Empfehlung des Hauses: Klang, Klug-, Klarheit

Wolf_RWW_Nachrichten_aus_der-bewohnten_Welt_(c)_Schöffling_Verlag

(c) Schöffling & Co.

Sollte mich mal einer fragen: „Was haben deine Lieblingsdichter gemeinsam?“ – dann könnte ich wie aus der Pfefferpistole geschossen antworten: Bei allen habe ich den Wunsch, irgendwann genauso schön schreiben zu können wie sie. Den semantischen Geröllhaufen, grammatischen Widerborstigkeiten, stilistischen Fallstricken (Metapher, Metonymie, Masche) ebenso souverän ausweichen zu können. Genauso musikalisch und taktbewußt die Sätze anlegen, ebenso planvoll die Form und den Inhalt in ein fruchtbares Bett legen zu können. Meine drei Heiligen Meister sind (in fremder Sprache) Gustave Flaubert, Vladimir Nabokov und William Shakespeare; die deutscher Zunge heißen Karl Kraus, Arno Schmidt und: Ror Wolf.

Vielleicht bin ich nur deshalb professioneller Autor geworden, weil ich nichts mehr wünsche (von Liebe, Gesundheit und Haupthaar abgesehen) als –: über all meine farbenblinden, verklecksten Pastichen hinweg irgendwann einmal selbst einen Stil dieser Art zu finden.

So viel zu mir. Und so viel mehr zu Ror Wolf! Dessen Stil ich imitiere, seit ich ihn kenne, aber nie würdig. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr Nullzwo brachte die Taz ein Ständchen von mir (Sie können den „Director‘s cut“ des Artikels in diesem Blog nachlesen), das aus nichts als Nachahmereien der originalen Meisterwerke bestand. Der Meister hat sich zu meinen Afterwerken nicht weiter geäußert, er hat nur an einer, blöd=fehlerhaften Stelle sehr zu Recht geschimpft (für den „Director‘s cut“ wurde sie repariert).

Diese Gelassenheit eines erprobten, durch sämtliche Schleifpapiermühlen gedrehten, der Welt vielleicht das vorlaute, aber nicht das letzte Wort lassen wollenden Genies prägt die drei Bücher, die im Band 4 der neuen Wolf-Werke-Ausgabe des Schöffling Verlags versammelt sind. Die vielen, vielen Kurz- und Kürzeststorys, Fragmente, Anekdoten, Novellen und versteckt=autobiographischen Skizzen der – nun als solche klar erkennbaren – Trilogie gehören unbedingt in einen Band, zumal wenn er so vorbildlich gestaltet ist wie dieser. Es fasziniert nicht unerheblich mitanzusehen, wie Wolf ganz neue Möglichkeiten seiner eleganten, fettfreien Prosa ausprobiert und dabei einen Ton anschlägt, der alle Geschichten der Welt tragen könnte. So warm und tröstlich und gleichzeitig ironisch beschreibt Ror Wolf noch die übelsten Vorkommnisse:

Die Verletzungen schmerzten, das Blut tropfte aus meinem Handschuh, ich erschien aber immer wieder, mich höflich verbeugend vor dem rasenden Publikum, während ich längst schon mit dem Gedanken beschäftigt war, eine Kanone zu entwickeln, aus der man mich ohne Umstände leicht wie eine gewaltige Knackwurst herausschießen konnte in Massachusetts oder Vermont.

