Lagerfeuer-Geschichten (2): Der Geisterball



Martin Brühl haßte vieles an der Schule. Die Deutschdiktate bei Frau Wurm, die Bastelstunde mit Frau Harms, die Bande von Marlene Peltz, das Geschimpfe des Hausmeisters und die Ökokäsestullen, die seine Mutter ihm als Pausenbrot mitgab. Am leidenschaftlichsten, unerbittlichsten, hoffnungslosesten aber haßte er die Sportstunde am Dienstagmittag. Denn da wurde Völkerball gespielt. Und wenn es einen Jungen gab, der auf keinen Fall, der im Leben nicht „König“ beim Völkerball werden würde, dann hieß er Martin Brühl.

Stets wurde er als erster getroffen und ins Außenfeld verbannt, nie schaffte er es, einen Gegenzuspieler abzuklatschen. Frau Wurm, die auch die Turnlehrerin war, hatte ihn einmal aus Mitleid als „Geist“ an die Linie gestellt. Doch nachdem seine Mannschaft dank Martins Unfähigkeit haushoch verloren hatte, wagte sie das Experiment nicht wieder. Zum Glück: angeführt von Marlene und ihren Banditen, hatten die Kinder des Verliererteams Martin reichlich Gras und Dreck fressen lassen.

Alle Schüler der 5‑b rollten die Augen und ächzten, wenn sie mit Martin Völkerball spielen mußten. Sogar Carsten Frahm, sein bester Freund, maulte, aber Martin nahm ihm das nicht übel – er hätte an Carstens Stelle auch nicht mit solch einem Versager spielen mögen. „Mama“, sagte Martin jeden Montagabend, „schreib mir bitte eine Entschuldigung für Sport!“ Und seine Mutter antwortete jedesmal: „Wie willst du denn besser werden beim Völkerball, wenn du nicht übst?“ Er konnte daraufhin noch so klug erklären, daß Üben in seinem Fall verschwendete Zeit war und beispielsweise ein Krokodil auch nach einer Zillion Jahre Training nicht lernen würde zu fliegen. Mama seufzte bloß und schaute nach, ob genug Ökokäse für Martins Pausenbrot im Kühlschrank war. Nachts konnte er kaum schlafen, so sehr fürchtete er sich vor dem, was ihn in der Turnhalle erwartete.

Es gab offenbar nur einen Weg, um den Demütigungen der Völkerballstunde zu entkommen. Er mußte schwänzen. Martin hatte noch nie geschwänzt, er war ein pflichtbewußter Junge. Aber sich aus Prinzip zum Idioten machen und weiterhin Marlenes Abklatschbälle ertragen, die stundenlang auf der Haut zwiebelten? Den ganzen Dienstagvormittag grübelte er darüber nach, und nicht mal in Mathe paßte er auf, obwohl das sein Lieblingsfach war. „Was ist denn heute mit dir los?“ wollte Carsten in der zweiten großen Pause wissen. Aber Martin zuckte bloß mit den Achseln und lehnte es sogar ab, sich am Murmelditschen zu beteiligen, obwohl er darin ziemlich gut war.

Als Frau Harms, die an diesem Tag die Pausenaufsicht hatte, von einer Rauferei zwischen Marlene und Thomas Krebs, dem Rowdy der 5‑a, abgelenkt war, schlich Martin in den Klassenraum zurück. Er raffte Schultasche und Turnbeutel und quetschte sich in den Materialschrank. Es war sauschwer, die Metallschiebetür von innen zu schließen, so krumm, wie Martin stand. Endlich rastete sie mit einem Schmatzen ein. Keine Sekunde zu spät, denn jetzt läutete es zur fünften Stunde, Sport mit Frau Wurm. Martin hörte das Gejohle seiner Klassenkameraden, die kamen, um Turnzeug und Tornister zu holen. Fast hätte er vor Schreck geschrien, als eines der Kinder stolperte, gegen den Schrank krachte und aus dem obersten Regal ein paar Kreidestücke kullerten.

Bald wurde es still im Klassenzimmer. Martin zählte bis hundert. Hundertfünfzig. Jetzt war er sicher, allein zu sein. Er zog an der Schiebetür. Sie rührte sich nicht. Martin zog noch einmal. Die Tür hing fest wie zugeschweißt. Er versuchte es mit beiden Händen, mit aller Kraft. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter. „Keine Panik, Martin“, flüsterte er sich zu, aber das beruhigte ihn kein bißchen. Zum Glück war an der Unterseite der Tür ein schmales Luftgitter angebracht. Ersticken mußte er also nicht, und durch die winzigen Löcher fiel etwas Licht in den Schrank.

