Bored beyond belief (9): Schön daneben

Zu den drei vernutztesten, durch Mißbrauch und Ignoranz verschmutz-
testen Wörtern des philosophischen Lexikons zählt neben dem „Mythos“ („Mythos Apple“, „Mythos Blond“, „Mythos Arschloch“) und der armen Philosophie selbst („Markenphilosophie“, „Unternehmensphilosophie“, „Nachtisch-Philosophie“) die „Ästhetik“.

Jedermann glaubt zu wissen, was sie sei, und natürlich hat so gut wie niemand eine Ahnung, was sie ist. Keine zehn von zehn Millionen Menschen begreifen den Begriff, aber jeder Dumpfbeutel mit Notabitur packt das Wort aus bei jeder Gelegenheit, die ihm in den Kram, obwohl‘s im Grunde gar nicht paßt. Denn mitnichten ist ein Aktphoto „ästhetisch“, nur weil es die Mumu nicht von innen zeigt. Ebensowenig zeugt es von „Ästhetik“, aus der Küche einen „Erlebniswohnraum“ zu machen, wenn dort doch bloß Mikrowellenmatsch auf den Tisch kommt – zumal ein Erlebnis, egal in welchem Wohnraum, eine Ästhetik nicht a priori hat, sondern erst im Gehirn des Betrachters erwirbt. Respektive eben nicht erwirbt, weil der Betrachter fortwährend „Ästhetik“ mit dem verwechselt, was er für hübsch hält. Schließlich wird der gerupfteste und geharkteste Schrebergarten partout nicht „ästhetisch“, bloß weil die Salatköpfe in Reih und Glied stehen wie bei der Riefenstahl und über den Pfützenteich eine Brücke führt, die etwa so sinnvoll ist wie eine Diskussion über den Kunstgehalt von Reichsparteitagsfilmen.

„Ästhetik“, erklärt das zuständige Lexikon, ist „‚die die Sinne betreffende Wissenschaft‘, die Lehre von den sinnlichen Wahrnehmungen und den durch sie gewonnenen Erkenntnissen; die Lehre von dem, was gefällt und mißfällt; die Lehre vom Schönen“ (Wörterbuch der philoso-
phischen Begriffe
, Hamburg 1955). Jawohl – eine Lehre ist sie und gerade nicht das Schöne selbst! Der nackichte Steiß kann eventuell ansehnlich sein, ästhetisch wird er aber nimmer, und mag er gar Scarlett Johannson gehören, so lange er nicht Gegenstand der philosophischen Erwägung ist. Andererseits kann jeder dampfende Kackhaufen, jedes eiternde Furunkel, jede Blankeneser Botoxfresse, ja, sogar Angela Merkels Hosenanzug ein ästhetisches Objekt abgeben – wenngleich in der Regel als Exempel für etwas, das die meisten eher bäh finden. Doch das ändert nichts an der Eignung des Abscheulichen zur Ästhetik.

Und dann hängt auf einmal in der Stuhlmannstraße in Hamburch-Altona dieser Zettel an der Mauer:

Dafür gibt es nur zwei mögliche Erklärungen: Hier hat jemand seine Zwetschgen final zu Mus verarbeitet – oder so beisammen wie sonst niemand mehr. Oder beides (Dialektik!). Angesichts der zielsicheren Plazierung des Flyers sowie der vorbildlich wandfarbenschonenden Applikation bin ich geneigt anzunehmen, daß hier der Weltgeist blitzhaft zu sich selbst gekommen ist (Philosophie!). Vermutlich hat er sich dabei erschrocken, wie jedesmal, und sofort wieder ins Koma verzogen, aber … Schön sieht‘s aus, auf gewisse Weise! Irgendwie ästhetisch. Oder?

Großes Dankeschön für die Photos an Eberhard Kehrer!

 


Samstag, 13. Oktober 2012 1:55
Abteilung: Bored beyond belief, Kaputtalismus

Ein Kommentar

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    Welch‘ wahre Worte. Und vielen Dank für die t-akt-volle Verlinkung.

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