Doktor Lügners feine Freunde


Es geht ein stilles Walten, eine heilige Nemesis durch die Weltgeschichte;
und die Vergangenheit ruft es der Zukunft zu: „Fürchtet Gott und übet Gerechtigkeit!“
Wilhelm Zimmermann


Warum die herrschende Klasse der beherrschten, welcher sie sonst keinen Bissen Brot, zum Reformationsjubiläum einen dienstfreien Tag gönnt –, weshalb sie Martin Luther dem viel größeren Reformator Thomas Münzer vorzieht, hat Friedrich Engels schon vor anderthalb Jahrhunderten gültig analysiert.
Die Regentschaft schätzt am Mann, der als Revolutionär antrat und sich bei der ersten Probe auf die eigene Lehre selbst verleugnete, der überdies all jene verleumdete, ja, verfolgte, die seine frühen Schriften ernster nahmen als deren Verfasser es wagte –, die Machthaber also schätzen am „Doktor Lügner“ (Münzer) genau dies: Unterwürfigkeit, Verrat, „Tellerleckerei“ (Engels).

Die Ansprachen, die gestern abend beim Staatsakt im Wittenberger Stadthaus gehalten wurden, enthielten neben fürchterlichem Deutsch reichlich Blödmacherei. Das Geheuchel erlaubt, mit der historischen Realität abgeglichen, jedoch Rückschlüsse darauf, wie die Chefs der hierarchisch sortierten Gesellschaft sich den idealen „Freiheitskämpfer“ vorstellen. Nämlich als einen, der die Freiheit bloß predigt, nicht für sie kämpft, und der jene, die tatsächlich Freiheit für alle wollen und zu diesem Zweck ihr Leben in die Bresche werfen, sogleich als Todfeinde erkennt. Denn sie bedrohen seine Gönner und der Verräter sieht in ihnen einen Bild, das sein Spiegel ihm schon lange nicht mehr zeigen mag.

Einem Stück des MDR entnehme ich, was der Pfarrerstochter Angela Merkel aus dem Mündlein fiel zu Ehren Doktor Lügners:

Luther habe einen Stein ins Rollen gebracht, „der sich nicht mehr aufhalten ließ und die Welt für immer veränderte“. Aus Luthers Verständnis vom Menschen, wonach jeder allein aus der Gnade Gottes gerechtfertigt sei und seine eigene Würde habe, baue im Grunde jegliche demokratische Ordnung auf.

Unsere Demokratie ist von Gottes Gnaden? So sieht sie auch aus.

Die Reformation sei aber eine treibende Kraft zur Entwicklung des Kontinents gewesen.

Das ist richtig: Von Luthers Ideologie zu Hitlers Vernichtungskrieg führt ein schnurgrader Weg.

Außerdem rief die Kanzlerin zur Toleranz auf. „Wer die Vielfalt bejaht, muß Toleranz üben. Das ist die historische Erfahrung unseres Kontinents“, sagte sie. „Wir haben gelernt, daß die Toleranz die Seele Europas ist.“

Wir haben, wenn wir was gelernt haben, Millionen Indizien parat, daß Europa gar keine Seele besitzt, sondern dort, wo eventuell eine zuhause sein könnte, bloß ein Geldsäckel und eine Mördergrube stecken. Es mutet übrigens höchst peinlich an, wenn etwas Hohles wie Merkel von etwas Hohem wie der Seele quatscht. Ihr freilich ist nie was peinlich, schon gar nicht ein Bekenntnis zur Toleranz im ausdrücklichen Zusammenhang mit dem Judenhasser und Dumpfdogmatiker Luther:

In der globalisierten Welt stehe die Anerkennung von Pluralität und kultureller sowie religiöser Vielfalt aber vor einer zentralen Herausforderung. „Toleranz endet dort, wo unsere grundgesetzlich verbürgten Freiheitsrechte mißachtet oder gar mit Füßen getreten werden.“

Das heißt, daß sie dort enden, wo Merkel und ihre Spießgesellen regieren, denn die mißachten und treten die Freiheitsrechte für und für. Aber sie meint gar nicht, was sie sagt, die Unerträgliche, sie hat noch nie etwas gemeint, sondern immer bloß gefaselt und gefusselt, gebrabbelt und geblubbert.

Merkel forderte, das kulturelle, geistesgeschichtliche und religiöse Erbe der Reformation aufrechtzuerhalten […].

Denn so lange dieses Erbe nicht zertrümmert wird, kann es weiter eine Gesellschaft geben, in der charakterlose Masken wie Merkel die Amtsgeschäfte führen.

Ihr Parteikumpan Reiner Haseloff durfte in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident Sachsen-Anhalts ebenfalls zur Erbauung beitragen:

[Die Reformation] habe die Welt nachhaltig geprägt […]. Sie sei ein „europäisches Ereignis“ gewesen und habe globale Wirkung entfaltet.

Das ist für aufgeklärte Menschen kein Grund zur Freude, für Haseloff jedoch einer zu landsmannschaftlichem Stolz.

Er wünsche sich, daß Wittenberg mit dieser Lehre auch heute ein „Motor für europäische Integration“ sein könne.

Auch? So wie beispielsweise damals im 30-jährigen Krieg? – Unser Führungspersonal quatscht vermutlich deshalb so viel von Geschichte, weil es durchweg keinen Schimmer von der Geschichte hat, überdies nicht will, daß den Geführten was dämmert.

