Geisterbeschwörung

Ich weiß ja nicht, ob dies hier was hilft. Ich weiß ja nicht mal, ob ich wirklich will, daß dies was hilft.
Ich weiß nur, daß ich seit 1977 eine Raute im Herzen hab, und die ist schwarzweißblau. Ich bilde mir auf dies Branding nicht viel ein. Ist halt da. Seit vielen Jahren merke ich so gut wie nichts mehr davon – woher auch, bei all dem Elend –, aber heute, da es um so ziemlich alles geht, glimmt es wieder auf. Ziemlich trüb, ziemlich verrußt. Aber eine Glut ist wieder vorhanden.
Fühlte sich schon mal besser an. Nicht so spundlochmäßig pechfackelartig grunzmiserabel, nicht so irgendwie bäh und igitt. HSV! Meine Güte! Da kann man ja auch Hämmorhoiden gut finden. Oder Holstenbier.
Aber das war mal alles ganz anders, und ich war dabei. Damals, in den frühen 80ern, als der Fußball, wie wir ihn heute kennen, erfunden wurde. Und zwar beim HSV, und noch zwarer vom größten Trainer, so jemals lebte, Ernst Happel. Ich nenne nur ein Wort: „Pressing“. Die Taktiken aller großen Mannschaften sind bis heute davon geprägt. Nach fast 30 Jahren!


Ich will darum einen Geist beschwören. Den Geist von Ernst Happel. Den Geist des genialsten Trainers aller Zeiten. Der übrigens sehr gern beim HSV gearbeitet hat, damals, in den 1980ern. Ich stand im Asozialenblock und sah IHN 150 Meter entfernt auf der Bank die Zigaretten ketterauchen. Das hatte, für mich, was Religiöses.
Ich möchte nun zwar keine neue Kirche begründen. Aber in diesen Zeiten der Verzweiflung und des Elends, da möchte ich euch, Brüder und Schwestern („Ja, Bruder!“), davon erzählen, wie er war, der Ernst („Ja, Bruder, erzähl es!“), der Happel („Ja, Happel! Happel, ja!“). Ich glaube, wenn ich von ihm erzähle, dann könnten sein Geist („Oh Bruder, ich fühle SEIN Erscheinen!“), sein Genie („Bruder – gestern wußte ich noch nicht, was eine Addition ist – heute ziehe ich Wurzeln“), sein Charisma („Bruder – übertreib’s nicht!“) bei dieser Dreckstruppe, die im Zeichen der glorreichen Raute ihr niedriges Geschäft verrichtet, für das bißchen Schneid sorgen, das diese Nieten brauchen, um wenigstens das Allerschlimmste, den Abstieg, zu vermeiden.

Allerhand interessante Mitteilungen über Ernst Happel

Der Weltenbummler
Hat jede Gegend ihr Liebes, so hat sie auch ihr Leides, und wer manchmal erfährt, was an andern Orten geschieht, findet wohl Ursache, zufrieden zu sein mit seiner Heimat.
Aber wenn nun die Heimat mehr Leides hat als ein anderer Ort Liebes? Oder man fährt von hier nach dort und dann weiter und weiter, vielleicht bis Südamerika – und überall haben die Gegenden ihr Liebes, doch auch ihr Leides. Limonen ißt du heute, und morgen schon schmeckst du den Lawinentod. Das alles kann das Herz schwer und den Kopf dick machen. Oder man nimmt es gelassen, dankt Gott für die Varietät der Welt, die doch überall die gleiche ist, nämlich liebreich und leidlich beineben, und man wandert so durch die mannigfachen Kuriositäten der Erde und freut sich an dem, was erfreulich ist, und macht das Beste aus dem Schlechten.
So einer war Ernst Happel.

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Auf ein Wort
Als einer, der viel herumkam, verbrachte Happel manchen Tag in Herbergen und Hotels, und als jemand, den die Leute achteten, wünschten die Herbergsväter und Hoteliers von ihm stets ein Wort fürs Gästebuch, an dem noch die Enkel sich ergötzen sollten. Denn eines großen Mannes Gedanken reichen, niedergeschrieben, weit über die Zeiten hinaus und gewinnen sogar an Wert mit den Jahren wie der Burgunderwein. Und des solltet ihr inne sein, wenn der Herr Lehrer euch einen Aufsatz schreiben heißt oder der Herr Pastor die Worte der Schrift abfragt, ansonsten ihr nur in Schelmentum und Schafköpfigkeit es weit bringen werdet.
Unser Ernst aber hinterließ in den Gästebüchern immer den einen und selben Satz: „Was für den Stier das rote Tuch, das ist für mich das Gästebuch.“

