Zeuge der Geschichte (21/22)



Als ich vom Tod der Schauspielerin Olivia de Havilland erfuhr, nahm ich seufzend Abschied von der ersten Liebschaft meines Lebens.

Denn mit zehn Jahren sah, nein: erblickte ich sie im schönsten aller circa 10.000 Robin-Hood-Filme neben Errol Flynn, dem besten aller circa 100.000 Robin-Hood-Darsteller. De Havilland spielte die Maid Marian mit so viel Charme und Mumm und Feuer, daß ich gar nicht anders konnte als mich zu verlieben. Die glühenden Technicolor-Farben, Michael Curtiz‘ brillante Regie und die wohlig voluminöse Musik Erich Wolfgang Korngolds gaben mir den Rest. Sowie ein Plazet, das Stück bei jeder Gelegenheit wiederzuschauen, rotwangig schmachtend.


Unter uns Fünftkläßler-Jungs war es
natürlich strikt verpönt, mit Mädchen befreundet zu sein, ja, bloß mit ihnen zu reden. Dennoch mußte ich angesichts Miss De Havillands eine Ausnahme machen. Daß ich meine erste große Liebe vorsichtshalber für mich behielt, ließ sie nur zaubrischer scheinen. Der ruppige Robin v. Locksley und des Königs kühnes Mündel trafen sich übrigens auch stets insgeheim.

***

Als ich kurz danach vom Abgang Hans-Jochen Vogels las, wollte ich spontan die Meldung ausdrucken und das Papier in einer Klarsichthülle verwahren.

Nach kurzer Besinnung fiel mir dann ein, wie schändlich Vogel sich einst als Bundesjustizminister verhalten hatte und wie er allzeit im besten (das heißt, schlechtesten) Sinn sozialdemokratisch (das heißt, stur parteisoldatisch) agierte.

Doch wegen Nilnisibene will ich hier großzügig anmerken, daß Vogel mal eine wirklich gute Idee zur Bodenrechtsreform und wider die Spekulation mit Wohnimmobilien hatte. Die Macht, die ihm zeitweise zufiel, nicht mal im Ansatz genutzt zu haben, um die Idee zu realisieren, hat Vogel, glaube ich, je mehr gereut, je älter er wurde.

Echte Rebellen wie meine Maid Marian waren in der SPD übrigens noch nie willkommen. Sondern seit eh und je und bis zum mittlerweile absehbaren Ende (Schlz!) allein solche öden, spröden, autoritäts- und regelfixierten Sheriffs von Nottingham wie, seufz, Hans-Jochen Vogel.

Photos:
Aufmacher: Screenshot aus „The Adventures of Robin Hood“
(Warner Bros.)

Mitte (Ausschnitt): „Punched pocket – A=w“, by Fructibus [CC0],
via Wikimedia commons


Montag, 27. Juli 2020 23:34
Abteilung: Moving Movies, Selbstbespiegelung, Zeuge der Geschichte

2 Kommentare

  1. 1

    Mensch, mensch Achim,
    wieder eine Hollywood – Ikone die ziemlich alt geworden ist. 104 Jahre. Kirk Douglas, auch Jahrgang 1916. Mannometer, was haben sie denn für Überlebenspillen oder Vitalstoffe, die manchen fehlen?
    Her damit…oder vielleicht doch nicht? Weiß nicht.
    Immer noch erwähne ich gerne den Satz, wenn ein Sonntag so vor sich hin „sonntagt“: „Jetzt ein Piratenfilm mit Errol Flynn und dann auf der Couch rumfläzen.“
    Hat mir schon einige Sonntage gerettet.
    Versucht`s mal. Klappt bestimmt. Und dann werden wir 105 Jahre jung!

    Und sollten wir 30 Jahre früher sterben, hatten wir immerhin sonntags ’ne Menge Spaß. – Mit verschworenem Gruß von Errol-Flynn- zu Errol-Flynn-Fan: KS

  2. 2

    Ihre Liebe zu Olivia de Havilland kann ich nachvollziehen, und Erroll Flynn war der beste Robin Hood, den es je gab. Burt Lancaster war auch ein beeindruckender Pirat. Sein Kumpel in mehreren Filmen – ich finde jetzt den Namen nicht so schnell – , so ein kleiner Dunkelhaariger, war auch im Leben sein bester Freund. Die Zwei hatten sich von ein paar netten Zirkusartisten einige Nummern zeigen lassen und verdienten sich ein bisschen Geld auf den Strassen New Yorks. Olivias kleine Schwester Joan Fontaine ist eine unvergeßliche „Rebecca“, auch wenn sie nicht ganz so schön war, wie Maureen O’Hara. Das ist jetzt aber OT. Verzeihung, aber wenn man erst einmal anfängt …

    … ja, dann hört’s nicht mehr auf – das Naturgesetz der Nostalgie! – Der „kleine Dunkelhaarige“ hieß übrigens Nick Cravat. Ein grandioser Akrobat und ein geborener Komiker – Ehre seinem Namen! KS

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