Haseloff sagte, der Reformationstag, der in diesem Jahr erstmals bundesweit ein Feiertag ist, habe für ihn auch emotionale Bedeutung, und erinnerte an den 31. Oktober 1989, als wenige Tage vor dem Mauerfall mehr als 10.000 Wittenberger mit Thesen zu Veränderungen in der damaligen DDR auf die Straße gegangen seien. Es gebe heute „allen Grund, dankbar zu sein“, sagte der Katholik Haseloff.

Daß Luther mitgeholfen hat, den realen Sozialismus zu beseitigen – darin, immerhin, will ich Haseloff nicht widersprechen. Erst in einem re-reformierten Sachsen-Anhalt war es möglich, den 500. Jahrestag mit Gästen zu begehen, die sich Honecker verbeten hätte.

Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör zeigte sich zufrieden über die Feierlichkeiten. Er sagte […], die Stadt habe schon das ganze Jahr über „honorige Persönlichkeiten begrüßen dürfen“. Dazu zählten die königlichen Besuche aus Dänemark, Schweden oder den Niederlanden.

Einen schöneren Beleg dafür, wer die größten Freunde und Profiteure der Reformation von Beginn an waren, findst du ums Verrecken nit.

***

Über Luthers Wankelmut, Opportunismus und Fürstendienerei während des Bauernkriegs hat sich, noch vor Engels, ein Autor Gedanken gemacht, den, wenn sie den Willen, die Bildung und die Ghostwriter dazu besäße, sogar A.iMerkel hätte zitieren können. Denn anders als der verdammte Kommunist und Atheist Engels war Wilhelm Zimmermann ein evangelischer Pfarrer, zeitweise sogar ordentlicher Professor (der Geschichte), und Mitglied des revolutionären Paulskirchenparlaments von 1848; ein im idealen Sinne liberaler Bürger (und außerdem mit Mörike befreundet).
1843 veröffentlichte Zimmermann seine monumentale, epochemachende, die Erschütterung des Verfassers angesichts der historischen Zeugnisse nie verbergende und aus genau diesen Gründen weithin vergessene Geschichte des großen Bauernkriegs (1843/1856). Aus ihr bediente sich Engels für seine erheblich schmalere Darstellung mit vollen Händen. Engels bestritt dies nie, im Gegenteil, er dankte dem Vorläufer ausdrücklich und stellte 1870 in der Vorbemerkung zur zweiten deutschen Ausgabe von Der deutsche Bauernkrieg fest:

Dabei hatte der alte Zimmermann Freude an seinem Gegenstand. Derselbe revolutionäre Instinkt, der hier überall für die unterdrückte Klasse auftritt, machte ihn später zu einem der Besten auf der äußersten Linken in Frankfurt. Seitdem soll er freilich etwas gealtert haben.

Zimmermanns Buch ist es bis heute nicht. Zur Abrundung eines Bildes, das bei den gestrigen Feierlichkeiten nirgends zu sehen war, mögen die nachstehenden Zitate dienen; vielleicht auch zur Anregung, eine „rühmliche Ausnahme unter den deutschen idealistischen Geschichtswerken“ (Engels) näher kennenzulernen. (Die Überschriften habe ich erfunden.)

Erst Bauernsohn, dann Bauernfeind: Luther zerstört die echte Reformation

Viel auch aber, sehr viel nahm der Volksbewegung, die sich eine „evangelische“ nannte und glaubte, das an ihrer Stärke, daß Luther und andere Wortführer des Evangeliums, die, welchen die Bauern und Städter soeben noch unbedingt vertraut hatten, die Bewegung und ihre Zwecke verdammten, verfluchten, als gottlos und teuflisch hinstellten, nicht warnend vor dem lange vorher wohlgewußten Ausbruch, sondern mitten in ihrem Fluß. Das überraschte, das bestürzte, das verwirrte, das entmutigte viele. Luther war von vielen Bauern ganz als einer der Ihren angesehen gewesen. Hatte er doch selbst gesagt: „Ich bin eines Bauern Sohn; mein Vater, mein Großvater und Urgroßvater sind rechte Bauern gewesen. Mein Vater ist nach Mansfeld gegangen und dort Hauer geworden.“ Und jetzt sahen sie ihn ohne Gefühl für das Recht der Volksfreiheit, sahen plötzlich in denen, die sie als Freunde ihrer Sache voraussetzten, ihre bittersten Feinde; von den Wortführern, von denen sie deren Verteidigung erwartet hatten, waren sie geächtet. […] Daß die Reformation nicht mehr wurde, als sie von da an geworden ist, das hat seinen Hauptgrund darin, daß die Volksbewegung in dieser Art und durch dieses Mitwirken der berühmtesten Reformatoren […] unterlegen ist. Auch darin zeigt sich ein Gottesgericht.

