Archiv für die Abteilung 'Qualitätsjournalismus'

Der schreckliche Iwan (12): Null und nichtig

Samstag, 7. Februar 2015 23:00

640px-Division_durch_Null_Aufmacher_(c)_XenonX3Die „51. Münchener Sicherheitskonferenz“ (MSC) ist erst Sonntagabend vorbei, aber niemand muß bis zu ihrem Ende warten, um zu wissen, welche Botschaft sie in die Welt senden soll: Frieden schaffen mit Bergen von Waffen. Der Vorsitzende der MSC, Wolfgang Ischinger, hat mit seinem Adlatus Tobias Bunde bereits am Freitag für die Frankfurter Allgemeine aufgeschrieben, was nötig sei, um den Bürgerkrieg* in der Ukraine zu beenden:

Wer jetzt eine diplomatische Lösung (…) will, muß das Kalkül der Separatisten und ihrer russischen Unterstützer verändern. Die Vorschläge einer amerikanischen Expertengruppe zielen genau darauf ab. Sie wollen Kiew die Möglichkeit geben, sich selbst zu verteidigen, keine neuen Offensiven ermöglichen.
Dazu brauche die ukrainische Armee unter anderem moderne Kommunikationssysteme, Panzerabwehrwaffen, Drohnen und Radarsysteme.“

Der feine Herr Poroschenko hat diesen Etikettenschwindel – es gibt keine Waffen, die ausschließlich defensiv gebraucht werden können – dankbar übernommen. Bei seinem Auftritt vor der MSC** forderte der Schokoladenoligarch „erneut Waffenlieferungen aus dem Westen. ‚Wir sind eine souveräne Nation, wir haben das Recht, uns zu verteidigen‘, sagte Poroschenko. Es gehe nicht um tödliche Waffen, sondern um Waffen zur Verteidigung.“ (Spiegel online)

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Der schreckliche Iwan (11): Nun brich los!

Samstag, 31. Januar 2015 22:33

So frei, so ergreifend bürgernah ist die Ukraine seit der Vertreibung Janukowitschs:

Die Ukraine will die Ausreisebedingungen für wehrpflichtige Männer verschärfen. Grund ist die Flucht zahlreicher Ukrainer vor einer Mobilmachung. (…) Insgesamt könnten in diesem Jahr bis zu 100.000 Ukrainer mobilisiert werden. Poroschenko will dadurch die Truppen in der Ostukraine verstärken. Seitdem flohen viele Einberufene in benachbarte EU-Staaten oder nach Rußland.

Die Begeisterung für die neue, befreite Politik (alles für den Krieg, nichts für die Leidenden) könnte größer nicht sein:

Im nordwestlichen Bezirk Wolhynien sei der Anteil der Wehrdienstverweigerer aus religiösen Gründen von 0,7 auf 17 Prozent der Wehrpflichtigen gestiegen. Es gebe Dörfer im Bezirk Iwano-Frankiwsk, wo die Bewohner gemeinsam zwei Busse gemietet hätten, um die potentiell wehrpflichtigen Männer nach Rußland zu bringen; in einem Ort an der ungarischen Grenze hätten von gut 100 Wehrpflichtigen nur drei überhaupt den Befehl, sich zur Musterung einzufinden, entgegengenommen. (…)

Wer genug Geld hatte, konnte sich eine Untauglichkeitsbescheinigung kaufen (…) nach dem örtlichen Lohnniveau gestaffelt von 800 US-Dollar im Bezirk Ternopil bis zu gut 3.000 Dollar im reicheren Kiew. Die Reaktion der neuen Machthaber auf diese Zustände ist bezeichnend. Sie wollen die Möglichkeit, sich freizukaufen, gesetzlich regeln (…). Ein dem ukrainischen Parlament vorgelegter Gesetzentwurf sieht vor, die Freikaufsumme mindestens auf den Jahressold eines Berufssoldaten anzuheben.

 

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Der Prophet im Medienbordell

Sonntag, 11. Januar 2015 12:40

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Bröckers-Hirn, Detailausschnitt (Symbolphoto)

Der Journalist Mathias Bröckers hat zwei Berufungen. Die eine, schon etwas ältere, gilt der Legalisierung von Hanf und dessen Nebenprodukten. Die andere hat ihn vor knapp fünf Jahren ereilt, nach den Anschlägen des 11.September: Seitdem ist Bröckers der erfolgreichste Verschwörungsphantast Deutschlands. Unermüdlich, leidenschaftlich, selbstgewiß wie nur je ein Prophet behauptet er, Al-Qaida sei eine Erfindung der amerikanischen Geheimdienste, Osama bin Laden ein Strohmann der CIA, die US-Regierung eine moderne Version der Nazidiktatur, außerdem seien die Mordpiloten bestimmt nicht die wahren Attentäter, und alle Medien, die etwas anderes erzählen, gehörten zu einem gewaltigen Manipulationskartell. Nach zwei Büchern zum Thema, die bei Zweitausendeins erschienen und einige hunderttausend Male verkauft worden sind, hat sich Bröckers im September 2004 von seinem dankbaren Verlag einen ordentlichen Batzen Serverkapazität spendieren lassen, um „die Lunte der Aufklärung“, wie er das nennt, fortan in einem „Writer’s Blog“ kokeln zu lassen.

