Schlz und die Wettquoten



Ein Gastbeitrag von OldFart*

29. Oktober 2019
Okay, okay. Gut weisgesagt. Nostradamus und Pythia können aufs Altenteil und Sie übernehmen deren Job. Möglicherweise sogar bezahlt. Die „Wirtschaftsweisen“ liegen prognostisch eigentlich immer falsch, aber ich wäre überrascht, wenn die keine Kohle für ihre Expertise bekämen. Wofür eigentlich?

Zurück zur SPD-Urwahl: Wenn man alle Stichwahl-Paarungen gleich wahrscheinlich erachtet, wäre die Chance auf einen Tipp ins Blaue, der dann zutrifft, 1 zu 15, gleich 6,7 Prozent. Wenn man einen Part der Stichwahl als gegeben setzt (hier wohl Schlz und Gwtz), hat man beim Tipp ins Blaue hinsichtlich des Stichwahl-Gegenparts schon eine Trefferwahrscheinlichkeit von 1 zu 5, gleich 20 Prozent. Böte Lotto solche Trefferchancen, trüge ich mein Erspartes noch heute zur Lotto-Annahmestelle.

Und wenn ich bereits herumdoziere: Bei einer Gleichverteilung aller Wählerstimmen auf die sechs Wahloptionen bekommt jeder 16,6 Prozent der Stimmen. Die sichtbaren Abweichungen von maximal sechs Prozentpunkten nach oben und unten sind eher schon statistisches Rauschen durch Tagesform bei den Wählern. Ein Plebiszit für jemand oder gar politischer Enthusiasmus sähen deutlich anders aus. Insgesamt sieht man auch die deutliche Ballung um den Scheißegalwert herum mit (gerundet) einmal 16 und zweimal 15 Prozent.

Die tendenzielle Unentschlossenheit der SPD-Mitglieder kann man auch an der abysmalen Wahlbeteiligung von gut 50 Prozent ablesen. Auch anderswo wurde schon ausgiebig beleuchtet, daß sich die beiden „Spitzenteams“ mit etwas über 20 Prozent der abgegebenen Stimmen de facto auf je rund 10 Prozent der Wählerbasis berufen können. Was eine Farce! Ist das noch Apathie oder schon der eingetretene Tod?

Man kann jetzt noch ein bißchen herumphilosophieren, was die Ursache der Wahl-Lethargie der SPD-Basis ist. Ist es geriatrische Unfähigkeit zur eigenen Entscheidung? Überforderung angesichts der sonst üblichen Ein-Kandidaten-Abnickwahlen in der Organisation? Schlicht apolitisches Desinteresse der Kaffeekocher? Mag man darin gar eine bewußte Ablehnung der Parteifunktionäre in toto sehen? Egal, der Laden ist die Kalorien nicht wert, die es bräuchte, um in diese Erörterung Geistesarbeit zu investieren.

Der einzige Lichtblick in dieser Einöde der politischen Trostlosigkeit besteht darin, daß mit dem baldigen Ende dieses Scheißvereins so langsam eine verfügbare Selbstbedienungs- und Karrieremöglichkeit der Upper-Nomenklatura wegfällt.

6. November 2019
Ein Zwischenruf bis zur endgültigen Entscheidung über den Parteivorsitz:

Erinnert sich noch jemand daran, wie selbst die größten Nazi-Täter sich rückblickend so gerierten, als ob sie praktisch im Widerstand gegen die Faschisten waren? Vielleicht auch an die Reinwaschung des Todesurteile aussprechenden Marinerichters und späteren Ministerpräsidenten Filbinger, der durch Herrn Oettinger, nachmaliger Ministerpräsident im „Ländle“, testiert bekam, „kein Nationalsozialist“ gewesen zu sein, sondern „ein Gegner des NS-Regimes“ –?

Schüttelt es uns nicht angesichts dieser Chuzpe? Hat diese Geschichtsklitterung die Karriere des Herrn Oettinger als EU-Funktionär irgendwie behindert?

Nun, ich hatte gerade ein Déjà-vu. Da haut das Bundesverfassungsgericht den politisch Verantwortlichen die strukturell gewollten Hartz-4-Schikanen so weit als verfassungswidrig um die Ohren, wie es möglich ist, ohne aus Gründen der Staatsraison das System als Ganzes zu kippen. Und prompt steigt eine Frau Esken in die Bütt und verkündet via Twitter, daß die SPD das Hartz-4-Regime ja schon seit einiger Zeit „überwinden“ wolle. Ja nee, is klar. Die SPD stand und steht an vorderster Front im Widerstand gegen Hartz 4 und sieht sich durch das Bundesverfassungsgericht darin bestätigt. Mann, ist das eklig.

