Frank Schirrmacher: Das könnte bleiben

Der Tod des FAZ-Feuilletonchefs und -Mitherausgebers Frank Schirrmacher ist bedauerlich wie jeder Tod, und auch sonst besteht gewiß kein Grund zur Freude, daß dieser umtriebige Mann uns plötzlich entrückt ist.

Er war ein Schmock in jeder Faser seines Wesens, ein Meinungs- und Deinungsmacher von Geburt, ein Mann, dem noch so viel Kritik begegnen mochte – er dachte gar nicht daran, daraus zu lernen. Irgendwie imponiert mir solch ignorantes Verhalten – so wie mir damals, mit zehn, im Freibad die etwas älteren Jungs Eindruck verschafften, die vom Fünferbrett Arschbomben vorführten.

Ich bedauere aufrichtig, diesen quirligen Herrn Schirrmacher niemals persönlich kennengelernt zu haben. Ich glaube, daß wir uns leibhaftig richtig interessant ins Gewölle gekommen wären. Und ich halte es für eine metaphysische Frechheit, daß der bestimmt nicht dumme Herr Schirrmacher in einem Alter abtreten mußte, das bei echten Blödbratzen (Leni Riefenstahl, Helmut Schmidt) erst ein Startsignal für die zweite Karriere war. Schade um den Kollegen. Beileid den Hinterbliebenen.

Mein Respekt vor dem Verblichenen soll Ausdruck finden durch die Wiederveröffentlichung einer Parodie, die ich 2006 für die „Wahrheit“-Seite der Taz verfaßte. Sie paßt gruselig gut zum wirklich nicht lustigen Anlaß. (Meine Richtschnur fürs Schreiben von Parodien besteht seit 30 Jahren darin, daß der Parodierte kein kompletter Idiot sein darf, daß er satisfaktionsfähig sein muß. Schirrmacher konnte sich brillant aus jeder Bredouille flunkern. Auch deshalb werde ich ihn vermissen.)
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Der FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher war Deutschlands Chefapokalyptiker. Erst sagte er im „Methusalem-Komplott“ das Ende der Welt durch Vergreisung voraus, dann, in „Minimum“, das Armageddon einer kinderarmen Gesellschaft. Angeblich arbeitete Schirrmacher zuletzt an „Morbium“, dem Abschluß seiner Weltuntergangstrilogie. Der„Abfallerfindet die wichtigsten Passagen aus dem Nachlaß.

Friedhof_Nienstedten_28-04-13_(c)_Kay_SokolowskyMorbium

Es ist diesig, bleigrau. Und so weit das Auge reicht, liegen Erde und welke Blumenkränze. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Landschaft aus wie eine FAZ-Feuilletonseite. Auf der sämtliche Buchstaben durch Kreuzzeichen ersetzt wurden. Diese Kreuze, unzählbar – sie markieren Gräber. Errichtet von den Lebenden für die Toten. Für die Toten, die hier für immer ruhen. Wirklich für immer?

Zwei Kräfte haben unsere Welt so sehr verändert, daß uns das Gefühl befällt, jedes Jahr tiefer in den Schlamassel zu reiten: Tod und Bestattungskosten. Alles begann – so schreibt der Archäoarchitekt John M. Wellblech – im Pharaonenreich. Skrupellose Herrscher wie Cheops der Viertelvorzwölfte oder Ramses Hamses ließen sich gewaltige Grabmäler errichten, in denen ihre kostspielig mumifizierten Kadaver von Ewigkeit zu Ewigkeit überdauern sollten. Heute, nur dreißig Jahrhunderte nach dem eitlen Wahn der Tyrannen, wird den Ägyptern die Rechnung aufgemacht: Es herrschen eine beispiellose Inflationsrate, Islamismus, Ibisübergriffe, und auch „die Krokodile im Nile“ (J. Milhouse Wellblech) werden immer aufdringlicher.

Ähnliches läßt sich für unseren Kulturraum feststellen. In prächristlicher Zeit preßten die Häuptlinge der Kelten, Friesen und Slawen ihre Untertanen zur Errichtung mächtiger Monolithenanlagen, sogenannter „Hügelgräber“. Abertausende davon überziehen heute unsere Landschaft und stellen Straßenplaner ebenso wie Kartographen vor schier unlösbare Probleme.

