Timmi und die Arkonigel (1)

Erstes Kapitel
In dem Timmi mit Konrad verhandelt und einige Störungen passieren

Wie jedermann weiß, können Igel von Geburt an lesen, und sie tun das sehr gern. Sie haben auch viel Zeit dafür, denn mit dem Schreiben tun sie sich schwer. Manche sagen, das liege an der Phantasielosigkeit der Igel, aber das ist eine Lüge und außerdem eine Gemeinheit. Es ist vielmehr so: Igel haben sehr dreckige Pfoten, das kommt von ihrer Jagd auf Würmer und Käfer, und außerdem liegen an den unmöglichsten Stellen Mäuseköttel. Sobald sie etwas niedergeschrieben haben, schämen sie sich gleich, weil überall auf dem Papier Flecken von Graswurzeln und faulem Laub zu sehen sind. Dann knüllen sie den Fetzen schnell zusammen und fressen ihn auf. Igel haben ziemlich oft Bauchschmerzen.

   Warum Igelbabys kaum die Äuglein öffnen und sogleich jeden Buchstaben lesen können – sogar die Hieroglyphen aus China, die aussehen, als würden sich in ihnen weitere geheime Zeichen verstecken, die allein dem Kaiser in Peking und seinen Mandarinen bekannt sind –, weshalb also die stachligen Gesellen ein Naturtalent für Lettern haben, ist nicht bekannt. Die Igel könnten vielleicht was dazu sagen. Aber sie reden eher selten, und wenn doch, dann klingt das wie ein dicker Mann, der mit einem Sonntagsbraten im Bauch auf dem Sofa eingeschlafen ist und bei jedem Atemzug schnorchelt vor Behagen. Mit solchen Geräuschen können Tierforscher nicht viel anfangen. Darum zucken sie etwas beleidigt mit den Achseln, wenn einer sie nach den kleinen Leseratten, Entschuldigung: -igeln fragt.

   Die viele Lektüre wirkt sich nicht immer segensreich aus. Es gibt zum Beispiel Igel, die schwören auf Zeitungen, denn die liegen überall herum. Irgendwann benutzen sie Wörter wie „Vier-Augen-Gespräch“ oder „Eventmovie“, und das finden die anderen Igel so peinlich, daß sie sich gleich zusammenrollen und die Rüstung zeigen, bis der Artgenosse mit dem Zeitungstick endlich das Weite sucht. Er faucht dann häßliche Laute, die klingen wie „Reformstau“ und „Superwahljahr“. Andere Igel verfallen den Werken Arthur Schopenhauers, wieder andere lernen den Werther auswendig. Manche trauen sich sogar an Samuel Beckett. Die Vertreter dieser Fraktion neigen anschließend leider dazu, ihrem von Natur aus kurzen Leben ein noch früheres Ende zu setzen. Sollten eure Eltern euch weismachen wollen, so ein zermatschter Igel auf der Straße sei ein Pechvogel gewesen, zu unvorsichtig und zu langsam für den Verkehr – Mumpitz! Das kommt alles von den falschen Büchern.

   Timmi, ein junger Igel, der in einem sehr vornehmen Vorort von Hamburg zu Hause war, begeisterte sich am meisten für Science-Fiction-Romane. Das hatte er einer Hausmaus namens Konrad zu verdanken, die mit ihm das Villengrundstück teilte. Nachdem es Timmi mehrmals mißlungen war, Konrad aufzufressen, bot er der Maus die Freundschaft an, denn Igel sind recht umgängliche Leute und außerdem gute Verlierer. Konrad selbst hielt nicht viel vom Lesen – Mäuse haben es mehr mit Quantenphysik und Schach – aber er wußte, daß der MANN, der in der Villa wohnte, jede Menge Kartons im Keller einlagerte, die geradezu erdrückend nach Gedrucktem rochen. Eines Nachts, als die beiden sich auf der Suche nach Kellerasseln und ähnlichen Leckerbissen begegneten, kamen sie ins Plaudern, und der Mäuserich berichtete dem Igel beiläufig von den Gebirgen an Buchstaben, die sich da unten verbargen. Timmi spitzte die Öhrchen, bis sie aussahen wie zwei besonders dicke Stacheln, und fragte Konrad, ob er ihm nicht gelegentlich aus einem dieser Kartons etwas mitbringen könne. Man müsse schließlich bescheid wissen, was die MENSCHEN, die um einen herumtrampeln, an Literatur bevorzugen, für den Fall, daß sie zum Kaffee einladen und ein wenig plaudern möchten.

   Konrad wies darauf hin, es sei nicht ganz ungefährlich, in den Keller einzubrechen. Wie also, bitteschön, Timmi ihm diese riskante, ja, halsbrecherische Mission schmackhaft machen wolle? Die Maus übertrieb maßlos, aber weil Igel gutmütig sind wie meine Oma und hoffentlich auch deine, merkte Timmi nichts. Er versprach Konrad eine Belohnung, die sich sehen lassen konnte, und wetzte auf seinen kurzen Beinen so schnell davon, als wäre die FRAU mit dem Rasenmäher am Gange. Kurz darauf kehrte er mit einem Stück Käse zurück, das er eigentlich für einen Besuch Konrads aufgehoben hatte. Doch weil der Mäusefreund gewisse Bedenken trug, sich sozusagen selbst als Nachtisch zu servieren, hatte er bis jetzt jede Einladung zum Abendessen ausgeschlagen. Natürlich hätte Timmi ihm niemals ein Leid zugefügt. Igel sind hervorragende Gastgeber und Timmis Regenwurmfrikadellen genossen einen guten Ruf, der bis zur anderen Straßenseite reichte. Doch eine Hausmaus muß sehr, sie muß außerordentlich mißtrauisch sein, will sie nicht als Ragout in irgendeinem Magen landen. Darum halten Mäuse nicht besonders viel von Benimmratgebern, und aus diesem Grund werden sogenannte „feine Damen“ immer gleich ohnmächtig, wenn sie Mäuse erblicken – so viel schlechtes Benehmen in so wenig Geschöpf können diese Damen einfach nicht ertragen.

   Der Käse, den Timmi angeschleppt hatte, war von Schimmelpilz in allen Farben zwischen grün und blau überzogen. Timmi, nicht gerade pingelig, was Futter betraf, fand, daß der Brocken schlimmer stank als sein Onkel Hannes, und das wollte was heißen, denn Hannes hauste seit Jahr und Tag in einem Biokomposthaufen. Konrad jedoch lief die Spucke im Schnäuzchen zusammen, und sofort huschte er davon, um irgendwas Lesbares aus dem Keller zu holen. Timmi stand derweil Schmiere – das heißt, er versteckte sich unter dem Rhododendron und wühlte sich so tief wie möglich ins alte Laub. Dann schlief er auf der Stelle ein, wie immer, wenn er sich so tief wie möglich in altes Laub gegraben hatte.

Wird fortgesetzt.


Samstag, 9. Juni 2012 13:00
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

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