Man schreit deutsh (7): Der Partyotismus und der Patridiot

Ulf Poschardt, Schirmherr des Borderline-Journalismus, Redaktions-
abwickler und Geschmacksbürger, neulich, am vormaligen Tag der deutschen Einheit (wann auch sonst?) in „Welt online“:

„Die Deutschen haben mit der Enttabuisierung der Nationalfarben und der Hymne weniger ein nationales Bedürfnis entwickelt, sondern ein internationales.“

   Wuppertal am 28. Juni 2012, kurz nach Abpfiff: 800 deutsche greifen einen Auto-Corso von italienischen Fans an. Die Polizei setzt Pfefferspray ein, Straßen müssen gesperrt werden. Ein Polizist und dreizehn Fans werden verletzt. Wenig später zeigen italienische Fans eine riesige Flagge, die ihnen aufgebrachte Deutsche entreißen wollen. Im gesamten Innen-
stadtbereich kommt es immer wieder zu Rangeleien und kleineren Schlägereien. Anhänger der Squadra azzurra werden mit Spaghetti beworfen, 27 Randalierer vorläufig festgenommen.

   Poschardt am 17. Juni:

„Damit sind wir, die Deutschen, endlich Teil einer Völker-
gemeinschaft geworden, deren gemeinsamer Nenner ein irgendwie geartetes, im besten Falle unverdrehtes Verhältnis zu sich selbst ist.“

   Wolfsburg am 28. Juni: Nach Ende des Halbfinal-Spiels Deutschland gegen Italien herrschen für etwa eine Stunde chaotische Zustände,
weil Fans aneinander geraten. Bilanz: vier Körperverletzungsdelikte, 14 vorläufige Festnahmen, mehrere Rauchbomben.

   Poschardt am 17. Juni:

 „Der globalisierte Patriotismus mit seinem Party-Hedonismus benutzt nationale Identitäten als Zeichen, nicht als Wesen.“

   Köln am 28. Juni: „Es ging hoch her“, sagt ein Polizeisprecher. Es
habe eine „ganze Menge“ an Körperverletzungen gegeben. „Es war kein harmonischer Fußballabend.“

   Poschardt am 17. Juni:

„Die Integration in die Mehrheitsgesellschaft ist mit ein paar Farbstrichen auf den Wangen und einem Aufkleber […] de facto vollzogen. Wer auf dem Ku’damm dieser Tage beobachtet, wer und wie fröhlich da über deutsche Siege jubelt, wird darin kaum Altdeutsches, gar ‚Arisches‘ finden können.“

   Kassel am 28. Juni: Eine Anhängerin der deutschen Mannschaft setzt Pfefferspray gegen italienische Fans ein. Bei ihrer Festnahme greift ihr Freund die Polizisten an. – Castrop-Rauxel, kurz vor Anpfiff: Ein Mann wird aus der Public-viewing-Halle verwiesen, weil er während der Deutschland-Hymne den Hitlergruß zeigt.

   Poschardt am 17. Juni:

„Die anti-deutsche Paranoia hatte [2006] eine Mobilmachung prophezeit, von der auch sechs Jahre später nichts zu spüren ist.“

   Berlin am 28. Juni: Auf der größten Fanmeile Deutschlands, der Straße des 17. Juni (wo auch sonst?), werden 17 Menschen festgenommen, 99 Strafanzeigen gestellt, 29 davon wegen Körperverletzung.

   Und Ulf Poschardt am Tag nach den nationalistischen Exzessen? Hält das Mündchen, bleibt aber zweifellos der irgendwie neoreaktionär geartete, im besten Falle verdrehte Quarkbeutel, den Hartmut El Kurdi vor Zeiten in der „Taz“ als „Paris Hilton des Intellektuellengewerbes“ abwatschte.

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PS. Wie bombastisch die Boulevard-Presse der Eingeborenen sich mit ihren Hurra-Schlagzeilen – Betonung auf „Schlag“ – blamiert hat, faßt „Bildblog“ heute vorbildlich zusammen. Das Internet vergißt zum Glück nie!


