Schlz der Retter (1 von 3)


Sozialdemokratie
Sie wissen jeweils die Richtung zu nehmen,
sie sind halb von dem, halb vom anderen Schlage,
und erleiden ihn von beiden Extremen,
indem sie trotzdem je nachdem sich bequemen:
halbschlächtig mit ganzer Niederlage.
Karl Kraus (1930)

Vielleicht sollte ich mein Geld fortan mit Wetten verdienen. Selbstverständlich nicht mit Sportwetten – ich würde sogar beim Toto keinen Cent gewinnen, und meine Vorhersagen etwa bei WM-Tippspielen sind notorisch absurd. Wetteinsätze auf Politiker bzw. politische Entscheidungen könnten sich jedoch – eine ordentliche Quote vorausgesetzt – mehr als günstig auf mein Konto auswirken. Ich behielt in den vergangenen Jahren so oft recht mit meinen Prognosen wie sämtliche Leitartikler des Landes zusammen nicht; und wenn ich mich mal vertat (etwa bei der Stichwahl zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders), lag es daran, daß die siegreiche Truppe massiv (und straffrei) betrogen hatte.

Ich war mir – um nur Beispiele aus diesem Jahr und hiesiger Provenienz zu nennen – schon im Januar sicher, daß Ursula v. d. Leyen für ihre herausragende Inkompetenz und vorsätzliche Verschwendung von öffentlichen Geldern mit einem Spitzenposten belohnt werden würde, auf dem sie wie in allen Ämtern zuvor gar nichts zu suchen, weil nichts verloren hat. Hätte der clevere, mit H. Kohl zu reden: „Friseurkopf“ Macron die Allwetter-Taft-Niete aus Niedersachsen nicht als EU-Kommissionschefin erkiest, sie wäre vermutlich zur Nato-Generalsekretärin befördert worden.

Daß die Katastrophenkanzlerin die „Fridays for future“-Kinder zunächst als hirngewaschen resp. Opfer „hybrider Kriegsführung im Internet“ diffamierte, ein paar Wochen (und Umfragen) später aber die Schülerdemos als „sehr gute Initiative“ lobte –: war ein „Sinneswandel“, der bloß die Schlafwandler in den Qual.medien irritierte. Ich hatte genau das von der regierenden Heuchlerin erwartet, diese Erstickung durch Umarmung.

Und am Rücktritt Andrea Nahles‘ vom SPD-Vorsitz überraschte mich bloß, daß er so spät kam. Eigentlich war er schon fällig, als das Trampel aus der Eifel ohne Not mit Seehofer und Merkel paktierte, um den Naziversteher Maaßen vor einer unehrenhaften Entlassung zu bewahren und ihm eine bessere Pension zu verschaffen. Im deutschen Politikbetrieb finden keine Überraschungen statt, die den Namen verdient hätten; es gibt hier nicht mal Ausnahmen, die eine Regel bestätigen.

Als ich Anfang Juni las, daß Olaf Scholz (ab sofort: Schlz) eine Kandidatur für den SPD-Vorsitz ablehne, weil ihm, dem 24/7-Modellfinanzminister, schlicht die Zeit dafür fehle, wußte ich sofort: He lücht; der Typ wird kurz vor Torschluß kandidieren. Das ist, dachte ich weiter, der übliche Trick solcher Bonaparte-Abziehbilder wie Schlz. Erst mal abwarten, was die innerparteiliche Konkurrenz treibt, derweil an die Qual.presse durchstecken lassen, die SPD, ach was, ganz Deutschland wartete auf einen Kandidaten, der „Gewicht“ habe, lechzte geradezu nach einem Politiker „aus der ersten Reihe“. Und in eben jenem Moment, da für die Sozialdemokratie mit dem Duo Mattheis/Hirschel eine ideologische Alternative, das heißt, eine Abkehr vom Neoliberalismus realistisch erscheint, aus dem Hintergrund springteufeln und so tun, als hätten das Wohl der Partei und des Staates ihm, Schlz, gar keine Wahl gelassen; und für dieses Wohl wolle er sich nun opfern: Schlz der Retter.