Papst Martinus

Jetzt [1524] trat Luther offen wider Münzer heraus mit einem in den Druck gegebenen „Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührischen Geist“. Da die falschen Propheten die Sache nicht im Wort bleiben lassen wollten, sondern gedächten mit der Faust sich dreinzubegeben und sich mit Gewalt wider die Obrigkeit zu setzen, so bitte er die Fürsten, solchem Unfug zu wehren und dem Aufruhr zuvorzukommen: „Die Faust still gehalten oder stracks zum Land hinaus! Das solle der Fürsten Spruch an die Propheten sein. Der Satan wirke durch die irrigen Geister.“
Münzer hatte dem Reformator zu Wittenberg offen vorgeworfen, derselbe liefere die dem Papst entrissene Kirche den Fürsten in die Hände und wolle selbst der neue Papst sein. […] Früher habe Luther wohl die Fürsten gescholten und neuerdings noch habe er, um den Bauern ein Genüge zu tun, geschrieben, die Fürsten würden durch das Wort Gottes zu scheitern gehen, aber das wisse der neue Papst zu Wittenberg bei den Fürsten wohl wieder gutzumachen: er schenke ihnen Klöster und Kirchen, da seien sie mit ihm zufrieden.
War Luther durch Münzers heftige Schriften gegen seine Person und seine Lehre auf diesen sehr erbittert, so waren ihm zugleich die Umwälzungsbestrebungen Münzers zuwider, weil sie auf Luther selbst und auf Luthers Sache nachhaltig zurückwirken konnten.

Der ruchlose Denunziant zu Wittenberg

In Oberschwaben und der Schweiz wimmelte es namentlich von solchen, die wegen des Evangeliums ihres Amtes entsetzt, verfolgt, verbannt waren, nicht durch die Katholischen, sondern durch die Evangelischen selbst. Noch hatte sich die Neugläubigkeit nicht zur Kirche heraufgebildet und gefestigt, so war sie schon unduldsam, herrschsüchtig, despotisch und so zäh geworden, daß sie am Buchstaben hängenblieb, ihre Auffassung der Glaubenslehre, ihre Form des Gottesdienstes als die einzig wahre hinstellte und aufzwang, jeden Widerspruch dagegen, ja jede Abweichung davon als Ketzerei bitter anfeindete und verfolgte.
Luther, den alle diese Vorwürfe treffen, ging sogar soweit, daß er, was er an katholischen Fürsten und Regierungen als gottlose Gewalttat, als Geistestyrannei schalt, sich ohne weiteres gegen seine evangelischen wie katholischen Gegner selbst erlaubte. „Gegen ihre Schalkheit und Täuschung“, sagt er offen, „halte ich, wegen des Heiles der Seelen, mir alles für erlaubt.“ Die Freiheit der Presse, die er für sich unbeschränkt in Anspruch nahm, verweigerte er seinen Gegnern: er rief gegen Karlstadt, gegen Münzer mit Leidenschaftlichkeit den Arm der Polizei auf, er erwirkte gegen sie von der Regierung Verbote des Schreibens und Druckens ihrer Ansichten, die Beschlagnahme und Vernichtung ihrer Schriften, ihrer Drucker, ja ihre eigene und ihrer Familien Vertreibung aus dem Land.
[…] Auch in die Ferne noch verfolgte er sie durch Briefe, die er an den Rat der Stadt, wo sie sich niederließen, schrieb, oder einzelne ihm befreundete Ratsglieder: unter dem Schein, die Stadt zu warnen, stachelte er zur Vertreibung seiner Gegner auch von dieser Zufluchtstätte auf.

Späte Reue, dauernde Schuld Martin Luthers

[…] Luther sah, wie ein sächsischer Gelehrter sich ausdrückt, „mit wachsendem, sein ganzes Gemüt verdüsterndem Gram so vieles weit hinter dem zurückbleiben, was er gewollt und erwartet hatte“. 

***

Und so was Jämmerliches, solch ein welthistorischer Fehlschlag ist der Anlaß für pompöse Veranstaltungen wie den gestrigen Staatsakt? Für all die Events, Seminare, Open-air-Konzerte, Kirchenhaupt- und unterhaupttage, Podiumsdiskussionen, Fernsehfilme, Sonderdrucke, Theaterrevuen und wasweißich? Dieser falsche Kerl, der das Wort „Reformation“ nachhaltig besudelte – noch die „Hartz-IV-Reform“ klingt nach Luther –, dieser Feind der Expropriierten und Hofprediger der Expropriateure: Der soll die Massen begeistern?

Die halbe Republik ist atheistisch oder agnostisch, die andere Hälfte nicht mal zur Hälfte evangelisch. Martin Luthers gescheiterter Reformation derart viel Rummel und sogar einen Feiertag für alle zu widmen, ist pure Propaganda, die den Leuten allerdings und zum Glück am Arsch vorbeigeht. Bereits vor drei Monaten schrieb Dirk Pilz in der „Frankfurter Rundschau“:

Gut 140.000 Besucher wurden zum […] Kirchentag in Berlin erwartet, lediglich 106.000 kauften ein Dauerticket. In Wittenberg, dem zweiten Veranstaltungsort dieses als „Sommermärchen“ angekündigten Super-Events, rechnete man zum Abschlußgottesdienst mit 200.000 Gästen, es kamen allenfalls 120.000.
Noch enttäuschender für die Veranstalter verliefen die sogenannten „Kirchentage auf dem Weg“ […]. In Leipzig ging man ursprünglich von gut 50.000 Gästen aus, es kamen nicht mehr als 15.000. Und selbst die so umfangreich beworbene Sonderausstellung „Der Luthereffekt“ im Berliner Gropiusbau hat […] lediglich 30.000 zahlende Kunden angezogen.
„Martin Luther, kein Sommermärchen“, FR.de, 21.7.2017

All der Lärm also für nichts, nicht aber für umsonst:

Gut 50 Millionen Euro beträgt der Etat, den das kirchliche Organisationsbüro in Wittenberg für seine vielen Projekte zur Verfügung hat. Sachsen-Anhalt stellte zudem rund 100 Millionen Euro bereit, die Bundesregierung über 40 Millionen. Dazu kommen umfangreiche Infrastruktur- und Restaurierungskosten. Schon wird vielerorts mit einiger Bangigkeit gefragt, wer am Ende die Ausgaben tragen soll, wenn die erwarteten Einnahmen ausbleiben.
a. a. O.

