Bleibt erschüttert, widersteht: Piwitt zum 80sten

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Wintermond für HPP

Wieviel ich ihm verdanke, als Leser und als Autor … Was er mir beigebracht hat über die nötige Haltung, im Leben sowohl als auf dem Papier … Welchen Trost ich noch seinen bitteren Notizen abgewinne (hat er sie doch in einer Weise verfaßt, die an Lakonie und tänzerischer Gewandtheit schwerlich zu übertreffen ist) … Und weshalb ich mir viel darauf einbilde, ihn duzen zu dürfen …: Das wäre einen ausgreifenden, für dieses Blog leider zu langen Aufsatz wert.

Hermann Peter Piwitt, der heute 80 Jahre alt wird, ist nicht bloß einer der scharfsinnigsten Chronisten der bundesdeutschen Verhältnisse (etwas Erhellenderes über den Crash sämtlicher 68er-Utopien als Piwitts Roman Die Gärten im März von 1979 wird man in der Hochliteratur kaum finden). Piwitt ist vor allem ein echter Dichter, ein wohlgeratener Sohn seiner schönen Mutter Sprache, und, das kommt auch unter echten Poeten selten vor: eingerader Typ.

Ich verbuche es unter „Doofheit der Epoche“, daß heute abend nicht die ganze Stadt Hamburg illuminiert wird zu Ehren eines Ureinwohners, der diese Stadt, ihre Einwohner und den trockenen Witz, den sie pflegen, so ideal repräsentiert wie seit Arno Schmidt kein anderer Dichter. – Immerhin wird das Literaturhaus Hamburg morgen zu Ehren Hermann Peter Piwitts einen großen Abend veranstalten, mit würdigen Gratulanten wie Hans Christoph Buch und Siegfried Kernen*.

Vor zehn Jahren, zu Hermann Peter Piwitts Siebzigstem, schrieb ich über seine frisch gedruckte Aphorismensammlung Steinzeit eine Rezension, die zugleich eine Geburtstagsadresse war. Weil in diesem alten Text weiterhin jedes Wort stimmt, hänge ich ihn hier an. Und möchte bloß ergänzen: Die Hoffnung, die ich im letzten Absatz äußerte, wurde erfüllt, zum Glück und zur Freude aller, die nicht genug bekommen von den Sätzen und Fugen eines unserer begnadetsten Stilisten. – Ich bin übrigens sehr gespannt auf Piwitts neues Werk, das jubeltermingerecht heuer im Wallstein Verlag erscheint, die Novelle Sommer mit Waschbär.

Ich werde diese Erzählung goutieren, empfehlen und lieben, das weiß ich vorab. Alles weitere wird eine Überraschung, denn die ist zum Glück des Lesers sicher bei einem großen Künstler wie Piwitt.

Sämtliches erdenklich Gute, mit einer tiefen (so gut das bei mir noch geht) Verneigung vor dir – verehrter, unerschütterlicher, unnachahmlicher, unersetzlicher Piwi!

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Ein seltenes Exemplar
Es ist in diesen lähmenden Zeiten nicht der geringste Trost zu wissen, daß es ihn noch gibt, daß er sich trotz den Zumutungen durch die Welt und ihre Insassen nicht hat kleinkriegen lassen. Mit einem Blauwal, der sehr selten noch andere seiner Art antrifft, hat er sich gelegentlich verglichen, und die Metapher stimmt wie alle Metaphern in seinem Werk. Als „vergessenen Dichter“ bezeichnet er sich heute, ohne darüber selbstmitleidig zu werden. Nach Maßstäben des Kulturbetriebs ist er das in der Tat, ein Vergessener. Aber was schert einen dieser Betrieb angesichts großer Kunst!

Hermann Peter Piwitt, Autor solcher Meisterwerke wie Die Gärten im März und Der Granatapfel feiert am 28. Januar seinen 70. Geburtstag. Und wenn dies denn das Greisenalter markieren soll, dann kann man nur hoffen, so jung, so gescheit und so unsentimental zu vergreisen wie dieser große Mann. Er, der neben Ror Wolf bedeutendste Wortkünstler jener Zwischengeneration, die zu jung war, für Hitler in den Krieg zu ziehen, doch schon zu alt, um unberührt von der braunen Barbarei zu bleiben, darf durchaus behaupten, was er in seinem jüngsten Werk, dem weisen, witzigen, wütenden Aphorismen- und Miniaturenbuch Steinzeit. Notate zur Nacht 1989 bis 2002 (Revonnah 2003) vermerkt hat: „Daß fast alles vernünftig blieb, was man schrieb: schönes Gefühl.“

Denn selbst dort, wo es schwerfällt ihm beizupflichten, behält er, der Dichter Piwitt, recht: dank der makellosen Eleganz seines Stils. Zwar verabschiedet der Autor sich in Steinzeit von der Literatur: „Wieder schreiben können, das hieße, fürchte ich, sich zurückbegeben in eine vergangene Phase der Erkenntnis, in der es noch so aussah, als machte sich mit Menschen befassen Sinn.“ Da er es, das Schreiben, jedoch besser kann als fast alle anderen hierzulande, läßt sich, während man ihm, Piwitt, zum Geburtstag nur das Beste wünscht, bloß wünschen, daß er bald schon einem der letzten Blauwale da draußen wieder begegnen möge und darüber die Lust am Singen neu entdeckt. Gewiß, wir hätten das nicht verdient. Aber so ist es ja schon seit der Steinzeit.

[
Zuerst veröffentlicht in: Konkret 1/2005]

* Wir sehen uns!


Mittwoch, 28. Januar 2015 23:51
Abteilung: Litterarische Lustbarkeiten, Selbstbespiegelung

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