Timmi und die Arkonigel (4)

Was bisher geschah.

Zum Glück war die Wunschfee noch nicht erwacht. Hätte sie mitgekriegt, was Timmi begehrte, und ihn auf den Mond gezaubert, es wäre dem Igel schlecht ergangen. Denn dort oben braucht man besondere Kleidung – einen sogenannten Raumanzug –, um atmen zu können und nicht zu erfrieren und um sich auf den spitzen Kratersteinen keine Schrammen in die Pfoten zu laufen. Diese Grundkenntnisse eines Weltraumreisenden fehlten Timmi noch. Major Rhodan und seine Mann-
schaft saßen ja in der „Stardust“-Rakete und fragten sich, was soeben mit ihnen passiert war. Hätte Timmi weiterblättern und von dem ersten Ausflug der Astronauten in die Mondwüsten lesen können, wäre er viel schlauer gewesen.

   Der Amselmann pfiff jetzt ein furchtbar kompliziertes Thema aus „Aaron und Moses“. Das war über die technische Meisterschaft hinaus um so erstaunlicher, weil der Vogel diese Oper von Arnold Schönberg gar nicht kannte. Timmi versagte dem Amselmann allerdings die Bewun-
derung. Er knurrte statt dessen ein schlimmes Wort, das ich nicht weitersagen darf, weil ich mir sonst Ärger mit euren Eltern einhandle. Timmi schmerzten die Öhrchen von den Zwölftönen, und weil es rasch heller wurde, immer mehr auch die Äuglein. Für einen Moment gab er dem grell gellenden Vogel in seiner Eiche die Schuld daran, daß die Sonne aufging. „Wie soll sie gemütlich liegenbleiben“, dachte der Igel, „wenn dieser Schreihals dermaßen rumkrakeelt?“ Dann merkte Timmi, daß er Quatsch zusammendachte, und kümmerte sich um die Dinge, die rasch getan werden mußten.

   Vorsichtig schleifte er das Romanheft zu der unterirdischen Schatz-
kammer, die er gemeinsam mit seinem Vater im vergangenen Jahr gegraben und wetterfest gemacht hatte. Was nämlich niemand weiß, selbst der größte Stacheltierexperte nicht: Jeder Igel hortet seine Kostbarkeiten in einem Geheimversteck. Daß niemand davon eine Ahnung hat, zeigt, wie geheim diese Verstecke sind. Warum dann ich darüber bescheid wisse, wollt ihr erfahren? Das liegt doch auf der Hand, ihr Naseweise – Timmi hat es mir verraten.

   In seiner Schatzkammer roch es immer noch nach dem in allen Farben von grün bis blau verschimmelten Käse, obwohl es dort viele Sachen gab, die gleichfalls stark vor sich hin müffelten. Etwa das Leberwurstglas, das Marion ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. Nur einmal im Monat genehmigte Timmi sich einen Happen von der Pastete, und mittlerweile war der würzige Geruch von Schweineleber und Majoran einem Duft gewichen, der an das erinnerte, was Mama seufzen läßt, wenn sie eurer kleinen Schwester die Windeln wechselt. Der Igel mochte diesen schwülen Mief sehr gern, viel lieber sogar als das Aroma einer frischen Leberwurst. Aber was will man schon von einem Tier erwarten, das die verwesenden Leichen anderer Tiere für Leckerbissen hält?

   Dann gab es da zwei Socken, die der MANN, als er mal am Gartentisch gesessen und gelesen, ausgezogen hatte, um sich die Füße im Gras zu kühlen. Später war er ins Haus gelaufen, weil die FRAU ihn gerufen hatte. Darauf hatte Konrad bloß gelauert. Die Hausmaus war losgewetzt, hatte erst den einen Socken gerafft und unter der wuchernden Fetthenne versteckt und Sekunden später den zweiten. So schnell war Konrad gewesen, daß nicht mal Ulf, das Eichhörnchen mit dem schäbigen Charakter, das in einem Kiefernast über dem Tatort gehockt, etwas gesehen hatte. Aber möglicherweise war der Spitzbube zu sehr damit beschäftigt gewesen, eine neue Gemeinheit auszuhecken.

   So wagemutig und rasant Konrad beim Klauen zu Werke ging, so vergeßlich war er manchmal auch. Als der MANN aus dem Haus zurück-
getrampelt war und nach seinen Strümpfen zu suchen begonnen hatte, hatte Konrad sich aus dem Staub gemacht und bereits fünf Minuten später keinen Schimmer mehr von seiner Beute gehabt. Deshalb hatte Timmi sie bei seinem Pirschgang in der folgenden Nacht gefunden und mitgenommen, weil man ja nicht wissen kann, ob einem die Pfoten irgendwann so anschwellen, daß sie in Menschensocken passen.

   Nun, einige Wochen nach der Verbringung in die Schatzkammer, quoll aus den Strümpfen ein Dunst wie aus der Umkleidekabine, in der ihr vor den Sommerferien eure Fußballschuhe vergessen habt. Doch das störte Timmi nicht im geringsten. Im Gegenteil: Der Muff erinnerte ihn an seine Zeit als kleiner Igel ohne Zähne und mit butterweichen Stacheln, an stürmische Nächte, wenn sein Vater von der Jagd nach Hause kam, voller Schlamm und Brackwasser. Dann drückten Timmi und seine Geschwister sich eng an den Bauch des Vaters, um beim Trocknen zu helfen.

   Timmi sog den Schmutzduft der nassen Fellsträhnen tief ein, während der Alte seine Kämpfe und Listen, seine Entdeckungen und Heldentaten beschrieb. Er trug dabei unverschämt dick auf, aber das begriff Timmi erst viel später. In jenen Tagen war er überzeugt, es gäbe niemand auf der ganzen Welt, der es mit den scharfen Sinnen und Zähnen seines Vaters aufnehmen konnte, und das erfüllte ihn mit einer Seligkeit, die fast zu groß war, um in ein winziges Igelkind hineinzupassen. Ein Stück dieses Glücks kehrte stets zu ihm zurück, wenn er an den Socken schnupperte.

   Von den anderen Wunderdingen in Timmis Versteck werde ich euch vielleicht später erzählen. Jetzt haben wir dafür keine Zeit, und auch der Igel hat es eilig. Er trippelt so flink wie möglich zu seiner Hütte aus modrigen Kiefernnadeln, Rhododendron-, Buchen- und Eichenblättern. Die kleinen Augen muß er noch kleiner kneifen, weil die Morgensonne bereits eine Handbreit über dem Horizont steht. Würde er den Weg nicht so gut kennen, Timmi verliefe sich in der schrecklichen Helligkeit.

   Mit brennenden Äuglein und jagendem Herzen erreicht er endlich seinen Schlafplatz. Der Amselmann liefert sich seinen morgendlichen Sänger-
wettstreit mit Dagmar, der etwas verrückten Singdrosselin, und Lothar, dem Rotkehlchen, das ebenfalls nicht ganz dicht ist, denn es will von allen Robin genannt werden. Diese drei und mit ihnen die Vögel in der Nachbarschaft veranstalten ein Mordsspektakel. Aber weil Timmi von den Abenteuern der Nacht und denen Perry Rhodans erschöpft ist und weil ihm so was in altem Laub immer passiert, schläft er auf der Stelle ein.

Wird fortgesetzt.


Montag, 2. Juli 2012 14:22
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

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