Die beste aller Welten (4)
Freitag, 28. Juni 2013 11:24
„Keine Turnhalle, verschimmelte Toiletten und Unterricht im Werkraum, weil es an Klassenzimmern fehlt: Die Zustände an der Marieluise-Fleißer-Realschule in München sind katastrophal. Eine Generalsanierung stellt das städtische Bildungsreferat jedoch erst in zwei Jahren in Aussicht – frühestens.
—Der Geruch, der einem aus dem Zimmer der Deutschförderklasse 1b entgegenschlägt, ist unbeschreiblich. Es ist eine Mischung aus abgestandener Luft und Schimmel. Drei Stunden täglich sitzen neun Kinder mit ihrer Lehrerin in dem winzigen Kellerraum der Grundschule an der Schwanthalerstraße und versuchen, Deutsch zu lernen. Tageslicht fällt nur durch einen schmalen Schacht herein. ‚Wir weisen die Stadt seit 14 Jahren darauf hin, daß wir nicht genügend Räume haben‘, sagt Ursula Lindner, die stellvertretende Leiterin. ‚Das Bauamt antwortet nicht einmal.‘ Und dann bricht es aus ihr heraus: ‚Kein Kind aus Grünwald würde da sitzen, das sind nur unsere.‘“
Süddeutsche.de/Tina Baier, 28.6.2013
Abteilung: Die beste aller Welten, Kaputtalismus | Kommentare (0) | Autor: Kay Sokolowsky
Gelegentlich hat es den Anschein, als gäbe es nur mehr zwei Sorten von Kindern: Solche, die in Not verwahrlosen, und jene, die in Liebe überwacht werden. Während die einen keine Regeln mehr lernen außer der obersten der Warenwelt – wer nichts hat, bekommt auch nichts –, ist im Leben der anderen alles geregelt. Keinen Schritt können sie tun, der nicht vorgeplant, kommentiert, photographiert würde. Beim Besuch eines Jahrmarkts im reichsten Bezirk der reichsten Stadt Europas wird das zuckerwattierte Elend der rundum behüteten Kinder offenbar. Am Autoscooter drängeln sich ihre Eltern und Großeltern, um nur ja keinen Juchz- oder Wehblök der goldenen Kälber zu verpassen. Daß der Rummelplatz für Kinder über zehn Jahre ein Reservat sein müßte, wo niemand ihnen reinquatscht, ignorieren die Alten komplett.
Eventuell besteht das letzte Problem, das der Kunst zu lösen bleibt, darin, einen Müllhaufen schön aussehen zu lassen. Und zwar nicht, indem sie den Unrat so lange arrangiert und ausleuchtet, bis er sich in ein
Mannigfach sind des Menschen Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Im weitesten Begriff ist alles, was er tut, kommunikativ konnotiert. Sogar eine Blähung kann ein Kommentar sein (wie umgekehrt viele Kommentare kaum mehr als Blähungen sind). Eine der markantesten, mächtigsten Botschaften ohne Worte sendet das Lächeln. Zugleich eine der mißverständlichsten. Es kann defensiv wirken, entschuldigend, zugleich herablassend, aggressiv. Wie alle mimischen Äußerungen erschließt seine Bedeutung sich allein aus der Situation, und auch die kann man mißdeuten. Für sich genommen, ohne Kenntnis des Kontextes, hat es gar nichts zu sagen, erscheint vielmehr dumm und leer. Hinzutritt die Entwertung des Lächelns durch seine Allgegenwart in Werbung, Politik und Medien.
Durch Zwielicht und Regenluft den