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Besitz und Verlust
Schließlich lag der Happel-Ernst im Sterben. Auch er war mal ein kleiner Junge gewesen, mit Eltern, die sich schlecht vertrugen wie Deine Eltern vielleicht auch, und mit einer Großmutter, die am Meiselmarkt von Wien Würstel verkaufte und sehr gut zum Ernschtl war, so wie Deine Großmutter vielleicht auch zu Dir, Du Rotzbub.
Als der Happel-Ernst also im Sterben lag, schrieb er auf, den Nachgeborenen zur Weisung, was die Essenz, d. i. das Wesentliche, seiner Fußballer- und Fußballtrainerweisheit lauten mag: „Bei Ballbesitz Fußball spielen. Ruhig, aber mit Biß. Bei Ballverlust trachten, den Ball so schnell wie möglich zurückzuerobern.
Wir kommen darauf immer wieder zu sprechen.

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Der letzte Gang
Wenig später war Ernst Happel tot. Um ihn trauerten zahllose Menschen. Maßen mit ihm ein rarer, ein einziger Charakter aus der Welt wanderte. Groß als Fußballspieler für Rapid Wien, größer als Fußballtrainer. Kein Schwätzer, sondern ein Mann. Der erst dachte, ehe er redete. Ein Freund seinen Freunden und fern des Hasses gegen seine Feinde. Mit, in ihm verschwand ein Sportsmann aus der Welt, wie heute keiner mehr zu finden ist, nirgends: Sat.1 und Premiere haben’s verboten.
Fünftausend Männlein und auch Weiber kamen zusammen am 26. November 1992 auf dem Hernalser Friedhof, um Abschied zu nehmen von dem allergrößten Coach. Mit 66 Jahren hatte der Schöpfer Happel heimgerufen, und das erschien auch guten frommen Menschen kaum gerecht, und sie haderten mit ihrem Glauben. Doch das verging, denn zum Glauben gehört die Anfechtung, und wer sie besteht, der wird im Glauben nimmermehr nachlassen.
Ungezählte Blumengaben und Trauerkränze schmückten die Grabstelle. Ein kalter Wind blies Blütenblätter von den Lilien und Rosen. Aber auf einer der Kranzschleifen lasen die, welche nah genug am feierlichen Orte standen: „Auch wir trauern. Die Schiedsrichter.
Nehmt dies als Zeichen dafür, welch ein Mann das gewesen sein muß!

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Der Tobaccoraucher
Was ich jetzt sagen will, wird manchem, der es liest, geringfügig und vielleicht lächerlich scheinen; aber es ist nicht so; und mancher, der es liest, wird meinen, ich habe ihn leibhaftig gesehen, und es wäre wohl möglich. Nein, es ist sogar wahr!
Ich habe ihn, habe Ernst Happel leibhaftig gesehen, viele Male, und ich will jetzt erzählen, wie ich in der Westkurve des alten Hamburger Volksparkstadions stand und der bedeutenden Mannschaft zusah, die nicht viel später die Krone des europäischen Vereinsfußballsports erringen sollte, und wie ich mich freute, dort zu sein, so nah an diesen Gewaltigen.
Weiß nit mehr genau, was ich sagen wollte. Aber nun weiß ich wieder, wie ich Ernst Happel damals gesehen habe, eingehüllt in dicke Wolken Tobaccorauchs, unbeweglich, und da ich ihn sah, dachte ich bei mir: Es ist, als sei dies alles, das Spiel, das Stadion, das Publikum, all dieses sei nur seinetwegen da, und als müßte es vergehen, wäre er nicht mehr an seinem Platze, müßte alles verpuffen wie der Qualm aus seinem Cigaretto.
Und ist es nicht gerade so gekommen? Und ein neues Stadion an die Stelle des alten gesetzt worden? Und weiß ich nit mal mehr, auf welchem Tabellenplatz der HSV steht. Und brauch‘s auch kaum zu wissen.

