Director’s Cut (1): Das letzte Bild

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute lautet er selbstverständlich Europameisterschaft.

 

Für Fynn

Oma Heidi hatte Martin heimlich 20 Euro für die Kirmes zugesteckt. Doch außer einer Fahrt mit dem Autoscooter und einem großen Erdbeersofteis gönnte er sich dort nichts. Er brauchte das Geld für etwas Wichtigeres – wichtiger sogar als die Wilde Maus und das Augenschmelzen. Dabei foppte man mit Sonnenblitzen aus kleinen Spiegeln die Leute am Schießstand: ein Heidenspaß, auf den Martin sonst nie verzichtet hätte. Zumal an diesem Nachmittag keine Wolke am Himmel stand. Aber in gewisser Weise ging es um Leben und Tod, und damit spaßt ein Zehnjähriger ebenso wenig wie ein Erwachsener. Während seine Freunde Sven und Jens-Peter nach taktisch günstigen Plätzen suchten, huschte Martin durchs Gewühl davon.

   In der Tankstelle an der Möllner Landstraße schob sonntags Herr Beltz Dienst, ein grimmiger alter Mann mit pechschwarzen Haaren und Spitzbart, vor dem Martin normalerweise gehörig Schiß hatte. Aber nicht heute: Mit einem Vermögen von 17 Euro im Brustbeutel kam der Junge sich unantastbar vor. Martin baute sich vor der Kasse auf, Beltz schaute herab und fragte: „Schon wieder Sammelbilder?“ Martin nickte, und der Tankwart reichte ihm den Karton mit den Stickertüten herunter: „Ist ja hoffentlich dein Geld, das du verschwenden willst.“

   Martin hörte ihn gar nicht. 34 Tüten konnte er sich leisten – also 204 Sticker. In seinem Bundesligaalbum klafften noch 51 Lücken. Martin ging fest davon aus, daß ein Viertel der Bilder, die er gleich kaufte, neu sein würde. Er mußte bloß geschickt genug auswählen, dann wäre seine Sammlung heute abend komplett. Im Karton steckten – Martin zählte rasch durch – 39 Briefchen. Er schloß die Augen, als er die fünf Nieten herausfischte. Er kannte sich aus: Kribbelten seine Finger, war die Tüte interessant. juckte nichts: weiter!

   „Fette Beute“, sagte Herr Beltz, als Martin ihm den fast leeren Karton und den dicken Suchstapel hinhielt. „Aber glaub mal nicht, daß du das Heft jetzt vollkleben wirst. Das klappt nämlich nie.“ Martin errötete, aber er hatte es zu eilig, um zu protestieren. Er schüttelte nur den Kopf. Herr Beltz ließ nicht locker: „Und weißt du, warum das nie klappen kann?“ Martin schüttelte wieder den Kopf. Er wollte bezahlen und keine dämlichen Geschichten hören! „Ich sag‘s dir, mein Junge“, schnurrte Herr Beltz, und seine grünen Augen funkelten, als wäre er eine riesige schwarze Katze. „Weil es von Tim Wiese keinen einzigen Sticker auf der ganzen Welt gibt. Das weiß ich aus sicherer Quelle.“

   Martin riß Augen und Mund auf: Der Torhüter von Werder Bremen war sein Idol, der beste Spieler der Welt – wenn es nach Martin ging. Aber ausgerechnet von Tim Wiese hatte Martin bis heute, nach gut 80 Tüten und vielen zähen Tauschaktionen auf dem Schulhof, keinen Sticker ergattern können. „Und warum gibt‘s den nicht?“ Herr Beltz zuckte mit den Schultern: „Keine Ahnung. Aber! Solltest du – was, wie gesagt, völlig ausgeschlossen ist – doch diesen Sticker finden, dann mach dich auf was gefaßt.“ Worauf er sich gefaßt machen solle, fragte Martin. Der Tankwart grinste und sagte: „Ist doch egal. Passiert sowieso nicht!“ Martin hatte genug. Er zahlte und lief nach Hause.

Die ersten 20 Briefchen waren Treffer: In jedem fand er je zwei Sticker, die ihm noch fehlten. Dann kamen sechs Tüten voller Nieten. Martin fluchte erbittert; aber leise, damit seine Eltern nichts hörten. Sie durften auf keinen Fall erfahren, wie er Oma Heidis Geld verbraten hatte. Deshalb auch deponierte er die zerrissenen Tüten und die Stickerfolien in seinem Schulranzen, um sie am Morgen auf dem Schulweg diskret entsorgen zu können.

