Lagerfeuer-Geschichten (1): Allein im Wald



Ich bin als erster im Rabenforst gewesen; und das hat mich gewundert, weil, sonst ist René, der Witzbold, immer der erste, und dann kommen Jakob, der so klasse zeichnet, und Daniel und Sven, die bei uns aber nur Kehlmann-Eins und Kehlmann-Zwei heißen, weil, sie sind Zwillinge und sehen sich total ähnlich, und gleich danach taucht Bernd auf, der wahnsinnig viel essen kann, und dann warten alle schon auf mich, und Bernd schimpft, daß er seine ganze Verpflegung aufgegessen hat wegen der Warterei. Aber letzter bin ich nie, denn als letzter kommt jedesmal Jochen, über den Herr Piepenbrock sagt, er, also Jochen, würde wohl glauben, daß nach ihm die Sintflut kommt. Herr Piepenbrock ist unser Klassenlehrer, aber ich finde ihn gemein, weil, Jochen ist nicht der schnellste, aber er ist ein prima Kumpel, und darum darf er auch in unserer Bande mitmachen, obwohl nach ihm die Sintflut kommt.

Ich hab gedacht, na gut, bin ich diesmal erster, und ich hab gegrinst und mich in unsere Hütte gesetzt. Das ist ein tolles Versteck, das wir aus dicken Ästen und Laub gebaut haben, und da machen wir zusammen Schulaufgaben und spielen und wir haben viel Spaß. Wenn Spaziergänger vorbeilaufen, dann kriegen die gar nicht mit, daß wir da sind, so gut getarnt ist die Hütte, aber weil wir nie richtig still sind, bemerken sie uns doch, aber meistens rufen sie, daß wir uns ja ein tolles Versteck gebaut hätten: „Alle Achtung, wie die Trapper im Indianerland!“ Als ich jetzt allein in der Hütte gesessen hab, hab ich gedacht, daß heute nicht mal ein Indianer die Hütte sehen würde, weil ich ja ganz still gewesen bin, und da hab ich aus dem Eingang geguckt, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Indianer in der Nähe ist. Aber da ist kein Indianer gewesen und auch René und Kehlmann-Eins und Kehlmann-Zwei sind nicht aufgetaucht und Bernd und Jakob genauso wenig, und da hab ich ein ziemlich eigenartiges Gefühl bekommen, weil, jetzt ist es langsam sogar für Jochen zu spät gewesen, und Jochen ist immer der letzte, aber das hab ich ja schon erzählt.

Ich hab mich gefragt, ob ich mich vielleicht im Tag geirrt hab, aber als ich nachgedacht hab, hab ich gewußt, daß der Tag schon stimmt, weil wir uns immer am Mittwoch im Rabenforst treffen, und daß es Mittwoch gewesen ist, das hab ich ganz sicher gewußt, weil Mama Spaghetti mit Tomatensoße gekocht hat, und die kocht sie nur mittwochs, und Spaghetti mit Tomatensoße sind prima!

Ich hab mir die Zeit damit vertrieben, gegen mich selbst Schiffeversenken zu spielen, und das ist auch prima gewesen, weil ich immer gewonnen hab, aber dann ist irgendwann das Papier in meinem Rechenheft alle gewesen und ich hab mich gefragt, wo ich jetzt meine Rechenaufgaben reinschreiben soll, aber das ist eine ziemlich dumme Frage gewesen, weil, inzwischen hab ich kaum noch was erkennen können, nicht mal mein Rechenheft. Ich hab aus der Hütte geguckt, und der Himmel ist ziemlich dunkel gewesen, und mittendrin hat der Mond gestanden, so rund wie das Gesicht von Jochen, und ich hab gewußt, daß ich jetzt nach Hause laufen muß, weil es sonst Ärger gibt. Aber da hab ich diesen Schrei gehört, und da bin ich lieber zurück in die Hütte geschlichen, denn das ist ein Schrei gewesen, den möchte ich nicht noch mal hören!

