Der schreckliche Iwan (11): Nun brich los!

So frei, so ergreifend bürgernah ist die Ukraine seit der Vertreibung Janukowitschs:

Die Ukraine will die Ausreisebedingungen für wehrpflichtige Männer verschärfen. Grund ist die Flucht zahlreicher Ukrainer vor einer Mobilmachung. (…) Insgesamt könnten in diesem Jahr bis zu 100.000 Ukrainer mobilisiert werden. Poroschenko will dadurch die Truppen in der Ostukraine verstärken. Seitdem flohen viele Einberufene in benachbarte EU-Staaten oder nach Rußland.

Die Begeisterung für die neue, befreite Politik (alles für den Krieg, nichts für die Leidenden) könnte größer nicht sein:

Im nordwestlichen Bezirk Wolhynien sei der Anteil der Wehrdienstverweigerer aus religiösen Gründen von 0,7 auf 17 Prozent der Wehrpflichtigen gestiegen. Es gebe Dörfer im Bezirk Iwano-Frankiwsk, wo die Bewohner gemeinsam zwei Busse gemietet hätten, um die potentiell wehrpflichtigen Männer nach Rußland zu bringen; in einem Ort an der ungarischen Grenze hätten von gut 100 Wehrpflichtigen nur drei überhaupt den Befehl, sich zur Musterung einzufinden, entgegengenommen. (…)

Wer genug Geld hatte, konnte sich eine Untauglichkeitsbescheinigung kaufen (…) nach dem örtlichen Lohnniveau gestaffelt von 800 US-Dollar im Bezirk Ternopil bis zu gut 3.000 Dollar im reicheren Kiew. Die Reaktion der neuen Machthaber auf diese Zustände ist bezeichnend. Sie wollen die Möglichkeit, sich freizukaufen, gesetzlich regeln (…). Ein dem ukrainischen Parlament vorgelegter Gesetzentwurf sieht vor, die Freikaufsumme mindestens auf den Jahressold eines Berufssoldaten anzuheben.

 

Und während so aufs demokratischste, vor der Ära Jazeniuk undenkbare, legalisiert wird, daß ganz bestimmt kein Oligarchensohn für das Raubgut seines Alten die Knochen hinhalten muß, verspricht Oligarchenhäuptling Poroschenko dem Kanonenfutter aus der Verarschtenklasse das Blaue vom Himmel, den sie dank solcher Quisling-Kopien wie ihm demnächst kennenlernen dürfen:

Für ein abgeschossenes Kampfflugzeug soll es demnach künftig sogar 6.000 Euro geben, zerstörte Panzer werden mit 2.400 Euro belohnt. Zusätzlich will die Regierung in Kiew den Soldaten für jeden Tag im Kampfeinsatz 50 Euro zahlen. Armeeangehörige klagen jedoch oft darüber, daß der klamme Staat ihnen den Sold schuldet.

Die paramilitärischen Verbände, die auch ohne Abschußprämie erledigen, was für die Ostukraine vorgesehen ist, Verwüstung und Terror nämlich, möchten im revolutionär errungenen, dem Gedanken politisch fairer Repräsentanz aller sozialen Gruppen strikt verpflichteten –– ach, den Satz pack ich heute nicht mehr …

So wie ich es nicht packe, daß die immer dreisteren Machtansprüche der Bandera-Nazis in unseren Top-Medien nur knapp am Rand thematisiert werden, wie hier bei „Telepolis“:

„Vermutlich werden an der Front bald nur noch Milizen kämpfen. (…) Und die Milizen haben tausende Mitglieder, die nun bewaffnet sind und eine reale Macht im Staat darstellen.
Das machte auch Dmitri Jarosch, der Chef des Rechten Sektors, klar, der gerade verletzt in einem Krankenhaus behandelt wird. (…) Jarosch drohte auch damit, einen „parallelen Generalstab“ für die Milizen und einige Einheiten der Armee einzurichten, weil es einen Mangel an guten Generälen gebe. (…) Der alternative Generalstab würde neben den Milizen auch Unterstützung von vielen Einheiten der Streitkräfte erhalten, der Aufbau finde bereits statt.
So könnte auch die Westukraine weiter zerfallen (…).