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Die große Feier
Etwas Lustiges lesen die Leute am liebsten, und steht eine Moral beineben, dann reut es sie auch nimmer, zu dem Buche gegriffen zu haben. Also meidet der Erzähler alles, was keinem nutzt außer dem Tunichtgut und Müßiggänger, und wird nur mitteilen wollen Geschichten, die einen Wert haben. Wie also diese: Am 14. Juno 1952 heiratete Ernst Happel. Er war damals, mein Publikum wird‘s nit vergessen haben, Verteidiger bei Rapid.
Eine schöne Hochzeit feierten Ernst und seine Elfriede. Bald dreitausend Gäste füllten Kirche und Kirchplatz! Und der Trauzeuge Happels hieß Sarg. Doch wer glaubt, dies sei ein böses Omen gewesen, der glaubt wohl auch, Schermäuse seien schädlich und die heimischen Schlangen allesamt giftig, der Unbelahrte. Hätte er gelegentlich die Nase zwischen meine Bücher geklemmt, er würde so töricht schwerlich reden.
Was ich euch andern aber erzählen will, vernehmt ihr nun. Einer fragte mal den Happel, warum er, der doch ein fescher Bursche mit allerlei Bräuten in allerlei Orten gewesen, sich in die Banden der Ehe begeben habe. Da versetzte Ernst: „Rapid war grad Meister geworden, da hatte ich Zeit zum Heiraten.
Der geneigte Leser versteht‘s.

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Ein Rechnungsexempel
Ich habe euch schon Mehreres berichtet, Eigentümliches und Merkwürdiges, aus dem Leben Ernst Happels. Wie Weniges jedoch, gemessen an der Fülle des Erzählenswerten! Etliches müssen wir ein ander Mal betrachten, eingedenk der Zeit, die mir und euch gegeben ist zur lehrreichen Muße, heute. Denn in seinem Bettchen schreit wohl das Kindlein nach süßer Milch, oder an die Tür klopft unverhoffter Besuch, oder das Licht ist heruntergebrannt und mahnt flackernd zur Bettrast. So Vieles, ach, hindert uns an der Versenkung ins Tiefe und Hohe, daß ich mich beschränken will auf das Nötigste. Ob es schon schwer fällt.
Und wenn ihr wissen wollt, warum die Teams, die Happel trainierte, was Besonderes gewesen sind und ein Vergnügen denen, die ihnen auf die Füße sahen, dann gebt Acht, was unser Mann als seine Maxime nicht müde wurde zu verkünden: „Lieber verlier ich 6:7 als 0:1. Den Zuschauern zuliebe.
Der Italiener hat dies nie kapiert. Und ihr?

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Der Gehilfe
Einmal, 1983, spielte der Hamburger SV im Münchener Olympiastadion gegen den FC Bayern. Das war ein Tag, den keiner vergißt, der‘s erlebt hat. Denn mal führte der Hausherr, mal der Gast, und zum Schluß stand es vier zu drei Treffer für die Schützlinge Ernst Happels, und alle, die‘s sahen, schlossen das Ereignis ins Gedächtnis ein wie der Goldmacher das Juwel in den Ring. Ich werde immer davon zehren, und viele tun desgleichen.
Der Tüchtigste an jenem Tag aber war Horst Hrubesch, ein Kerl, vor dem auch Du, lieber Leser, nit so leicht ein loses Maul reißen würdest. Maßen er so lang wie breit ist und Hände hat, wenig schmaler als Bratpfannen. Doch kein ungerader Mann; und niemand wußte dies besser als Happel. Welcher den titanischen Burschen viel später zu seinem Gesellen machte beim FC Tirol, aus Freundschaft freilich mehr denn Vernunft.

Erstmals erschienen als Gastbeitrag in:
Jürgen Roth: Die Tränen der Trainer. Wichtige Fußballbegebenheiten.
Oktober Verlag, Münster 2001
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Photo/Vignette (Ausschnitt): Wikimedia commons/Frisia Orientalis

 

 

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Samstag, 10. Mai 2014 15:23
Abteilung: Erzählungen, Unerhört nichtig

5 Kommentare

  1. 1

    Ernst Happel rotiert ob der Leistung dieses HSV vermutlich gerade in Rekordfrequenz im Grabe.
    Logisch, daß den Rauten/Rothosen zugeneigte Fußballfreunde weiter hoffen.
    Aber gerade dieser HSV ist ein Paradebeispiel dafür, wie unfair die Relegation ist: Da spielt ein ambitionierter Zweitligist eine sehr gute Saison und beendet sie mit 57 bis 60 Punkten auf Rang 3 (was gemeinhin als Erfolg gilt, für den es eine Bronzemedaille gibt), und zur Strafe muss er die verdienten Früchte in zwei Spielen gegen einen Trümmerhaufen riskieren, der sich mit erbärmlichen 27 Punkten mit Ach und Krach Rang 16 in Liga 1 gesichert hat.