In seiner literarisch glanzvollsten und zugleich vergnüglichsten Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte hat Karl Marx bereits 1852 Typen wie Schlz so gültig und klar charakterisiert, wie ich es nicht mal könnte, hätte ich einen Engels, der die Fahnen korrekturliest:

Erst wenn er seinen feierlichen Gegner beseitigt hat, wenn er nun selbst seine kaiserliche Rolle im Ernste nimmt und mit der napoleonischen Maske den wirklichen Napoleon vorzustellen meint, wird er das Opfer seiner eigenen Weltanschauung, der ernsthafte Hanswurst, der nicht mehr die Weltgeschichte als eine Komödie, sondern seine Komödie als Weltgeschichte nimmt.

Schlz ist, das gesteh ich ihm zu, ein erfahrener Taktiker. Doch einer ohne ein Gran, ein Nanogramm Phantasie oder Witz und deshalb leichter zu durchschauen als ein Ehebrecher mit Lippenstift auf dem Kragen. Tatsächlich hat niemand außer Schlz, seinen Pappenseeheimern und dem Pudelrudel namens „Hauptstadtkorrespondenten“ je darauf „gehofft“, Schlz würde ein Amt anstreben, für das er noch weniger geeignet ist als solche Charismatiker wie Rudolf Scharping, solche Feuerköpfe wie Franz Müntefering, solche Sympathieträger wie Andrea Nahles. Alle Welt weiß, daß Schlz die schlechteste Wahl ist, um die sterbende Partei wiederzubeleben, und trotzdem tut Schlz so, als hätte die Welt bloß auf ihn gewartet. Die Farce ist derart primitiv, die Performance so plump, daß alle, die an der Inszenierung mitwirken, die meiste Mühe darauf verwenden müssen, sich das verschämte Lachen zu verkneifen, seriös zu erscheinen, irgendwie „authentisch“. Aber das geht selbstverständlich schief, wenn bereits der Hauptdarsteller über kein bißchen mimische Begabung verfügt. Schlz, wiewohl er sich seit mind. 30 Jahren dem Kapital und dessen Agenten zu Dienst und Nutznieß anbietet bzw. -biedert, ist ein eminent schlechter Verkäufer in eigener Sache.

Die Homepage des ZDF erzählt von Schlz‘ Verkündigung, die Sozialdemokratie kandidatentechnisch erlösen zu wollen, so:

Der Vizekanzler will bei der Kandidatur sein Ansehen in der Bevölkerung in die Waagschale werfen. „Ich glaube, daß Deutschland eine starke sozialdemokratische Partei braucht“, sagte [Schlz] in Berlin beim Tag der offenen Tür in der Bundespressekonferenz. […]
[Schlz sagte], Umfragen und Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern vermittelten ihm oft den Eindruck, dass er ein großes Ansehen in der Bevölkerung habe „und wenn ich der SPD damit nutzen kann, dann ist das, glaube ich, etwas sehr Wichtiges“.
ZDF heute, 18.8.2019

Ich bin kein Meinungsforscher – aber daß Schlz seine amtsgedankte Präsenz und mithin Prominenz in den Qual.medien falsch resp. frechweg als „großes Ansehen“ deutet, daß Schlz außerdem Fake-news verbreitet, wenn er Umfragen, die bloß seine Bekanntheit betreffen, als Aufforderung zum Tanz im Kandidatenreigen umdeutet: fiele mir sogar dann als Propagandamiststück auf, wenn ich von Schlz nie zuvor was gehört hätte. Doch ich kenne den Buben seit Jahrzehnten, und fast genauso lange traue ich ihm nicht. Ich glaube nicht mal den Worten, die Schlz nie gesagt hat.

Wenn er aber redet, steigt das ganze Grauen der aktuellen Sozialdemokratie vor mir auf, und ich erkenne Furcht und Elend des „dritten Wegs“ (Tony Blair) in einer hohlen Nuß:

Ich habe für mich jetzt den Eindruck gehabt, es wäre nicht verantwortlich bei der Bedeutung, die die SPD für die Zukunft unseres Landes hat, wenn ich jetzt nicht sagen würde, ich will das machen. Und darum hab ich das anders entschieden, als ich das ursprünglich getan habe.