Ich bin gespannt, wie sie dem Putin auch das, die Frechheit der Freikorps, in die Schuhe schieben werden; ich liebe Münchhauseniaden, seit ich lesen kann. Ich wünsche mir allerdings zugleich, die Opfer eines restlos irrsinnigen Stellvertreterkriegs hätten wieder Zeit und Muße, sich, so wie ich, zu amüsieren. Zur Zeit sind sie bloß am Leben:

Regen prasselt auf das olivgrüne Zelt, der Boden ringsum (…) hat sich in eine schlammige Brühe verwandelt. Im Zeltinneren qualmen zwei Feldöfen. Daneben sitzen Menschen dicht gedrängt auf Holzbänken, tragen sich in Listen ein oder warten. Es sind Kriegsflüchtlinge aus dem Donbaß, die es in die Auffangstelle einer örtlichen Hilfsorganisation geschafft haben. Die meisten von ihnen sind Frauen. (…)
Nach UN-Angaben sind mehr als 900.000 Menschen aus den umkämpften Gebieten in andere Landesteile und weitere 600.000 nach Weißrußland oder Rußland geflohen. (…)

Kurz, der Ukraine geht es so bombe wie seit 1945 nicht mehr. Dafür trägt die Tolerierung eines Machtapparats, den lupenreine Faschisten tief infiltriert haben, maßgeblich Verantwortung. Die Verantwortung für diese Tolerierung dürfen Angela Merkel samt Alliierten gern mit in ihre Alpträume nehmen.

Ein besonders eifriger Schmierer der Anti-Rußland-Achse ist Steffen Dobbert von der Zeit. Ihm fiele im Alptraum nicht ein, das Autarkie- und Menschenrechtsgefasel etwa der Kanzlerin für eben dieses zu halten.

Jazeniuk und Poroschenko setzen Kopfprämien auf dissidente Ukrainer (Neusprech: „prorussische Separatisten“) aus. Sie schließen die Grenzen für Männer, die beim Erhalt dieser Grenzen nicht sterben wollen. Sie sind mitverantwortlich für die Vertreibung von anderthalb Millionen Menschen. Sie lassen für die Reichen umstandslos die Armen sterben (was den Armen nicht wirklich gefällt). Doch wo sitzt für Dobbert der Meister des Bösen? Natürlich und tausendprozentig im Kreml:

Während die von Rußland gut ausgerüsteten Truppen der Separatisten gegen die ukrainische Armee vorgehen, Soldaten und Zivilisten dabei sterben (…)

– und außerdem Separatisten, aber die sind ja keine richtigen Menschen … Nun!, während die angreifende ukrainische Armee hier als Opfer eines Überfalls eingekleidet wird, rumpelt durch die Gerüchteküche des Internets eine Meldung, die, träfe sie zu, dem Sanktionskrieg der EU gegen Rußland die einzige Begründung nähme:

Auf der Seite der Volksmilizen in den Gebieten Donezk und Lugansk kämpfen zwar „einige“ Russen, jedoch keine regulären russischen Truppen, wie der ukrainische Generalstabschef Viktor Muschenko am Donnerstag mitteilte. „Wir haben einige Fakten, daß einzelne Soldaten der russischen Streitkräfte und russische Staatsbürger im Bestand der illegalen bewaffneten Formationen an den Kampfhandlungen teilnehmen“, sagte Muschenko. „Wir führen aber keine Kämpfe mit Einheiten der regulären russischen Armee.

Zweifellos gebietet sich Vorsicht bei der Quelle. „Sputnik“ ist ein waschechter und ziemlich unappetitlicher Propagandaapparat. – Was man von „Zeit online“ zum Glück nicht behaupten kann! Sonst dürfte Steffen Dobbert, auf den ersten Blick einfältiger Ignorant und Zelig, dort allenfalls die Redaktionsräume staubsaugen. Für gute Propaganda ist er nachlesbar zu blöd:

Lediglich die bestehenden Restriktionen gegen Rußland bis September fortzuführen und gegen einige weitere Einzelpersonen Einreiseverbote und Kontensperrungen zu verhängen, das wird an der Notlage im Kriegsgebiet kaum etwas ändern. (…) Daß es der Eurogruppe dennoch gelungen ist, (…) am bisherigen Kurs gegenüber Rußland einstimmig festzuhalten, sollte niemand unterschätzen, egal ob in Debalzewo, Brüssel oder Moskau.

Die Sanktionen gegen Rußland bringen nichts, deshalb sollte sie niemand unterschätzen: Hier irgendeine Logik finden zu wollen, garantiert Kopfschmerzen. Aber was kann man schon von einem Journalisten erwarten, der an einer anderen Stelle „trotz dessen“ statt „trotzdem“ schreibt? Es ist ja nicht mal sicher, ob er unfallfrei die Schuhe zubinden kann.

 


Samstag, 31. Januar 2015 22:33
Abteilung: Der schreckliche Iwan, Qualitätsjournalismus

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