Director’s Cut (2): Hommage an Ror Wolf

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es der 80. Geburtstag des bedeutendsten deutschsprachigen Dichters unserer Zeit.

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DANKE SCHÖN. VIEL ZU DANKEN

EINE TRAVESTIEN-COLLAGE
FÜR ROR WOLF

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LEBEN, LAUF

Ein Mann, wir nennen ihn Richard oder Roger, nein, Robert oder, Moment, wir nennen ihn Ror, nennen wir ihn also Ror: Ror Wolf also, wie wir diesen Mann nennen wollen, wird am 29. Juni 1932 geboren. Damit fängt alles an. Jedenfalls das, was nun folgt. Die bekannten Einwände Wobsers dürfen an diesem Punkt gern ignoriert werden. Sie sind auch an anderen Stellen ohne Belang. Bei unseren Lesern erzeugen sie nichts als Belustigung. Der Mann, von dem wir jetzt reden, wurde geboren, das ist kein Geheimnis, und es geschah am 29. Juni. Mehr muß man an dieser Stelle nicht sagen.

   Die Welt weiß viel über die Angelegenheiten des Mannes, von dem hier die Rede sein wird. Man muß die Welt nicht über ihn aufklären. Die Welt tut aber gut daran, sich auch weiterhin über seine Werke und Worte auf dem Laufenden zu halten. Wir verweisen auf Lemms erschöpfende Bemerkungen.


SCHWIERIGKEITEN BEI DER ANKUNFT GROSSER UND KLEINER GEGENSTÄNDE

Gut, also vorwärts, an diesem Punkt einsetzen, wo ich abgebrochen habe, der Himmel, wie war das, jawohl, der Himmel sehr grau, am Horizont plötzlich der Schatten eines Lastwagens. Ein Mann, wahr-
scheinlich ist es ein Mann, denn man sieht nur einen Schatten neben dem Schatten des Lastwagens oder des Möbelautos – ein Schatten in der Gestalt eines Mannes steht jetzt neben dem Schatten des stillstehenden, vielleicht im Schnee, der überall liegt und bis zum Horizont in hohen Wehen oder Wächten aufgetürmt ist, in diesen Dünen und Bergen aus Schnee steckengebliebenen, bedenklich schiefen, fast umkippenden Möbellasters oder Kastenfahrzeugs, und der Schattenmann bewegt die Armschatten, als wäre er verzweifelt oder wenigstens ratlos. Am tiefen Himmel kohleschwarze Wolken, die den Schatten des Mannes und den Schatten des Lastwagens bald berühren werden. Ein ungeheurer Sturm, sagt Rach, wird in den nächsten Sekunden die ganze Gegend verwüsten und die Schatten des Mannes und des Fahrzeugs verschlingen. Rech nickt und schließt bedächtig die giftefeugrünen Vorhangschöße.

WECHSELND IM NORDEN IM SÜDEN IM OSTEN IM WESTEN

Plötzlich in einer Baracke für Aussiedler, einem windigen Raum, zwischen Hunderten hölzernen, eng übereinander gestapelten Betten, ein junger Mann. Ich komme aus Berlin, sagt er. Ich würde gerne verschwinden, an irgendeinen anderen Ort, aber man erlaubt es mir nicht. Ich werde eines Tages verschwinden, sagt er, aber ich weiß nicht, an welchem Tag das sein wird. Und mein Verschwinden wird zugleich ein Auftauchen sein, in einer anderen Stadt, nicht in einer Einöde wie dieser, und dann werde ich eigentlich zum ersten Mal irgendwo auftauchen. Denken Sie an meine Worte, sagt der junge Mann und verschwindet.

   Plötzlich in einem winzigen Zimmer führt der gleiche junge Mann, nur wenige Monate jünger als bei unserer letzten Begegnung, eine Flasche zum Mund, und er trinkt einen großen Schluck aus der Flasche, eine gewaltige Menge Bier oder Schnaps, das kann ich nur raten, Schnaps, glaube ich, fließt durch seinen Hals wie abgepumpt hinab. Dann nimmt der Mann die Flasche vom Mund, und er sagt: Ich komme aus Saalfeld in Thüringen, ich halte diesen Muff und Mief und Mampf da unten nicht mehr aus, ich mache jetzt rüber. Was?, sagt er, wie bitte? wie ich nach Ostberlin gekommen bin, willst du wissen? Fragt mich der junge Mann, der noch nicht so dünn ist wie einige Monate später, in der fauligen Baracke, wo wir uns zuletzt zu Gesicht bekommen haben. Ich bin mit dem Zug gefahren, sagt er, und morgen werde ich mit der S-Bahn weiterfahren, nur mit diesem Koffer, wart mal ab. Und er setzt die Flasche wieder an, hier, in der Studentenbude seines besten Freundes, der heute Geburtstag feiert, und er trinkt den Schnaps, aber es kann auch Bier sein, mit einem zweiten gewaltigen Zug leer. Es ist recht warm in diesem Sommer 53.

