Antivirus-Programm (2)



Ich bin (wie Sie vielleicht schon bemerkt haben) einer von denen, für die das Glas stets halbleer statt -voll ist. Aber nicht, weil ich hinterher sagen will, daß ich‘s ja gesagt habe. Sondern weil ich mich ehrlich freue, wenn mein dunkles Unken nichts weiter gewesen ist als eben das.

Um ein Beispiel zu liefern, ein aktuelles obendrein: In unserem Schrebergärtlein steht seit Jahren ein Birnbaumkind und bereitet uns Sorgen. Erst wollte es nicht Wurzel fassen, dann mußte es umgepflanzt werden, wollte wieder nicht wurzeln, dann richtete es sich ein, trieb aus – und schon fing es sich den Birnengitterrost. Der Parasit suchte unseren Birnling auch im vergangenen Jahr wieder heim, und als das Bäumchen in den Winterschlaf ging, sah es nicht so aus, als würde es je wieder aufwachen.

Doch vor zwei Wochen die große, frohe Überraschung: zum ersten Mal, seit die Birne bei uns wohnt, bildet sie Blüten. Nicht eben viele (s. o.), und wahrscheinlich wird keine Frucht daraus werden. – Wie gesagt, ich bin der halbleere Typ. Und freue mich einstweilen einfach, daß unsere Pflegepflanze diese eigenartige Angelegenheit namens Leben doch noch mal ausprobieren will.

***

Ohnedies besteht das Glück der Gärtnerei, wie ich es begreife, nicht in den Erträgen, sondern im Blühen. Selbstverständlich ärgere ich mich über Nacktschnecken an Salat und Trieb und trete deshalb jeden Sommer in Kriegshandlungen mit den Schleimern ein.

Aber die seligen Momente habe ich, übers Jahr gesehen, nicht beim Ernten, sondern beim Sprießen der Kartoffeln, Radieschen, Tomaten, Möhren usw. Daß Vögel und Säugetiere sich über die Früchte unseres winzigen Feldes hermachen, nehme ich mit derselben Erbitterung, doch auch Demut hin wie ein belagerter Burgherr, der über die Äcker seines Lehens schaut und auf die Landsknechte, die sie verwüsten. Ich füge mich ins Gegebene und sinne (vergeblich) auf listige Rache.

So war es jedenfalls bisher. Seit ein paar Tagen allerdings gärt in mir neues Denken, weisere Ansicht. Das hat mit SARS-CoV-2 genau gar nichts zu tun, aber jede Menge mit einem Murmeltier namens Chunk und dem Gärtner Jeff Permar. Chunk (deutsch: Brocken) tauchte 2019 in Jeffs Garten auf, und dank der Magie moderner Technik können wir den miserablen Tischsitten gleichwie der Genußfreude eines nordamerikanischen Murmeltiers so dicht auf den Pelz rücken wie allenfalls die NSA den SMS der Kanzlerin.

Chunk beim Chunking zuzusehen, hat etwas ungemein Erbauliches und sogar Beneidenswertes: Dieser Nager ist ein Zen-Meister der Nahrungsaufnahme. Aber schauen Sie bitte selbst (und denken Sie sich die gräßliche Musik möglichst weg):



Gärtner Jeff sagt zum Schluß
ein paar Sätze, die meine bisherige Gartenburgideologie zerrüttet haben, an die ich heuer bei jedem Stich des Spatens in die Erde denke:

I‘m going to secure my garden like Fort Knox, so nothing can get in. But then I‘m going to give Chunk and all the other animals their own separate garden where they just can do whatever. We coexist. This is his land too.

Tschuldigung, muß eben Tränen aus den Augen wischen.

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Wieder da. – Ziemlich stolz sind die Gefährtin und ich darauf, Dutzende von Kohl- und Blau- und Schwanzmeisen, außerdem Heckenbraunellen, Amseln, Rotkehlchen, Buchfinken, Buntspechte, Ringeltauben, Eichelhäher und mindestens ein Eichhörnchen durch den Winter gepäppelt zu haben (Mäuse sowieso). Sieben Kilo ungeschälte Sonnenblumenkerne, circa 30 Meisenknödel, vier Pfund Getreideflocken, dreitausend Gramm Rosinen und aberhundert Haselnüsse haben wir zu diesem Zweck spendiert, und, siehe! wir sehen, daß es gut war.