   Tüte Nummer 27 war ein echter Sechser – so was hatte er seit Wochen nicht mehr gehabt. Martin schöpfte wieder Hoffnung. In der nächsten Tüte fand er, auch unglaublich, vier neue Photos. Ihm schwindelte vor Glück. Nur ein Sticker fehlte jetzt noch. Aber welcher? Er hatte vor Ungeduld gar nicht mehr darauf geachtet, was er einklebte. Hastig blätterte Martin durch das Album; die Seiten waren von den vielen Klebebildern steif und schwer wie Pappe. Da –: Seite 28, Bild 97. Tim Wiese. Martins Rausch verflog, und kurz glaubte er, im leeren Photorahmen den grinsenden Herrn Beltz zu sehen. Unfug!

   Die restlichen sechs Briefchen öffnete Martin mit äußerster Vorsicht. Bevor er die Sticker herauszog, sprach er ein kleines Gebet, hielt die Öffnung an die Nase und atmete den schwachen Duft von Klebstoff und Druckfarbe tief ein. Davon wurde ihm zwar etwas schummerig, doch sein Herz klopfte nicht mehr so stark. Als allerdings auch die 33. Tüte bloß Doubletten und keinen Tim Wiese enthielt, setzte Martins Herz – glaubte er – einfach aus.

   Lange starrte der Junge das letzte Briefchen an. Wenn man sich wirklich etwas wünschte, ging es auch in Erfüllung. Fingerkreuzen, wünschen, ein Gebet sprechen, wünschen, die Luft anhalten, wünschen, die Lider fest zusammenkneifen und wünschen, wünschen, wünschen. Als Martin sie wieder öffnete – nach fünf Minuten oder zehn Sekunden, er war sich nicht sicher –, schien die gelbgrün schillernde Tüte sich irgendwie verändert zu haben. Er öffnete sie mit zitternden Händen und zupfte die Klebebildchen heraus. Links unten grinste Tim Wiese ihn an.

Da brauste ein ungeheurer Lärm auf, so als würden 50.000 Menschen in Martins Zimmer schreien und klatschen und singen. Aber das war gar nicht mehr sein Zimmer, sondern ein Fußballplatz, und er saß auch nicht an seinem Schreibtisch, sondern stand in einem Tor, und die Wände mit den Fußballpostern hatten sich in gewaltige Tribünen verwandelt. Jetzt begriff Martin, wo er war: im Weserstadion. Er war auch nicht mehr 1,40 Meter klein, sondern 1,93 groß und mit Muskeln bepackt, die dicker waren als sein Kleinerjungenbauch. Martin träumte oft vom Fußball und von Werder Bremen, aber so echt wie das hier hatte es sich noch nie angefühlt. „Tim!“ brüllte ihm jemand zu, „Tim, hör auf zu träumen!“ Martin sah hin und erkannte Per Mertesacker. „Tim, paß auf!“ schrie ein anderer Mann, und das war offenbar Clemens Fritz. Die meinten doch nicht etwa ihn?

   Jetzt fiel ihm auf, daß ein dritter Mann eckig wie ein Roboter auf ihn zurannte. „Meine Fresse“, flüsterte Martin: Das war Luca Toni vom FC Bayern. Der riesige Stürmer sprang hoch, um einen Paß zu erwischen, den Franck Ribery in den Strafraum zirkelte. Toni rammte seine Stirn so wuchtig gegen den Ball, daß der sich dellte. Die Zuschauer schwiegen entsetzt, nur die Bayern-Fans hinter Martins Tor grölten wie Wahnsinnige. Er sah die Anzeigetafel: „DFB-Pokal-Halbfinale, 124. Minute, 1:1“. Es ging also um alles. Hielte er den Kopfball, gäbe es Elfmeterschießen. Ließe er ihn durch, würde der Schiri abpfeifen und die bekloppten Bayern würden gewinnen. „Meine Fresse“, flüsterte Martin wieder. Was sollte er tun? „Tim!“ schrie Mertesacker noch einmal.

   In seinem Verein stand Martin zwar auch im Tor, aber das half ihm jetzt gar nichts. Er wußte nicht, wie er mit diesem mächtigen Männerkörper umgehen sollte. Er fühlte sich, als sei er in Sekundenbruchteilen aufgepumpt worden, so wie der Kirmesverkäufer die Ballons an der Gasflasche aufbläst. Martin hatte einfach keine Ahnung, wie man mit so langen Armen und Beinen und so viel Muskeln umgehen sollte. Der Ball jagte dem Tor entgegen, ein haltbarer Ball, trotz seiner Geschwindigkeit. Aber Martin konnte keinen Finger in den schweren Handschuhen krümmen. Seinetwegen würde Werder das Pokalfinale verpassen. Er würde es verbocken. Er mußte nur den linken Arm hochreißen, um den Ball abzuwehren, eine Kleinigkeit. Jeder Anfänger, sogar ein Baby bekäme das hin. Der linke Arm hing an Martins Schulter wie ein leerer Pulliärmel und rührte sich nicht.

