Der Gewissensfall

Das objektive Ende der Humanität ist nur ein anderer Ausdruck fürs Gleiche.
Es besagt, daß der Einzelne als Einzelner, wie er das Gattungswesen Mensch
repräsentiert, die Autonomie verloren hat,
durch die er die Gattung verwirklichen könnte
Theodor W. Adorno, Minima Moralia [Reflexion Nr. 17]

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Syrische Flüchtlinge in Budapest, September 2015: „(Das Leiden) gilt in der arabisch-islamischen Kultur … als ein Wert an sich“ (H. M. Broder)

 

Wie erträgt es ein Mensch, so über Mitmenschen zu denken, ganz gleich wie ungleich sie ihm sind an Wohlstand und bestimmt auch Charakter, wie hält ein Mensch es mit sich selbst aus, wenn der Menschheit ganzer Jammer ihm bloß Anlaß für derlei miese Witze ist –

Gibt es für diese Art der Beharrlichkeit eine halbwegs vernünftige Erklärung? Ja. Anders als im hedonistischen Europa, wo Jugendliche, denen der Einlaß in eine Disko verweigert wurde, wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung behandelt werden müssen, gilt in der arabisch-islamischen Kultur das Leiden als ein Wert an sich

– wie kann dieser Verfasser solche Steinherzigkeit, solchen Hochmut, solche Misanthropie mit dem vereinbaren, was ihm als Gewissen verblieben ist? Und wie weit entfernt von der Befähigung zum Mitgefühl, zur Trauer und vor allem Scham muß einer sein, der den Vorwurf, einem Rassisten gleich zu reden, nicht etwa empört zurückweist, sondern damit kokettiert?

Das festzuhalten grenzt in Zeiten der Political Correctness an „kulturellen Rassismus“, macht die Feststellung aber nicht weniger wahr. Märtyrer zu werden, sich zu opfern ist in der arabisch-islamischen Welt als Lebensziel ebenso weitverbreitet wie unter deutschen Jugendlichen der Wunsch, Eventmanager zu werden. Familien von Märtyrern genießen großes Ansehen. Der Stolz auf ihre Kinder – vor allem Söhne, aber auch immer öfter Töchter – läßt weder Trauer noch Scham aufkommen.

Woher weiß er das über die Menschen, die in den kalten Schlammlöchern von Idomeni zum Verfaulen liegen? Was haben die islamistischen Truppen mit den Menschen gemein, die vor ihnen auf der Flucht sind? Was will der beliebte Autor seinen Fans von AfD, „Politically Incorrect“ und Pegida diesmal einreden, warum serviert er denen solch eine Vorlage für Hetze und Hatespeech?

Und, die erste Frage noch einmal variiert, wie schläft, nein, wie träumt es sich?, wenn einem zu einer welthistorischen Schande, einer realen Tragödie unserer dystopischen Gegenwart vor allem so etwas „durch den Kopf ging“:

Auch die Eltern der Kinder, die uns jeden Tag aus großen traurigen Augen hilfesuchend ansehen, fühlen sich für die Leiden ihrer Kinder nicht verantwortlich. Schuld sind diejenigen, welche die Grenzen dichtgemacht haben, die Grenzen zwischen Griechenland und Mazedonien, Mazedonien und Serbien, Serbien und Kroatien, Kroatien und Slowenien, Slowenien und Österreich, Österreich und Deutschland.

Lautete die Antwort des Autors auf meine Fragen: „Danke, schläft sich gut, Verdauung tadellos, kein Kopfweh seit Jahren“ – ich müßte Überraschung heucheln. Ich hab auch das hier gelesen:

Offenbar gehen die meisten Flüchtlinge davon aus, daß das Recht, nach Deutschland kommen zu können, sich in Deutschland niederlassen zu dürfen, ein unverhandelbares Grundrecht ist. Und das hat nicht nur mit den Selfies der Kanzlerin zu tun.