Redet so ein Mensch? Oder quakt hier ein fleischgewordener Algorithmus, ein Turing-Test für SPD-Delegierte? Eure Antwort sei nein nein und ja ja. Schlz‘ Wort aber ist dies, und es wittert wie Gammelfleisch:

Aus meiner Sicht würde ich das nicht machen, wenn ich nicht eine Vorstellung hätte, daß ich es hinkriegen kann.

Nein nein, so redet kein beseelter Mensch, und ja ja, bei Homunkeln wie Schlz kommt erst das Vorstellen und danach das Sehen. Sie sind gefangen in Programmen und gleichzeitig überzeugt, Realisten zu sein. Das könnte unterhaltsam sein, Stoff für eine dadaistische Revue der Macht. Es gibt jedoch kaum einen Politiker im Land, der seine Halluzinationen so sterbenslangweilig schildert:

Ich spüre das tief in meinem Magen, was da gegenwärtig an Umfragewerten zu verzeichnen ist und möchte alles dazu beitragen, daß sich das ändert.

Der SPD täte es ohne Zweifel besser, schluckte Schlz gegen seine Beschwerden einen Magenbitter und verzöge sich zugleich wortlos in den Schatten jener Apparate, die Politrobots wie ihn produzieren. Denn wenn seine Kandidatur irgendwas für die Bundespartei ändert, dann bloß den Absturz der Umfragewerte auf eine Zahl zwischen sechs und acht Prozent (optimistisch geschätzt) statt zwischen acht bis zwölf.

Ich sollte, wie oben gesagt, politische Wetten abschließen, um mich durchzufretten. Denn daß Schlz auf den Vorsitz seiner „Pachtei“ (Helmut Qualtinger) bereits spitzte, als er die Törin Nahles vor gut anderthalb Jahren protegierte –, daß er die angeblich Parteilinke brauchte, um die Basis für eine abermalige Große Koalition zu gewinnen –, daß Schlz die Genossin in jedem Scheißesturm stehen lassen würde, den eigentlich und gerechterweise er sowie seine Kahrsköppe und Oppermänner hätten abkriegen müssen –, daß er die Krise seines Ladens absichtlich forcieren würde, um sich beizeiten als Retter in der Not und letzte Hoffnung aufspielen zu können –: Ich wußte das alles voraus; bloß die Details (den Fall Maaßen zumal) ahnte ich Anfang 2018 natürlich noch nicht. Es war freilich keine Kunst vonnöten, um die Ambitionen Schlzens zu durchschauen. Wohin der Kerl wollte, mit welcher Skrupellosigkeit er sich seinen Weg dahin bahnen würde, hätte jeder halbwegs aufgeweckte Beobachter spätestens im Januar dieses Jahres voraussagen können.

Da nämlich sagte er einer Zeitung, die ihm ideologisch viel näher steht als der „Vorwärts“, also der „Bild am Sonntag“, er traue sich sehr wohl zu, für die Kanzlerschaft zu kandidieren. Schlz war es damit so ernst, wie es ihm mit dem Sozialismus nie war.

Spätestens jetzt hätten jene Medien, die sich wg. „Qualität“ prinzipiell für schlauer halten als ihr Publikum und nicht müde werden, einander als taffe „Einordner“ zu loben –, spätestens nach diesem Beleg grotesken Größenwahns hätten sie den Parvenu aus dem Millionenkaff Hamburg als eitlen Narren einordnen und dem Gespött der Masse anheimgeben müssen. Was sie aber nicht taten, nicht mal versuchten; sie lobten Schlz stattdessen für seine Megalomanie.

Deshalb muß, wenn von diesem Angeber, das heißt, von Schlz dem Retter die Rede ist, auch von den Qual.journalisten gesprochen werden, die ihn wider jedes Faktum als „Hoffnungsträger“ preisen und schamlos Propaganda als Berichterstattung verkaufen. – Aber nicht heute; dieses Posting ist schon lange viel zu lang. Ich komme auf den Fall zurück, und wenn Sie den „Abfall“-Newsletter abonniert haben, werden Sie rechtzeitig erfahren, wie‘s weitergeht. Zum Abschluß will ich auch ausplaudern, auf welche Kandidaten ich wette.