Selbstverständlich werden wir alle das Minus begleichen müssen, so ungefragt, wie wir den Luther-Zirkus ertragen durften. Das Jubiläum wurde mit gewaltigem Gepränge zelebriert, um uns daran zu erinnern, daß jeder Befreiungskampf dort seine Grenzen haben soll, wo die Herrschaft sie setzt, daß Demütigung und Verhöhnung der Unterdrückten zentral zum autoritären Staatswesen gehören.

Doktor Lügner brach die Reformation ab, sobald sie vom geistlichen ins Praktische, also Politische umschlug. Für diese Feigheit, diesen Verrat feiert ihn die herrschende Klasse. Es ist erfreulich, daß sie dabei weitgehend unter sich bleiben muß.

Photo: „ML-was-here“, by 1rhb
(Own work) [CC BY-SA 4.0],
via Wikimedia Commons

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Mittwoch, 1. November 2017 19:56
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh

12 Kommentare

  1. 1

    Und noch einmal vielen Dank, sowohl für den Kommentar zur aktuellen Lage als auch für den Hinweis auf Zimmermann.
    Ich habe mir gerade den neuesten ZDF-Lutherfilm „Zwischen Himmel und Hölle“ angeschaut und zu meiner Überraschung festgestellt, daß er deutlich besser ist als die üblichen Geschichtsklitterungssoaps, die uns für unsere Gebühren sonst vorgesetzt werden. Die eigentlichen Helden sind hier nämlich Müntzer und seine Frau Ottilie von Gersen, auch wenn das unsägliche Gesülze auf der Website zur Sendung das nicht erwarten läßt.
    https://www.zdf.de/filme/zwischen-himmel-und-hoelle
    Ich habe nicht geschaut, wie lange der Film noch online ist. Zur Zeit kann man ihn auch noch mit MediathekView herunterladen.

    Danke für die Empfehlung! KS

  2. 2

    Ein mir befreundeter Schauspieler hatte letzten Sommer bei den Theaterfestspielen in Feuchtwangen die Aufgabe, in dem absolut unnötigen Theaterstück „Luther“ mitzuwirken, unter anderem nicht nur in der ihm zugewiesenen Rolle, sondern auch als „Volk“, welches in dieser Inszenierung einige Male „Luther, Luther, Luther …“ skandieren mußte, mal auf offener Bühne, mal hinter der Kulisse.
    Er berichtete, daß es dem Publikum egal war (die ham wahrscheinlich garnix gemerkt), daß er, sehr zur Belustigung seiner Kollegen, ab einem gewissen Moment immer aus voller Brust „Lutscher, Lutscher, Lutscher …“ skandierte.
    Tja, das sagt leider mal wieder überhaupt nix aus, aber ich wollte hier eigentlich nur auch mal was sagen.
    Alltägliches Wohlergehen wünscht
    Daniel Lüdke

    Das wünsche ich retour – und, nein, es sagt durchaus was aus. Nämlich daß Dein Freund ein kluger Kopf ist und Mumm hat. KS

  3. 3

    Vielen Dank für den Beitrag. Leider muß ich, ausgehend von dem Trubel, den der gestrige Tag ausgelöst hat, feststellen, daß es noch viel zu viele Apologeten für den Antisemiten, Frauenhasser, Obrigkeitshörigen Luther gibt. Übliches Argument: Na ja, damals haben sie alle die Juden gehaßt. Das war normal. Am schönsten war wohl die Aussage, man müsse Aussagen wie „Die Juden sind ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes Ding, daß sie 1.400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind. Summa, wir haben rechte Teufel an ihnen …; Man sollte ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken, … unserem Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Christen seien (…) ihre Häuser desgleichen zerbrechen und zerstören.“ (Martin Luther: „Von den Juden und ihren Lügen“, Tomos 8, S. 88 ff.) doch bitte im Kontext betrachten.
    In welchem Kontext allerdings aus solchen Aussagen mehr wird als reiner Judenhaß, mochte mir der Mensch nicht weiter beantworten. Man feiert einen „Reformator“, der sich von seiner Zeit unabhängig machte und gegen die Kirche aufbegehrt – und entschuldigt gleichzeitig seinen Haß mit dem, was zu der Zeit so üblich war. Da muß man sich schon mal entscheiden. Fähig, gegen die eigene Zeit zu denken, oder nicht? Mir war Luther schon zu Schulpropagandazeiten widerlich. Und je mehr ich von ihm und über ihn lese, desto widerlicher wird er mir. Schlimm ist zudem, daß man es da gestern (wie so oft) mit dem Vorsatz, Staat und Kirche zu trennen, nicht allzu genau nehmen mag. Da haben sie sich wieder, die Mächtigen und die religiösen Führer. In trauter Einhelligkeit. Wie Luther und die Fürsten, wie Kaiser und die katholische Kirche. Eine nie enden wollende, fruchtbare Beziehung zum Leidwesen aller.