An der Stelle kann ich dem Herrn des Abfalls leider nur recht geben: Wer sowas von sich gibt, hat, wie die Geschichte zeigt, allerbeste Chancen auf Führungspositionen. Diese Realitätsverweigerung streichelt die Seele und Selbstwahrnehmung der SPD. Der Aufstieg des Teams Borjans/Esken ist nicht mehr aufzuhalten.

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* Der „Abfall“-Autor ist so eitel wie nur je ein Autor. Außer seinen Hausgöttern läßt er ungern irgendwen neben, geschweige über sich gelten. Andererseits ist der „Abfall“-Autor ein Mensch wie Du und Sie, das heißt, bedürftig nach Liebe und Lob, zugleich voller Schwächen und Macken und deshalb sehr dankbar für ein Publikum, das seine Einlassungen komplimentiert oder korrigiert, klug erwidert oder widerlegt, seine halben Gedanken ergänzt oder über das Ganze ins Nachdenken kommt – kurz, für eine Leserschaft, die tatsächlich liest, was er schreibt.

Dergleichen ist nicht so normal, wie es sein sollte; schauen Sie sich bitte die Kommentarspalten an, die unter den Artikeln der Online-Qual.medien, aber auch bei „Telepolis“ stehen, all das unkonzentrierte Gackern und konzentrierte Geifern. Hier jedoch, in diesem kleinen Bezirk der intellektuellen Müllabfuhr, herrscht ein gesitteter Ton, waltet ein Respekt vor dem Inhalt wie in jenen Salons des Rokoko, aus denen einst die Aufklärung … Okay, das ist zu dick aufgetragen. Un peu.

Jedenfalls weiß der „Abfall“-Blogger sehr zu schätzen, daß die Leserinnen und Leser, die er hat, so wenige hundert es auch sein mögen, durch die Bank hell im Kopfe und schnell im Begriffe sind. Unter den circa 1.400 Kommentaren, die „Abfall“-Blogposts bis heute auf sich zogen, war kein Gros idiotisch, befanden sich höchstens drei Dutzend, die besser in der „Achse des Guten“, „Tichys Einblick“ oder einem ähnlichen Abort aufgehoben gewesen wären.

Der „Abfall“ ist, wonach immer er riechen mag, eine drecksackfreie Zone, und das erfüllt den Blogger mehr noch als mit Stolz mit der Kraft weiterzubloggen. Gäbe es dieses kleine feine Publikum nicht, diese Website wäre längst schon einer von zahllosen Weblogzombies, eine weitere Leichenstätte im Internet der Thinge.

Unter den Kommentaren, die dem „Abfall“-Autor Mut zum Weitermachen machen, sind gelegentlich welche, die so brillant sind wie er selbst nur mit Glück, die es einfach nicht verdient haben, in der Spalte unterm Blogpost zu verschwinden. In solchen Fällen fragt der Blogger beim Kommentierer an, ob es ihm oder ihr recht sei, wenn der Kommentar im „Abfall“ prominent erscheine.

Der Kommentator, der sich, angenehm selbstironisch, „OldFart“ nennt und aus guten Gründen seinen echten Namen für sich behalten will, war einverstanden. Und darum steht er nun hier, mit einer blitzgescheiten Beschreibung des sozialdemokratischen Elends sowie einer mathematisch eisenharten Analyse, warum es unmöglich ist, mit einem Wetteinsatz auf Schlz reich zu werden. Beides hätte Sokolowsky nicht mal dann aufschreiben können, wäre es ihm eingefallen.

Manchmal wünscht der Blogger sich ein Massenpublikum. Kurz darauf ist er gottfroh, keine Masse am Hals zu haben. Für die klugen Einlassungen von OldFart sollte es allerdings mehr als ein paar hundert Leser geben. Wenn Sie dabei helfen mögen: Clickbuttons für „asoziale Medien“ (H. L. Gremliza) finden Sie gleich unter diesen Zeilen.

Der „Abfall“-Admin

Photo: „Thomas Rowlandson – The Bookmaker
and his Client outside the Ram Inn,
Newmarket – Google Art Project“,
by Thomas Rowlandson [Public domain],
via Wikimedia commons

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