Zur Lage im Mai

Buchfink_am_Wegrand_(c)_Kay_Sokolowsky


Man hat ja so viel zu sagen
so viel zu sagen zu melden
Man steckt so voll mit Wörtern und Worten
mit Bildern so nett und mit Witzen aha
Man denkt so tief oder krumm vielleicht schräg
so um sich rum um Kragen und Kopf

Und dann sitzt man so da mit den Gedanken
mit den Witzen den Bildern den Wörtern den Worten
Man sitzt oder kauert so da und man sucht
nach Ecken gut zum Verstecken
Vor den Sätzen den langen den kurzen vorm Setzen
vor der Not des Notats

Man sitzt ziemlich viel und man liest ziemlich viel
so wie man denkt – durcheinander
Man weiß aber nicht was das soll dieses Sitzen
und dies Lesen dies Denken was soll‘s
Man weiß es nicht weiß nichts weiß rein nichts
ohne Pause

Man merkt einen Klumpen ein dumpfes Gelumpe
aus halben Ideen
Man spürt einen Druck zwischen Herz und
man weiß nicht der Leber
Man will reden und singen und der Mund
geht immer nur zu immerzu

Das ist im Mai die Lage im Kopf und im Mund
und auch sonst
Es gärt und es sprudelt versickert
so fort
Die Welt ist ein Traum ist ein Wort
aus der Welt
Und man ist auf der Welt
nicht von dieser

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Montag, 30. Mai 2016 22:12
Abteilung: Lieder ohne Werte, Selbstbespiegelung

5 Kommentare

  1. 1

    Grad geht ein lauer Wind über den Saronischen Golf. Das Meer ganz glasklarblau von vorn bis hinten. Ein bißchen weiter südlich ersaufen sie drin, wie gehabt. Unten auf der Hotelterrasse gibt’s bunte Cocktails.
    Selbst wenn man mehr Worte dafür hat: Wozu sie aufschreiben? Wer will’s noch und noch lesen, das Zeug? Oder drüber nachdenken? Und sitzend lesend schreibend tatenlos frag ich mich also auch: Was soll’s? Denn die Lage im Juni, die wird ja wohl nicht anders sein als die im Mai. Es sei denn.

    PS. Der Seeigel, auf den ich vorhin beim Schwimmen fast draufgetreten wäre, existiert als Gattung eine gute halbe Milliarde Jahre. Diese Gattung sitzt auch ziemlich viel rum, denkt aber vermutlich nur ganz wenig bzw. wenn überhaupt, dann ganz bestimmt nicht durcheinander, und lesen tut sie überhaupt nicht. Deshalb hat sie’s wahrscheinlich solange auf diesem Planeten ausgehalten. Ein Seeigel möchte ich aber trotzdem nicht sein. Die Einheimischen reißen ihn auseinander, um an seine Eier zu kommen. Und dann machen sie eine Vorspeise draus.

    U. a. deshalb bin ich immer wieder so stolz auf unsere Spezies. – Danke für Deinen verständigen Kommentar, lieber Kai! KS

  2. 2

    Die Welt ist ein Traum ist ein Wort / aus der Welt // Alles flieht / wenn es zieht / in die andre / die kommt / wenn wir gehen.

    Sie sind mir aber auch kein großer Optimist. KS

  3. 3

    Versuchen Sie mal die optimistische Lesart, die „geht“ auch, wenn man will.

    Also bitte – ich laß mir doch vom Dichter nicht sagen, wie ich ihn zu verstehen habe! Peace: KS

  4. 4

    Peace back: Ich wollte nur den mimetischen Möglichkeitsraum weitmachen, statt mich hermeneutisch eingezirkelt zu sehen (und lerne gerade Kultursprech von den Volksbühnenbesetzer*innen).

    „Mimetischer Möglichkeitsraum“ – das klingt wie „Erneuerung der SPD in der Opposition“. KS

  5. 5

    „Erneuerung der SPD“ – das klingt wie „linker Flügel der SPD“.
    Aber da fliegt nichts, da fliegt niemand, man kraucht weiter.

    Der ist gut! KS

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