    Danke für diese nötige Ergänzung zu meiner Polemik, liebe Susannah Winter! – Übrigens ist es Propagandatrug, wenn behauptet wird, daß Luthers mörderischer Antisemitismus der Epoche geschuldet war. Von den (größeren) Zeitgenossen Erasmus, Münzer und Hutten etwa sind vergleichbar rasende Texte gegen die Juden nicht überliefert. Luther haßte die Juden aus der Tiefe seines Unwesens; niemand erwartete von ihm diese Tiraden, kein Fürst hatte ihn dazu überredet. Die Juden zu vernichten war Luther ein höchstpersönliches, heiliges Anliegen. KS

  4. 4

    Nochmal allerherzlichsten Dank für den Hinweis auf Zimmermann! Der liest sich ja großartig. Und schon in seiner Einleitung kommt er zu etwas, was mir der Kern deutscher Siegergeschichtsschreibung scheint, gerade auch im 20. & 21. Jh.:

    „Dreierlei hauptsächlich hat man meist nicht beachtet, einmal, daß so Vieles, was man dem Bauernkrieg insbesondere zur Last legt, gewöhnlich im Gefolge des Krieges überhaupt, also jedes anderen Krieges, in jener Zeit war; zweitens, daß die Herren es waren, welche das Volk dadurch, daß es das Aeußerste von ihnen zu leiden hatte und durch ihre Treulosigkeit im Fortgange des Kampfes zum Aeußersten trieben; endlich, daß man behutsam lauschen muß, um die zarte Stimme der Wahrheit aus dem übertäubenden Geschrei der Sieger, des mönchischen und aristokratischen Fanatismus, herauszuhören, ein Geschrei, in das nach der Niederlage selbst die der besiegten Partei einstimmten, aus Noth, um durch den Schein gleicher Gesinnung die Verfolgung von sich abzulenken. Wie anders würden die gleichzeitigen Berichte lauten, hätte das Volk gesiegt: sie sprächen wie die Geschichtsbücher der befreiten Schweizer, wie die des freien Englands. So aber, weil das Volk unterlag, ward die Bewegung vielfach verleumdet, das wirklich Großartige daran verschwiegen oder verketzert. Große Dinge und hohe Interessen der Menschheit waren es, welche der Bewegung zu Grunde lagen und in ihr hervortraten.“

    Ich hatte zum Glück noch einen Geschichtslehrer, dem man anmerken konnte, daß sein Augenmerk auf den „großen Dingen und hohen Interessen“ lag. Was sonst so unterrichtet und medial verbreitet wird, ist doch nichts als das „übertäubende Geschrei der Sieger“ (welch grandiose Formulierung!), das so übertäubend ist zu dem Zweck, daß ja keiner mehr die „zarte Stimme der Wahrheit“ hören und so auf die Idee kommen kann, es gäbe etwas jenseits des Marktes. Welch Labsal, eine klare Stimme der Humanität vernehmen zu dürfen wie die Zimmermanns! Ich kann wirklich nicht genug danken für den Hinweis.

    Mehr als gern geschehen! KS

  5. 5

    Noch ein Zitat, eins von Heiner Müller: „Die Bauernkriege waren eine zu frühe Revolution, deswegen konnte das Potential für Jahrhunderte zerschlagen werden, oder, wie Brecht es formuliert hat, der deutsche Nationalcharakter ist damals zermahlen worden. Dann kam der dreißigjährige Krieg, und da ging der Rest kaputt. Denn diese Katastrophen sind ja immer eine negative Selektion: Wer das Maul aufreißt, stirbt als erster. Und übrig bleibt eine geduckte Masse.“
    Was Brecht da mit dem deutschen Nationalcharakter gemeint haben mag, weiß ich nicht so ganz genau, aber Heiner Müller hat sicher recht gehabt. Und Luther ist ganz sicher jemand, der sich um das Ducken der deutschen Massen ein hervorragendes und bleibendes Verdienst erworben hat. Kein Wunder, daß der Mann heutzutage von nahezu allen Medien der nämlichen Massen derart heftig beweihräuchert wird, daß es einem fast schon katholisch zumute werden kann. Und daß die Anweisungen des judenhassenden Wittenberger Thesennaglers für die Beherrschten – kurz gefaßt: immer schön das Maul halten und brav arbeiten gehen! – den Herrschenden auch heute noch allerbestens in den Kram passen, versteht sich von selbst.
    Ein weiteres Zitat aus der deutschen Hölle: „Ein gewisses evangelisches Muckertum ist noch schlimmer als die katholische Kirche“ – das äußerte einst der zweifingerbärtige Teufel selbst, Ende 1941 in seinem ostpreußischen Führerhauptquartier. Womit er durchaus recht hatte. Was der Führer allerdings anzumerken vergaß: daß es nicht zuletzt eben dies Muckertum gewesen war, dass ihm den Weg geebnet hatte zu seinen diversen Hauptquartieren. Denn Leute wie z. B. Martin Niemöller, der angesichts der Verbrechen seiner Landsleute kein Mucker mehr sein mochte – sich also nicht damit zufriedengab, im Angesicht der aufgehenden Hölle mal eben schnell ein Apfelbäumchen zu pflanzen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen –, waren auch bei den deutschen Protestanten eher die Ausnahme.
    Von Martin Luther zu Martin Niemöller führt bestimmt kein gerader Weg, von Martin Luther zu Julius Streicher dagegen schon.

