Schöne Bescherung (fürs Gemüt)

Thomas Küster ist einer der Gäste meines Blogs, die mir regelmäßig das Gefühl geben: Es lohnt sich, trotz allem. Neulich hat Küster ein Jubiläum im Kommentarbereich dieses Blogs begangen. Dafür schenkte ich ihm was:

Sie dürfen im „Abfall“ ein zur dunkelsten Jahreszeit besonders gut passendes Lied empfehlen, möglichst mit ein paar begründenden Worten, möglichst mit YouTube-Link.

Und ein Wunderwerk an Schönheit bekam ich von Thomas Küster retour. Ich habe die Veröffentlichung eigens für Weihnachten aufgehoben, denn dies ist ja die Zeit, um Präsente zu machen, welche die Herzen rühren. Dem klugen Gastautor und seinem feinen Geschmack danke ich sehr und bezaubert; und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, werden es hoffentlich auch tun. Sie müssen sich nur etwas Zeit nehmen, doch davon sollte an Feiertagen ja einiges vorhanden sein (zumal bei diesem Dreckwetter).

Beauty und der schlimme alte Mann
Hilary Hahn spielt Mozart im Vatikan
Von Gastautor Thomas Küster

Der Impuls beim ersten Schwenk von der Bühne ins Publikum, wo der Ratzingerpapst im Mittelgang thront, flankiert von zwei weiteren Hochwürdens: weiterklicken! Es gibt unendlich viele schöne Musik auf YouTube, warum muß ich mich da von einem Ratzinger runterziehen lassen? Doch dann fängt Hilary Hahn zu spielen an; und ich muß zuhören.

Die Musik ist atemberaubend schön; nicht einmal die Präsenz des Horrors namens Kirche in ihrer ganzen Gewalt, repräsentiert durch einen grimmig dreinschauenden deutschen Großinquisitor kann daran etwas ändern (ein Scherzkeks hat in den Kommentaren die Timestamps der Nahaufnahmen seiner „resting bitch faces“ zusammengestellt).

Was denkt, was fühlt dieser Papst beim Zuhören? Er wird ja wohl nicht so gelangweilt sein, wie er dreinschaut? Denkt er ans Abendessen? Denkt er an seine schicken roten Schuhe? Oder wird ihm fromm zu Sinn?

Screenshot YouTube

Und wie kann ich beschreiben, was ich fühle, wenn ich Hilary Hahn zuhöre? Mir wird tatsächlich in gewisser Weise fromm zu Sinn. Ich habe sie zweimal live gesehen, und beide Male hat ihr Spiel mich zutiefst berührt. Wie sagt man das, ohne kitschig zu klingen? Und was ist diese Erfahrung, wenn sich durch Musik (oder andere Schönheit) ein Raum öffnet, der sich tief und richtig anfühlt? Fromme Menschen werden sich wohl von Gott angehaucht fühlen.

Aber für mich ist es das nicht. Vielleicht ist meine Empfindung ähnlich wie Ihre, lieber Kay Sokolowsky, wenn Sie in den Sternenhimmel schauen.*

Da doch Menschen eine solch beglückende Schönheit empfinden können, wie können wir es dann ertragen, in welchem Elend die meisten leben müssen? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Kultur, und alle müssen satt sein und es warm und trocken haben – dann erst werden wir herausfinden, was wir als Menschen eigentlich wirklich zusammen tun können.

Derweil taucht der schlimme alte Mann mal wieder in Großaufnahme auf. Vielleicht regt sich tief drinnen ja auch bei ihm etwas. Nur wird er es wahrscheinlich als Bestätigung nehmen, daß Gott auf ihn lächelt. Na denn Prost.

Und darf ich, als Zugabe, noch was anderes, auch atemberaubend Schönes zeigen? „Sycamore“ von der nicht besonders bekannten Glasgower Band Snowgoose.

Ein hübsch winterliches Video**

 

* Es ist ein und dieselbe Empfindung, denke ich. KS

* Und ein hinreißendes, ein in der Tat atemberaubendes Stück. Grazie di tutto! KS


Sonntag, 25. Dezember 2016 1:51
Abteilung: Adventskalender, Discovery Channel, Musicalische Ergetzungen

8 Kommentare

  1. 1

    Das Violinspiel ist wirklich herzerweichend schön. Ich habe überlegt, warum wohl der Ratzingerpapst derart finstere Miene zum schönen Spiel macht, aber stand nicht Mozart dem Gedankengut der Aufklärung recht nahe? Das kann dem Großinquisitor seiner Natur gemäß nicht gefallen …

    Nicht vergessen: Mozart war Freimaurer. Und ließ keinen Priester ans Sterbebett rufen! Jemand wie Ratze vergißt so was jedenfalls nicht. KS

  2. 2

    Was der Papst beim Hören gedacht hat? Ich weiß es: Er ärgerte sich die ganze Zeit, daß er da so einer alten Frau beim Geigen zuschauen muß, wo doch ein Knabenchor viel schöner gewesen wäre.
    Weiß immer alles:
    Daniel Lüdke

    Und zwar am schönsten ein Knabenchor, den Ratzes Bruder höchstselbst auf Linie prügelte. Weiß sogar noch mehr als Daniel Lüdke: KS

  3. 3

    Das wußte ich schon vorher. Nämlich.

    Hinterher kann das jeder behaupten. KS

  4. 4

    Das grimmige Gesicht des Papstes kann aber nicht von einem etwaigen Groll auf Mozart herrühren, denn den scheint er sich selbst gewünscht zu haben. Steht zumindest in diesem recht vergnüglichen – mir beim Schreiben meines Textchens noch nicht bekannten – Artikel über das Ereignis.
    Entweder war er einfach schlecht gelaunt, er leidet wirklich unterm „Resting bitch face“ oder er ist, gemäß meiner von einem der zahlreichen YouTube-Kommentatoren aufgestellten Lieblingstheorie, ganz einfach ein Sith-Lord.

