Corona und die Kunst der Diskussion



Vorrede des Hausherrn

Wie beim Coronavirus-Thema nicht anders zu erwarten, hat der Blogpost „Neu? Ja. Normal? Nie!“ viele Kommentare kassiert; die meisten zustimmend, einige ablehnend, doch in der Regel Meinungen, die schon deshalb bedenkenswert sind, weil sie in zivilisiertem Ton vorgetragen wurden. Das ist in diesen gereizten Zeiten der „neuen Normalität“ keineswegs normal.

Tatsächlich befürchtete ich einen, neudeutsch zu reden, Scheißesturm wie noch nie in meiner Blogger-Laufbahn, doch der blieb mir zum Glück erspart. Die eine anonyme Ausnahme, die es ja immer gibt, ließ ich ein Mal zu Wort kommen, um es ihr nach weiteren witz- und wertlosen Rüpeleien für immer abzuschneiden. Dieses Weblog führt wohl den Abfall im Titel, trotzdem hat hier nicht jeder Dreck einen Platz, egal wie klein das Teilchen sein mag.

Raum freilich ohne Limit findet sich für Debattenbeiträge, die dem Hausherrn zwar nicht in den Kram passen, jedoch so formuliert sind, daß sie ihn (und möglicherweise auch das Publikum) zum Nachdenken bewegen. Ich habe, obschon ich gern so tue, weder Weisheit noch Wißtum gepachtet. Und im Fall SARS-CoV-2 nehme ich jede divergente Ansicht ernst wie meine eigene, sofern der Anseher mit nachvollziehbaren Gründen und einem Mindestmaß an Höflichkeit aufwartet.

Kurz nach Erscheinen meines Pamphlets gegen die Kindermißhandlung in der Corona-Krise erhielt ich zwei sehr ausführliche, sehr kritische Kommentare, die mir durchaus imponierten. Ich teilte den Verfassern mit, daß ich ihre sorgfältigen Zuschriften nicht in der Kommentarspalte versenken, sondern als ordentlichen Blogpost gestalten und veröffentlichen möchte. Damit waren sie einverstanden. (Mit der Veröffentlichung ihrer Klarnamen bedauerlicherweise nicht, aber das mindert die Qualität ihrer Kritik kein bißchen).

Zunächst hatte ich vor, die beiden Kommentare mit langen Anmerkungen zu versehen, weil ich in beiden Kommentaren große Fehler und erhebliche Wissenslücken bemerke. Davon nehme ich nun Abstand –: Im Zweifel habe in meinem Blog sowieso ich das letzte Wort; und das erste hatte ich bereits. Interessanter – für mich sowohl wie das Publikum – scheint mir das, was Ihnen, meinen geschätzten Leserinnen und werten Lesern, zu den Ausführungen von Philipp S. und Thomas K. einfällt. Falls Sie also die Kommentare, die ich hier poste, kommentieren, werden Ihre Zuschriften gleichfalls und gleichberechtigt Teil dieses Blogposts werden. (Zur besseren Übersicht stelle ich an den Beginn des Postings ein Inhaltsverzeichnis, das mit jeder Einsendung progredieren wird).

Ich halte mich bedeckt, moderiere neutral und beschränke mich aufs Redigieren von Fehlern und Formalia. – Schön, nein, ein Riesenschritt nach vorn, aus dem Sumpf gegenseitiger Diffamierungen, Verdächtigungen und Schmähungen in allen Corona-Onlineforen heraus, wäre es, könnte das „Abfall“-Publikum vorführen, wie Menschen trotz enormer Meinungsdifferenzen einander immer noch wie Menschen behandeln und in der Sache widersprechen können, ohne auf Respekt und Redlichkeit zu verzichten. (Daher, bitte, vermeiden Sie Gekumpel und Geduze. Wir sind hier nicht in Schweinehütershausen.) Ich verspreche, daß jeder Kommentar, der sich an diese selbstverständlichen Regeln hält, veröffentlicht wird. Frechheiten landen umstandslos im digitalen Schredder.