Offenbar ist dieser Mann, unerschrockene Leser werden ihn längst als Henryk M. Broder identifiziert haben, das, was man einen ganz gewöhnlichen Punktpunktpunkt nennt, was man jedoch gern deutlicher benennte, wäre es nicht justiziabel. Ob er selbst noch eine Ehre hat, außerhalb des Gerichtssaals, in dem er sie reklamehalber reklamieren würde? Ob dieser Broder den leidenden Menschen die Ehre, sie nicht zu verleumden, deshalb verweigert, weil die Flüchtlinge, seines Erachtens, mehr als reichlich Ehre haben (mehr jedenfalls als er)?

Es ist eine Frage der Ehre, die ebenso wie der Märtyrerkult zu den Säulen der arabisch-islamischen Kultur gehört, daß man sich von Ungläubigen nicht vorschreiben läßt, wie und wo man leben soll.

Was ihn so vor sich hinschmunzeln, was ihn so sarkastisch in die Welt zwinkern läßt, die seine Infamie am 15. März als „Meinung“ publizierte, ist pure Arroganz und Mitleidlosigkeit und leider extrem stark entwickelt, wie auch dieses Beispiel belegt:

Das Gefühl, für das eigene Schicksal verantwortlich oder wenigstens mitverantwortlich zu sein, ist, freundlich formuliert, extrem schwach entwickelt.

Und dies meldet am 11. März Pro Asyl, dies ist, worüber Broder höhnt, so sieht es tatsächlich dort aus, wo er nur mehr Kindergotteskrieger erblicken kann nebst undankbaren Schmarotzern und gefühlsduseligen „Blümchen“:

[Mehr als 13.000 Flüchtlinge] harren momentan direkt an der Grenze in Idomeni aus – darunter Menschen mit Behinderungen, Alte, Schwangere und sogar Neugeborene. Insgesamt wird geschätzt, daß die Hälfte der Flüchtlinge, die sich momentan in Idomeni befinden, Kinder sind. Für sie ist es im naßkalten Dreck des provisorischen Zeltcamps besonders schlimm: Einige wurden bereits mit Atemproblemen, schweren Erkältungen oder einem Magen-Darm-Virus ins Bezirkskrankenhaus gebracht.

Dies ist der Zustand in Idomeni: eine schreckliche Wahrheit, die Broder dazu inspiriert, von professionellen Märtyrern zu faseln und den arabischen Menschen als solchen zu denunzieren. Und damit auch diesen Menschen aus Arabien:

Marwan ist Jeside aus dem Irak. Drei seiner Kinder hatte er schon vor ein paar Monaten mit Hilfe eines Schleppers nach Deutschland geschickt, sie sind in einer Unterkunft in Hannover. [Er] zeigt uns in seinem Handy Bilder seiner Verwandten, die durch Daesh getötet wurden.

Ich habe noch nie ein Rundschreiben von Pro Asyl erhalten, das in einem ähnlich entsetzten Ton abgefaßt wurde. Dort, an den Grenzen einer Region, wo einst der Humanismus erfunden wurde, geht er mal wieder zugrunde, wird er wieder mal zu einem Schatten in der dunklen Höhle wie zu Zeiten Platos. Respektive – wir haben das 21. Jahrhundert, kaum zu glauben! –, zu einem Virtual-Reality-Konstrukt, Philosophen vorbehalten, Rechtsethikern, Jesuiten und anderen, ähbäh, Gutmenschen –

„Wir sterben hier langsam“, sagt Adam, ein junger Mann aus Damaskus. Seit mehr als zwei Wochen wartet er in einem Zelt in Idomeni

– also am Ende der menschlichen Zivilisation, wie wir sie kannten, und am Beginn einer Barbarei, in der Mitleid zur Untugend wird, Verständnis zum Verrat und Solidarität zur strafbaren Beihilfe –

