Der ewige Krieg, Postscriptum

Kollateralschaden (zwei Erwachsene, acht Schulkinder) in Narang, Afghanistan, 2009


Die Ignoranz, die Dummheit, die knochentiefe Verlogenheit der globalen Terrorkriegstreiber ist dieser Tage exemplarisch in Großbritannien zu beobachten. Von der primitiven Ethik des Ius talionis
nachgerade besessen, gleichgültig gegen den aberhunderttausendfachen Tod, den sie über den Mittleren Osten gebracht haben, ihre Waffen als friedensstiftend rühmend, sind die britischen Fanboys und -girls des „GWOT“ sofort auf die Palme geklettert, als Labour-Parteichef Jeremy Corbyn vier Tage nach dem Massaker in Manchester dies erklärte:

Many experts, including professionals in our intelligence and security services, have pointed to the connections between wars our government has supported or fought in other countries and terrorism here at home.
That assessment in no way reduces the guilt of those who attack our children. Those terrorists will forever be reviled and held to account for their actions. But an informed understanding of the causes of terrorism is an essential part of an effective response that will protect the security of our people that fights rather than fuels terrorism.
[The Guardian, 26.5.2017]

Premierministerin Theresa May entrüstete sich live vom G7-Gipfel in Sizilien (wo sie übrigens keinen Ton zu Trumps Waffendeal mit dem saudischen Sklavenhalterregime verlor):

I have been here with the G7, working with other international leaders to fight terrorism,“ May told reporters. „At the same time, Jeremy Corbyn has said that terror attacks in Britain are our own fault and he has chosen to do that a few days after one of the worst terrorist atrocities we have experienced in the United Kingdom.
I want to make something clear to Jeremy Corbyn and to you: there can never be an excuse for terrorism, there can be no excuse for what happened in Manchester. […]
It is a choice between me working constantly to protect the national interest and to protect our security, and Jeremy Corbyn, who frankly isn’t up to the job,” she said.
[The Guardian, 27.5.2017]

Corbyn entschuldigt den Terror mit keinem Wort, aber im Verbreiten von Fake news waren die reaktionären Kräfte immer schon weit vorn. Daß eine Regierungschefin, deren komplette Unfähigkeit, „unsere Sicherheit zu wahren“, sich in Manchester aufs schrecklichste erwiesen hat – daß also May dem Erzfeind Corbyn die Eignung für den „Job“ abspricht, weil er die Ursachen und nicht länger bloß die Symptome des Djihadismus bekämpfen will, ist mehr als dreist, es ist mindestens obszön.

À pro pos – der UK-Außenminister Boris Johnson (aka „BoJo the Clown“) nannte Corbyns Kritik „absolutely monstrous“ und wiederholte Theresa Mays Propagandalüge mit der ihm eigenen Lärmstärke und Unverschämtheit:

[It is] absolutely extraordinary and inexplicable in this week of all weeks that there should be any attempt to justify or to legitimate the actions of terrorists in this way.
[The Guardian, 27.5.2017]

BoJo ist jedoch nicht nur schamlos bis zum Schwachsinn, sondern auch vergeßlich (verlogen sowieso). Diese opportune Gedächtnisschwäche hat er mit so ziemlich allen Tories und einem großen Teil der „Blairites“, Corbyns erbitterten innerparteilichen Gegnern, gemein. Der amtierende Kriegsminister Michael Fallon – der z. B. die saudischen Invasoren im Jemen mit der Lieferung von Streubomben unterstützte und sich einen atomaren Erstschlag unter „äußerst extremen Umständen“ gut vorstellen kann – dieser auch sonst feine Herr blamierte sich am Freitagabend unsterblich, als Moderator Krishnan Guru-Murthy ihn in den „Channel 4 News“ mit folgendem Zitat konfrontierte:

Isn’t it possible that things like the Iraq war did not create the problem of murderous Islamic fundamentalists, though the war has unquestionably sharpened the resentments felt by such people in this country and given them a new pretext?
[The Guardian, 27.5.2017]

Weil Guru-Murthy den Urheber des Zitats nicht nannte, glaubte Fallon, es stamme von Jeremy Corbyn und plärrte, ganz auf Parteilinie, derlei „Entschuldigungen“ seien ohne jede Berechtigung. Der Moderator erklärte ihm daraufhin, daß Corbyn den inkriminierten Satz gar nicht gesagt hatte. Sondern Boris Johnson, und zwar 2005, als der Clown noch Oberbürgermeister von London war und Labour-Premier Tony Blair eins auswischen wollte für die 52 Toten der Bombenanschläge vom 7. Juli.

