Man schreit deutsh (4): Zwischen Danzig und Gdansk

Oliver Fritsch hat für die Online-Ausgabe der Zeit aufgeschrieben, was seiner Ansicht nach von Lukas Podolskis Leistungen bei der Europameisterschaft zu halten sei („Mit Vollspann und Gangstafaust“). Ein Artikel aus dem Ressort Fußball-Feuilleton – viel Geraune, noch mehr Spekulation, reichlich Küchenpsychologie und das alles in einem Stil, der auf originell gebürstet ist und doch bloß Blüten treibt wie diese: „Podolski fällt manchmal in ein altdeutsch anmutendes Vollspanndasein zurück.“ Wieviel schöner dagegen das Vollpfostendasein eines neudeutschen Sportjournalisten!

   Aber es soll hier nicht um Fritsch und nicht einmal um Podolski gehen, sondern darum, wie schnell ein Online-Forum, das sich eigentlich dem Spieljubiläum des Fußballers und seiner Zukunft in Joachim Löws Mannschaft widmen sollte, zur Bühne für altdeutsch nicht bloß anmutendes Vollhorsttum, für erzteutonische Selbstgerechtigkeit, Geschichtsklitterung und Arroganz werden kann. Es beginnt mit einer etwas sauertöpfischen, doch berechtigten Kritik von „Wolfram W“:

  

   Zeit.de-Redakteur Christian Spiller nimmt sich die Mahnung zu Herzen und antwortet postwendend, gleichermaßen freundlich wie zerknirscht:

  

   Damit ist die Sache nicht etwa erledigt, sondern ruft den typisch deutschen Dummbeutel auf den Plan. Zunächst „Demetrios I. Poliorketes“, der sich das griechische Pseudonym gewiß nicht angeklebt hat, weil er irgendwelche Sympathien mit den lebenden Bewohnern des Peloponnes, die ja nur „unser“ Geld wollen, empfindet, sondern weil sein Namensvorbild einer der erfolgreicheren Diadochen Alexander des Großen gewesen ist. Auf tote Hellenen, zumal wenn sie begabte Massen-schlächter waren wie dieser Feldherr, läßt ein echter Deutscher nämlich nichts kommen. Er eignet sich allerdings nicht nur die griechische Antike an, sondern auch das Polen der Gegenwart:

  

   Fest steht wie die Wacht am Rhein, daß einer, der eigens betont, kein Revanchist zu sein, einer ist. Zumal wenn er es im „historischen Kontext“ für erlaubt hält, von Konstantinopel zu quatschen. Warum Istanbul dann nicht gleich Byzanz nennen? Hätte die Wehrmacht auch die Türkei besetzt, der Diadochen-Bewunderer würde gewiß die vom Generalgouverneur eingedeutschten Städtenamen in hohen Ehren halten. Woher jedoch weiß er, daß die Kaliningrader ihre Stadt „Kenig“ nennen, obwohl sie es „heimlich“ tun? Steht er in Kontakt mit einer Widerstandsgruppe, die darauf brennt, von Demetrios I. Poliorketes in den Kampf gegen die russischen Usurpatoren geführt zu werden?

   „non_serviam“ täuscht mit seinem Künstlernamen den aufgeklärten Liberalen vor, ist aber bloß auf dem braunen Auge blind:

  

   Die Deutschen haben von 1939 bis 1945 Polen tyrannisiert, geplündert und verwüstet, sie haben Millionen der Unterjochten ermordet und mit den Vernichtungslagern überall im Land Monumente ihres antisemitischen, antislawischen, antihumanen Wahns hinterlassen. Da wäre es sehr wohl angebracht, den Kopf nicht zu schütteln, sondern tief zu senken, und die polnischen Städtenamen zu memorieren, statt den Polen zu empfehlen, deutsch zu lernen.

   Für „Lukan“ ist es gleichwohl „völlig (!) legitim“, tausend Jahren germanischer Osterweiterung nachzuweinen, ohne auch nur das Atom eines Gedankens ans Tausendjährige Reich zu verschwenden:

  

   Besser manisch als damisch, möchte man erwidern, wenn hier über den Tatbestand der Blödigkeit hinaus nicht eine Schweinestallgesinnung vorläge. Die „Allgemeinheit“, der „Lukan“ sich verbunden fühlt, eben nicht zu verschonen mit Nachhilfelektionen in Geschichte und Respekt (obwohl man sich über die Lernfähigkeit dieser Leute keine Illusionen machen darf), diese „Allgemeinheit“, die vor allem eine Gemeinheit ist, so oft wie möglich vorzuführen als viertelgebildeten und völlig (!) ignoranten Mob: Das strengt zwar an, reinigt aber die Seele und zählt nicht etwa zu den Manien, sondern den guten Manieren.

   Wovon der angebliche „auswanderer2“ definitiv keine hat. Das kommt nämlich davon, wenn man „deutsch denkt“ und so was Ähnliches wie Deutsch schreibt, während im Schädel die Pawlowschen Reflexe das Geifern auslösen:

  

   Wenn indes „Boulevardisierung der Medien“ darin besteht, daß niemand mehr Danzig nennt, was Gdansk heißt, dann kann sie so arg nicht sein. Doch bringt der politisch inkorrekte Hansnarr bloß Begriffe durcheinander, die ihm so fremd sind wie alles, was er nicht kapiert.
„Weil die Details komplex sind“, mit Garth Ennis zu reden, „und sein Hirn klein ist“ (Herogasm).


Montag, 18. Juni 2012 10:41
Abteilung: Man schreit deutsh

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