Balkon wie Schrebergarten sind von singendem, schwirrendem, knusperndem, knackendem Leben umgeben, und an unmöglichen Flecken gehen verlorene Samen auf. Besonders begabt beim Essen ohne Tischmanieren sind übrigens die Sperlinge, und ihr Chunk-haftes Nichtbenehmen durfte ich in den vergangenen kalten Monaten sehr oft mit Entzücken beobachten. Noch vor Stockente, Amsel und Rotkehlchen sind, ich bekenne es gern, die mir liebsten Vogelarten unserer Breiten der gemeine Haus- sowie Feldspatz.

Als Ende Dezember ‘19 eine Gang dieser einzigartig geschwätzigen, geselligen, freundlichen, hektischen, kühnen, chaotischen, achtsamen, schlampigen, schwarzsamtäugigen, nativsozialistischen, nein: idealsyndikalistischen Genossen in unsere Parzelle einfielen und sich zum Überwintern entschieden, habe ich fast geweint vor Freude.

Und nun, beim Aufmöbeln und Neubegrünen des Gärtchens, grinse ich jedesmal breit, wenn einer dieser Rumtreiber mir aus den Büschen was zuquasselt oder wie der dicke Max aufflattert.

Wir glauben bzw. hoffen, daß unsere Sperlinge sich inzwischen eine WG samt Kinderzimmer wohnlich eingerichtet haben. Aber weil wir nicht stören mögen, suchen wir nicht danach und warten diskret ab, was vielleicht/hoffentlich passieren wird. Zum Glück gibt es auf Youtube reichlich Spanner-Videos aus Spatzenhaushalten, um unsere Neugier zu befriedigen; und das rührendste, innigste Filmchen, das ich fand, kommt jetzt. Oh! die ernsten Blicke der Spatzenmutter erst auf den Nestflüchtling und danach auf die Zurückgebliebenen – ach! und ah!):


U
m aus einem meiner Lieblingsbücher eine meiner Lieblingsstellen zu zitieren:

Im übrigen ist ein Spatz, der sich, Filmaufnahmen belegen es, an seinem Ebenbild in einem Autorückspiegel nicht sattsehen kann, das Köpflein leicht zur Seite geneigt, die schwarzen Augenperlen schimmern teichtief fein, ein herzerwärmender, ein herzzersprengender Anblick.
Jürgen u. Thomas Roth:
Kritik der Vögel

***

Hier könnte ich für heute Schluß machen. Doch wie den Spatzen fällt es auch mir schwer, das Schwatzen zu beenden, nachdem ich mal damit begonnen habe. Überdies fehlt diesem Antivirus-Programm ein guter Song für den Balkong (im ersten Programm hatte ich gleich drei davon).

Aber das läßt sich ändern, und zwar dank Randy Newman, der sich im Home-office ein Lied einfallen ließ, wie es allein ihm einfallen konnte. Beachten Sie bitte die Details im Hintergrund: eine Toscanini-CD-Werkausgabe am Tischrand und oben an der Wand ein gerahmtes Bild von Bugs Bunny als Konzertpianist: Dies sind die Pole, zwischen denen Newmans Kunst genial oszilliert.


D
ie Melodie des Stück ist eher nicht originell. Aber die Verse des Stücks sind pure Brillanz, die Essenz unseres paradoxen, viral verfremdeten Lebens:

Stay away from me!
Words of love
in times like these.

***

Das Finale soll, wie bei Folge 1, dem vorzüglichen Layouter und Photographen Eberhard Kehrer gehören. Seit Ausrufung des Ausnahmezustands pirscht er (unter Wahrung sämtlicher Abstandsregeln) durch Hamburch und dokumentiert den verseuchten Alltag in sämtlichen Facetten. Er hat viele viel eindrücklichere Bilder als das da unten aufgenommen, aber ich kann mir zum Schluß dieses Blogposts kein passenderes vorstellen. Die Straße ist, sozusagen, halbvoll:

Photos:
Aufmacher: Martina Sokolowsky
Finale: Eberhard Kehrer (Kehrer Gestaltung)


Sonntag, 19. April 2020 18:29
Abteilung: Gute Nachrichten, Musicalische Ergetzungen, Parzelle 63, SARS-CoV-2

7 Kommentare

  1. 1

    Toscanini, Bugs Bunny – und – nicht zu vergessen: Anthony Pole, Berg: Violin Concerto (der grüne Band, der da links neben ihm aufgeschlagen liegt).

