Anm z Staatsakt f HptM dR EiKr 2 H. Schmidt

Heute mittag – elf Kilometer weiter südöstlich, im Hamburger Michel, wird des deutschen Michels populärsten Oberlehrers gedacht – sitze ich in unserer Balkonloge und beobachte, was vor der großen Kita gegenüber passiert. Da stehen drei kleine Mädchen im zerfledderten Gebüsch am Drahtzaun und plappern aufgeregt durcheinander; ich kann ihre Gesichter nicht sehen, nur winzige Winterstiefel und blaßgefrorene Hände. Dann erhebt sich eine der hellen Stimmen: „Meine Mutter ist tot!“ Das klingt nicht trotzig oder zornig, sondern wie die fundamentale Wahrheit der Welt. Die anderen Kinder schweigen sofort. Die Verwaiste ruft ein weiteres Mal: „Meine Mutter ist tot!“ Und noch ein drittes Mal mit einer reifen Sachlichkeit, die keinen Widerspruch zuläßt: „Meine Mutter ist tot!“ Dann verschwinden die Mädchen still im Gebäude.

Etwas später lese ich im „Newsblog und Livestream“ von Spiegel online über die Trauerfeier für den hingeschiedenen Ältestkanzler, A. Merkel habe sich diese Worte abgerungen:

Ich verneige mich in tiefem Respekt vor diesem großen Staatsmann. Ich verneige mich vor einer herausragenden Persönlichkeit. Lieber Helmut Schmidt, Sie werden uns fehlen.

Kein Wort glaubwürdig, nichts als Phrasendrescherei und Heuchelei, wie Jürgen Roth in seiner taufrischen O-und-Hochton-Collage „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!“, einer Revue durch „Lügen und Lumpereien aus siebzig Jahren deutscher Politik“, über die Rednerin Angela Merkel korrekt und reich belegt feststellt. (Demnächst viel mehr zu diesem grandiosen Hörkunststück.)

Jott Gauck darf während der Feier zum Glück nichts sagen, obwohl er ganz vorne sitzt und bestimmt etwas von der Freiheit seimen möchte, die ohne den Nato-Doppelbeschluß nimmer den Roten hätte abgerungen werden können, eine Freiheit, die, falls bedroht, auch mal sich selbst kaltstellen solle, ja, müsse, et cetera.

Henry Kissinger hingegen, der Massenmordanstifter, darf reden, obzwar in seinem Oberstübchen schon lange nicht mehr gelüftet wurde:

„Für (Schmidt) hing sein Lebensweg nicht vom Land, sondern von seinem Gewissen ab“, sagt Kissinger. „Er erklärte uns die Weltläufe und erinnerte uns an unsere Pflicht. Er war eine Art Weltgewissen.“

Wie dieser Kerl, der über 40.000 Bombentote in Kambodscha schneller hinwegkam als unsereins über einen plattgefahrenen Igel, so leichthin und auskennerisch vom Gewissen reden kann, obwohl sein eigenes keine einzige Gebrauchsspur aufweist! –: Das gehört wohl dazu, wenn wieder mal keine Rede sein darf von dem, worüber auch der „anßtändige“ Herr Schmidt nie sprechen mochte, siehe auf die Schnelle Wikipedia (mit zwei bedenklichen Fehlern):

Er behauptete, Gegner der Nationalsozialisten gewesen zu sein. Am 1. Februar 1942 schrieb sein Vorgesetzter in der Beurteilung: „Steht auf dem Boden der nat. soz. Weltanschauung und versteht es, dieses Gedankengut weiterzugeben.“ Auch die beiden anderen Beurteilungen in der Wehrmacht vom 10. September 1943, „einwandfreie nationalistische [richtig: nationalsozialistische; KS] Haltung“, und vom 18. September 1944, „Nationalistische [richtig: nationalsozialistische; KS] Haltung tadelfrei“, welche erst 2014 bekannt wurden, weisen ihn nicht als Gegner der Nationalsozialisten aus. In der Sendung „Menschen bei Maischberger“ in der Nacht vom 28. auf den 29. April 2015 wies er diesen Vorwurf als unsinnig zurück. In der damaligen Zeit sei es üblich gewesen, daß Kommandeure ohne Rücksicht auf die tatsächliche Gesinnung des Soldaten Gefälligkeitszeugnisse ausstellten. (…)
Nach Gründung der Bundeswehr wurde Schmidt im März 1958 zum Hauptmann d. R. befördert. Im Oktober/November 1958 nahm er an einer Wehrübung in der ehemaligen „Iserbrook-Kaserne“ in Hamburg-Iserbrook teil; noch während der Übung wurde er mit der Begründung, er sei ein Militarist, aus dem Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion abgewählt.