   Plötzlich treffe ich den gleichen Mann überall. Er steht mal im Schatten, mal im Regen, dünn erst dort, dann gut genährt, manchmal glatt rasiert, meistens mit einem Bart, einem schön ausgeschnittenen Bart übrigens, den Klomm mit wohlgesetzten Worten beschrieben hat, in Stuttgart, in Frankfurt, in Hamburg St. Gallen Basel Frankfurt Basel Berlin Frankfurt, und nun in Mainz, und jetzt in Warwick, und, hoppla, da steht er in Siegen, unser Mann wird nebenbei älter, aber das macht nichts, das ist normal, wir reden später vom Alter, wir kommen darauf zurück. Inzwischen läuft dieser Mann in Zornheim an uns vorbei; in Zornheim, das muß man sich einmal vorstellen. Doch da steht er in Wiesbaden und winkt uns zu, ehe er plötzlich verschwindet.

   Und als er zum letzten Mal auftaucht, schon wieder mitten in Mainz, ein paar Etagen diesmal nur über einer Sektkellerei, mit Blick auf die von Straßen und Dachschindeln schrundige, dunkel dunstige Talmulde, verschwindet er nicht, sondern bietet mir ein Wurstbrot an. Fünfunddreißig Umzüge, glaub mir, das reicht, sagt er, ehe diesmal ich verschwinde.

   Später frage ich Polzer: Wer ist das? Und Polzer sagt: Wer das ist? Das ist Ror Wolf.

 

BALL, BALL, BALL, BALL, BALL

Es war der Lederball, der weich vorüberrollte,
mein lieber Freund, ganz kurz jetzt, doch im ganzen
ist das noch lang nicht alles, was ich sagen wollte.
Wolf schreibt ein Wort, und Fußball wird ein Tanzen.

DIE ÜBERZEUGENDEN VORTEILE DES ABENTEUERS

Wir ignorieren Wobser, wir hören gar nicht erst hin, wenn er uns einreden will, Herr Wolf sei verwachsen mit seinem Schreibtisch, er, der Dichter, blende die Welt mit Berichten über Erlebnisse, die er, der Dichter, allenfalls geträumt habe, was er, Wobser, mühelos würde nachweisen können. Aber niemand fragt nach diesen Beweisen. Die niederträchtigen Verleumdungen Wobsers sind der gesitteten Welt sattsam bekannt. Man verachtet seine Schmutzwürfe und Dreistigkeiten allgemein. Selbst unter den heutigen, abortschüsselhaften Intelligenzverhältnissen ist es vollkommen gleichgültig, mit welchen Unverschämtheiten und Komplotten Wobser versucht, das Ansehen des bedeutendsten Wörterschmiedes deutscher Sprache zu untergraben. Man nimmt es nicht hin und kaum wahr.

   Wahr jedoch ist, daß Herr Wolf den Raum, in dem er für Lebende und Nachkommen notiert, was er gesehen und geschmeckt, gefühlt und gerochen hat, eine „Wirklichkeitsfabrik” nennt. Wir können also davon ausgehen, daß Realität alles ist, was Herr Wolf dazu macht.

   Und wenn es Menschen geben sollte, die daran zweifeln, daß Herr Wolf auch Pilzer ist oder Pelzer und desgleichen Bix Beiderbecke und, zumindest gelegentlich, Hans Waldmann, dann wollen wir diese Menschen belächeln, wie wir sonst Wobser belächeln.

FILZ UND FARNE

im juli halt august jawohl im mai
im herbst geht waldmanns alter hut entzwei.

hans waldmann will den vorgang nicht beschreiben.
dort steht er, doch er wird nicht lange bleiben.

am morgen sucht er wieder die gefahr.
ein neuer hut liegt weich auf seinem haar.

der himmel grau. der buick macht hundert meilen
pro stunde, denn hans w. muß sich beeilen.

man hat ihm dunkle dinge zugetragen:
von schüssen im gebüsch und andren plagen.

am waldrand wartet waldmanns wagen. hans
begibt sich jetzt zu fuß zum totentanz.

der wind verweht, die wolken schwer und schwärend.
das land zermalmt. hans waldmann wandert, während

die finken dünn im dickicht knistern, fort.
der hut sitzt gut. die hosen sind aus cord.