    Lieber Herr Damaschke, es ist eine wahrlich große Freude für den Blogger, wenn seine Leser genauer hingucken als er selbst. Sie sind einer dieser Leser. Danke für die Detektivarbeit! KS

  2. 2

    Ich liebe sie auch sehr, unsere Spatzen, die sich ihre WG in einem ansehnlichen Buchsbaum eingerichtet haben. Da gibt es immer eine Menge Treiben zu beobachten. Auch die rotstrümpfigen Piraten mit ihren akustischen Verstellungskünsten bieten reichlich Unterhaltung. Obwohl sich der Durchsatz unserer Futterstelle nach ihrer Ankunft fast verdoppelt hat. Meine besondere Bewunderung, eigentlich doch schon eher Neid, gilt aber der gechillten Familie der Finken. Buch-, Grün- und Distelfink kommen regelmäßig, ein paar Tage war sogar ein Bergfink auf der Durchreise zu Gast; die Kernbeisser mit ihren mächtigen Zinken kommen nur gelegentlich, aber man auch sie sieht immer mal wieder. Und immer ruhig, gemessen und entspannt. Die Spatzenschar fliegt flugs in Deckung, die Finken schauen sich nur einmal um, zucken kurz die Schultern und holen sich ruhig den nächsten Kern aus unserem Spender. Den sie auch ziemlich exklusiv be-sitzen, nur ein Rotkehlchen holt sich auch mal was gelegentlich. Ist den anderen wohl irgendwie zu langweilig. Einfach nur da sitzen.

    Liebe/r Peinhart, ja! die Finken! Wie konnte ich die vergessen? Im Winter hatten wir am Futterhäuschen auf dem Balkon immer wieder eine Schar Grünfinken hängen, die in Zweimannschichten gemütlich knabberten und beim Knuspern alles kleinere Geflügel fernhielten. – Sie haben das Eß- und Mobbing-Verhalten dieser Kameraden so schön beschrieben, daß ich Lust hätte, Ihren Kommentar irgendwie in mein Blogposting hineinzufummeln. Ich sag Ihnen bescheid, sobald ich’s getan habe. (Und sollte ich es nicht tun, bleibt ihr Kommentar trotzdem einer von denen, die ich besonders gern las.) KS

  3. 3

    Ja, aber sie mobben doch gar nicht! Jedenfalls unsere nicht, jedenfalls nicht hier. Den Spender besitzen sie nur deshalb ziemlich exklusiv, weil’s die anderen halt nicht interessiert; oder sie’s nicht raffen, dass und wie man an da an Kerne kommt, geschält und sonnenblumig. Die mögen wohl ihr Futter doch halt lieber offen horizontal oder knödelig geballt.
    Hörnchen haben wir hier übrigens auch, bestimmt so fünf, sechs kommen hier vorbei. Für die liegen Erdnusskerne parat auf dem Dach von Haus Nr.1, das an der großen Eiche lehnt. Am schönsten wird es, wenn zwei oder gar drei sich unerwartet treffen und dort Zuflucht nehmen. Das kann dann mit den besten Slapstick-Klassikern mithalten, inklusive Akrobatik. Wilde Jagden, plötzliche Wendungen, gewagte Sprünge – alles. Und dann kleben sie wieder für einen Moment reglos an der Rinde.
    Bevor jetzt aber zuviel Neid sich regt – gegenüber hat’s den Mitarbeiterparkplatz einer großen Reha, und das Trumm auch gleich dahinter, ein scheußlich 70er Terrassenplattenbau. Wird doch langsam Zeit, dass die Eiche ausschlägt. Auch wenn man dann die Hörnchen nicht mehr so gut sieht.
    Grüße einstweilen und Dank für den freundlichen Kommentar des Kommentars.