Fallon, dieser mustergültige Oberklassendepp, wurde blaß und stammelte:

Well I would have to see the words you are trying to quote to me, I don‘t have them in front of me.

Er würde allerdings auch dann nicht kapieren, daß BoJo seinerzeit ausnahmsweise recht und so wenig wie Corbyn vorhatte, die Attentäter von Schuld freizusprechen. Entschuldigungen, besser: Ausreden, setzt es freilich jede Menge, wenn die Streitkräfte der „Anti-Terror-Koalition“ wieder mal ihr Ziel verfehlen und dutzende Zivilisten abschlachten. So wie vorgestern, als mindestens 35 Menschen, darunter viele Kinder, im syrischen Al-Majadin von den fabelhaften Menschenrechtlern der US Air Force und ihrer Verbündeten in blutige Fetzen verwandelt wurden.

Noch schweigen die Kriegsverbrecher, aber wenn sich die Sache nicht länger leugnen läßt, werden sie zweifellos das sagen, was sie immer heucheln. Am vergangenen Donnerstag etwa, nach mehr als zwei Monaten Graswachsenlassens, gab das Pentagon zu, bei einem Luftangriff auf Mossul am 17. März mindestens 105 Zivilisten ermordet zu haben.

Weder die Kräfte der Koalition noch lokale Sicherheitskräfte im Irak hätten davon Kenntnis gehabt, dass sich in dem Gebäude Zivilisten versteckt hielten. Der Angriff sei mit Präzisionswaffen erfolgt.
[FAZ.net, 25.5.2017]

Die genauso präzis funktionieren wie der „GWOT“ insgesamt.

Die Scharfmacher im Terrorkrieg haben es auch deshalb verdient, als Verbrecher geächtet zu werden, weil sie von den eigenen Geheimdiensten rechtzeitig vor den Folgen ihres Rachedursts gewarnt wurden. Zum Beispiel der Großlügner Tony Blair, an dessen Ruchlosigkeit Jon Schwarz in The Intercept erinnert:

On February 10, 2003, one month before the war began, the U.K.’s Joint Intelligence Committee – the key advisory body for the British Prime Minister on intelligence matters – issued a white paper titled „International Terrorism: War With Iraq.“
It began: „The threat from Al Qaida will increase at the onset of any military action against Iraq. They will target Coalition forces and other Western interests in the Middle East. Attacks against Western interests elsewhere are also likely, especially in the US and UK, for maximum impact. The worldwide threat from other Islamist terrorist groups and individuals will increase significantly.
And it concluded much the same way: „Al Qaida and associated groups will continue to represent by far the greatest terrorist threat to Western interests, and that threat will be heightened by military action against Iraq. The broader threat from Islamist terrorists will also increase in the event of war, reflecting intensified anti-US/anti-Western sentiment in the Muslim world, including among Muslim communities in the West.“

Tony Blair behielt diese Warnungen für sich und phantasierte statt dessen im Parlament:

„Unless we take action against [Al Qaeda], they will grow. That is why we should act.“ Terrorist organizations wouldn’t be motivated, as the JIC had told him, by an invasion of Iraq, because their true motivation was that „they detest the freedom, democracy and tolerance that are the hallmarks of our way of life.“

Dies war vielleicht keine Lüge, doch nicht einmal die halbe Wahrheit. Der Premierminister erhielt für seine tödlichen Absichten und sein hohles Pathos eine überwältigende Mehrheit im Unterhaus, 412 Ja- gegen 149 Nein-Stimmen.

The current British Prime Minister Theresa May, then a Conservative front bencher, voted for it. Labour Party leader Jeremy Corbyn voted against.

In diesen Zeiten, da notorische Völkerrechtsbrecher und Blutsäufer wie Blair unbehelligt ihre Pension verzehren und Unbelehrbarkeit als moralische Tugend ausgeben dürfen, da ein Wort der Vernunft als Komplizenschaft mit den Djihadisten denunziert wird, da der Westen alles verrät, wofür einzustehen er behauptet (Freiheit, Demokratie, Toleranz) – in diesen Zeiten nicht kapituliert zu haben, nicht irregeworden zu sein an der Bigotterie und Inkompetenz der machthabenden Bellizisten: ist ein sehr guter Grund, Jeremy Corbyn für die Wahlen am 8. Juni beide Daumen zu drücken und Theresa May einen äußerst schmerzhaften Fall zu gönnen. Verließe Großbritannien die Koalition der Billigen, wäre dies ein Zeichen, auf das der humanistische Teil der Menschheit seit 16 Jahren vergebens wartet. Es wäre ein Funke Hoffnung in dieser verdunkelten Welt.

