Twesten, ein Nachschlag

Screenshot „Tagesschau“, 10.8.2017, 20.15 Uhr

Daß mir das noch passiert …! Ich guck fern und freue mich über eine Grüne! Nämlich über Anja Piel, die Vorsitzende ihrer Fraktion im niedersächsischen Landtag. Beim großen Hauenundstechen am Wasserloch zückt nun auch Elke Twestens langjährige, haha: Vertraute die Klauen. Piel kommt ab 1 Minute 25 zur Sache:

Das Verhalten der Abgeordneten sei zwar legal, aber moralisch verwerflich. In einem Gastkommentar für eine Zeitung habe Twesten noch im Juni über die Grünen geschrieben, Zitat: „Nie waren diese Ziele wichtiger als jetzt, keine andere Partei wird momentan so sehr gebraucht wie die Grünen.“

Am Ausgraben der dreisten Lüge einer Bonzokratin tat Anja Piel besser, als ihr lieb sein darf. Denn selbstverständlich sind heute alle Grünen so wie Twesten – postengeil, gewissensliberal, pensionsorientiert, weil „bürgerlich grundstrukturiert“.

Man muß also nur nachlesen, was Grüne vor zwei Monaten sabbelten, um zu wissen, was sie heute schon wieder vergessen haben. Wie normal das Intrigieren, Ämterschachern, Selbstfixieren schon seit langem bei den Grünen ist, erläutert ein Artikel, den Zeit online am 8. August veröffentlichte:

Als zu Beginn der Legislaturperiode 2013 die Posten in der Landtagsfraktion verteilt wurden, soll Twesten in einer Fraktionssitzung sinngemäß gesagt haben: „Ich habe auch ein Angebot von der CDU-Fraktion.“
Die Abgeordnete wollte damit offenbar ihre Verhandlungsposition stärken. […] „Ohne ihre Drohung hätte sie das Amt sicher nicht bekommen“, sagt ein Insider […].

Seit es ein Bürgertum gibt, bietet es die zugleich peinlichsten und ergötzlichsten Szenen dort, wo die gesellschaftlich etwas aufgestiegenen Vertreter sich ihren Platz am Topf erkämpfen und nicht mehr lassen wollen. Wenn Elke Twesten vom lieben Gott nicht so dürftig mit Intelligenz bedacht worden wäre, hätte ihre Geschichte das Zeug zu einem deutschen „House of Cards“. Nun reicht es bloß für eine Nuttiz aus der Provinz und die frivolste Behauptung, seit Andy Grote das G20-Fest als „Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ ankündigte.

Twesten, die sich für nichts schämt außer, vielleicht, die Durchsichtigkeit ihrer Motive, agiert wie alle Politmitesser und hält die Wahrheit für ähnlich flexibel wie den Auftrag des Wählers. Sie geht davon aus, daß das Stimmvieh keine Ahnung hat, warum es sein Kreuz malt. Und, scheiß die Wand an! – wahrscheinlich behält sie recht:

Sie habe sich nicht kaufen lassen, es habe auch kein Angebot der CDU gegeben, betont Twesten. „Es bleibt dabei: Mein Austritt bei den Grünen ist inhaltlich begründet, der Entscheidung ist ein langanhaltender Entfremdungsprozess vorausgegangen“, schreibt Twesten in ihrem Facebook-Profil.
NDR.de, 8.8.2017

Es ist das Zeichen der Zeit, daß eine Figur wie Twesten in Facebook immer noch ein Profil hat. Es zeigt die Kontur des Systems.

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Donnerstag, 10. August 2017 23:05
Abteilung: Kaputtalismus

3 Kommentare

  1. 1

    Das Schweinesystem tut, was es per se tun muß: Schweine hervorbringen. Andererseits sind’s natürlich die an den Trog drängenden Schweine selbst, welche dem System Inhalt und Kontur geben.
    Hier von einem Teufelskreis zu reden läge nahe, beleidigte allerdings den vergleichsweise ehrbaren Beelzebub. Wär der Begriff nicht schon anders konnotiert, fänd ich „Schweinezyklus“ eigentlich ganz angemessen. Und entschuldige mich gleich dafür, wie auch fürs „Schweinesystem“. Denn die durchaus charaktervollen Tiere haben solch schnöden Mißbrauch ihres Namens wirklich nicht verdient. Ihr Gegrunze ist jedenfalls ehrlicher als jedes Wort, das der durchschnittlich charakterlose Koofmich – für diesen sprechenden Begriff kennt die Mundart leider keine feminine Form – vom hiesigen Politiker*innen-Strich so von sich gibt, in freudiger Erwartung des nächsten Kunden bzw. der nächsten Fütterung.
    Pfui Teufel, oder besser: Twesten!

    Kein Schwein wählt grün; hoffentlich. KS

  2. 2

    Hoffentlich! Und hoffentlich interessiert sich auch sonst sehr bald kein Schwein mehr für die Grünen, es sei denn in zeitgeschichtlicher Hinsicht. Zukünftigen Politologen oder Historikern, die ihren Doktor machen wollen, schenk ich dieserhalb schon mal ein paar spannende Titel für ihre Dissertationen. Als da wären:
    „Wilkommen im Bioladen: Wie sich die Grünen ihre Ideale abkaufen ließen und welchen Preis sie dafür zahlten“ oder „Die grüne Revolution erbricht ihre Kinder. Vom absehbaren Suizid einer politischen Bewegung“ oder „Bequem im System. Vom Marsch durch die Institutionen zum Arschloch im Parlament“ oder „They laugh a lot behind the green door: Von der grünen Alternative zum schwarzgrünen Treppenwitz“ oder „Vom grünen Charakter zur toten Maske: Wie es von Jutta Ditfurth zu Elke Twesten kam“.
    Ich könnte ewig so weitermachen, aber ich hör jetzt besser auf. Die ganze Geschichte ist ja auch viel eher deprimierend als komisch.

    Ich finde Deine Buchtitel komisch, gar nicht deprimierend. Mach nur so weiter! KS

  3. 3

    @ Kai Pichmann:
    Ich kenne mich ja nicht aus, aber das mundartliche „Koofmich“ scheint mir Imperativ zu sein, oder daraus abgeleitet. Imperativ scheint mir nicht geschlechtsgebunden zu sein.
    Je nach Zusammenhang also der „Koofmich“ oder die „Koofmich“.
    Ganz ohne feminine Form.
    Oder etwa doch nicht?

    Der „Koofmich“ (als Term) ist kein Imperativ, sondern ein dialektales (Großraum Berlin) Substantiv. Karl Kraus z. B. hat sich das Kunstwort bei den sonst nicht so geschätzten Kollegen der „Weltbühne“ (s. Tucholsky) ausgeliehen, um die speziell deutsche Variante des gewissenlosen Kapitalisten zu bezeichnen. – Daher: etwa doch nicht. KS

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