    Liebe/r Peinhart, die Grünfinken hier im Osdorfer Born (sozialer Brennpunkt!) scheinen doch etwas ruppiger drauf zu sein als die Artgenossen in Ihrer Gegend. Jedenfalls haben unsere Grünlinge den Meisen, die auch ans Futterhäuschen wollten, stets gezeigt, wer den größeren Schnabel hat. – Danke für die Eichkateranekdoten! KS

  4. 4

    Ach ja, und noch ein Gartentip: bisschen Baumwollwatte in die Büsche nageln. Wird sehr gern für die Innenaustattung genommen, von Vögeln wie von Hörnchen. Und bietet gar liebliche Anschauung für den Kampf mit den Tücken des Objekts.

    Den Tipp nehm ich mit, merci! KS

  5. Kommerzienrat Wahnschaffe
    Dienstag, 21. April 2020 19:41
    5

    Eine weitere schöne Alltagsaufhellung. Gestern haben Sie mir noch eine verschafft, ganz ohne Ihr Zutun. Und das kam so:
    In meiner Umgebung gibt es einige öffentliche Bücherregale, wo jedermann nach Belieben Bücher hineinstellen und herausnehmen kann. Von den meisten haben sich die Besitzer nicht ohne Grund getrennt, aber immer wieder trifft man auch auf etwas, was sich mitzunehmen lohnt. Als ich also gestern an einem solchen Regal vorbeikam, fiel mir eines dieser Bücher mit lustigen Geschichten über Alltagsthemen in die Hände. Milde interessiert überflog ich die Autorenliste auf dem hinteren Buchdeckel, und da stand der Name Kay Sokolowsky.
    Das Buch hieß „Dreimal abgesägt und immer noch zu kurz“ und enthielt einige sehr unterhaltsame Stücke, besonders die Offenbarung des Max Bahr hatte es mir angetan. Ein Antivirus-Programm ganz zufällig entstanden.
    (Am nächsten Tag las ich in der Zeitung, dass hierzulande die weltgrößte Dichte an Baumärkten besteht, und meine gute Laune war dahin. Aber alles ist vergänglich.)

    Wie schön, daß das „Handwerker-Haßbuch“ immer noch im Umlauf ist und Leser findet! – Zu meiner „Baumarkt-Apokalypse“ habe ich vor sechs Jahren ein Postscriptum gebloggt. Falls es Sie interessiert:
    http://www.kaysokolowsky.de/ich-habe-max-bahr-auf-dem-gewissen/
    KS

  6. 6

    Lieber Herr Sokolowsky,
    Sätze wie:
    „Als Ende Dezember ‘19 eine Gang dieser einzigartig geschwätzigen, geselligen, freundlichen, hektischen, kühnen, chaotischen, achtsamen, schlampigen, schwarzsamtäugigen, nativsozialistischen, nein: idealsyndikalistischen Genossen in unsere Parzelle einfielen und sich zum Überwintern entschieden, habe ich fast geweint vor Freude“,
    die Kropotkins „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ in so herzlicher und prägnanter Form auf den Punkt zu bringen scheinen, tun in Zeiten wie diesen gut wie wenig Anderes. Ich will Ihnen einerseits Danke dafür sagen, dass sie, allen Blockaden und Missstimmungen zum Trotz, noch immer schreiben und andererseits ermahnen: bei allem Respekt für Ihr Engagement für die Verlierer der besten aller Welten, wird Ihr Pessismismus von Ihren Naturbeobachtungen weit in den Schatten gestellt.
    Live long and prosper

    Lieber Joe, ich danke herzlich für das schöne Kompliment und auch für den Hinweis auf Kropotkins großes Buch. Wer’s nicht kennt, hat eine Offenbarung verpaßt. – Und wer eine Superkurzfassung des Werks sehen will, klicke bitte hier. KS

  7. 7

    Guten Morgen, lieber Kay S.,
    Und herzlichen Dank für Deine wie immer passenden Worte – und Schande über mich, daß ich erst jetzt dazu kam, sie zu lesen. Der kleine Chipmunk hat mir schon mal den jungen Tag versüßt, bis demnächst in deinem Volarium, freue mich schon auf heftigstes Rabulieren und dazu vogelmäßig einen Kleinen zu zwitschern, Eberhard

    Natürlich mit vorgeschriebenem Abstand! (Für die mitlesenden Epidemiologen angemerkt.) KS

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