Kennzeichen D O : Skepsis

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Ein Ziel des alten demokratischen Sozialismus und Liberalismus ist in Dortmund heute erreicht: die Säkularisierung oder, besser, Dechristianisierung des Orts. Wenn die eindrucksvollste Kirche der Stadt, St. Marien, mitsamt ihren berühmten spätmittelalterlichen Altartafeln des Conrad von Soest an einem Montag geschlossen bleibt – dann hat die Inhaberin der Filiale resigniert vor dem Verschwinden christlicher Transzendenz aus dem Weichbild der Stadt.

Die unmittelbare Nachbarin des Baus, die Kirche St. Reinoldi, ist zu großen Teilen eine neuestzeitliche Replik. Noch vor der Reformationszeit hatte der Bau des Originals begonnen, und er ward erst im Barock vollendet. Es genügte eine Nacht, um dieses Denkmal christlichen Bürgersinns zu pulverisieren. Nach seiner Zertrümmerung durch englische und amerikanische Bomben am 6.iOktober 1944 lag es da wie ein Symbol für den niedergeworfenen deutschen Imperialismus und Mordwahn. Er war ein passendes Symbol, dieser Tempel, und gerecht getroffen.

Einst galt der Reinolditurm seiner Höhe wegen als „Wunder Westfalens“. Bei der Wiedererrichtung schrumpfte er von 112 auf wunderfreie 102 Meter. Vielleicht weil im Glockenwerk nicht mehr so viel Platz gebraucht wurde. Die sogenannte „Kaiserglocke“ mußte jetzt nämlich draußen bleiben. Ihr jedes Gebot des Alten und des Neuen Bundes lästernde Inschrift lautet:

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Falls Sie es nicht entziffern können – auf den Gußstahl von 1917 steht geprägt: „Das Reich muß uns doch bleiben.“ Nicht das Reich Gottes, sondern das des Hohenzollernkaisers. Diese Glocke gehörte zu einem Ensemble von vier Stahlklingeln, die ihre ungleich schöner tönenden Vorgänger mies ersetzten. Deren Bronze wurde für die Fortführung des totalen kaiserlichen Kriegs benötigt. Eine der Bimmeln war übrigens auf den Namen des Militärkonsuls und Massenmörders Paul Hindenburg getauft worden. Sie wurde 1944 völlig zerstört. Auch die „Kaiserglocke“ nahm Schaden:

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Das kopfgroße Loch in der Krone des blasphemischen Instruments zeigt den Dortmundern sehr anschaulich, wie vertrauenswürdig die christlich-lutherische Kirche in Angelegenheit der Welt- und Gewaltlosigkeit ist, wie schnell sie sich gegen ihre Schutzbefohlenen auf die Seite der Mächtigen und Schlächter stellt, und wie wenig Ewigkeit, ja, auch nur Mindesthaltbarkeit ihre Heilsversprechen haben. Gewiß, in der deutschesten Zeit verschanzte sich eine widerständige Gruppe der Bekennenden Kirche hinter den Mauern von St.iReinoldi. Den Fluch der Kriegsglocken konnte sie aber nicht bannen. Die kosmische Justitia entschied, die Zerstörung des Gebäudes nicht zu verhindern.

Der Wiederaufbau der Reinoldikirche von 1950 bis 56 wurde maßgeblich durch Spendengelder finanziert. Das hatte zweifellos mit dem schlechten Gewissen der Bürgerchristen und einer in der totalen Niederlage neu erwachten Furcht vor dem Gott der Bibel zu tun.

Heute hingegen fehlen trotz jahrelanger Kampagne und zahlloser Bettelaktionen immer noch 1,5 an den drei Millionen Euro, die zur Rettung St.iReinoldis vor dem Verfall benötigt werden. Aber für wen soll dieses schlecht kopierte Relikt eigentlich bewahrt werden? Für welche Schafe solch ein Schuppen? Beim Blick in den gewaltigen gotischen Raum – es ist gegen zwei, die Sonne scheint warm herab, die Shopping-Malls und Fußgängerzonen in der Umgebung verzeichnen regen Betrieb – läßt sich nur ein einziger geneigter Kopf sehen:

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Im Glaskasten des Kirchenbüros, an der Basis des Hauptschiffs, wetzt eine Frau hin und her. Sonst kein Betrieb, nicht mal ein dösender Berber. Als ich das einsame Haus verlasse, werfe ich jede Münze bis rauf zu 50 Cent in den Opferstock. Es klimpert hohl, als wäre im Behälter bloß Staub.

Bisher erschienen im großen Reiserepott:
* Kennzeichen D O : Ankunft
* Kennzeichen D O : Geschichte und Gegenwart
* Kennzeichen D O : Glaube

* Kennzeichen D O : Hoffnung

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