Falls Sie übrigens an einem Weblog interessiert sind, das von Beginn der Hygiene-Dekretokratie an vehement, unermüdlich, kenntnisreich und aus radikallinker Warte die ungeheuren Fehler und ungeheuerlichen gesellschaftlichen Verwerfungen der „neuen Normalität“ benannt hat, empfehle ich dringend das Blog des Publizisten Clemens Heni. Mir ist Henis digitales Journal ein Licht in diesen dunklen Tagen, ein glänzendes Beispiel für aufklärende Kritik an den „Maßnahmen“, ein Trost.

Aber nun, endlich haben die Leser das Wort.



Philipp S.: „Das Thema eignet sich nicht für Schwarzweiß“

29. August 2020

Ich schätze Ihre Texte sehr und bin immer wieder gern auf Ihrer Website zu Gast. Doch heute teile ich Ihre Ansichten einmal nicht, jedenfalls nicht alle. Vielleicht muß man es sich manchmal ins Bewußtsein rufen: Es geht um die Eindämmung einer globalen, gefährlichen Pandemie, über die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erst viel lernen mußten und müssen, an der weltweit schon Hunderttausende gestorben sind und unter deren gesundheitlichen Folgen Millionen leiden werden.

Wir haben drei Kinder – eins an der Grundschule, zwei an einer weiterführenden Schule. Hier in Berlin gibt es keine Maskenpflicht im Unterricht, sondern nur auf den Gängen. Allerdings gibt es am Gymnasium der beiden Älteren die vor allem von Risikogruppen-Lehrern vertretene Bitte, daß die Kinder auch im Unterricht die Masken tragen mögen. Der Grund: das schreckliche kaiserzeitliche Schulgebäude hat kleine Räume, die immer schon eine Zumutung waren. Unsere drei Kinder finden die Masken nervig, aber sie leiden darunter nicht – und wir sprechen oft darüber, weil ich natürlich vorher auch große Befürchtungen hatte. Das Hauptproblem sind offenbar nuschelnde Lehrer und leise sprechende Mitschüler. Die Kinder begreifen meiner Ansicht nach (klar, auch Väter können sich irren …), daß es hier um Solidarität geht, um den Schutz von Schwachen (z. B. Großeltern, ein schwer kranker Vater einer Mitschülerin etc.). Auch im Haus leben wir das, indem wir Nachbarn Hilfe anbieten (und angeboten bekommen) und mehr miteinander ins Gespräch kommen als vor Corona – auch das erleben die Kinder.

Für mich stellte die Zeit des sog. Lockdown im März/April und nicht die jetzige Maskenpflicht gerade für Kinder das größte Problem dar – für Kinder, die keinen Schutz und keine Hilfen bekamen. Hier haben die Schulen eklatant versagt – und das kann man nicht einfach auf „die Politiker“ schieben. Unengagierte Lehrer, die höchstens einmal in der Woche per Mail Arbeitsblätter ausgekippt haben, die nicht telefoniert haben, die gemütlich in den Urlaub gingen, obwohl sie wahrlich weniger zu tun hatten als in normalen Zeiten undsoweiter … Natürlich, es gab auch ein paar andere, die sich schöne Sachen ausgedacht haben, gerade auch, um den Kindern zu zeigen, daß sie weiterhin eine Schulgemeinschaft sind. Aber es waren wenige … Einen Lehrer zu erleben, der sich nie meldet, ist meiner Ansicht nach eine „traumatisierendere“ Erfahrung als eine Maske im Unterricht. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit schlechter Bezahlung …

Ich will nicht alles kritisieren, was Sie geschrieben haben, doch ich möchte zu bedenken geben, daß gerade Kinder die jetzige Zeit auch als Zeit der Solidarität, des Lernens von Verantwortung und der weltweiten Gemeinsamkeit erleben können. Spätestens jetzt lernen sie auch, daß Eltern nicht immer Antworten parat haben und sich manchmal hilflos fühlen können.

