The Web(b) of Cosmos


Fast sieben Monate lang habe ich auf diese Bilder gewartet, ungeduldig wie ein Kind vor der Bescherung, las jeden Tagesbericht über den Fortschritt der Mission, hatte stets Angst vor einer Panne bei dieser wahrhaft monumentalen technischen Herausforderung, war immer wieder begeistert von der Ingeniosität, Präzision und Geschmeidigkeit, mit der sich alles – buchstäblich – entfaltete. Und dann kam der Tag, und ich wußte: Dies war das Warten tausendfach wert. Dies ist endlich mal wieder ein Grund, auf die Menschheit stolz zu sein, auf ihr Potenzial zu höheren Dingen als dem Führen von Kriegen, der Verwüstung der Biosphäre oder dem Schreiben Offener Briefe. Dies ist ein welthistorischer Moment, der den Namen verdient.

Und ein sehr guter Anlaß, Olaf Stapledon, den größten Visionär und Mystiker der Science Fiction, zu zitieren, statt selbst zu versuchen, meine Überwältigung durch die Debütphotos des James-Webb-Weltraumteleskops auszudrücken. Denn es wird bestimmt noch lange dauern, bis ich dafür die richtigen (oder wenigstens nicht völlig falsche) Worte finde.


Even in our day a few far-scattered nebulae are still almost untouched by decay. They see around them nothing but the ruins of their world, their dying or their dead companions. They themselves are still alert and sensitive. Like the lone survivor of a shipwreck, each strives to construct for himself a semblance of comfort in the desolation. And since for nebulae the only really satisfying activity is ever the dance, they can but dance to themselves measures symbolic of the ardent past. With subtle rhythms and patterns they recapture their own lost youth, their loves and hates, their mature ambitions, and all the follies and agonies of the great nebular community. They epitomize and transmute into the language of the dance the whole past of their race with all its heroic ventures, its tragically missed opportunities, its conflicting purposes, its horrors and frustrations, its perennial dream of the glad beholding and dancing of every nebula with all others in the never realized cosmical dance life.

But in our day the great majority of the formerly alive and sentient host are already crumbled into stars. Their voluntary movements have long ago ceased. They drift and slowly spin under the influences of gravitation alone. The stars themselves, fiery particles left over from the continous living tissues, also spin and drift, held loosely together, in the system that we call galaxies, by their combined gravitational influence.

Olaf Stapledon: Nebula Maker
(vermutlich 1935 entstanden)

Photo (Aufmacher und Ausschnitt): „Carina Nebula“,
by NASA, ESA, CSA, and STScI [Public domain],
via Webb Space Telescope


Mittwoch, 13. Juli 2022 0:13
Abteilung: Gute Nachrichten, Round midnight

6 Kommentare

  1. 1

    Großartige Fotos, vielen Dank!

    Danken Sie lieber den fabelhaften Eierköpfen, die sich das Teleskop ausgedacht haben. (Natürlich freut es mich, Ihnen eine Freude bereitet zu haben.) – Man kann über die Zeit, in die man hineingeboren wurde, zwar unentwegt schimpfen. Doch es ist schon ein gewisses Privileg, daß wir Bewohner des 21. Jahrhunderts solche Einsichten in das Universum bestaunen dürfen. Was z. B. Galileo darum gegeben hätte, diese Bilder zu sehen! Ein Gedanke, der mich kleinen Dummbatz erst recht mit Demut erfüllt. KS

  2. 2

    Lieber Kay Sokolowsky,
    ein sehr gelungener Trost-Post und zur rechten Zeit. Eine Erfindung, die unsere beschränkte Wahrnehmungs- und Vorstellungsgabe geschaffen hat. Gibt der Demut aber Dimensionen, aus dem Text zu den Fotos:
    „Called the Cosmic Cliffs, the region is actually the edge of a gigantic, gaseous cavity within NGC 3324, roughly 7,600 light-years away. (…) This period of very early star formation is difficult to capture because, for an individual star, it lasts only about 50,000 to 100,000 years – but Webb’s extreme sensitivity and exquisite spatial resolution have chronicled this rare event.“
    Herzlichen Dank
    Ihr Udo Theiss

    Ich danke für diese wertvolle Ergänzung zu meinem Gebrabbel! KS

  3. 3

    „auf die Menschheit stolz zu sein“ – nein, dazu ist es zu spät.
    NEIN!