Einstweilen verbleibe ich mit den vortrefflich gesetzten Worten Karl Marx:

Die Staatsmaschine hat sich der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber so befestigt, daß an ihrer Spitze der Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf den Schild gehoben von einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach der er stets von neuem mit der Wurst werfen muß.


Im nächsten Teil meiner Schlz-Trilogie erzähle ich Ihnen, liebe Leserin, werter Leser, mehr über den Unglücksritter; im Finalkapitel Näheres und ziemlich Unappetitliches über eine trunkene Journalisteska.


Donnerstag, 5. September 2019 22:01
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus

6 Kommentare

  1. 1

    Ich wette auf Gesine Schwan und den, mensch, wie heißt der noch mal, sach mal schnell, dieser andere Dingsbums.

    August Bebel? Oder Kurt Schumacher? KS

  2. 2

    Nach einer langen Zeit der Enthaltsamkeit mal wieder ein brillianter Text, bei dem ich jeden Satz doppelt unterstreichen möchte.

    Danke für diesen Lesegenuss.

    Freue mich schon auf die angekündigten Kapitel.

    Ich danke für das schöne Lob! KS

  3. 3

    Ich wette auf Scholz. Wenns drum ging, das Vaterland zu retten, hat die SPD immer auf „Macher“ gesetzt. Noske & Schmidt & Schröder, in die Reihe sortiert zu werden, wäre der Scholz wahrscheinlich sogar stolz.

    Unter uns Buchmachern: pssst! KS

  4. 4

    Für diese Art brillianten und durchaus erheiternden Tiraden wider die Absurdität des Politzirkus schaue ich immer wieder rein, auch wenn es längere Durststrecken gibt. „Turing-Test für SPD-Delegierte“ – ich lach mich schlapp. Wie wahr. Ohne Drängeln zu wollen freue ich mich wie Bolle auf die angekündigten Fortsetzungen. Echt jetzt.

    Kommentare wie Ihre sind so was wie Viagra für einen alten Autorensack wie mich – danke! KS

  5. 5

    Könnten Sie, falls es zur Fortsetzung kommt (bei Nahles kam es nicht dazu, oder?), darauf verzichten, uns mit einem weiteren Abbild dieser madenhaftes Fleisch gewordenen, unentwegt selbstgenießerisch an ihrem Emporkommen sich weidenden Bagatelle (selbst wenn sie durch Photoshop gestrafft wurde) in Schauder zu versetzen? Napoleon III. war doch immerhin eine bühnenreife, vornehmlich für Operette geschaffene Erscheinung!

    Was das Abbild des Scheusals betrifft: Ich verstehe Sie und versuche, Ihnen zu Gefallen zu sein. Achten Sie bitte auf die Aufmacherbilder der nächsten Schlz-Folgen. Die sind hoffentlich in Ihrem Sinne. KS
    PS. Sie haben richtig beobachtet: Die Nahles war mir keine Fortsetzung wert.

  6. 6

    Da ist sie wieder, die „Leidensfähigkeit, mit der er Niederungen durchquert …“. Mir wird oft die Rückmeldung zuteil, man halte es besser aus, wenn wer das Leiden am Betrieb in passende Worte fasst. Ich finde dies hier und kann es nur bestätigen. Wo ich mich abwende und einen vermeintlich weniger infektiösen Mindestabstand halte, werde ich gewahr, dass es doch noch wichtig ist, sich zu konfrontieren. Danke dafür, auch wenn ich jetzt ein Duschbad nehmen muss, mir den Schlonz abwaschen.

    Ich bin zum Glück etwas weniger empfindlich als Sie. Aber was die Beschäftigung mit Politikern betrifft, habe auch ich meine Grenzen. Über Dobrindt oder Scheuer bspw. könnte ich nicht schreiben, ohne einen Tobsuchtsanfall zu erleiden. Deshalb laß ich diese Masterminds in Ruhe – also, in meiner Ruhe. KS

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