Natürlich bin ich mir bewußt, daß sehr, sehr viele Kinder Leid erfahren, in der Bildung zurückfallen etc. Aber zu der ganzen Geschichte gehört eben auch die andere Seite. Es gibt bei diesem Thema kein Pauschalurteil, es ist viel zu komplex, um es in den gewohnten Rastern verstehen zu wollen – und diese Weitsicht vermisse ich in Ihrem Text.

Ich wünsche Ihnen, daß Sie bald mit Ihren Leseschülerinnen und Leseschülern wieder zusammen sein können und sie nach Ihren Erfahrungen fragen können. (Kann man das nicht vielleicht online machen? Nein; K. S.). Als wir eben bei Karstadt neue Masken für meinen neunjährigen Sohn kauften (er fährt nächste Woche auf Klassenfahrt – auch so etwas gibt es derzeit …), sagte er: „Papa, das wird ja was, wenn irgendwann der große Maskenausverkauf beginnt!“ Tja, Kinder …

Postscriptum: Man muß sich, denke ich, immer wieder das eigentlich Banale sagen (gerade auch im Hinblick auf die anderen, zustimmenden Kommentare zu Ihrem Text): Kinder sind nicht dumm. Und: man muß Kindern erst einmal zuhören. Und: wie war man selbst als Kind? Ich hätte als Pubertierender, glaube ich, oft liebend gerne eine Maske getragen, wenn es die damals gegeben hätte … Das Thema eignet sich, finde ich, nicht für Schwarzweiß.

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Thomas K.: „Schulen sind nur ein Teil dieser Verwertungsmaschinerie“

27. August 2020

Das ist ein sehr kontroverses Thema, und es gibt leider kein ultimatives Lösen der damit verbundenen Probleme. Das grundsätzliche Problem ist, daß es diese Pandemie nun einmal gibt und daher Maßnahmen getroffen werden müssen. Zumindest anfangs war definitiv nicht abzusehen, wie sich das wirklich entwickelt, und auch heute ist das je nach Region der Welt gänzlich verschieden.

In den hier erwähnten Ländern Nordeuropas hat es anscheinend innerhalb der Schulen keinen überdurchschnittlichen Anstieg an Infektionen gegeben, während es in Israel und anderen Ländernzu einem sprunghaften Anstieg kam, wie in dem bei Ihnen verlinkten Artikel des „Tagesspiegel“ zu lesen war. Warum das so war, läßt sich nicht sicher nachweisen. Auch über die Infektionsherde ließe sich streiten, wenn auch derzeit die schweren Fälle nicht so vertreten sind.

Inwieweit dabei das Tragen (selbstgefertigter) Masken vor einem Infizieren schützt, wenn die Kinder stundenlang in einem Raum sitzen und vor und nach der Schulzeit ohnehin die „Köpfe zusammenstecken“, sei dahingestellt. Dabei ist nach bisherigem Wissensstand weiter das Problem, daß Kinder eben oft keine oder nur schwache Symptome zeigen, deswegen aber trotzdem andere infizieren können.

Eine Lösung ist daher, die Klassengrößen zu reduzieren, so daß der Abstand weitestgehend eingehalten werden kann und daher besser auf die Maske verzichtet werden kann im Klassenzimmer. Wie realistisch das unter unseren Schulbedingungen und Lehrerzahlen ist, muß ich nicht betonen.

Alles in allem wird mir hier auch wieder ein bißchen zu sehr auf die Masken fokussiert. Mag der Hype darum auch noch so groß sein, und wie alles in diesem System sind auch diese Dinger inzwischen „Ware“ geworden – sie sind für die verschiedenen Seiten dieses Konflikts nur mehr zum Symbol ohne Aussagekraft geworden, an dem sich aber eine endlose Diskussion abarbeitet.

Soviel sei dazu aber gesagt: Es ist eine Tatsache, daß das Tragen medizinischer Masken ein Baustein beim Eindämmen der Epidemie ist, Zitat (Hervorhebung durch mich):

Medizinische Gesichtsmasken (MNS; Operations-(OP-)Masken) dienen vor allem dem Fremdschutz und schützen das Gegenüber vor der Exposition möglicherweise infektiöser Tröpfchen desjenigen, der den Mundschutz trägt. Zwar schützen entsprechende MNS bei festem Sitz begrenzt auch den Träger der Maske, dies ist jedoch nicht die primäre Zweckbestimmung bei MNS.

