Man schreit deutsh (17): hummmmmoooooooa

WW2_Massacre_Memorial,_Chortiatis,_Thessaloniki,_Greece_00 _Ausschnitt_(c)_Christaras_A

Arno Orzessek, 48, versucht sich gelegentlich als Romancier – ich weiß nicht, wie glücklich – und lebt davon, für das Deutschlandradio in Kultur zu machen. Heute hat er sich in der Feuilletonsendung „Nachspiel“ als Satiriker erprobt und dabei mein altes Credo, die Satire dürfe alles, zum Schwanken gebracht.

Orzessek empfiehlt in seiner Glosse den Griechen, die Marken- und Nutzungsrechte für die Olympischen Spiele zu reklamieren, die angeblich einzige „Welt-Marke, die untrennbar mit Griechenland verbunden“ sei. Da bleibt einem der Hals im Lachen stecken. Offenkundig inspiriert vom völkischen Furor, den die Erinnerung der Tsipras-Regierung an offene Rechnungen aus der deutschesten aller Zeiten entfesselt hat, läßt der bemerkenswert zäh auf Tanzfuß tuende und konsequent komikfreie Text nichts aus, was die Ressentiments der Hörer und den eigenen schöngeistig posierenden Chauvinismus bestätigt.

Weder fehlt die Häme über des Griechen Faul- und Dummheit –

Die eigentliche Arbeit würden über kurz oder lang sowieso die bevormundungs­süchtigen Organi­sa­tio­nscleverle aus Nord­europa an sich reißen.

– noch wird auf Parallelweltwahrheiten und katzbuckelnden Opportunismus gegenüber der Regierungspolitik, deutsch, verzichtet:

Die europäischen Steuerzahler finden es nicht mehr wit­zig, Ihrem Land immerzu die Milliarden reinzublasen, ohne
Gegen­leis­tun­gen da­für zu sehen … Als da wären: Reformen, Reformen, Reformen. Und ein Quantum Bescheidenheit.

Wenig ist widerwärtiger im Geräusch als ein Deutscher, der die Schnauze weit aufreißt, um beim Feind Bescheidenheit anzumahnen. Orzessek kann aber nicht nur „die verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus), sondern auch den Dämlack aus dem Effeff: Wenn der Stußvogel von den „europäischen“ Steuerzahlern jammert, denkt er gar nicht daran, daß die Griechen immer noch zu diesen Europäern zählen, so sehr Gestalten wie er dagegen auch ankotzen. Er ist so schlau, daß es quiekt:

Und Merkels CDU wirbt jetzt sogar mit einem echt olympischen Motto: „Läuft bei uns“. Was immer das auf Griechisch heißt, lieber Alexis, machen Sie‘s zur Parole Ihrer Olympia-Kam­pag­ne – „Läuft bei uns“ – und verkaufen Sie‘s der CDU als transnationale linke Solidarität.

Bekanntlich ist die transnationale linke Solidarität eines der höchsten Ziele der CDU. An anderer Stelle schwafelt Orzessek über „die peleponnesische [sic!] Korruption“, wo er die griechische insgesamt meint; dieser Riesenintellektuelle hat es gar nicht nötig, den Atlas aufzublättern und zu entdecken, wieviel griechisches Land jenseits des Peloponnes (mit zwei „o“) noch liegt.

Weil ihm einfach kein guter Witz einfallen will, sondern nur verzopfte Wortspiele („Schuldenkrise im Usain-Bolt-Tempo lösen“) und Gebrüll („[Reformen können] Sie nicht! Wollen Sie nicht! Packen Sie nicht!“), weil dieser Scherzkeks es partout nicht gebacken kriegt, macht er sich auf nachgerade wilhelminische Weise lustig, das heißt, nachdem er der Regentin untertänigst Respekt bekundet hat:

Wie Sie wissen, Herr Ministerpräsident, ist unsere smarte Kanzlerin durchaus sportaffin. Okay, in der Epoche der
Ret­tungs­schirme sind ihre Rettungsringe nicht unbedingt kleiner geworden.

Den würde ich nicht mehr beim Bundespresseball reinlassen, wenn ich Volker Kauder wäre. Aber der bin ich, bewahre!, nicht, und deshalb weiß ich, daß Merkels erbarmungslose, antieuropäische Austeritätspolitik fremdenfeindlichen Unrat wie diesen in öffentlich-rechtlichen Sendern überhaupt erst möglich gemacht hat:

[Wie] damals die ehr­wür­di­ge at­tische De­mo­kratie. Da standen die paar Bürger ja auch auf dem Markt­platz herum und ha­ben sich die Zeit mit politischem Gequatsche ver­trie­ben – während unterdessen der Schweiß von zehntausenden Skla­ven aus dem europäischen Umland floß. Praktisch: damals wie heute.