die luft ist feucht an diesem tag. kein wind.
das ist bekannt. hans waldmann trifft ein rind.

danach ein schaf ein pferd ein schwein kein huhn.
hans waldmann sagt: hier gibt es nichts zu tun.

er geht zurück zum buick auf seinen sohlen.
der fall ist klar: man wollte ihn verkohlen.

hans waldmann packt vor wut den hut. nun knallt
ein schuß des fremden hallend aus dem wald

und später beißt die kugel spitz erhitzt
in waldmanns kalte hand. sein blut bespritzt

den guten hut, die hosen und das gras.
hans waldmann denkt: mein herr, das ist kein spaß.

der fremde schwitzt, er schluckt, springt auf und flieht
als waldmann schweigend die pistole zieht.

im moos im farn im schlamm liegt bleich die leiche
des fremden wie gesprengt vor einer eiche.

hans waldmann läßt die wunde hand verbinden.
er hebt den hut. dann sieht man ihn verschwinden.

T., EIN ZIEMLICH UNSICHTBARER MANN
AKUSTISCHE SZENE

1 Moderator. Kühl, sachlich
2 Oliver Hardy. Leicht erregt, dennoch sonor
3 Stan Laurel. Gutmütig, etwas stotternd

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1 ES IST ABEND. DER ABEND IST EINE SCHÖNE ZEIT. LEIDER WIRD MAINZ, DIESE STADT AM ÄUSSERSTEN RAND DER WELT, ZUR ZEIT VON EINEM TIEFDRUCKGEBIET ÜBERQUERT. VIELE LEUTE KOMMEN HEREIN. DAS ABZIEHEN DER REGENHÄUTE GESCHIEHT AUF DIE ELEGANTESTE WEISE. MAN FREUT SICH, DIE MAINZER FREUEN SICH, ENDLICH DEN MANN ZU SEHEN, DER HEUTE DAS GEHEIMNIS ENTHÜLLEN WIRD, DAS ER AUS SICH GEMACHT HAT FAST EIN HALBES JAHRHUNDERT LANG.

2 Er redet von Tranchirer.

3 Wovon redet er?

2 Von Tranchirer. Raoul – Tranchirer!

3 Glaubst du, Ollie?

2 Ich weiß es. Und nun halte bitte den Mund, Stanley!

3 Aber …

2 Pst!

1 MURMELN IM SAAL. DIE DAMEN PUTZEN DIE LORGNETTEN. DIE HERREN HÜSTELN DISKRET UND PRÜFEN DEN SITZ IHRER FRACKSCHWALBENSCHWÄNZE. ES KANN NUR NOCH WENIGE AUGENBLICKE DAUERN, EHE DER GROSSE MANN DAS PODIUM BETRITT.

3 Er redet von Tranchirer, nicht wahr?

2 Natürlich, du Dummkopf!

3 Weinerlich Ich mag es nicht, wenn Du mich anschreist! Ich habe ja bloß gefragt.

2 Ja, ja, Stanley.

1 DER VEREHRTE GROSSE MANN LÄSST WEITER AUF SICH WARTEN. VON UNRUHE JEDOCH KEINE SPUR. MAN ERGREIFT DIE GELEGENHEIT, SICH DIE ZEIT ZU VERTREIBEN.

2 Hast du die Karten eingesteckt, wie ich es dir gesagt habe?

3 Karten, Ollie?

2 Karten, ja.

3 Trotzig Du hast mir nichts von Karten gesagt. Du sagtest: Spaten.

2 Du hast einen Spaten mitgebracht, Stanley?

3 Ja. Du wolltest das doch, Ollie.

2 Hysterisch Kar – ten! Ich sagte: Karten!

ABBRECHEN, WEIL ES JETZT SEIN MUSS

Mir fiele noch vieles, sehr sehr vieles ein, um diesen Mann, diesen Künstler, um diesen Fall und seine Bedeutung für die Allgemeinheit zu beschreiben. Ich unterlasse es. Ich halte mich zurück. Darum, zum Schluß, in Kürze: Ein Genie wird heute 80 Jahre alt. Er ist ein Schöpfer allererster Sorte. Hier schweige ich. Es fehlen mir die Worte.


Zuerst, und leider mit mehreren ungeheuren Dummheiten gepflastert,
erschienen in der „Taz“ am 29. Juni 2002
unter einem Titel, der eine dieser ungeheuren Dummheiten war
und deshalb hier verschwiegen wird.


Freitag, 29. Juni 2012 12:25
Abteilung: Director's Cut, Litterarische Lustbarkeiten

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