    Arthur Schopenhauer wäre zweifellos einer Meinung mit Ihnen. Das sage ich nicht als Kritik. KS

  4. 4

    Werde nicht versuchen, eigenen Senf zu der Schönheit dieser Bilder beizutragen, weil nicht alphabetisiert genug.
    Nur so als Ergänzung, bei diesen Gagarin-Zitaten muss ich jedes Mal fast heulen:
    https://quotefancy.com/yuri-gagarin-quotes

    Und bei diesem Zitat habe ich von Herzen gelacht: „“Wenn all diese Leute nass werden, um mich willkommen zu heißen, ist es doch das Mindeste, daß ich auch nass werde!“ – Danke für Ihren Kommentar! KS

  5. 5

    Sehr geehrter Herr Sokolowsky,
    über die Schönheit der Bilder lässt sich schwerlich streiten! Ich offenbare allerdings feierlich hiermit meine schwache Geistesfunktion und meinen verkümmerten Weitblick: Meine Antwort auf das ganze Projekt lautete zuallererst ‚Und nun…?‘
    Ich sehe einen Blick in die ferne Gegenwart und in unsere entstehungsgeschichtliche Vergangenheit. Was ich nicht sehe ist, wie sollte uns das helfen auch nur eins unserer Probleme hier auf diesem Planeten zu lösen? Ich bin aber jedem Argument und jeder Perspektivenerweiterung von Herzen dankbar! Und ich Bitte um Verzeihung, sollte ich jemandem damit die Freude getrübt haben…
    Herzlich
    M. Sobol

    Etwas besser über das Universum bescheid zu wissen, ist das einzige Mittel, um dem Aberglauben nicht zu erliegen. Und was Aberglaube anrichtet, muß ich, glaube ich, nicht näher ausführen. Den Problemen hienieden ist also durch die 8-Milliarden-Dollar-Investition in das Webb-Teleskop in jedem Fall mehr geholfen als durch das hundertmal höhere Einjahres-Budget des Pentagon.
    Und wenn ich mal egoistisch werden darf: Die Aufnahmen von Webb beglücken mich, und Glück ist nicht das schlechteste Antidot gegen Probleme. KS

  6. 6

    Lieber Kay Sokolowsky,
    ich möchte mich ganz herzlich für ihren Artikel bedanken. Ohne ihn wüsste ich nichts über die Existenz des James Webb Projekts.
    Doch so schön und sicherlich auch wissenschaftlich interessant dies Aufnahmen sind, erzeugen Sie bei mir auch Schwierigkeiten mit meinem Verstand.
    Die Aufnahmen zeigen einen mehr oder weniger aktuellen Zustand des Universums in einer zeitlichen und räumlichen Entfernung von 7.600 Lichtjahren. Das ist für mich eigentlich nicht begreif, nicht fassbar.
    Wir sehen Aufnahmen aus einer sehr lang zurückliegenden Gegenwart/ Vergangenheit (was ja beides nicht zutrifft), die unser eigenes Zeitverständnis völlig infrage stellen.
    Es ist kompliziert.
    Jedenfalls habe ich nun ein „Denksportaufgabe“ die mich noch einige Zeit beanspruchen wird. Dafür sei Ihnen gedankt.
    Grüße Ecki

    Gern geschehen – aber eigentlich gebührt der Dank nicht mir, sondern den Ingenieuren und Astronomen, die das Projekt realisierten. – Und wo wir gerade beim Danksagen sind: merci für Ihren Kommentar! KS

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