Laut einer Umfrage von YouGov UK liegt Labour aktuell fünf Prozent hinter den Tories. Vor zwei Wochen waren es noch 18. Ein Funke.

Photo: „Narang night raid“, by RAWA
[GFDL or CC BY 3.0],
via Wikimedia Commons

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Sonntag, 28. Mai 2017 18:00
Abteilung: Die beste aller Welten, Kaputtalismus

2 Kommentare

  1. 1

    Ich wüßte nicht, was ich hier kommentieren könnte oder sollte, außer Dir, lieber Kay, dafür zu danken, daß Du immer wieder solche Posts bringst.
    Und das ist mir dann doch einen Kommentar wert.
    Danke.

    Wenn ich so etwas Freundliches und Ermutigendes lese, bekommt auch meine Bloggerei wieder einen Wert, jedenfalls für mich. Ich danke retour, lieber Karsten! KS

  2. 2

    Demokratie? Toleranz? Freiheit? Aber sicher doch, es ist alles im Angebot. Immer wieder gern nimmt sich die demokratische Obrigkeit die Freiheit, ihrem Publikum wahlweise dumm oder frech ins Gesicht zu lügen. Ihr Geschwätz von gestern kümmerte die regierenden Schwätzer schon gestern nicht sonderlich, warum also sollte es das heute tun, oder morgen? Und die Verschaukelten nehmen’s in ihrer Mehrzahl hin, ohne groß aufzumucken. Aus Dummheit oder Unkenntnis, oder aus Gleichgültigkeit, oder aus Mangel an Hoffnung. Oder sie hören schon lange nicht mehr hin. Man kann’s verstehen, man kann’s auch Toleranz nennen. Welche wiederum ganz wichtig ist für eine funktionierende bürgerliche Demokratie, das hab ich neulich mal irgendwo gelesen.
    Immerhin gibt’s da EINE Sache, bei der die Damen und Herren Regierungschefs so gut wie NIEMALS lügen. Und zwar wenn sie ankündigen, daß von jetzt an Bombe mit Bombe vergolten wird, soll heißen: mit sehr viel mehr Bomben, größeren, und präziseren. Und wenn die Kinder, Frauen, Greise und sonstwie Unbeteiligte treffen, dann sind die meisten hiesigen Demokraten auch recht tolerant, sprich: sie zerdrücken bestenfalls ein paar Tränchen, sonst nehmen sie den vielfachen Mord billigend in Kauf. Denn wenn heute für unsere Freiheit gehobelt werden muß, dann fallen die blutigen Späne anderswo, und gehobelt wird nach dem Motto „Whoever departs from the rules of humane warfare can only expect that we shall do the same.“
    Der Satz stammt übrigens nicht von Frau May, Herrn Blair oder Bush dem Dümmeren. Im Original ist er allerdings auch nicht englisch, sondern ungelenk deutsch und geht so: „Wer selbst sich von den Regeln einer humanen Kriegsführung entfernt, kann von uns nichts anderes erwarten, als dass wir den gleichen Schritt tun.“
    Auch wenn man hier das berüchtigte Krummundschiefdeutsch unserer GröKaZ vermuten könnte: solche Auge-um-Auge-Taktik kündigte nicht Frau Merkel bei ihrer jüngsten Bierzeltrede an, etwa gleich nach „Wir müssen selber für unsere Zukunft kämpfen, als Europäer, für unser Schicksal“. Das erste Zitat stammt aus der Rede eines ihrer demokratisch gewählten Amtsvorgänger, dem – nach dem großdeutschen, versteht sich – das Schicksal Europas ebenfalls sehr am Herzen lag. Er hielt sie anläßlich der Erklärung eines anderen Kriegs gegen den Terror. Damals, 1939, ging’s gegen den polnischen.
    PS.
    Mag sein, daß ich da grad demokratische Äpfel mit diktatorischen Birnen verglichen habe. Aber soviel steht fest: faul sind sie beide. Und wenn so ein Regierungschef anhebt, vom Kampf für unser Schicksal zu radebrechen, dann sollten wir schnellstens damit anfangen, unsere guten alten Atombunker auszumotten.

    Die dann alle absaufen werden (s. Klimawandel, c/o Trump). KS

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