    Die Abneigung Hitlers gegen die Protestanten wurde von deren Kirchenfürsten übrigens nicht erwidert, wie sich auf die Schnelle z. B. in einem Interview mit dem Fachmann Karsten Krampitz nachlesen läßt:
    https://hpd.de/artikel/evangelische-kirche-nationalsozialismus-und-ddr-14735
    Die Quintessenz (für besonders Eilige): „Nationalsozialismus und Protestantismus haben lange Zeit aus demselben Brunnen geschöpft, ihre Kraft gezogen aus der völkisch überladenen Idee von der göttlichen Sendung der Deutschen.“ KS

  6. 6

    Vielen Dank für den Beitrag! Für beide Texte! Luther war mir von jeher höchst unsympathisch. Es gab im November diesen schulfreien Tag,und wir mußten in der Kirche den 91. Psalm singen:’…und wenn es gut war (das Leben),dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.‘ Das kam mir (12 Jahre) schon damals verdächtig vor. Mit meiner ersten selbstverdienten Mark bin ich folgemäßig aus der Kirche ausgetreten. Erich Fromm nennt Luther und Calvin die größten Hasser der Menschheit.
    Das ist jetzt vielleicht etwas off topics,und ich möchte gleich klarstellen, daß ich nicht zu denen gehöre, die Schandtaten mit einer unglücklichen Kindheit entschuldigen. Aber woher kommt Luthers böses, grausames,unberechenbar-launisches und wahrlich furchteinflößendes Gottesbild, das noch in unserer Kindheit nachwirkte und uns mit zentnerschweren Schuldgefühlen belastete? Na,von seinen Eltern,die selbst das Produkt der teutschen Zucht waren. Luther selbst klagte später: „Ich erinnere mich, daß ich einmal wegen einer einzigen Nuß so geschlagen wurde, daß das helle Blut herunter lief.“ (Quelle: Alice Miller)
    Kinder projizieren die in ihnen als Archetyp angelegte Gottesimago auf die allmächtigen Eltern. Erst später gelingt es ihnen, diese Projektion als solche zu erkennen und aufzulösen. (Quelle: C. G. Jung, Erich Neumann)
    Diesem erbarmungslosen Gott Luthers kann man nichts rechtmachen, man ist und bleibt ein zur Hölle verdammter Sünder. Damit kann niemand auf die Dauer leben. Der einzige Ausweg scheint die Projektion des inneren „Sünders“ nach außen, auf den Nachbarn, den Fremden, den Juden, den Künstler, kurz, auf jeden, der irgendwie anders ist. So kommt es zur Sündenbockpsychologie. Diese führte auf geradem Weg nach Ausschwitz. Und sie ist immer noch wirksam, wie man an der erstarkten AfD sehen kann.

    Das ist nicht „off topics“. Es ist der Kern der faulen Frucht. KS

  7. 7

    Nachtrag.
    Die Projektion des sogenannten Bösen passiert unbewußt. Alles, was unbewußt, d. h., abgespalten ist, wird projiziert. Wir haben keine Ahnung, was da abläuft. Wir fühlen uns nur irgendwie besser und wie befreit. Sobald uns diese abgespaltenen Persönlichkeitsanteile bewußt sind, endet die Projektion. Ok, ich bin böse, bin aggressiv, aber ist das wirklich „böse“? Ist dies nicht vielleicht mit unserer Schöpfung mitgewollt? Um zu überleben? Richtig angewandt, zu meinem Schutz, nicht zum Schaden anderer, ist dieses „Böse“ sinnvoll. Das Erkennen und Annehmen des eigenen, sogenannten Bösen führt dazu, daß man keinen Sündenbock mehr braucht. Man braucht den Anderen nicht mehr zu bekämpfen. Man übernimmt selbst die Verantwortung dafür.
    Auch das Armselige, Schwache, Traurige, Kranke, Ångstliche, auf Hilfe Angewiesene in uns muß abgespalten (und deshalb projiziert) werden, weil die Gesellschaft das nicht akzeptiert. Es muß uns doch „gut“ gehen. Also wird auch das Schwache auf den Anderen projiziert. Er wird verachtet, ausgegrenzt und im Extremfall vernichtet. – Sorry, das war vielleicht etwas zu lang und am Thema vorbei.

    Sie müssen sich nicht entschuldigen: Für „Abfall“-Kommentatoren gibt es weder eine Beschränkung in der Länge noch im Ausmaß der Ausschweifung. Die Verantwortung für den Inhalt tragen allein Sie, deshalb kürze ich nichts und zensiere nur, wo das Strafgesetzbuch ins Spiel kommt. KS

