Kreatiphe Orthogravie (1): Schotten aus Chile

Schreib! Mich! Falsch!

Schreib! Mich! Falsch!

Von allen Sünden wider die Sprache ist fehlerhafte Rechtschreibung bestimmt die geringste; wenn sie überhaupt eine ist. Im Grunde liegt hier ja bloß ein Verstoß gegen Konventionen vor, die nicht von der Gemeinschaft aller Schreibenden verabschiedet, sondern von ein paar staubköpfigen, aus dem Mund eigentümlich riechenden Germanisten ausgebrütet wurden.

Gewiß vereinfacht es die Verständlichkeit einer schriftlichen Mitteilung, wenn die Wörter, aus denen sie besteht, nicht querbeet gekritzelt, sondern regelhaft gelettert werden. Andererseits ist seit gut 100 Jahren, seit der ebenso geist- wie sinnlosen Abschaffung des thraumschönen „Th“ aus der deutschen Wortschreibung – welche Schreibreform Karl Kraus in seiner „Elegie auf den Tod eines Lautes“ aufs bethörendste geißelte – sowieso klar, daß Sprache und amtlich verordnete Schreibweise so viel miteinander zu tun haben wie Dichtung und Literaturkritik.

Daß z. B. Arno Schmidts Prosa stark an Reiz verlöre, würde sie dem Was-weißt-Duden entsprechend gesetzt, sollte halbwegs bekannt sein. Daß außerdem jene, die im Diktat immer eine 1 kassierten, meistens nicht befähigt sind, einen schönen Satz zu erfinden, ist gleichfalls keine Neuigkeit. Allerdings hat nicht jeder Rechtschreibfehler das Recht, als künstlerische Leistung gewürdigt zu werden. Meistens steckt dahinter leider Scheißegalheit, wenn nicht gar Verachtung der Sprache an sich. Zum Beispiel sind Leute, die in ihren Online-Forenbeiträgen grundsätzlich „ned“ statt „nicht“ tippen, allein daran sofort als Trottel zu erkennen. Auch der Unwille, eines anderen Menschen Namen korrekt zu schreiben, hat nichts mit Witz, sondern allein mit Unhöflichkeit, Faul- sowie Blödheit zu tun.

All jene aber, die ihre Schwierigkeiten mit der Orthographie durch Phantasie und Humor wettmachen, seien gepriesen, und zwar ab jetzt hier von mir! Denn, wahrlich, mancher, der nicht recht schreiben kann, kann es falsch weit schöner. Etwa jener Angestellte im türkischen Supermarkt „Erden“ bei mir um die Ecke, der die Preistafeln am Obst und Gemüse ausfüllen muß. Mandarinen heißen bei ihm grundsätzlich „Mandalinen“ (was einen alten Freund des Mandolinenklangs wie mich immer wieder entzückt), und in eine „Bluttorange“ zu beißen, das hat, finde ich, etwas geradezu Verruchtes.

Neulich hat dieser Marktschreiber sich selbst übertroffen und mir gleich drei Juwelen hingelegt. Und zwar, erstens, die „Grapefuriet“: welch furiose Neudeutung einer Frucht, die sonst sauer aufstößt! Zweitens: Die „Schneidebohnen“, die bestimmt eine scharfe Sache sind und hoffentlich einen besseren Schnitt machen als ihre höchst ähnlichen, aber im Vergleich nichts als grünen Verwandten. Der Sonderpreis jedoch geht, drittens, an die (Tusch!) „Chili-Schotten“. Die zu einem sehr sparsamen Preis auslagen.

Bedauerlicherweise bietet „Erden“ keine Blumen an. Dabei wüßte ich sooo gern, wie mein Tafelschreiber die Prachtpflanzen neubenennen würde, die zur Zeit in unserem Wohnzimmer glühen (s. Photo oben)! An deren korrekter Schreibung dürften vermutlich sogar Leute scheitern, die ein „Portemonnaie“ buchstabieren können. – Deshalb sind nun Sie, liebe Leser, am Zug: Schlagen Sie was Kreatiphes vor für die Amirallye –, äh, Annerille –, hoppla, Amasyphilis … Der schönsten Einsendung spendiere ich – na ja, irgendetwas Nettes. Vielleicht eine Hysterizündenblütte?


Donnerstag, 6. März 2014 1:17
Abteilung: Bored beyond belief, Kreatiphe Orthogravie, Unerhört nichtig

3 Kommentare

  1. 1

    Nun, für „Schneidebohnen“ kann Erden aber nix. Dieses Wort ist anscheinend völlig legal in der deutschen Küchensprache, auch wenn es blöd klingt.
    Siehe hier:
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Salz-Schneidebohnen-01.jpg

  2. 2

    Herrlich!
    Ich hoffe allerdings, der oder die Auszeichner im Erden Markt sind bei Preisen, Angeboten und Nachlässen nicht mit ähnlich kreativer Mathematik unterwegs …

  3. 3

    In der Großen Bergstraße in Hamburg konnte man beim Gemüsehändler Gepfurt kaufen. Seitdem heißt diese Frucht bei mir nur noch so!

    Klingt ja auch ca. zehnmal besser als Pampelmuse. KS

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