    Aber meine schönen Happel-Anekdoten hast Du auch gelesen – oder wolltest Du hier nur rumpesten, Du verblendeter Fan eines Zuhältervereins? KS

  2. 2

    Ein Hoch auf den HSV!
    Ein Hoch auf HH, Happel-Hrubesch!
    Ein Hoch auf den Fußball, dieses Labor-Experiment, welches so hervorragend menschliche Individual- und auch Gruppenunterschiede herausarbeitet und Projektionsfläche für Zuneigung, Respekt aber auch für Haß auf andere ist. Wo sonst lassen Menschen in unserer von Ge- und Verboten umstellten Gesellschaft derart „die Sau raus“, wenn nicht beim gepflegten Ersatzkrieg? Sah ich es doch erst am vorvergangenen Wochende beim Spiel FCB-HH im Uwe Seeler-Stadion.

    Bitte nicht die masochistische Grundveranlagung der Fußballfans vergessen. Jedenfalls derer des HSV. KS

  3. Matthias Geissler
    Dienstag, 13. Mai 2014 5:38
    3

    Danke für die Legende! Wenn man Deinen Text liest ist es, als ob man wieder rauchen dürfte in der Bahn und im Treppenhaus der Hanseatischen Grunwald-AG.
    Aber:
    Vielleicht warst Du nicht pissig genug darauf hinzuweisen, daß:
    … Happel den Libero erfunden hat, damals. Und Beckenbauer ein talentierter Lehrling ist.
    Daß …
    … Happel den desinteressierten Trainer erfunden hat (die üben alle noch daran!). (Hitzfeld: Du kannst die Zeit – lach! – nicht zurückdrehen!)
    (Hab ich selber im Interview erlebt, diesen vornehmen Honk.)
    … Happel wie ein häßlicher Mensch ausgesehen hat, und der kreuzverdammte vdV z. B. nicht, und wen wollen wir? Naaa?
    Ich sage nur:
    http://www.youtube.com/watch?v=gSDb5pbLh4k
    Mit herzlichem Dank
    Einer der Elenden

    Gern geschehen, und Dank zurück für die Ergänzungen. Allerdings kann ich Deine Meinung betr. Happels Häßlichkeit durchaus nicht teilen. Das ist keine Häßlichkeit. Das nennt sich CHARAKTER. KS

  4. Matthias Geissler
    Sonntag, 18. Mai 2014 7:16
    4

    Mein Gott, so oft hab ich diese anrührende Litanei gelesen und endlich, am Tage des Schicksalsspieles gegen den verdammten Franken (1922 vergessen wir nie!!) merke ich den einzigen, aber dennoch Fehler an der Sache:
    „Der erst dachte, ehe er redete“.
    Was meinst Du denn bloß mit „redete“?
    Vielen Dank noch mal für all das, und heute gilt: Fickt die Kleeblätter!

    Wenn vdV nicht mitspielt auf den Platz darf, wird’s ein gesundes Drei-Null. Sach ich ma. KS

  5. ehrenreich, michael
    Freitag, 9. Februar 2018 17:07
    5

    den 24ten April 1982 wohl trug sichs zu vor 78.000 im Olympiastadion zu München. 29ter Spieltag der Saison 1981/82: 1:0 Hoeneß (23.) 1:1 Hartwig (32.) 2:1 Horsmann (36.) 3:1 Hoeneß (64.) 3:2 von Heesen (70.) 3:3 Hrubesch (76.) 3:4 Hrubesch (90.) – so war es. Unvergessen ! (in der Zeit der Finsternis, da gewisse abermillionenschwere Fußballindustriekonzerne mit gar großer „Planungssicherheit“ herrschen & Spiel + Sport darüber verderben, erinnert man sich gern an solche funkelnden Höhepunkte von dazumal)

    Lieber Michael Ehrenreich, weil Sie so schön an den zweitschönsten Tag in der Geschichte des HSV erinnern, taste ich Ihre Rechtschreibung nicht an. Was bei einem Blog-Kontrolletti wie mir entweder Verachtung für den Kommentatoren bedeutet – oder eben Dankbarkeit für einen besonders willkommenen Kommentar. Wie in Ihrem Fall. KS

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