  8. 8

    Das protestantische Muckertum konnte sich auch deshalb zur Konkurrenz für die una sancta catholica mausern, weil es für das erstarkende Bürgertum, als religiöser Überbau für die aufkommenden kapitalistischen Schwitzbuden, besser zu gebrauchen war als der nicht ganz so arbeitsgeile Katholizismus. Zwar gings auch bei den Katholischen schon immer auch ums Maulhalten, aber wenigstens „Mühe und Arbeit“ kamen und kommen bei ihnen nicht immer und nicht unbedingt an erster Stelle.
    „Wenn du dein ganzes Leben und Erleben ins Tätigsein verlegst und keinen Raum mehr für die Besinnung vorsiehst, soll ich dich dann loben? Darin lobe ich dich nicht“ und „Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als daß sie dich ziehen“, notierte der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux irgendwann im 12. Jahrhundert in seiner Klosterklause.
    Wobei es dem Hl. Bernhard vermutlich gar nicht gut gepaßt hätte, hätten sich die leibeigenen Bauern in der Umgebung tatsächlich mal ernsthaft Zeit für Besinnung und Entzug genommen statt wie gehabt von früh bis spät brav zu säen und zu ernten. Denn dann wären die Abgaben für seine Abtei wohl weniger hoch ausgefallen. Aber diese Gefahr bestand ja nicht, denn besagte Bauern hatten sicher keine Bücher vom Hl. Bernhard im Schrank. Schränke hatten sie eh keine, glaub ich. Und lesen konnten sie sowieso nicht.
    Jedenfalls hat Karsten Krampitz so recht wie Heiner Müller: Protestantismus und Nazitum haben wenigstens zeitweise wirklich gepasst wie Arsch auf Eimer. Schon allein deswegen, weil beide niemals Zeit für Stillstand resp. Besinnung zulassen konnten: Die deutsche Arbeits- und Vernichtungsmühle – die Vernichtung der von Luther wie von Hitler so gehaßten Juden war ja auch in erster Line vor allem fleißige Arbeit, organisiert im Schichtbetrieb – mußte sich immer weiter und schneller drehen. Stillstand und Besinnung wären ihr Ende gewesen.
    Ganz ähnlich funktioniert die kapitalistische Mühle auch heute noch. Sie darf nicht stillstehen, sie muß sich unaufhörlich drehen, und wer sie oder sich nicht mitdrehen mag oder kann oder darf, der wird gnadenlos aussortiert. Und dies fatale Mahlwerk wird ja nicht etwa von irgendwelchen schwer vermögenden alten Herren in irgendwelchen kryptischen Hinterzimmern am Laufen gehalten, sondern ganz einfach durch die „unsichtbare Hand des Marktes“ oder auch: durch die tief verinnerlichte Angst des prekären Arbeitskraftbesitzers, daß diese seine einzige Ware für den heiligen Verwertungsprozeß nicht mehr gebraucht und er deswegen, der protestantische Gott bewahre, auch vom mindestens ebenso heiligen Konsum ausgeschlossen werden könnte: „So ist also Furcht das Gesetz des Sklaven, an das er gebunden ist, die Begierde das Gesetz des Mietlings, in das er eingezwängt ist und das ihn zieht und lockt.“
    Da hat der nämliche Hl. Bernhard wohl geahnt, wie es uns einst ergehen würde in einer protestantisch geprägten Arbeitswelt, und das schon vor gut 800 Jahren!
    Ich wiederhol mich: Im Allgemeinen sind mir die Katholiken sympathischer als die Protestanten.

    PS.
    Die hübsche Frau Käßmann zum Beispiel mag ich aber immer noch ganz gern, trotz des schwer erträglichen Geschwafels in ihren diversen Nachttischbüchlein für den arbeitsmüden deutschen Durchschnittsmucker. Aber die arme Frau muß sich ja schließlich irgendwie weiterhin ihr Geld verdienen, seit sie keine Bischöfin mehr ist, und immerhin hat sie einst den Mut gehabt, ein ganz unfeldgeistliches „Nichts ist gut in Afghanistan!“ von der Kanzel zu schleudern. Womit sie sich einen Haufen Ärger eingehandelt hat, u. a. von einigen kerndeutschen protestantischen Christen, die ihre gute alte protestantische Freiheit auch am Hindukusch verteidigt sehen wollten.
    Vielleicht hat die Käßmann ja deshalb mit dem Saufen angefangen, damals? Womöglich wollte sie aber einfach auch nur mal wieder zur Besinnung bzw. näher zu ihrem Gott kommen. Wofür ein paar in aller Ruhe genossene Gläschen sicher hilfreicher sind als Mühe und Arbeit. Daß die angeschickerte Frau Bischöfin sich dann aber nicht die Zeit zum Ausnüchtern nehmen wollte, bevor sie mit ihrem dicken Dienstwagen Hannover unsicher machte, das scheint mir allerdings schon wieder ziemlich protestantisch, leider Gottes.

    PPS.
    Und jetzt möchte ich mich wieder mal entschuldigen für meine diversen Abschweifungen und Überflüssigkeiten, vor allem auch für die byzantinische Länge dieses Kommentars. Aber ich bin eben kein Protestant, was heißen soll, ich hab Zeit für sowas. Und es hat mir, wie immer, Spaß gemacht.

    Was die Hauptsache ist. – Zum Arbeitsfetischismus der Protestanten hat der Katholik Egon Friedell ebenfalls etwas anzumerken: „Die Heiligung des irdischen Daseins, die die Reformation vollzog, war in ihrer Art zweifellos eine Befreiungstat; aber sie war doch auch ebensosehr eine Entheiligung, Trivialisierung, Entleerung. […] Und es besteht die Gefahr, daß eine solche Religiosität […] ins Philisterium mündet, zur Lieblingskonfession des Bourgeois wird, der im Namen Gottes und ihm zum Wohlgefallen Kohl baut, Kinder zeugt und Bilanz macht.“ KS

  9. 9

    @ Kai Pichmann:
    Vielen Dank für den schönen Text. Ganz meiner Meinung.
    Nur eines nicht: Meiner Einschätzung nach hat Frau Käßmann nicht „gesoffen“. Sie hatte, wenn ich sie richtig einschätze, ein oder allerhöchstens zwei Gläser zu viel getrunken, was in ihrer damaligen Position natürlich fatal in einer Verkehrskontrolle nebst Bildzeitungsberichterstattung war. Nach einem mutmaßlich fröhlichen Abend scheint mir das hingegen ein ungefährlicher Alkoholkonsum gewesen zu sein. „Gesoffen“ hat die nicht.
    Oder gibt es irgendeinen Bericht, den ich noch nicht kenne, in dem von ihren 3,5 Promille berichtet wurde? So was wird doch eigentlich in den Medien nur über polnische LKW-Fahrer berichtet. Ich bitte um Aufklärung.
    Nichts für ungut,
    Daniel Lüdke