Mujeeb, ein 20-jähriger Afghane aus der Region Parwan, ist davon überzeugt, dass die Grenze nicht wieder geöffnet wird. Er will aber trotzdem noch ein paar Tage bleiben, um auf Nummer sicher zu gehen. „Die Islamisten vom Daesh haben gedroht, mich zu töten, wenn ich weiter Englisch studiere”, sagt er. Seinen grünen Studentenausweis hat er noch in seiner Hosentasche. Da seine Familie kein Zelt hat, warten sie auf dem Bahnsteig, mit Rettungsdecken um ihre Körper geschlungen

– dort also, in Idomeni, ist sogar ein Norbert Blüm, mit dem Broder seine gehabt schlechten, plumpen, hämischen Scherze treibt –

Wer hat ihm bei der Logistik geholfen, das Zelt besorgt und den Proviant eingekauft? Hat er auch ein eigenes Dixi-Klo mitgebracht oder mußte er am Morgen mit den anderen Flüchtlingen Schlange stehen?

– ist dieser Norbert Blüm also, der leider in jede Falle geriet, in die er bei seiner Aktion tappen konnte –, ist sogar dieser etwas peinliche Mann für ein paar Stunden zum Verbündeten all jener geworden, denen die Kapitulation der EU vor den Angsthabern Angst einjagt wie noch nie.

Hier nämlich, im reichsten Land des reichsten Kontinents der Erde, angesichts solcher Zustände wie der in Idomeni, darf ab sofort übelste Nachrede sich als aufgeklärte Meinung aufspielen, wird die brutale, inhumane Provokation nicht mehr bekämpft, sondern von den verbliebenen menschenfreundlichen Medien resigniert hingenommen und dem Narren eine Freiheit gewährt, die er seinen Gegnern im Leben nicht gönnt.

Dergleichen Kakophonie setzt jetzt den Ton und zeigt uns altgedienten Humanisten, wie umfassend wir versagt und verloren haben. Was selbstverständlich kein Grund sein darf, aufzugeben. So leid man es auch ist, nicht gehört zu werden im angeschwollenen Bocksgesang; leid bis zum Kotzen, weil man immer noch aus Vorsicht dasjenige Wort verschluckt, welches am besten zum Fall H. M. B. paßt. Aber in diesem neuen alten Deutschland gilt für Menschenfreunde allmählich wieder, was der Flüchtling Adorno 1944 empfahl:

Das einzige, was sich verantworten läßt, ist, den ideologischen Mißbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es längst nicht mehr die gute Erziehung, wohl aber die Scham darüber gebietet, daß einem in der Hölle noch die Luft zum Atmen bleibt.
Minima Moralia, Reflexion Nr. 6


***

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Photo: „Women and children among Syrian refugees striking at the platform of Budapest Keleti railway station.
Refugee crisis. Budapest, Hungary, Central Europe, 4 September 2015. (3)“.
By Mstyslav Chernov (Own work) [CC BY-SA 4.0],
via Wikimedia Commons


Samstag, 19. März 2016 19:20
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus, Zeuge der Geschichte