Doch statt aus den Irrtümern der Vergangenheit zu lernen, läßt die Menschheit ihren Kult um die Tod heute noch bizarrere Blüten treiben. Zwei Beispiele.

Morbium_Vignette_(c)_Kay_Sokolowsky


Hamburg-Ohlsdorf. Der einst von wohlhabenden Patrizierfamilien bewohnte Stadtteil ist heute selbst eine Metropole – eine
Nekropole. Wie ein Geschwür frißt die Mega-City der Leichname sich in das Weichbild der Hafen-Cité hinein. Angesehene Stadtforscher wie der Berliner Johannes Kernbrodt prognostizieren für die nahe Zukunft, spätestens jedoch für das Jahr 3212 die völlige Verwandlung Hamburgs in einen zwar reich geschmückten, aber grabesstillen Totenacker. „Die Lebenden werden den Abgetretenen weichen müssen – doch wohin?“, fragt Kernbrodt provokativ. Eine ratlose, planlose Politik schweigt dazu.

Oder die New Yorker Börse. Dort nisten sich Hedgefonds ein, die speziell auf die Optionsaktien großer Bestattungskonzerne wie „R.I.P. Inc.“ (Stammsitz: Baden-Baden) setzen. In Erwartung steigender Renditen solcher Unternehmen stopfen Anleger aus aller Welt immer mehr Geldkapital in das Geschäft mit dem Tod. Doch dieses Kapital fehlt dem echten Wachstum, der warenproduzierenden Industrie – und es fehlt den Lebenden, uns. Laut einer Studie der Show Business School Anaheim (The Development of Death Tolls, 2003) entgehen der Weltökonomie allein durch Spekulation in Trauerfloristenwertpapiere Gelder im Gegenwert von 34 Prozent des BSP von San Marino. Alarmglocken schrillen überall. Doch wir hören sie nicht.

Weil wir es nicht wollen? Weil Dichter und Denker seit Dezennien Loblieder auf den Tod singen? So Gustave Flaubert in seinem Erstling November: „Der Gedanke, nicht mehr zu sein, ist so süß!“ Oder sein Landsmann Montaigne in den weltberühmten Essais: „Auf den Tod sinnen heißt auf Freiheit sinnen.“ Und auch hierzulande nichts als Beschönigung des Nichtseins – nehmen wir nur den Doyen deutscher Dichtung, J. Wolfgang v. Goethe, der in Hermann und Dorothea schwelgt: „Des Todes rührendes Bild steht nicht als Schrecken dem Weisen und nicht als Ende dem Frommen.“ Der Effekt derartiger Hymnen führt in der westlichen Welt seit dem Zweiten Weltkrieg zu einem krassen Mißverhältnis zwischen dem Aktivum Leben und dem Passivum Tod (s. Diagramm 1).

Diagramm_01_(c)_Kay_Sokolowsky


Allein gesunde, naturwüchsige Gesellschaften wie das pazifische Taka-Tuka-Land scheinen gefeit zu sein vor solchen degenerativen Spätkultur-Phänomenen. Wie lange noch?

Zwar hat die Schröder-Regierung durch die Streichung des Sterbegeldes im Jahr 2004 ein mutiges Zeichen gesetzt gegen die Idolatrie des Todes. Aber die, die nicht sind, halten längst zuviel Macht in den Händen, um sich durch ein Zeichen aufhalten zu lassen. Eine aufsehenerregende Umfrage des Forsa-Instituts beweist, daß die Gedanken der Deutschen um nichts anderes kreisen als den „argen Schnitter“ (Volksmund) Tod (s. Diagramm 2).

Diagramm_02_(c)_Kay_Sokolowsky


Auch der Verfasser weiß nicht, wie viele obskure Studien, unverständliche Graphiken, angeberische Fremdwörter und dickleibige Zitatensammlungen er noch ausgraben (sic!) soll, um die Katastrophe zu verhindern. Ob die ca. 50.000 Talkshow-Auftritte, die er nach Erscheinen dieses Buchs absolvieren wird, etwas ausrichten dürften? Könnte sein, wir stellen die Frage eines Tages und der Blick wird ganz leer.

Erstmals veröffentlicht in der Taz am 23.9.2006


Donnerstag, 12. Juni 2014 23:44
Abteilung: Director's Cut, Qualitätsjournalismus, Undichte Denker

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