Zeuge der Geschichte (19)


Als ich vom Tod des Musikers Lee Konitz
erfuhr, fiel mir wieder ein, warum ich Bebop für den bedeutendsten Beitrag des 20. Jahrhunderts zur Tonkunst der Menschheit halte.

Niemand aber fällt mir ein, dem ähnlich leicht und reich und weich die Melodien aus dem Kopf ins Mundstück glitten wie Mr. Konitz. Seine unvergleichlich fingerfertigen, freilich nie auftrumpfenden oder von sich selbst besoffenen Soli sind ein innerer Monolog in Saxophontönen, absolute Lyrik, und sie lassen ahnen, wie Telepathie sich anfühlen muß. Es paßt jedenfalls perfekt, daß Konitz‘ berühmteste und circa zweitbeste Platte diesen Titel trägt: „Subconscious-Lee“.

Wie alle wahren Poeten war auch Lee Konitz ein schüchterner Melancholiker und entblößte seine Seele erst, wenn er in sie versank. Und nun fällt mir (leider) wieder ein, wie ich dieses Genie mal leibhaftig sah, in den späten 1980er-Jahren in der Hamburger „Fabrik“. Wie er sein Set nach nicht mal einer halben Stunde abbrach, weil das strunzdumme Stammpublikum dieses gräßlichsten aller hiesigen Spielorte um so lauter schnatterte, grölte und bölkte, je zarter und verträumter Konitz sein Altsax singen ließ.

Ich habe nach diesem schändlichen Vorfall nie wieder Geld verschwendet, um in die „Fabrik“ zu kommen; und die Quatschköppe, die damals Konitz vertrieben und mich um eine musikalische Epiphanie betrogen, sind heute Parteikader der Grünen, Beamte oder sonstwie verrottet. Es geschah ihnen recht.

Die Delikatesse und Grazie allerdings, die im besten Sinne: Lieblichkeit der Konitz-Meditationen werden nimmer altern noch verfaulen, so lange es Menschen gibt, die ihre Ohren gebrauchen und mit dem Herzen hören können. Und wiewohl mir zu diesem Solitär-Solisten sehr viel einfällt – es ist platt und plump und praktisch nichts gegen das, was ihm einfiel, sobald er das Instrument ansetzte und demonstrierte, daß der Wagner-„Tristan“ eine pompöse Pampe ist, verglichen mit der wahrhaft „unendlichen Melodie“, die Lee Konitz aus sich entließ, sobald er in sich einkehrte.

Hier ist Weisheit, hier ist Schönheit. Und alle Zerbrechlichkeit des Glücks:

Photo:
„Konitz dirigiert das Publikum“,
by Schorle [CC BY-SA],
via Wikimedia commons


Donnerstag, 16. April 2020 23:37
Abteilung: Musicalische Ergetzungen, Zeuge der Geschichte

Kommentare und Pings geschlossen.

3 Kommentare

  1. Thomas Schweighäuser
    Samstag, 25. April 2020 0:03
    1

    Es muss wohl Hamburg ein komisches Pflaster sein, wo die Leute nicht zu Konzerten gehen, um der Musik, sondern einander zuzuhören. Grad vor kurzem las ich in einer alten Ausgabe von „Sounds“ (August 1974) vom Versuch Randy Newmans, ein Konzert im „Onkel Pö“ zu geben. So penetrant laut und so ungerührt von seinem Vortrag quatschten die anwesenden Abwesenden, dass er irgendwann bemerkte, in Deutschland müsse man so laut wie Wagner sein, „damit die Leute zuhören“. Daran hat sich wenig geändert.

    Lieber Thomas Schweighäuser, vielen Dank für die Newman-Anekdote, die ich noch gar nicht kannte! Den Manager, der ihn überredete, im äußerst scheußlichen „Pö“ aufzutreten, hat Newman anschließend hoffentlich gefeuert. KS

  2. 2

    Lieber Kay Sokolowsky,
    danke für die wundervolle Würdigung! Was ich an Ihren Texten, hier wie auch in der konkret, so unverwechselbar finde, ist ihre unerschütterliche Menschenfreundlichkeit.
    Mit Freude sehe ich auch, dass Sie ein Foto Schorles verwendet haben. Der ist einem Jazzclub bei Würzburg verbunden, in dem das Publikum die Musik zu würdigen und die MusikerInnen zu respektieren weiß. Zu gerne würde ich Sie eines Tages dahin einladen, und sehr gerne mit Jürgen Roth, dessen „Vielleicht Hunsrück“ ich gerade lese.

    Lieber Michael Beier, vielen Dank für Ihr Lob, es lässt mich zart, aber erfreut erröten.
    Falls Schorle Ihnen über den Weg läuft, grüßen Sie bitte von mir und richten Sie ihm aus, daß sein Konitz-Porträt das schönste Photo des alten Meisters ist, das mir beim Recherchieren begegnete.
    Auf die Einladung komme ich gern (und hoffentlich in naher Zukunft) zurück! Dr. Roth werde ich entsprechend „bearbeiten“.
    Für die lange Moderationszeit Ihres schönen Kommentars bitte ich um Entschuldigung.
    Herzlich, Ihr KS

  3. Thomas Schweighäuser
    Donnerstag, 7. Mai 2020 0:53
    3

    Scheint eine sehr hamburgische Art zu sein, ein Konzert zu verfolgen, wie ich bei einer eher zufälligen Lektüre feststellte: „Abends zuvor war er (Van Morrison, TS) in Hamburg, von wo Michael Bugmann (?, TS) berichtet: ‚Sehr schön, leider ein unwürdiger Ort (Fabrik) und zuviel Geschwatze von biertrinkenden Männern.'“ (Wiglaf Droste, Der infrarote Korsar, S.123)
    Zum Biertrinken und Schwatzen braucht es doch eigentlich kein Konzert, oder? Oder gibt es da oben, in dem Hamburg da, keine anderen Möglichkeiten, einander zu treffen?

    Lieber Thomas Schweighäuser – doch, diese Möglichkeiten gibt es, und es gibt auch ein paar angenehme Musikclubs in dieser größten Provinzstadt Deutschlands. Die Gräßlichkeit der „Fabrik“ verdankt sich einem lokalen Stammpublikum, das aus lauter Holzköpfen besteht, mit denen ein Mensch von Verstand und Geschmack lieber nichts zu tun haben will. Nicht grundlos veranstalten die Hamburger Grünen hier am liebsten ihre Wahlpartys. – Danke für das Droste-Zitat, es war mir unbekannt. Und wie wahr es ist!
    Für die lange Moderationszeit Ihres klugen Kommentars bitte ich um Entschuldigung. KS