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2 Kommentare

  1. 1

    Die Hölle ist in Idomeni, und sie ist auch hier. Jemand, den ich gut kenne, spielt in Berliner Schulen Theater mit muslimischen Kindern, unter ihnen auch Flüchtlingskinder. Kürzlich mußte er in einem seiner Stücke eine Rolle neu besetzen, denn ein aus dem Sudan geflohenes Mädchen war quasi über Nacht aus seiner Klasse verschwunden. Das Mädchen und seine Familie hatten bis dahin schon einige Jahre in Berlin gelebt und möglicherweise tatsächlich angenommen, sie hätten hierzulande so etwas wie „unverhandelbare Grundrechte“ (Seit wann eigentlich sind Grundrechte verhandelbar?) bzw. wenigstens das eine Recht, sich ungestört an dem Ort aufzuhalten, an den das Leben sie verschlagen hatte. Sie hatten aber kein Recht, sie hatten bloß eine Duldung.
    Das Mädchen ist sehr klug, spricht fast perfekt deutsch und hat echtes Talent für die Bühne. Da, wo es jetzt ist, wird es die Gelegenheit haben, ein anderes zu erproben: das nach Broder irgendwie der arabisch-islamischen Kultur inhärente Talent fürs Leiden. Ich fürchte nur, das Mädchen wird demnächst nicht das vom Broder reklamierte Gefühl entwickeln, fürs eigene Schicksal verantwortlich zu sein. Es wird wahrscheinlich bloß öfter große traurige Augen machen. Sind es solche Augen, die den Mann manchmal ein ganz klein wenig aus seiner Seelenruhe aufschrecken? Woraufhin er diese Irritation umgehend in einer seiner Abschiebekulturkolumnen verarbeiten muß? Auf manche Fragen will man die Antwort gar nicht wissen.
    Daß ich mich hier trotz meiner Wut über diesen Mann und diese ganze verdammte Chose nur so leisetreterisch sarkastisch äußere – wofür ich mich schämen muß, aber bestimmt nicht so sehr wie andere für ihre eiskalte Seelenarschruhe –, liegt daran, daß deutlichere Bemerkungen über den H.M.B. und die Herren und Damen EU-Grenzschließer, Abschieber und Menschengroßhändler nicht bloß gallebitter, sondern bestimmt justiziabel ausfallen würden. Und die würdest du mir als Blogbetreiber der Vorsicht halber streichen müssen, nehme ich mal an. Und das verstünde ich dann sogar. Leider. Immerhin brauche ich deutsche Kulturarbeiter vom Broderschen Schlag, deren menschliche Scham – freundlich formuliert – extrem schwach entwickelt ist, gar nicht erst zur Hölle zu wünschen. Nimmt man die „Minima Moralia“ ernst, und dazu neige ich, dann lebt der Broder ja schon drin, so wie wir alle. Aber er genießt bestimmt jeden Atemzug.

    Wirklich jeden? Danach frage ich ja in meinem Text, nach seinem übrig gebliebenen Gewissen. Und wie er, hätte er eins, sich selbst erträgt, wenn er so etwas liest, solch ein Dokument der Demütigung und Verzweiflung, hier, in seiner eigenen Zeitung:

    http://www.welt.de/newsticker/dpa_nt/infoline_nt/thema_nt/article153497270/In-Idomeni-stirbt-die-Hoffnung-langsam.html

    – wie er sein kann, wer er ist …: Das könnte mir doch mal jemand erklären. Der war doch nicht immer so! KS

  2. 2

    Wie dieser Mann, der ja nicht dumm ist bzw. war, zu dem werden konnte, was er ist? Wieso er sein Gewissen, wenn ihm denn eins übrig geblieben ist, stillgelegt hat? Das kann ich mir mir auch nicht erklären. Das versteh ich vermutlich genauso wenig wie Abertausende von Flüchtlingen im eiskalten Schlamm von Idomeni und in den anderen Höllenlöchern „die Komplexität der Abmachung aus dem fernen Brüssel“. Als Hobbypsychologe tippe ich einfach mal auf nach außen projizierten Selbsthaß. Dessen Ursprung und die sonstige Genese und Komplexität etwaiger Broderscher Gewissenskrämpfe sind mir allerdings ziemlich egal. Die kann ja sein Psychotherapeut analysieren, so er denn einen hat.
    Daß ich schon wieder so gallebitter bin, liegt daran, daß ich mir grad nebenbei Nachrichten im griechischen TV anschaue. Wie seit Wochen geht’s da vor allem um Idomeni und die anderen Elendslager. Und das dort gezeigte Elend braucht keine Analyse, sondern ein Ende. Da mir sonst nichts einfällt, was ich dafür tun kann, und obwohl ich weiß, daß es an den Elendsgründen nichts ändern wird, werd ich nachher was an ProAsyl überweisen. Und nichts für eine Therapiestunde an den Broder.

    So lange der Mann nicht merkt, daß er es nötig hat, wird der auch keine Maßnahmen treffen, wieder ein Mensch zu werden. Auch deshalb sind Spenden für eine Broder-Therapie überflüssig. KS