So was schreiben und sich nicht vor sich selber ekeln: Dazu gehört eine Schamlosigkeit, die zivilisierten Menschen fremd ist, damals wie heute. Orzessek schämt sich tatsächlich für nichts, nicht einmal für seinen teutonisch verklemmten, penisneidischen Blick auf den Südländer und dessen als bedrohlich empfundene Virilität:

Ja, eine symbolisch-nackte Stadionrunde, die erwarten wir unbedingt! Und diese nackte Runde […] kann aus ästhetischen Gründen natürlich kein anderer laufen als ihr austrainierter
Fi­nanzminister Yanis Varoufakis.

Davon träumt Orzessek also in der Nacht seines Geistes – von ewiger Demütigung der Griechen, von Varoufakis‘ Hintern und vielleicht von einer Welt, in der todöde Klischeehechelei wie seine als brillante Satire durchgeht. In der „Nachspiel“-Redaktion hat er eine Vorahnung dieser Welt gefunden. Allen Verantwortlichen bei Deutschlands Radio schadete es deshalb nicht, eine Betriebsreise in die Heimat der olympischen Idee zu unternehmen und wenigstens eine jener Stätten zu besichtigen, an denen die „Organisationscleverles aus Nordeuropa“ vor nicht so langer Zeit den Griechen zeigten, was echter deutscher Sportsgeist ist:

WW2_Massacre_Memorial,_Chortiatis,_Thessaloniki,_Greece_00 _(c)_Christaras_A

Denkmal für die 149 Opfer eines Rachemassakers der Deutschen in Chortiatis bei Thessaloniki ami2. September 1944


Sollten Herrenrassenvertreter wie Orzessek bei diesem Anblick etwas lernen, ein Quentchen Bescheidenheit am besten, dann würde ich immerhin einen seiner Sätze sofort unterschreiben:

[Für] diese friedensfördernde Tat [könnten Sie] von der Gemeinschaft natürlich er­warten, was Sie am drin­gend­sten brauchen: frischen Zaster ohne Ende.

Trotzdem, trotz dieser 1-a-Vorkriegspropaganda, darf die Satire weiterhin alles. Denn nirgends, so Tucholsky in seinem berühmten Manifest, „verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den“.

Anläßlich seines Debütromans Schattauers Tochter sagte Orzessek, dessen Talent ein blasser Schatte ist, verglichen mit seiner Eitelkeit:

Ich war recht früh sicher, daß es bei aller Fröhlichkeit und Lebenssucht, die sich in meinen Texten finden, immer den Riss, den Bruch geben würde, dieses Dividiert-durch-eine-Dunkelheit.

Multipliziert mit Dumpfheit.

Wegen besonderer Unappetitlichkeit des polemischen Objekts und starken Widerwillens des Bloggers ist dieses Posting als ein zweifaches zu betrachten.
Danke für Ihre Zustimmung.


Photo/Detail: „WW2_Massacre_Memorial,_Chortiatis,_Thessaloniki,_Greece_00“ by Christaras A (own work) [CC BY-SA 3.0],
via Wikimedia commons

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Sonntag, 22. März 2015 23:59
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus

2 Kommentare

  1. 1

    Ich hoffe, lieber Kay Sokolowsky, Ihnen ist bei der Lektüre des Orzessek-Textes nicht allzu übel geworden und Sie erholen sich bald wieder. Mit jedem Satz sprechen Sie mir aus der Seele. Ich danke Ihnen.

    De nada, würde der Spanier sagen. Solchen Polemiken wohnt, angesichts der waltenden Stimmung und Dummheit, die Vergeblichkeit tief inne. – Aber selbstverständlich freue ich mich über Ihr schönes Lob. KS

  2. 2

    Danke für den schönen Text, den ich eben erst las.
    Wer dem Orzessek nachforscht, muß feststellen, daß man, nee: ich mit dem nicht nur das ohngefähr selbe Geburtsjahr teile, sondern auch Studienfach wie -ort. Hab ich gar mit dem auf Parties gehockt, auf der Wiese gebolzt usw.?

    Ich bedanke mich erfreut für Ihr Kompliment – und kann Sie evtl. beruhigen: Ich hatte mal eine Sozialkundelehrerin, die später in die Friedensforschung wechselte und sich in ihrem neuen Amt als fanatische Israelhasserin produzierte. Mit 18 fand ich die Frau ziemlich cool (allerdings hielt sie sich damals mit Lobeshymnen auf die Fatah noch zurück). – Sie ahnen wahrscheinlich, wie peinlich mir DAS heute ist! KS

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