   Plötzlich stand alles still. Selbst die Bayern-Fans verstummten. Die Spieler vor Martin verharrten wie eingefroren: Per Mertesacker mit weit geöffnetem Mund, Clemens Fritz mit im Spurt gespreizten Beinen, Luca Toni, die Schuhspitzen knapp überm Gras, Franck Ribery, das linke Knie auf dem Boden. Auch der Ball bewegte sich nicht mehr: Kaum einen Meter vor Martins Gesicht hing er in der Luft wie ein kleiner Mond. Kein Wind wehte. Martin kam es vor, als sei er eine Figur auf dem größten Photo der Welt, und in gewisser Weise machte ihm das noch mehr Angst als das drohende Pokal-Aus von Werder Bremen durch seine Unfähigkeit. Eine Ewigkeit verging, und dann noch eine.

Irgendwann bewegte sich doch etwas, in der Gegend des Mittelkreises, eine schwarze Gestalt, die gemächlich auf Martins Tor zutrabte: der Schiedsrichter. Weil Martin seit Stunden – Tagen? – nicht mehr blinzeln konnte, waren seine Augen ziemlich trüb geworden, und er konnte nur Konturen erkennen. Der schwarze Mann rückte gemächlich näher, ein Schatten eher als ein Mensch. Im Strafraum begann er zu reden: „Gratuliere, Martin! Du hast den unmöglichen Sticker gefunden. Dein größter Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Das gelingt nicht jedem. Eigentlich ist es noch keinem gelungen. Aber niemand hat je so innig etwas gewünscht wie du.“

   Der Schatten nahm feste Form an, aber noch war das Gesicht des Schiris zu weit weg für Martins ausgedörrte Augen. Die Stimme kam ihm allerdings bekannt vor. Sie sagte: „Solche Sachen bringen das Universum immer etwas durcheinander, weißt du. Wünsche sollen nämlich gar nicht wahrwerden. Passiert das doch einmal, dann gibt es einen Riß in der Welt, und durch diesen Riß purzeln eine Menge seltsame Ereignisse. Nicht, daß mich das stören würde – ich finde das alles höchst interessant.“ Der Schiri lachte.

   Er hatte pechschwarze Haare und einen Bart, das konnte Martin mittlerweile erkennen. An wen erinnerte der dunkle Mann ihn bloß? Der Schiri sagte: „Die, ähm, Verbandsleitung hat jetzt eingegriffen. Darum macht hier keiner einen Mucks mehr. Außer mir, aber ich bin ja der Schiri. Ich darf. Also, Martin. Du hast die Wahl. Verzichte auf den Sticker mit Tim Wiese, und dieser alberne Ball wird gehalten.“ Der Schiri stand jetzt direkt neben der Kugel und streichelte sie sanft. Seine Augen leuchteten gelbgrün („wie eine Sammeltüte“, dachte Martin). „Oder halt an deinem größten Wunsch fest und du wirst schuld sein, daß Werder nicht ins Pokalfinale kommt und vielleicht – ich will‘s nicht beschrein, kann aber sein – die Welt untergeht.“ Der Schiri stand jetzt, sacht nach Klebstoff und Druckfarbe duftend, keine Handbreit vor Martin, und der Junge erkannte ihn endlich. Das war Herr Beltz, doch er wirkte viel jünger als hinter dem Tresen in der Tankstelle. „Nun, Martin – was ist dir lieber?“

   „Meine Fresse“, dachte Martin erneut. Es war ihm sehr klar, daß er nicht träumte, denn seine Augen standen weit offen und schienen zu schmelzen, und nichts bewegte sich außer Herrn Beltz, doch in richtigen Träumen bewegt sich immer alles. Verzweifelt dachte Martin nach, wog ab, verwarf, entschied sich neu, grübelte, und dabei verging wieder eine Ewigkeit und eine weitere Ewigkeit. Dann raschelte es in seinem Kopf, als würde jemand darin Papier zerreißen. Und in diesem letzten Augenblick kapierte Martin, daß auch die Verbandsleitung ein Faible für Sammelbildchen hatte.

     

Zuerst und stark gekürzt erschienen in der „Taz“ am 27. November 2007 unter dem Titel „Vorsicht mit den Wünschen!“

Illustration: http://hubpages.com/_qii05z0u86du/hub/Free-Soccer-Clipart

 


Sonntag, 24. Juni 2012 23:30
Abteilung: Director's Cut, Erzählungen

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