Denn damals war die SPD noch eine halbwegs einwandfreie, leider nationalistische Partei. Heute prägen ihr Weichbild ausschließlich solche Nullnummern wie O. Scholz. Hamburgs Regierender Bürgerkleister will beim Staatsakt zeigen, daß er‘s doch drauf hat, und vergreift sich prompt im Ton. Was den Journalistendarstellern von Spon einen Fettdruck wert ist, wenngleich nicht wegen der Peinlichkeit, sondern weil sie diesen Scheiß selber glauben:

Scholz-Gigant_Spiegel-online_23-11-15

Den richtigen Ton aber, das, was mich an diesem Tag der Halbmastfahnen und Weißen Mäuse, der kilometerlangen Soldaten- und Polizistenspaliere, des hohlen Pathos und der simulierten Trauer, wirklich ergriff, war nicht im Michel, sondern gegenüber unserem Balkon zu hören, und nicht von einer dieser Figuren, die auf Bürgermeister, Kanzler, Elder Statesman oder Gigant machen, sondern von einem etwa sechs Jahre alten Kind, das hoffentlich nie über sich hören muß, was der Scholzomat über den knapp 97jährigen abseierte:

Gemeinsam (!) mit Helmut Schmidt haben wir erlebt, wie aus lebensklugem politischen Pragmatismus scheinbar unbegrenzte moralische Autorität erwachsen kann.

„Der Mund, so da lüget“, verkündet Salomo (dem Figuren wie Merkel, Kissinger und Scholz offenbar vor zweieinhalb Jahrtausenden bereits bekannt waren) „tötet die Seele.“ Immerhin verkniff Helmut Schmidt sich zeitlebens das scheinerschütterte Gegreine seiner Staatsaktschauspieler; das will ich ihm mal lassen. In der wohlwollenden Beurteilung der Schmidtschen Bundestagsreden („klasse“) wie in allem anderem stimme ich übrigens dem weisen Sonntagsfrühstückskritiker Stefan Gärtner zu; lesen Sie Gärtners Glosse unter dem brillanten Titel „Triumph des Willens“ unbedingt, falls Sie sie noch nicht kennen. –

Abends entzünde ich wie jeden Abend die große Kerze in der Laterne auf dem Balkontisch. Die Platte liegt voller Haferkörner. Die Blaumeisen haben sie aus dem Futterhäuschen geworfen, als sie nach Sonnenblumenkernen suchten. Der lange Docht flackert und rußt, als hätte er heute keine Lust zu brennen.

 


Montag, 23. November 2015 23:28
Abteilung: Die spitze Feder, Zeuge der Geschichte

3 Kommentare

  1. 1

    Daß sich der Hingeschiedene zeitlebens öffentliches Greinen verkniff, paßt zu ihm: Greinen gehört sich nicht für einen deutschen Offizier, auch nicht für einen der Reserve. Und so verfügte der Herr Schmidt wohl wirklich über so etwas wie einen Charakter, zusammengenagelt vor allem aus preußischen Sekundärtugenden. Welche dem forschen jungen Oberleutnant der Deutschen Wehrmacht – also einem mittleren Angestellten der größten staatlich organisierten Räuber- und Mordbrennertruppe des 20. Jahrhunderts – bei seinen Untergebenen sicher einen ähnlich ehrfürchtigen Respekt verschafften wie später dem bundesdeutschen Verteidigungsminister bei den von ihm Verteidigten. Es war ja übrigens auch immer noch derselbe urböse bolschwistische Feind im Osten, vor dem es sich zu verteidigen galt.
    Für den gewesenen Hptm d.R. spricht jedoch in der Tat, daß man, wenn man ihm beim Sprechen respektive Schnauzen zuhörte, wenigstens nicht dauernd das Bedürfnis empfand, sofort ganz heiß duschen zu müssen. Dieses unangenehm klebrige Gefühl überkommt einen ja fast immer, wenn man den Auslassungen seiner wesenden Kollegen lauscht. So auch bei dem erwartbar hohlen Geschwätz, das diese anläßlich des Schmidtschen Leichenbegängnisses von sich gaben. Bei der Mehrzahl dieser Leichenredner reicht es ja noch nicht mal zur Charaktermaske: in Ermangelung eines Charakters, und sei es bloß eines sekundär tugendhaften.

    D’accord, bis auf einen Punkt: Mr. Kissinger hat durchaus einen Charakter. Aber einen sehr häßlichen. KS

  2. 2

    Hallo,
    Herr Sokolowsky hat die (bezeichnenderweise) verschämte Zitation aus Wikipedia übernommen. Sieht man genauer hin, ist in den Belegstellen, z. B. Spiegel, nicht von „nationalistischen“, sondern von einer „nationalsozialistischen“ Haltung die Rede. Was sonst.
    MfG, W. E.

    Lieber Herr Ehrenreich, ich danke Ihnen sehr für diesen Hinweis! Kein Ruhmesblatt für Wikipedia, denn entweder findet hier grobe Schlamperei, Pfusch oder eine üble Fälschung statt. Ich habe den Blogpost entsprechend angepaßt. KS

  3. 3

    Hallo,
    keine Ursache, aber Vorsicht bei Wikipedia gerade im (heiklen) Felde der Politik, Gechichte u. dgl. ist allgemein zu empfehlen.
    Freundliche Grüße, W. Ehrenreich

    Wenn es um Träger des Eisernen Kreuzes geht, auf jeden Fall. KS

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