Das setzt natürlich voraus, daß diese in ausreichenden Mengen vorhanden sind und im Fall der Fälle auch kostenlos verteilt werden.

Einen weiteren klugen Text dazu gibt es bei Claudia Klinger, dem ich durchaus zustimme.

Die Kritik am sinnlosen Isolieren von Kindern in der eigenen Wohnung oder pflegebedürftiger Angehöriger vor ihren nächsten Verwandten usw. teile ich. Der Personenkreis ist relativ überschaubar und bei diesen Menschen gehe ich davon aus, daß diese von sich aus darauf achten, nicht infiziert zu werden. Aus dieser Sicht ist das kein Vergleich zu den Kritikern, die sich wissentlich und mutwillig diesem Risiko aussetzen, um ihre „Grundrechte“ einzufordern.

Denn auch diesen stehen Menschen gegenüber, die eben nicht durch solchen Leichtsinn gefährdet werden wollen und diese haben dieselben Rechte.

Ebenso sehe ich derzeit „noch“ nicht, daß es hier darum geht, irgendwie eine „Gesundheitsdiktatur“ zu errichten, und deswegen das Grundgesetz dauerhaft ausgehebelt werden soll.

Nebenbei: Es gibt Punkte wie das Nutzen und Verteilen der Daten aus der EPA, wo ebenfalls Kritik angebracht ist. Das geht aber unter.

Zurück zum Thema: Ein Grund dieser Restriktionen könnte aus meiner Sicht sein, daß um jeden Preis im nachhinein Corona-bedingte Forderungen an Bund und Länder vermieden werden sollen, die sich auf einen „zu laschen“ Umgang mit der Pandemie zurückführen lassen könnten. Dann kommt noch das Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern dazu, unter welches die Schulen durch den Föderalismus nun einmal fallen. Ähnlich wie beim Gesundheitsschutz gehört das Entscheiden über Maßnahmen hier ausnahmsweise übergreifend auf Bundesebene, schon um das Wirrwarr bei allem Möglichen und Unmöglichen zu vermeiden.

Daß dabei auch in dieser „Krise“ in diesem System zuerst die Wirtschaft und damit das eigene Geldbörslein zählt und dann janz hinten die Menschen, dürfte nun wirklich niemanden mehr wundern. Das aber alleine an ein paar Figuren wie Merkel, Söder oder Spahn festzumachen, trifft den Kern auch nicht, auch wenn sie die Repräsentanten sein mögen. Schulen sind dabei nur ein Teil dieser Verwertungsmaschinerie und dem Ansatz darin, den Menschen als produktive Verfügungsmasse zu formen. Zu erkennen ist dieses Minimieren der Kosten schon am Zustand so mancher Schule, und in der Bildung wird ebenfalls möglichst nur vermittelt, was „nützt“. Das war in dieser Bundesrepublik nie anders, und das Thema Corona ist noch lange nicht fertig. Daß dabei die Medien das ihrige tun, um auch bei Corona sowohl für Klicks als auch das Thema als solches hochzuhalten …

Was die Demos betrifft, so sieht man halt die Plakate, aber nicht das Dahinter. Auch da läßt sich nach Heimat-, Tier- und Umweltschutz der von Kindern als Label anheften und über diesen Allgemeinplatz Ideologie verbreiten. Andererseits werden darüber Kinder ebenfalls instrumentalisiert, und ich werde mich weiterhin hüten, auf solchen Demos mit zweifelhaftem Hintergrund aufzulaufen, egal, was auf deren Fahnen steht. Einen Bruch mit diesem System haben beim Gespräch mit den einzelnen Kritikern ohnehin die Wenigsten wirklich im Sinne.


Freitag, 11. September 2020 23:59
Abteilung: Ironie off, Kaputtalismus, Man schreit deutsh, SARS-CoV-2

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