He’s here, there, everywhere: Ror Wolf


Was ich vom bourgeoisen Preßwesen halte, habe ich oft genug gesagt, ich will es heute nicht wiederholen. Es war jedenfalls keine Überraschung für mich, daß viele Artikel zum Tod Ror Wolfs lieb- und kenntnislose Pflichtübungen waren, aus Textbausteinen zusammengehauener Wortmüll, luschig redigiert und fehlerhaft wie das Gewerbe an sich.

Zum Glück hatte die Regel auch Ausnahmen – etwa Helmut Böttigers berührenden Abgesang im Deutschlandfunk. So etwas hilft, das gedankenarme Geräusch anderswo sogleich wieder zu vergessen, diesen Schwallqualm, der einem die dunklen Stunden sonst noch mehr verfinsterte.

Auch ich habe mich, im Auftrag der Tageszeitung „junge Welt“, um einen druckwürdigen Nekrolog bemüht; Sie können das Stück, falls Sie mögen, hier nachlesen. Ich hätte gern klarer formuliert, stringenter geformt. Aber einen Tag nach der bestürzenden Nachricht war mein Hirn weder klar noch stringent (von den Nachwirkungen nächtlichen Trauersuffs zu schweigen). Umso dankbarer bin ich der Kulturredaktion der „jungen Welt“, besonders dem Kollegen Peter Merg, für die großartige Seite, die sie zu Ehren des eminenten Dichters komponierte.

„junge Welt“, 20.2.2020

Neben, über und unter meinem Gestammel standen Dichtungen Ror Wolfs, eine kenntnisreich ausgewählte, zerreißend schöne Collage des Meisters sowie ein poetisches Souvenir Jürgen Roths, das in mir gelöst hat, was tagelang stockte – ich hab geheult wie eine verwaiste Robbe.

Überhaupt, der Dottore Roth! In einem Kraftakt, der nichts als Staunen und Respekt verdient, brachte er, so sehr die Trauer um den alten Freund und Hausgott auch ihm zusetzte, es fertig, neben dem wunderschönen Stück für die „jW“ einen luziden und ergreifenden Nachruf fürs „Neue Deutschland“ zu verfassen. Wie Roth außerdem Zeit und Verstand übrighatte, dem Schweizer Rundfunk und dem WDR druckreife Auskunft über den unsterblichen Toten zu erteilen, kann ich mir nicht erklären (Roth weiß es übrigens selbst nicht genau). Ich bin ihm jedenfalls dankbarer dafür, als ich zu sagen vermag. Lassen Sie sich die klugen, warmherzigen Bemerkungen nicht entgehen!

Und versäumen Sie gleichfalls bitte nicht, morgen (Samstag, 22. Februar) jene Zeitung zu erwerben, die sich ums Erinnern an Ror Wolf mehr bemüht als alle anderen deutschsprachigen Blätter zusammen. Sie werden nämlich in der Wochenendausgabe der „jungen Welt“ eine Doppelseite mit Werken des Genies finden. Kein Epitaph kann passender, könnte tröstlicher sein.

Photo: Privatbesitz Ror Wolf


Freitag, 21. Februar 2020 23:32
Abteilung: Per sempre addio, Sokolowsky anderswo

3 Kommentare

  1. 1

    „Sicher ist aber, daß alle Stoffpartikel, die ich verwende, alle Sachverhalte, die ich darstelle, aus der Realität stammen und auf die Realität gerichtet sind. Ich verarbeite Erfahrungen, die ich in dieser Gesellschaft gemacht habe, und ich lege sie gegen diese Gesellschaft, die in ihren Konventionen fett geworden ist, an.“ – Ror Wolf
    Danke, lieber Kay Sokolowsky; das erste, was ich von Ror Wolf gelesen habe, war wohl Punkt ist Punkt, wie sollte es für einen Fußballfreund auch anders sein.

    Und das erste, was ich von Wolf las, waren die „WM-Moritaten“, 1982, in der „Titanic“. Die haben mich überhaupt erst zum Fußballfreund gemacht (vorher war ich bloß ein stumpfer HSV-Fan). KS

  2. 2

    Vielen Dank für den Link auf Ihren wunderbar formulierten Nachruf, der mir sonst einfach entgangen wäre. Für die ausstehende Biographie aus Ihrer Feder wünsche ich Ihnen viel Kraft – sie wäre sicherlich eine hervorragende Lektüre.

    Ich wiederum danke für Ihr Lob und die Ermutigung! Haben Sie aber, bitte, Geduld mit mir. KS

  3. 3

    Ich freue mich auf die Biographie.

    Danke für den Zuspruch! Es wird allerdings noch einige Zeit dauern, bis sie erscheint. (Und mit „einige Zeit“ meine ich nicht „in zwei, drei Jahren“.) KS

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