Freitag, 29. Juni 2012 16:11
Abteilung: Man schreit deutsh, Undichte Denker

3 Kommentare

  1. Matthias Geissler
    Freitag, 18. Juli 2014 9:29
    1

    Ihr seht alle nicht den praktischen Nutzen der WM. Bei mir war’s so: Wegen einer Epilepsie und der entsprechenden Anfälle (Nase auf den Boden schlagen) trug ich eine äußerst zerschundene Fresse mit mir rum.
    Die Hämatome unterhalb der Augen ließen sich (rot, gold) mühelos eingliedern: Ich war einer von uns!
    Übrigens kriegt auch Deutschland dadurch einen bodenständigeren Charakter.

    Aber Philip Lahm ist jetzt nicht Deinetwegen zurückgetreten? Aus Mitleid? KS

  2. 2

    Vielleicht hatte der Putinflüsterer A. Dugin vergangene Woche im „Spiegel“ recht: >Deutschland ist heute eine Art Gegen-Deutschland.< Somit war Gauchogate gezielt von Mutti, dem Pastor und Niersbach angezettelt worden, damit die Überallesweltmeister sich selbst gezielt ins Abseits stellen. Der Plan ging (noch) nicht auf, aber die Saat ist gelegt. Deswegen ist Lahm auch zurückgetreten, er schämt sich dazuzugehören.
    Viele Grüße aus Paris, wo der Antisemitismus unter Vorzeigen gewisser Flaggen und dem Verbrennen anderer Flaggen finstere Auferstehung feiert.

    Das „heilige Deutschland“ (Stauffenberg) hat sich leider gar nicht geändert. Die Illusion scheint Ihnen zu behagen, ist freilich nicht begründet, auch durch das nicht, was Sie im Ausland mit großer (und typisch deutscher) Selbsterleichterung wahrnehmen. Sie sehen ja mit Verve an allem Braunen im eigenen Land vorbei. – Was in Paris abgeht, das erleben wir diesertage in Berlin und anderswo ebenfalls (oder ist Ihnen das in der Sommerfrische entgangen?). – Allerdings stehen an der teutschen Volksfront diesmal die Trottel aus der Islamistenfraktion (wie in Frankreich) ganz vorn. Man kann das – als Mitglied der antizionistischen Ortsgruppe der Linken oder als Angestellter der Heinrich-Böll-Stiftung – freilich auch positiv sehen: DIESE Wichser sind zwar Wichser, aber sie sind RICHTIG integriert. – Ich geh inzwischen kotzen. (Auch wegen Ihrer völlig närrischen Behauptung, der gemeingefährliche Spinner Dugin sei ein „Putinflüsterer“. Also bitte! Dann ist Erika Steinbach eine „Merkelflüsterin“. Wäre schön, wenn Sie Ihr eigentlich hohes intellektuelles Niveau nicht so abgrundtief unterschritten.) Gute Nacht! – KS

  3. 3

    Lieber Ewigmorgiger,
    „typisch deutsche Selbsterleichterung“ fühlte ich keineswegs, sondern ich hatte Angst.
    Wenn man mit „falschen“ Freunden unterwegs ist, kann das schon mal passieren. Daß die von Ihnen verharmlosend als „Trottel“ bezeichneten Ebennichtmitbürger in der „teutschen Volksfront“ zu verorten sind, streite ich rundheraus ab.
    Ich habe dabei tatsächlich Berlin ein wenig aus den Augen verloren.
    Der einäugige Stauffenberg hatte eben einfach die falschen Ziele, da nützt auch so ein läppisches Attentat in Ihren kritischen Augen nix. Da sieht man mal wieder: Mit dem Zweiten sieht man besser.

    Ich finde „Trottel“ durchaus nicht „verharmlosend“ – das ist m. E. die ehrenrührigste Beschimpfung von allen. Ich habe synonym im Angebot: Kackspechte, Soziopathen, Ekelpakete. Suchen Sie sich was aus.
    Für die Anrede „Ewigmorgiger“ bedanke ich mich herzlich! „Nun ward ich so alt wie Höhl‘ und Wald, und hab doch nicht so was gesehn!“ (Wagner, „Siegfried“)
    Und nun hoffe ich, daß Sie in Frankreich noch ein paar schöne Tage verleben können. Ohne falsche Freunde. KS

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