Archiv für die Abteilung 'Kaputtalismus'

Daniel Bahr muß jetzt ganz tapfer sein

Sonntag, 12. Mai 2013 19:28

Busfahren ist nicht nur gut fürs Klima, sondern bisweilen auch lehrreich. Am Freitagabend sitze ich mit meinen Einkaufstüten voller, wie heißt das heutzutage? Nährmittel? – und ziemlich schlaff im Bus nach Hause. Es chauffiert eine Frau um die 40, die einen gewissen ruppigen Charme ausstrahlt, wie ich alter Proletenkultist ihn außerordentlich zu schätzen weiß. Hinter ihr steht eine etwas ältere Frau; eine Kollegin auf dem Weg in den Feierabend, was ich dank meiner übermenschlichen Kombinationsgabe aus einem Nebensatz („die Linie hier möcht‘ ich auch mal haben – so schön ruhig“) entnehme.

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Schöner wohnen ohne Kronen

Donnerstag, 2. Mai 2013 22:01

Wer mag der Herr wohl von diesem Häuschen sein? Einer, der das Laubharken haßt? Jemand, der das Bauhaus-Konzept etwas zu ernst nimmt? Beziehungsweise die Idee vom Hochbunker (mit äußerster Energieeffizienz)? Oder einer, dessen ästhetisches Empfinden über den Anfängerkasten von Lego nie hinausgewachsen ist? – Um Erklärungen wird gebeten.

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Adventskalender (1): Jeder liebt dich, wieso ich?

Sonntag, 2. Dezember 2012 2:42

… heißt ein als Zeitung getarnter Werbeprospekt, den die DB periodisch in den Waggons der Hamburger S-Bahn auslegt, um Kunden für ihren famosen Regionalverkehr zu – wie heißt das? ach ja: – zu generieren.

   Von romantisch verwesenden Provinzbahnhöfen, besinnlichen Stunden beim Halt auf freier Strecke und anheimelnden Düften aus dem einzigen funktionierenden Klosett wird darin leider nie berichtet. So auch nicht in der Novemberausgabe, die sich saisongerecht diesem Thema widmet:

Wobei der Akzent des scheußlichen, auf Großhirn-
rindenschimmel kultivierten Adverbs selbstverständlich auf dem „voll“ liegt. Denn, meine Güte!, wenn einer wirklich Kultur hat, statt von ihr voll zu sein, dann meidet er tunlichst alles, was sich dieser Tage aufbrezelt, um ein Sentiment zu – wie nennt sich dasl? ja, ich hab’s: – zu generieren, das schon verlogen war, als die Leute noch wußten, daß der Sohn des HErrn nicht der Weihnachtsmann ist. Jedenfalls sagt ein Mensch mit Kultur höflich „Nein, danke“, wenn die Broschüre bekannt gibt:

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The Shape of Things to Come

Donnerstag, 1. November 2012 0:45

Es gibt gute Gründe, mit der Menschheit nichts mehr zu schaffen haben zu wollen. Man muß für seine Misanthropie nicht unbedingt Argumente – Kolonialismus, Weltkrieg, Holocaust – vortragen, die sich mit nichts widerlegen lassen, nicht mal mit Beethovens Siebter, dem König Lear oder Michelangelos Pietá.

Von der Spezies die Nase voll haben darf man bereits und zu Recht nach einer Visite des nächstgelegenen Baumarkts. Was sich da hinter gewaltigen Drahtwagen durch die Gänge schiebt, krönt eine Schöpfung, die vor circa drei Millionen Jahren völlig schief, das heißt, aufrecht gegangen ist. Alle Geistigkeit des Menschen, sein Intellekt, die grenzenlose Welt seiner Vorstellung, sie gipfeln hier, bei Obi, Hornbach, Praktiker, Max Bahr. Und nicht etwa in Armstrongs ersten Schritten auf dem Mond oder der kosmischen Physik Einsteins oder den Romanen Flauberts oder den Spielfilmen Scorseses. Erst hier, im Baumarkt, kommt die Menschheit tatsächlich zu sich selbst und stellt ihre gewaltigsten, kühnsten, Materie gewordenen Träume aus – die LED-beleuchteten Mischbatterien fürs Gästeklo, die Teakimitatpanele für den glaswoll-
isolierten Dachbodenausbau und zumal Zaunelemente sonder Zahl. Dies ist, was die Spezies ersehnt, nebst einem Auto, um den Plunder in ein Haus schaffen zu können, das leider auch nach erfolgter Installation ein Zuhause nicht und nicht werden mag. Und zurück geht‘s in den Baumarkt.