Man muß diese Texte LAUT lesen, um die Fülle ihres Klangs, die Finesse der Phrasierung vollauf genießen zu können. Man sollte sich außerdem die Mühe machen, in diesen Texten nach Imponierwörtern und verdrechselten Formulierungen zu suchen – um letztlich festzustellen: Hier gibt es keine! Man hätte außerdem, ich versprech‘s!, eine gute Zeit dabei, die vielen Stellen zu markieren, an denen Wolf eine Pointe daraus zieht, keine zu finden. Das Leben – wir können es bei dem großartigen Beobachter und Dokumentaristen Ror Wolf nachlesen – hat nun einmal keinen anderen Sinn als sich selbst. Das ist eine unangenehme, aber auf Dauer hülfreiche Erkenntnis. Wir müssen ja nicht immerzu wissen, warum einer tut, was er tut. Wir sollten ohne ideologische Filter einfach (wenn es denn so einfach wäre …) mal hinsehen –:

Am Freitag um zwanzig Uhr bemerkten Bewohner in Hawkhurst, im Süden der Grafschaft Kent, auf dem Dach ihres Hauses einen Mann mit einer Zigarre im Mund. Niemand wußte, um wen es sich handelt. Das Klima in dieser Gegend ist sehr gesund; das Getreide gedeiht, es gibt auch Baumobst und Hopfenkulturen, Bohnen und Erbsen. Ich weiß, das ist alles nicht Neues, aber das ist es ja eben.

Auch diese Passage bitte LAUT lesen! Dann begreifen Sie, warum Ror Wolf der mächtigste Sprachmagier unserer Zeit ist. Und weshalb ich ihn so gern (obgleich peinlich) nachahme.

Daß in den Aberdutzend Geschichten, die der Editionsband versammelt, sogar noch mehr passiert als eine Lehrstunde des Stils und der Sprache, versteht sich bei der hohen Qualität der Werke-Ausgaben von selbst. Nachrichten aus der bewohnten Welt hat mit Kai U. Jürgens einen ebenso aufmerksamen wie kundigen Herausgeber gefunden: In einem materialgesättigten Nachwort referiert Jürgens die zeitgenössischen Reaktionen auf Wolfs Trilogie mit angenehmer Wertfreiheit und vielen Dechiffrierungshinweisen.

Zusätzlich zur Entdeckungsreise durch des Dichters Kurzprosakosmos bietet der Editionsband eine weitere durch des Autors Biographie: Zu diesem Zweck hat Ror Wolf zwei Literaturpreis-Dankesreden beigesteuert, die nebst mehrerer bisher unveröffentlichter Texte und einem Register für sämtliche in der Werke-Edition erschienenen Prosabände den Anhang bereichern. Man erlebt nicht oft einen Autor so frei von aller Larmoyanz, so fern jeder Illusion, so scharfäugig, witzig und noch in den Unfreundlichkeiten wohltemperiert seine Erfahrungen mit Kulturindustrie und Literaturbetrieb referieren.

Ich werde niemals schreiben können wie Ror Wolf. Aber ich bin schon sehr, sehr froh, ihn lesen zu dürfen. Denn seine Dichtung hilft nach, wenigstens wie Kay Sokolowsky zu schreiben. – Sie, liebes Publikum, sollten sich dieser Freude keinesfalls verschließen! Wenn ich mal so salbungsvoll sein darf. (Aus dem Off: „Ja, geht in Ordnung.“)

Dieser Blogpost hätte bereits gestern erscheinen sollen, mußte aber wegen technischer Probleme (die NICHT beim Provider, sondern AUSSCHLIESSLICH bei mir lagen) um einen Tag verschoben werden. Um das am 1. Januar gegebene Versprechen einer täglichen „Abfall“-Dröhnung halbwegs halten zu können, werde ich so bald wie möglich einen Kalendertag mit zwei Notizen begehen. Auf Facebook und Twitter gibt‘s, der Sensation wegen, dann einen Hinweis. Arrivederci, lettori cari!

Ror Wolf
Werke – Prosa IV
Nachrichten aus der bewohnten Welt
Herausgegeben von Kai U. Jürgens
528 Seiten. Fadenheftung. Leinen. Lesebändchen. Schutzschuber
49 Euro

Abb.: Schöffling Verlag


Dienstag, 27. Januar 2015 23:35
Abteilung: Litterarische Lustbarkeiten, Selbstbespiegelung

Kommentar abgeben (Kommentare unter Moderation - Regeln siehe HIER)