Martin faßte wieder Mut. Seine Augen hatten sich mittlerweile so gut an die Dunkelheit gewöhnt, daß er einige Gegenstände im Schrank erkannte: den Schrubber, den Putzeimer, den Kartenständer, die langen Kartenrollen … Und etwas Rundes, das bestimmt nicht in diesen Schrank gehörte. Ein Ball. Nicht irgendeiner – das Leder roch nach altem Schweiß. Seinem Schweiß. Und Ökokäse. Martin war todsicher, daß dies der Völkerball war, mit dem die Kinder der 5‑b sich jetzt eigentlich abklatschen sollten. Er hielt den Atem an. Jeden Augenblick würde Frau Wurm die Schranktür aufreißen, um den Ball zu holen. Sie würde Martin entdecken, und dann wäre der Teufel los. Er preßte die Augenlider fest zusammen, als könnte er dadurch unsichtbar werden.

„Was hast du dir nur dabei gedacht, Brühl?“ donnerte eine Stimme. Aber es war nicht die von Frau Wurm. Martin schlug die Augen wieder auf. Das runde … Ding in der Ecke glomm in der Dunkelheit, giftgrün wie das Spielzeuggerippe, das zu Hause auf Martins Schreibtisch stand. „Ich rede mit dir, Brühl, du Taugenichts!“ brüllte die Stimme, und jetzt bemerkte Martin, daß der Ball nicht überall glühte. Er hatte oben zwei dunkle Flecken, die wirkten wie Augen, ein Loch in der Mitte wie der Stumpf einer Nase, und unten klaffte ein Raubtierrachen. Martins Mutter hatte im letzten Jahr zu Halloween solch eine Fratze in einen Kürbis geschnitten. Damals fand Martin, daß nicht mal Babys sich vor so was fürchten würden. Er änderte seine Meinung in Sekundenbruchteilen.

„Wie wär‘s mit einer Antwort, du Bengel?“ blaffte die Stimme, und Martin zweifelte nicht mehr daran, daß sie aus dem grinsenden Völkerball kam. Seine Hose wurde warm und feucht, aber das war ihm egal. „I‑ich hab mir nichts … nichts Schlimmes g‑gedacht“, sagte er und fing an zu weinen. Aus dem Maul des Völkerballs zischte grün schimmernder Dampf. Die Kugel vibrierte und brummte.

Plötzlich flog sie los und klatschte gegen Martins Oberarm. Er schrie auf vor Schmerz. Nicht mal Marlene hatte ihn je so hart getroffen. „Du Feigling!“ grölte der Ball, schepperte gegen die Metalltür und prallte wie ein Sandsack zurück gegen Martins Brust. Der Junge wollte um Hilfe schreien, konnte aber nur röcheln. „Du Versager!“ dröhnte das grüne Ding und hämmerte gegen Martins Oberschenkel. Er fiel auf die Knie. Vom oberen Regal prasselte ein Regen bunter Kreidestücke auf seinen Kopf. „Du Niete!“ blökte der Ball und jagte gegen Martins linke Schläfe. Ihm wurde schwarz vor Augen. Aber hinter dieser Dunkelheit lauerte ein grünes Glimmen. Wie Nebel über einem Sumpf. Der darauf wartete, Martin zu verschlingen.

Als Herr Spreng, der Hausmeister, am Nachmittag das Klassenzimmer der 5‑b betrat, um aufzuräumen, wurde er rot vor Wut. Die verflixten Gören hatten den Materialschrank umgeworfen und dabei die Schiebetür aus den Schienen gerissen. Dann sah Herr Spreng einen Jungen im Schrank, der wimmerte, blind vor sich hin starrte und erbärmlich nach Pisse stank. In die rechte Armbeuge hatte der Junge seinen Schulranzen geklemmt. Der Hausmeister wollte ihm heraushelfen und den Tornister abnehmen. Martin quiekte vor Angst und preßte die Tasche noch enger an sich.

Was niemand, was weder die Sanitäter und Ärzte noch Martins Mutter und nicht einmal sein bester Freund Carsten verstanden – als man versuchte, Martin von seinem Schulranzen zu trennen, schrie er immer wieder: „Ich bin kein Geist!“ Und das waren die letzten verständlichen Worte, die man von ihm hörte.

Erstmals 2006 erschienen in der TAZ.

Photo: „Lunar Corona“,
by Wing-Chi Poon / CC BY-SA,
via Wikimedia commons


Samstag, 18. Juli 2020 19:18
Abteilung: Director's Cut, Erzählungen

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