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Bored beyond belief (9): Schön daneben

Samstag, 13. Oktober 2012 1:55

Zu den drei vernutztesten, durch Mißbrauch und Ignoranz verschmutz-
testen Wörtern des philosophischen Lexikons zählt neben dem „Mythos“ („Mythos Apple“, „Mythos Blond“, „Mythos Arschloch“) und der armen Philosophie selbst („Markenphilosophie“, „Unternehmensphilosophie“, „Nachtisch-Philosophie“) die „Ästhetik“.

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Bored beyond belief (8): mfG

Montag, 10. September 2012 22:30

Sonntagnachmittag beim Radeln durch Hamburg-Nienstedten, gleich neben der Carl-von-Clausewitz-Kaserne, werden wir an der S-Bahn-Unterführung solcherart begrüßt: 

„Scheißwurst“ ist klar: Das paßt auf mindestens jeden Zweiten in diesem Revier der Milliardäre und Obristen. Aber „Brudi“? Wofür steht das? Eine Abkürzung für „Brutaler Dickwanst“? Oder soll‘s die Koseform von „Bruder“ sein? Und zwar „Bruder“ im Sinn des US-amerikanischen „Brother“ bzw. „Bro“, mit dem sich die schwarzen Slum-Einwohner einst gegenseitig der Solidarität versicherten? Ist es schon so weit mit dem Klassenkampf? Daß die Oligarchen einander rauhe Namen geben resp. die „Brudi“-schaft beschwören, weil sie sich zusammenschweißen und geistig härten müssen wider die aufziehenden Stürme der Revolution?

   So viele Fragen, so wenig Klarheit. Vielleicht sieht „Brudi“ sein Graffito auf dieser Seite und klärt mich auf. Sofern es ihm die Sache leichter macht, darf er mich auch als „Scheißwurst“ adressieren. Wäre ja, siehe oben, nicht das erste Mal.

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Bored beyond belief (7): Jesus lebt in Ottensen

Freitag, 7. September 2012 23:57

… und ER hat eine Sprühdose, und, siehe!, ER hat sie gerichtet auf eine Eisentür in der Borselstraße, um uns zu richten:

Das ist eine Offenbarung! Bzw. offenbar die zeitgemäße (SMS! Twitter!) Kurzfassung jenes rätselhaften Befehls aus der Bergpredigt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus-Evangelium V, 37)

   Eines aber wüßt‘ ich schon gern: Macht auch Jesus jetzt in Medien? Ja, ja? Wie alle anderen in diesem gentrivertierten Quarree zwischen Barner- und Gaußstraße? Das wär‘ vom Übel. Denn dann ginge sogar der HERR auf den Schrägstrich. Nein, nein!

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Auf dem Gänsemarkt, nachts um halbelf

Donnerstag, 23. August 2012 23:39

Warum die Freie und Handelsstadt Hamburg 1881 von Fritz Schaper eine Statue Gotthold Ephraim Lessings anfertigen ließ, ist mir lange ein Rätsel gewesen. Lessing steht für alles, was ein Hamburger Pfeffersack haßt: Humor, Herzenstakt, humanistische Bildung. Er mochte die kleinen Leute, die Verachteten und Verstoßenen, sie waren ihm sogar – man lese die Minna von Barnhelm! – viel lieber als die Herrschaften mit den dicken Taschen und Backen. An den Herrgott, wie so ein Handelsmann ihn sich vorstellt, hat er nie glauben mögen, dazu war ihm der Schöpfer viel zu lieb. Wie sehr er auf ein Jenseits ohne mitgeführte Privilegien und Vorurteile hoffte, das steht groß und erhaben in Nathan der Weise.

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