Hey lieber Mann!


Vorbemerkung: Ich bin 54 Jahre alt. Ich bin glücklich verheiratet. Ich habe seit langer Zeit nicht mehr nach intimen Bekanntschaften gesucht, und ich suche weiterhin keine. Dennoch erreichen mich per E-Mail jeden Tag Avancen blutjunger, bildschöner Frauen, die teils in Osteuropa, teils in Ostasien zuhause sind und sich, ich weiß nicht warum, brennend für mich interessieren.

Ich könnte das schmeichelhaft finden. Ich fühlte mich geschmeichelt, hätte ich den IQ eines Rainer Brüderle oder Joseph Fischer, aber auf deren Niveau sink ich erst nach 15 Halben herab bzw. als klinisch Toter. Darum ordne ich solche verlockenden E-Mails unter „Spam“ weg. Ich kann mich dabei eines Fluchs auf die Dummheit der „Spammer“, aber auch auf die Idiotie der Kerle, die solchen Schwachsinn ernstnehmen, nicht enthalten. Lohnte es sich prinzipiell nicht, derlei Mist zu versenden, es gäbe ihn nicht.

Oder haben die Bots, die hinter den Locksendungen stehen, sich inzwischen selbständig gemacht? Treiben sie ihren Unfug, einfach nur weil sie da sind, irgendwo auf einem vergessenen Server in Hinterkutschistan? Treiben sie ihren Schabernack, um sich damit selbst am künstlichen Leben zu halten? Evolvieren sie von der Plage zur Pest, weil ihr Quellcode diese Evolution vorsieht? Die Informatiker unter meinen Lesern wissen vielleicht mehr und genaueres.

Doch es soll hier nicht um die Spam-Seuche an sich gehen, nicht mal um Flirts mit sexualisierter Software. Sondern um Schönheit, die noch im Häßlichsten wächst. Um die Kunst, die im letzten Dreck steckt.

Ein Mail-Bot namens „lovelyninochka3“ sandte mir vor ein paar Stunden ein Stück konkreter Poesie, wie selbst ein alter Jandl- und Bernstein-Verehrer wie ich es aus eigner Kraft nie hinbekäme. Ein Artefakt, wie‘s nur aus dem zufallsglücklichen Teamwork von Google Translate und dem Gewichse eines soziopathischen Programmierers erwachsen kann.

Es verhält sich hier wie mit den Millionen Schimpansen, die Millionen Jahre lang auf Millionen Schreibmaschinen einhacken, und irgendwann kommt dabei Hamlet heraus oder Moby Dick oder wenigstens ein Buch von Henryk M. Fleischhauer.

Ich habe das Stück kaum redigiert und nicht gekürzt. Ich habe es bloß versifiziert. Denn diese Spam-Mail ist ein Gedicht, wie es kein Büchner-Preisträger zu schreiben vermag. Sie ist genuin konkrete und garantiert zeitgemäße Lyrik.

Ich präsentiere proudly die Ballade:

Ninusya und der Kardinal

Hey lieber Mann!
Wie geht es Ihnen?
Wie ist das Leben?
Gruß.

Sehr geehrter Freund
Ich will Minute
deiner Aufmerksamkeit
ergreifen
Ich denke
daß du auch einsame Mann
in Suche
ruhigen glucklichen Lebens.

Ich habe keine zweite Hälfte
und wenn Sie immer noch
ein einsamer Mann
ich wollte mit dir reden und
mehr kennen zu lernen.

Mein Name Nina.
Es schwierig und sehr einsam
in 25 Jahre
in Rußland hier leben
keine Kinder auch.

In meine Jahre
ich habe kardinal
entschieden, mein Leben
tauschen und versuchen,
das neue Gluck zu suchen.

Sehr bald ich will
mein Land lassen.
Es ist sehr interessant,
sich in schnellen Zukunft
mit dir treffen.

Ich warte deinen Brief
nur mit deiner Erzahlung
und Bild
erfolgreichen Tag.

Ich warte
Antwort eben.
Ninusya

4 Kommentare

  1. 1

    Also, wenn Du nicht … räusper, könnte ich da nicht vielleicht die Adresse haben?

    Natürlich nicht! Ich verweise auf die Anmerkungen von „altautonomer“. Ts, ts, ts … KS

  2. 2

    Sie haben nicht zu viel versprochen, und da die Verse wohlgesetzt sind und von der Welt auch etwas wollen (um nicht zu sagen: Alles, da tun sich ja Abgründe auf …), wird der Büchnerpreis wohl noch lang an Ihnen vorbeigehen. Darauf zwei ganze Halbe!

    Nicht mal Georg Büchner würde den Büchnerpreis bekommen, fürchte ich. KS

  3. 3

    Ganz zauberhaft. Und ergreifend: Wie furchtbar einsam muß es in den Weiten Rußlands sein, wenn es dort nicht einmal mehr Kinder gibt?
    Am besten aber gefällt mir Ihre Idee, die Spambots könnten sich selbständig gemacht haben. Wie könnten die „Terminator“-Filme aussehen, wenn statt Skynet Lovenet die Erde übernähme und lovelyninochka3 in die Vergangenheit schicken würde?

    Ich nehme an, daß sie ein bißchen wie die – entzückenden – Lego-Trickfilme aussähen. Ich tät’s mir angucken! KS

  4. 4

    Die meisten Länder in Ostasien und Osteuropa sind bekanntlich keine ökonomisch prosperierenden Industrienationen. Um aus dem Elend, verglichen mit deutschen Mittelstandsverhältnissen, herauszukommen, lassen sich viele dieser Frauen über kommerzielle Partnerschaftsvermittlungen verkuppeln. Dazu gab es die extrem frauenfeindliche RTL2-Fernsehserie „Traumfrau gesucht“.
    Wir wissen auch, daß manche sich noch vital fühlende Rentner und notgeile Westeuropäer gerne nach Thailand fliegen, um sich von jungen Frauen und Mädchen wieder die Falten aus dem Sack schlagen zu lassen.
    Und immer geht es um Geld, Herrschaft und Macht.
    Genauso wie in diesen Fällen, bei denen die Rollen vertauscht sind:
    http://www.dasbiber.at/content/sugar-mamas-und-ihre-fluechtlinge
    Ob sich das verallgemeinern läßt, kann ich nicht beurteilen.
    Diese Konstellation kennen wir ja bereits aus dem 1. Film der Paradies-Trilogie, „Paradies Liebe“. Darin wird von einer Frau berichtet, die auf der Suche nach Liebe und Zuneigung als Sextouristin nach Kenia reist. Sie gibt sich der Illusion hin, daß Liebe mit Geld gekauft werden kann, wenn die Kaufobjekte nur richtig arm sind.
    Daß diese Beziehungen einvernehmlich und gewaltfrei zustande kommen, soll aber nicht davon ablenken, daß es sich immer um Abhängigkeitsverhältnisse handelt.

    Den Link auf die RTL2-Dreckssendung habe ich entfernt. Wer diesen sexistischen Sondermüll begutachten will, soll gefälligst eine Suchmaschine benutzen. D’accord? Ich hoffe. – Für den anderen Link danke ich ausdrücklich. KS

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