruder kann er einen Sinn im „Global war on terror“ nicht erkennen – sofern endloses Grauen, unfaßbares Leiden nicht dessen eigentlicher, böser Sinn sein sollten (Teil 2, ab 51‘20):

Die USA haben viele Fehler gemacht. Im Mittleren Osten, im Irak, in Syrien. Und jetzt diese Millionen von Flüchtlingen als Folge davon. Wir müssen diesen Krieg als Krieg der Werte und Kulturen begreifen. Wir müssen die Regierungen der islamischen Länder unterstützen, damit sie ihren Bürgern die notwendigen wirtschaftlichen Bedingungen und gute Bildungsmöglichkeiten bieten können, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Sonst können wir den Krieg nicht gewinnen.
Viele meiner Freunde hat dieser Krieg getötet. Viele verloren einen Arm, ein Bein, ihre Erinnerungen, ihre Hoffnungen, ihre Zukunft. Das Schlimme ist, daß so viele Menschen sinnlos sterben mußten und daß dieses Blutvergießen uns in diesem Krieg kaum weitergebracht hat.

Und auch niemals weiterbringen wird. „9/11 – Die Welt danach“ ist noch bis 22. Juli in der Arte-Mediathek verfügbar. Sehen Sie sich das an. Empfehlen Sie es weiter. Dieser zutiefst erschütternde, beklemmende, „zerschmetternde“ (Jürgen Roth) Film benennt und zeigt den Selbstbetrug des Westens, die Nutzlosigkeit seiner Terrorkriege, die Greuel, die zur Beseitigung von Greueln entfesselt worden sind, mit einer Deutlichkeit, die bisweilen nicht zu ertragen ist. Doch da muß durch, wer sich nicht länger von den Kriegstreibern einwickeln lassen, wer rational begründen können will, wie ignorant und dumm, wie potentiell verheerend der heute getroffene Beschluß der Nato ist, der „Anti-IS-Koalition“ beizutreten; also jener Koalition, der u. a. die eifrigsten Djihadistenunterstützer des Planeten angehören, die Autokraten Saudi-Arabiens.

Hier sind derselbe Ungeist, derselbe Schwachsinn am Werk, welche Colonel Wilkerson rückblickend der Bush-Regierung attestiert (Teil 1, ab 45‘50):

Es wurden keine Strategien für die Zukunft entwickelt. […] Das mag jetzt erschreckend klingen, aber ich glaube, daß niemand wußte, wohin das führen sollte. Niemand hat darüber nachgedacht, wie lange der Einsatz dauern oder wie viele Opfer er fordern würde. […] Es gab keinen wirklichen Plan. Wir legten einfach los [we simply acted].

Simply“, wahrhaftig.


* Soeben geschehen, in Ägypten, nur wenige Stunden nach Erstveröffentlichung dieses Blogposts.

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