Willkommen im Neo-Pliozän


Der CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre ist so hoch wie seit drei Millionen Jahren nicht mehr. 2016 lag der globale Durchschnittswert der Kohlendioxid-Konzentration bei 403,3 ppm (parts per million), eine Steigerung um 3,3 ppm verglichen mit dem Vorjahr. Diese neueste Schreckensnachricht der World Meteorical Organization (WMO) 
ist keiner einzigen Website der deutschen Qual.medien einen Aufmacher, vielen von ihnen nicht mal eine Meldung wert. Wo die Hiobsbotschaft doch erwähnt wird, garniert der Qual.journalist sie sogleich mit Flüchtigkeitsfehlern, etwa hier bei Tagesschau.de:

Das Kohlendioxid-Niveau ist im Jahr 2016 auf den höchsten Stand seit 800.000 Jahren gestiegen.

Tatsächlich ist der Pressemitteilung der WMO zu entnehmen:

Over the last 800.000 years, pre-industrial atmospheric CO2 content remained below 280 ppm […].

Es steht darin noch mehr, was Qual.redakteuren keine genaue Lektüre und erst recht keine Titelschlagzeile wert ist:

Since 1990, there has been a 40% increase in total radiative forcing – the warming effect on our climate – by all long-lived greenhouse gases, and a 2.5% increase from 2015 to 2016 alone, according to figures from the US National Oceanic and Atmospheric Administration […].

Der für 2016 gemessene CO2-Wert ließ die Erde einst im Pliozän so aussehen:

[The] temperature was 2-3°C warmer and sea level was 10-20 meters higher than now.

Vor fünf Millionen Jahren nahm der CO2-Anteil in der Atmosphäre allerdings über viele Jahrtausende zu; die lebende Natur hatte entsprechend Zeit, sich den Änderungen des Klimas anzupassen. Die Menschheit läßt sich keine Zeit:

The abrupt changes in the atmosphere witnessed in the past 70 years are without precedent.

WMO-Generalsekretär Petteri Taalas mahnt (wieder mal) zu unverzüglichem Handeln, denn:

Without rapid cuts in CO2 and other greenhouse gas emissions, we will be heading for dangerous temperature increases by the end of this century, well above the target set by the Paris climate change agreement. Future generations will inherit a much more inhospitable planet.

***

Inzwischen verharren die lächerlichen „Sondierungsgespräche“ in Berlin auf einem Niveau, das die hiesige „Klimapolitik“ unter der „Klimakanzlerin“ seit 12iJahren bestimmt:

In den Sondierungsgesprächen zur Bildung einer neuen Regierungskoalition haben sich Union, FDP und Grüne zu den deutschen und europäischen Klimazielen für 2020, 2030 und 2050 bekannt, wie aus Verhandlungskreisen verlautet. Auf eine gemeinsame Linie zum Erreichen der Ziele haben sich die Parteien demnach aber noch nicht geeinigt.
Klimaretter.info, 26.10.2017

Bis 2020, das hat A. Merkel beim Pariser Klimaschutzabkommen unterschrieben, soll der CO2-Ausstoß in Deutschland um 40 Prozent, gemessen am Wert von 1990, verringert werden. Dieses Ziel jedoch, darauf wies das Bundesumweltministerium vor kurzem hin, ist ohne einschneidende Maßnahmen nicht mehr zu erreichen:

[Es] sei bis 2020 bestenfalls ein Minus von 32,5 Prozent zu erwarten; schlimmstenfalls würden die Emissionen nur um 31,7iProzent sinken.
Süddeutsche.de, 11.10.2017

Ein wirksamer Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen wäre die Abschaltung der deutschen Braunkohlekraftwerke. Aber da sei der Hl. Markt vor:

[Der] Verhandlungsführer der Union für Klima, Energie und Umwelt, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, drohte den Grünen vor den heutigen Gesprächen sogar mit einem Scheitern an der Kohleausstiegsfrage. „Wenn der Industriestandort Deutschland gefährdet wird, können wir keine Koalition machen“, sagte der CDU-Politiker […].
Klimaretter.info, 26.10.2017

Geht es nach Laschet, Merkel und all den marktkonformen Demokraten, soll der Planet für künftige Generationen unbewohnbar sein. Deshalb sagt Karsten Smid von Greenpeace:

Bei der UN-Klimakonferenz in Bonn erwarten wir von Kanzlerin Merkel klare Eckpunkte zum Kohleausstieg in Deutschland, alles andere wäre unglaubwürdig.
a. a. O.

Als gäbe Merkel irgendwas um Glaubwürdigkeit. Als läge dieser Opportunistin irgendwas an der Natur oder den Menschen. Als wäre sie ein Mensch und nicht irgendwas.

***

So sah übrigens am 30.10. um 15.28 Uhr der Aufmacher bei Zeit online aus:


Und dies waren zur gleichen Zeit in der Zeit die Artikel, bei denen die Leute am liebsten ihren Senf abgaben:


Wir haben ja sonst keine Probleme.

Photo: „16-008-NASA-2015RecordWarmGlobalYearSince1880-20160120“,
by NASA Scientific Visualization Studio /
Goddard Space Flight Center
[Public domain], via Wikimedia Commons

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3 Kommentare

  1. 1

    Auf den Schreck hin fahr ich mal schnell ins Getränkecenter um mir ’n Kasten Warsteiner zu kaufen. Das hilft doch immer noch dem Regenwald, oder?

    Na klar! Und Günther Jauch pflanzt höchstpersönlich jeden verdammten Schößling. KS

  2. 2

    Rot-Rot-Grün shiced in Brandenburg mit der Sicherung von Arbeitsplätzen in der Braunkohleverstromung auf die Senkung des CO2-Ausstoßes und auf den Koalitionsvertrag:
    https://tinyurl.com/y9turx5b
    Da kommt Zynismus auf. Ich esse ab sofort nur noch Kartoffeln aus Bodenshaltung und Honig von frei fliegenden Bienen.

    Das mit dem Honig wird einfach: Es gibt ja nur welchen von frei fliegenden Bienen. Leider gibt es immer weniger Bienen. KS

  3. 3

    Scheiße, ich hab mich verkauft! Ich hätte Krombacher kaufen müssen. Das hol‘ ich heute aber sowas von nach!

    Tu dir lieber was Gutes und besorg Flensburger. Mundet besser und vielleicht rettest du so die Ostsee. KS

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