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Warum Twitter unentbehrlich ist

Dienstag, 6. Januar 2015 22:45

Twitter-Mail_06-01-15_(c)_Kay_Sokolowsky

Aus einer Twitter-E-Mail-Benachrichtigung vom 6.1.2014, 9.05 Uhr

 

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Der schreckliche Iwan (10): Wahnfried

Freitag, 2. Januar 2015 23:42

Spiegel online schreibt heute über einen Fackelmarsch Kiewer Nazis zum Gedenken an den Hitlerfreund und Massenmörder Stepan Bandera: „Einige Tausend Anhänger rechter Parteien hatten am Donnerstag an dem umstrittenen Fackelzug in Kiew teilgenommen. Dabei war es auch zu einem Übergriff auf Journalisten des russischen Online-Senders Lifenews gekommen.“

Solche massenhaften Nazi-Kundgebungen mit anschließenden Hexenjagden sind in der Post-Maidan-Ukraine zwar seit Februar 2014 die Regel. Aber es ist eine große Ausnahme, wenn deutsche Massenmedien davon einmal Notiz nehmen. Damit das Ausscheren aus der Einheizfront nicht auffällt, biegt der zuständige Spon-Redaktör die Sache so hin, daß wir Lesertrottel sie nicht zu sehr, das heißt, auf die Art Ernst nehmen, wie sie es seiner Meinung nach verdient hat, und untertitelt: „Rußland wähnt Ukraine ‚auf den Spuren der Nazis‘“.

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Der schreckliche Iwan (9): Alice im Zunderland

Samstag, 25. Oktober 2014 16:52

Am 24. Oktober erklärte Alice Bota den Lesern von „Zeit online“, warum die vielen Nazis in und um Kiew halb so wild, nämlich „Patrioten“ sind und diese Lumpen, wenn ihnen doch mal der rechte Arm eregiert, sowieso auf Putins Konto gehen. Weil Dummheit und Ignoranz nie ohne stilistische Stümperei auskommen, beendet die Qualitätsjournalistin ihr Stück mit der widerlichsten Metapher, die in diesem Kontext denkbar ist:

Zeit_online_24-10-14

Brennt – wie die Menschen im Gewerkschaftshaus von Odessa und Tausende „Pro-Russen“ in der Ostukraine.

Alice Bota dürfte mit diesem Musterstück eines Dreckstextes zur Spitzenanwärterin für den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2015 avancieren. Mit der Redlichkeit, Objektivität, Courage und Unbestechlichkeit der diesjährigen Preisträgerin Golineh Atai kann Bota es zweifellos aufnehmen. Jetzt muß sie bloß noch bei irgendeinem Staatssender anheuern. Aber mit diesem Empfehlungsschreiben sollte das gar kein Problem sein.

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Veg(an)etarier, merket auf!

Dienstag, 22. Juli 2014 0:09

So, das muß jetzt schnell gehen, denn im Keller war ein Wassereinbruch zu bekämpfen (wir haben knapp gewonnen), die Wohnung will einfach nicht abkühlen (das Bier auch nicht), und bald wird der Wecker (die Mistsau) schon wieder biebiebiepen.

Einen ordentlichen Alarm veranstaltete heute auch der Online-Tagesspiegel, und zwar mit der haarsträubendsten (haareststräubenden?) Horror-Headline dieses Sommers:

Rohkost_Hackfleisch_(c)_Tagesspiegel_21-07-14


Liest man das Interview unter der Erschlagzeile, wird rasch klar, daß sie der blanke Blödsinn ist; zweifellos der Skandal-, Hysterie- sowie Verdoofungsgeilheit unserer QualitätsjournalistInnen (in diesem Fall: Nantke Garrelts) geschuldet. – Aber, zugegeben, die Headline klingt gut!

Und schließt einen karmischen (womöglich kaukasischen?) Kreis mit dem (bislang) komischsten Roman des 21. Jahrhunderts, Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse.

(Sollten Sie sich über die unverhältnismäßig vielen Klammern in diesem kurzen Text wundern … Neben allem anderen Ärger hab ich heute abend Wäsche abgehängt.)

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Frank Schirrmacher: Das könnte bleiben

Donnerstag, 12. Juni 2014 23:44

Der Tod des FAZ-Feuilletonchefs und -Mitherausgebers Frank Schirrmacher ist bedauerlich wie jeder Tod, und auch sonst besteht gewiß kein Grund zur Freude, daß dieser umtriebige Mann uns plötzlich entrückt ist.

Er war ein Schmock in jeder Faser seines Wesens, ein Meinungs- und Deinungsmacher von Geburt, ein Mann, dem noch so viel Kritik begegnen mochte – er dachte gar nicht daran, daraus zu lernen. Irgendwie imponiert mir solch ignorantes Verhalten – so wie mir damals, mit zehn, im Freibad die etwas älteren Jungs Eindruck verschafften, die vom Fünferbrett Arschbomben vorführten.

Ich bedauere aufrichtig, diesen quirligen Herrn Schirrmacher niemals persönlich kennengelernt zu haben. Ich glaube, daß wir uns leibhaftig richtig interessant ins Gewölle gekommen wären. Und ich halte es für eine metaphysische Frechheit, daß der bestimmt nicht dumme Herr Schirrmacher in einem Alter abtreten mußte, das bei echten Blödbratzen (Leni Riefenstahl, Helmut Schmidt) erst ein Startsignal für die zweite Karriere war. Schade um den Kollegen. Beileid den Hinterbliebenen.

Mein Respekt vor dem Verblichenen soll Ausdruck finden durch die Wiederveröffentlichung einer Parodie, die ich 2006 für die „Wahrheit“-Seite der Taz verfaßte. Sie paßt gruselig gut zum wirklich nicht lustigen Anlaß. (Meine Richtschnur fürs Schreiben von Parodien besteht seit 30 Jahren darin, daß der Parodierte kein kompletter Idiot sein darf, daß er satisfaktionsfähig sein muß. Schirrmacher konnte sich brillant aus jeder Bredouille flunkern. Auch deshalb werde ich ihn vermissen.)
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