    Mir ist Frau Käßmann angeschickert am liebsten. KS

  10. 10

    @Kai Pichmann
    Auch das Lesen Ihres Beitrags hat Spaß gemacht! Interessant, daß schon der Hl. Bernhard zur Muße geraten hat. Über die Folgen, die das für die Erträge seiner Bauern gehabt hätte, hat er wohl gar nicht nachgedacht, weil seine Gedanken eh nur von den anderen Mönchen seiner Klause gelesen werden konnten. – Die Katholiken sind besser dran, weil sie sich regelmäßig mit der Beichte erleichtern können. Ein paar Vaterunser und der Mafiaboß ist frei von Schuld.
    Über Frau Käßmann habe ich damals gelesen, daß noch jemand anderes mit ihr im Auto saß, für den eine negative Schlagzeile gar nicht gut gewesen wäre. Es handelte sich um einen wichtigen SPD-Politiker.

    Der Typ muß aber ein Riesenarschloch gewesen sein – hält sich selbst aus den Schlagzeilen raus und Käßmann ins Feuer! Paßt – wenn’s stimmt – leider zum Komment der größten der Parteien. KS

  11. 11

    Noch ein Nachtrag zu dem ganzen Protestanten-und-Nazi-Elend: Von Karsten Krampitz habe ich gelernt, daß in der Bekennenden Kirche niemand den Dietrich Bonhoeffer in die Fürbittgebete eingeschlossen hat. Genau: der saß im Knast, und seine frommen Brüder haben nicht mal für ihn gebetet. Der wurde ermordet, und selbst da haben seine frommen Brüder nicht für ihn gebetet. Und heute wird einem das als große antifaschistische Einigkeit verkauft, und dabei mal nebenbei unterschlagen, daß die Bekennenden großteils Nazis waren und der zum „Von guten Mächten wunderbar geborgen“-Heiligen verklärte Bonhoeffer am Schluß den ganzen Verein Kirche am liebsten aufgelöst hätte. War nicht ganz unpraktisch, daß die Nazis ihn umgebracht haben.

    Diese ekelhafte Geschichte spiegelt, finde ich, sehr gut das generelle Verhältnis der Christen zu ihren Heiligen und auch zu ihrem Heiland wider. Der einzige Christ, der je lebte, schreibt Nietzsche irgendwo, starb am Kreuz. Da hatte er weißgott mal recht. KS

  12. 12

    @Daniel Lüdke
    Ich danke sehr fürs Kompliment für mein Geschreibe!
    Was Ihre Bitte um Aufklärung meiner Sicht des Käßmann-Rotwein-Komplexes angeht: Im Allgemeinen sind mir Leute, die die Unerträglichkeit unserer Welt wahrnehmen können und damit stocknüchtern nur schwer klarkommen und sich dieserhalb gelegentlich einen hinter die Binde gießen, sympathischer als Leute, die stocknüchtern den ganzen gottverdammten Scheiß auf dieser Welt einrühren bzw. mitmachen, ohne Pause, Fragen und Bedenken. Ich glaub, es gibt hierzulande wirklich ’ne Menge Leute, die saufen müssen, um überhaupt noch irgendwie mitmachen zu können. Was ja durchaus auch bedeutet, daß die ein Gewissen haben, welches sie betäuben zu müssen meinen. Säufer sind – manchmal – durchaus die bessern Menschen. Bzw. sie könnten es sein, wenn sie sich das Saufen abgewöhnten. Und dann gibt’s natürlich auch noch die Leute, die einfach gern mal einen heben, zur fröhlichen Bewußtseinserweiterung, aus Spaß an der Freude, irdisches Jammertal hin oder her.
    Zu welcher Kategorie von Alkoholgebrauchern die Frau Käßmann gehört, weiß ich natürlich nicht – ich kenn sie ja nicht persönlich –, und das mit dem Saufen hatte ich eigentlich bloß im Spaß gemeint. Aber doch auch ein bißchen ernst, und zwar als Kompliment: Bei der netten Ex-Bischöfin bin ich mir nämlich ziemlich sicher, daß sie was hat, das eventuell zu betäuben wäre: ein Gewissen. Dessen Vorhandensein mir bei einigen anderen prominenten deutschen Protestanten wie z. B. Gauck, Göring-Eckhardt oder, Gott behüte, bei der Merkel bis dato noch nicht aufgefallen ist.
    Also: Protestantisch nüchtern gesehen war es natürlich eine wenig freundliche Unterstellung, oder bestenfalls albern, der Frau K. Abhängigkeit vom Teufel Alkohol nachzusagen. Ich neige leider gelegentlich zu Albernheiten, vor allem nach zwei Gläsern zu viel, ‚tschuldigung! Spätestens ab dreikommafünf im Turm halt ich aber garantiert die Klappe, und meine Tastatur kann ich dann auch nicht mehr erkennen, Gott sei Dank.

    In diesem Zusammenhang ein Glaubensbekenntnis, das in Kirchen eher nicht zu hören ist, es stammt von Hans Albers: „Jeden Tag besoffen ist auch regelmäßig gelebt.“ Wohlsein! KS

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