    Na ja, dafür hat er eigentlich zu wenige geile Moves drauf … Was Großinquisitoren und ihre Psychologie betrifft, empfehle ich das berühmte Kapitel aus Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“. Da lernt man, daß der Inquisitor sich für das, was er bis zur Vernichtung heimsucht, bis zum Exzeß interessiert. – Aber wahrscheinlich handelt es sich im Falle Mozart/Hahn wirklich nur um ein RBF. Ratze hat halt einfach nicht die Klasse für einen Großinquisitor à la Dostojewski. Es reichte bei ihm grad mal für eine der brechreizendsten „Bild“-Totschlagzeilen aller Zeiten. Sowie für den beamtenmäßig vorgezogenen Ruhestand. Diese Flasche! KS

  5. 5

    Hilarys Spiel ist kostbar.
    Auch wenn ich es als abstoßend empfinde, selbst so wie zahllose Youtube-Kommentatoren einen alten Mann mit noch mehr verbalen Steinchen zu beschmeißen, es ist so schön und im Vergleich zum Schmähen von Führern anderer Weltreligionen absolut risikolos.
    Hagen Rether über seiner Heiligkeit Aloisius` Aussehen: „So ein Gesicht kriegt man, wenn man achtzig Jahre die Menschen liebt.“

    Absolut risikolos? ABSOLUT?! Na, da empfehle ich, mal eine Parteiveranstaltung der PiS zu besuchen und dort lauthals auf Papst JP Zwo zu schimpfen. Oder in Altötting Ratze zu beleidigen. Oder in Buenos Aires den Franz. Viel Vergnügen! KS

  6. 6

    Werte*r M. Lund, der arme, wehrlose alte Mann, um den es hier geht, ist immerhin derjenige, welcher in den 1980ern als Leiter der in „Glaubenskongregation“ umbenannten hl. Inquisition die Befreiungstheologie niedergeschlagen und sich so zum Komplizen und ideologischen Zuarbeiter der massenmordenden lateinamerikanischen Diktatoren gemacht hat.

    Und ich wüßte gerne, warum Sie in diesem Zusammenhang andere Weltreligionen erwähnen. Hilary Hahns Auftritt fand nun mal im Vatikan statt. Wenn sich mir eine andere Religion in ein Musikvideo drängelt, werde ich mich mit der befassen.

    Und, lieber Kay, Die Brüder Karamasow sind schon lange auf meiner Wiederleseliste, und hiermit ein Stück nach oben gerutscht. Ein sehr guter Hinweis, doch Du hast wohl recht, daß Ratzinger nicht auf demselben Level unterwegs ist.

    Aber ganz unabhängig von Ratzinger ging es mir vor allem um das Verhältnis von Kunst und Macht. In diesem Zusammenhang nach langer Zeit mal wieder Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe hervorgekramt. Kann man nicht wärmstens genug empfehlen.

    D’accord, in allem. KS

  7. 7

    „D`accord in allem“ verstehe ich als Aufforderung zur Antwort.
    Allerwertester Herr Küster,
    lassen Sie uns also gemeinsam hoffen, daß sich keine andere Weltreligion in ein von Ihnen betrachtetes Mozart-Violinkonzert drängelt. Dank für Ihren interessanten Gastbeitrag und den Video-Hinweis!
    Viele Grüße vom nicht ganz so schlimmen alten
    Herrn Lund.

    Ohne Thomas Küsters Antwort vorwegnehmen zu wollen – ich hätte nichts dagegen, wenn in der Blauen Moschee mal Mozart gespielt würde. Aber darauf kann ich wohl genauso lange warten wie auf die Abschaffung sämtlicher Weltreligionen. KS

  8. 8

    Aaalso, was den Wunsch nach dem Spielen von Mozart in der Blauen Moschee und der Abschaffung der Weltreligionen angeht, gehe ich nun wieder mit Dir, lieber Kay, d’accord. Und, lieber Herr Lund, ich habe auch wirklich kein Problem damit, an passender Stelle meinen Abscheu auszudrücken über, z. B., Mullahs, die Schwule an Baukränen aufhängen lassen. (Ich nehme mal an, daß der Islam die Religion ist, die Sie gerne kritisiert gesehen hätten, oder?)
    Allerdings ging es mir in meinem Text wirklich erst in zweiter Linie um Religionskritik. Ich habe keineswegs ein Video gesucht, an dem es etwas zu mäkeln gab, ich bin einfach so darauf gestoßen. Dann aber bot es sich an, es zum Ausgangspunkt einiger Überlegungen zu machen, die in mir im Untergrund rumoren, wenn ich von Schönheit berührt bin. Es geht dabei um die Frage, ob es möglich ist, über eine „antiautoritäre Spiritualität“ zu sprechen und den Religionen und Kulten das Monopol auf solche Erfahrungen zu entreißen. Das ist alles andere als leicht, finde ich; gibt es überhaupt etwas zwischen dem Dogma institutionalisierter Religion und Esoterik-Kitsch? Da gibt es viel zu erkunden. Und wenn ich nicht seit einer Woche vergrippt wäre, hätte ich schon eher und würde jetzt noch mehr schreiben.

    Auch in der Kürze sehr bedenkenswert, lieber Thomas. Was das Reich zwischen Dogma und Kitsch betrifft: Gewiß gibt es das. Es ist die ästhetische Ekstase, welchselbe sich nie bei Kitsch und erst recht nicht aus Gottesfurcht einstellt. – Gute Besserung wünsche ich! KS

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