Timmi und die Arkonigel (3)

Was bisher geschah.

Die Neugier ließ Timmis Stacheln geradezu bibbern. Deshalb war er gar nicht beleidigt, als Konrad – dem gute Manieren, wie gesagt, abgingen – ein „Tschü“ pfiff, die Nagezähne in den Stinkekäse bohrte und mit seinem Festmahl davon-
tippelte. Timmi sagte, kaum höflicher: „Man sieht sich.“ Er sah dem Mäuserich aber nicht mal hinterher, und er hörte auch nicht das Schmatzen und die Laute des Behagens, die bald darauf aus der Matschecke bei der Regentonne ertönten.

   Timmi wollte nichts dringlicher, als mit der Lektüre zu beginnen. Nun fragt ihr euch sicherlich, wie Igel es fertigbringen, in der Dunkelheit zu lesen. Für euch ist das kein Problem: Ihr habt eine Nachttischleuchte und für ganz spät, wenn Mama einen Gutenachtkuß auf die Backe gedrückt und das Licht gelöscht hat, eine Taschenlampe. Aber so ein Igel besitzt ja nicht mal eine Steckdose! Dazu müßt ihr wissen, daß die kleinen Schnief-
nasen im dunkeln viel besser sehen können als wir. Das ist auch gut so, denn im hellen tun ihnen die Augen weh wie unsereins bei Neuschnee in der Antarktis. Und weil es für Igel keine Sonnenbrillen gibt, wachen sie am liebsten bei Nacht und schlafen am Tag.

   Leider sorgt das bei vielen Zeitgenossen für Mißverständnisse. So machen sich fanatische Frühaufsteher wie die Amseln gern lustig über die Igel, nennen sie „Tagediebe“ oder „Schlafmützen“, und das vergiftet die Beziehungen zwischen den beiden Tierarten seit Ewigkeiten. Timmi, der ein wirklich gutmütiger Vertreter seiner Gattung war, bedauerte solche Vorurteile sehr. Seiner Meinung nach sollten Tiere einander nicht verachten, sondern respektieren und in Eintracht zusammenleben. Daß er selbst Mäuse und Insekten fraß, grad wie sie ihm in den Weg kamen, stand zwar in gewissem Widerspruch zu seinen Idealen. Immerhin machte Timmi sich nicht lustig über die Beute, bevor er sie in Stücke riß. Meistens.

   Wo war ich –? Ach ja, hier: Igel können bei Nacht prima sehen und lesen. Ein bißchen Mond- und Sternenlicht reicht ihnen schon aus. Schwierig wird es für sie erst bei Bewölkung. Timmi hatte bis vor kurzem in solchen Nächten seine Lektüre an den Zaun zur Straße geschleppt. Dort stand nämlich eine Laterne, deren bleicher gelber Schein sogar durch die Rotbuchenhecke drang, unter der er es sich beim Lesen gemütlich machte.

   Inzwischen jedoch lebte Timmi in wahrem Luxus. Denn der MANN hatte für den Garten vier Solarlampen angeschafft, und eine davon
stand gleich beim Rhododendron, unter dem Timmi am liebsten auf der Lauer lag beziehungsweise seine Nickerchen hielt. Das Licht dieser Leuchten schien in einem kalten Weißblau und reichte nur ein paar Igellängen weit. Für Timmis Zwecke genügte es allerdings vollauf.

   Vorsichtig nahm er das Heft zwischen die Lippen, um mit seinen Reißzähnen keine Abdrücke zu hinterlassen, und schleifte es zu seiner neuen Lieblingslesestelle. Der laue Nachtwind war aufgefrischt und wischte Wolkenwimpel über den Himmel. Schon vor Stunden war der Mond versunken. Der Mond! Timmi betrachtete noch einmal das Titelbild des Groschenromans und überlegte: Wie waren diese drei Männer dort-
hin gelangt, zu diesem unvorstellbar fernen Ort? Und mit wem hatte man „nie gerechnet“? Wieder pulsierten seine Igelstacheln erregt. Timmi schnaufte und schlug die erste Seite auf.

   Vieles verstand er nicht sofort, aber das meiste konnte er sich zusammenreimen, denn er war nicht nur ein belesener, sondern auch ein aufmerksamer Igel. So kam ihm jetzt beispielsweise zugute, daß er gelegentlich ein Schwätzchen mit den Tauben hielt, die drüben auf dem Gelände der Militärakademie zu Hause waren. Sie hatten ihm mancherlei berichtet über Offizierstitel, Rangordnung und ähnlichen Zinnober und fanden es spaßig, einander mit „Herr Oberst“ oder „Mon Général“ anzugurren. Tauben sind, zu Recht, für ihren Humor nicht so berühmt.

   Timmi wußte jedenfalls gleich, warum Perry Rhodan der Chef war und die drei anderen Helden ihm gehorchen mußten. Denn Rhodan war ein Major und sie waren bloß Captains und Lieutenant, und das ist ein Unterschied wie zwischen Schuldirektor und Klassenlehrer. Major Rhodan kommandierte den ersten Flug zum Mond mit einer Rakete namens „Stardust“, und seine Kollegen – Captain Reginald Bull, den alle „Bully“ nannten, Captain Clark G. Flipper und Lieutenant Eric Manoli – halfen ihm bei der gefährlichen Reise. Der Weltraum ist nämlich gar nicht so leer, wie man gemeinhin glaubt, sondern voll mit tödlichen Strahlen und Stein-
brocken, die wie Gewehrkugeln dahinrasen. Und wenn irgendwas schief-
lief, dann würden die vier Astronauten schneller zugrunde gehen als die Dahlie hinter dem Rosenstrauch, die neulich von den Nacktschnecken entdeckt worden war.

   Die „Stardust“ erreichte ihr Ziel zum Glück ohne Schaden. Doch kurz vor der Landung unterbrach ein Störsignal die Funkverbindung zur Erde. Nur dank Perrys phantastischer Reaktionsschnelligkeit – die ihm den etwas dämlichen Spitznamen „Sofortumschalter“ eingebrockt hatte – konnte das Raumschiff heil auf der schrundigen Oberfläche des Mondes aufsetzen.

   Timmi war kurz davor zu erfahren, welche mysteriösen Mächte hinter der Störung steckten, als sich der Amselmann aus seiner Eiche mit einer Girlande schriller Töne meldete. Der Morgen dämmerte auf, und der Igel schaute verzweifelt hoch zum Wimpelwolkenhimmel: Konnte der nicht finster bleiben? Wenigstens heute? Zum ersten Mal in seinem Leben haderte Timmi mit den Naturgesetzen, und er wünschte sich zu Perry und seinen Kameraden auf die dunkle Seite des Mondes.

Wird fortgesetzt.


Dienstag, 26. Juni 2012 18:01
Abteilung: Erzählungen, Timmi und die Arkonigel

2 Kommentare

  1. 1

    Herrlich! Timmi dürfte auch gerne in meinem Garten wohnen. Ich bin gespannt, wie die Geschichte weiter geht!

  2. 2

    Sehr schön und anrührend. Hat mir heute meinen Arbeitstag versüßt und ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert.
    Bin gespannt auf die Fortsetzung …

    Die kommt schon heute nachmittag. Darin geht es unter anderem um ein großes Geheimnis und ein Paar alter Socken.

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