Ich hab ihn dann aber immer wieder gehört, sechsmal insgesamt, und er hat sich immer schlimmer angehört, je dunkler es geworden ist. Der Schrei hat ein bißchen geklungen wie Papa, wenn er sich mit dem Hammer auf den Finger haut und Mama sieht es und lacht über Papa. Aber eigentlich hat der Schrei zehnmal so fies geklungen, und da wär auch Mama das Lachen vergangen. Ich hab mich in unserer Hütte ganz klein gemacht und so wenig wie möglich geatmet, weil ich gemerkt hab, daß da etwas durch den Wald schleicht und schreit wie verrückt, und das ist kein Spaß mehr!

Kurz darauf hab ich ein Schnüffeln gehört am Eingang unserer Hütte und ein Rascheln und ein Röcheln, und es hat ein bißchen so geklungen wie Herr Piepenbrock, wenn er sauer ist auf Jochen, und ich hab vorsichtshalber den Schulranzen vor meinen Bauch gehalten, aber ganz leise, weil, ich hab nicht gewollt, daß mich einer hört. Dann ist so eine Art Kugel durch den Eingang gerollt und dann noch eine und dann noch zwei, und die klackerten mit einem Geräusch gegeneinander wie Kakaobecher, und ich hab fast geheult, weil ich gemerkt hab, daß ich lieber zu Hause bei Mama gewesen wäre, um einen Kakao zu trinken und danach ins Bett zu gehen. Dann ist es lange Zeit still gewesen, bis plötzlich wieder eine Kugel durch den Eingang gekullert ist, und danach hab ich nur mein Herz gehört, das hat geklopft wie verrückt.

Irgendwann hab ich mich getraut, das Feuerzeug anzuzünden, das Opa mir geschenkt hat, was Mama aber nicht wissen darf, und dann hab ich erkannt, was das für Kugeln gewesen sind. Nämlich die Köpfe von René und Jakob und von Kehlmann-Eins und Kehlmann-Zwei und von Bernd und von Jochen, und sie haben ausgesehen, als hätte man sie mit Mamas Tomatensoße begossen. Und dann hab ich wieder dieses Schnüffeln und Röcheln gehört und es ist immer näher gekommen, und nun hat es in der Hütte auch ganz komisch gerochen, so wie der Hund von unseren Nachbarn, nachdem er im See Stöckchen hinterhergeschwommen ist, aber zehnmal schlimmer.

Und ich hab noch gedacht: Ich krieg bestimmt nie ein BMX-Rad! Weil, Papa hat gesagt, daß ich nur dann ein BMX-Rad krieg, wenn ich in die Vierte komme. Und das wird jetzt wohl nichts mehr.

Erstmals 2007 erschienen in der TAZ.


Samstag, 4. Juli 2020 1:01
Abteilung: Director's Cut, Erzählungen

2 Kommentare

  1. Jean-Gert Nesselbosch
    Montag, 6. Juli 2020 13:37
    1

    Ich liebe die Geschichte. Und meine Kinder auch. Bitte mehr davon !

    Lieber Jean-Gert Nesselbosch, ich fühle mich gerade gebauchpinselt wie seit Äonen nicht – herzlichen Dank! Und ich habe tatsächlich noch mehr davon. Coming soon! KS

  2. Kommerzienrat Wahnschaffe
    Montag, 6. Juli 2020 22:57
    2

    Wenn bloß alle Geschichten, die so am Lagerfeuer erzählt werden, von dieser Qualität wären!
    Es fragt sich natürlich, warum der Erzähler von einem Ereignis berichten kann, das er nicht überlebt hat – und warum er fünf Kugeln hereinrollen sieht, aber dann sechs erkennt. War eine schon dort? Warum hat er sie dann nicht bemerkt, als es noch hell war?

    Lauter gute Fragen … Leider ist da kein Autor mehr, der sie beantworten könnte. Zwinkersmiley! KS

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