Wörter zerstören, wo sie nicht hingehören

Regelmäßigen Besuchern dieses Weblogs wird es nicht entgangen sein, daß der Blogger sich seit einigen Wochen rar macht. Dafür gibt es allerlei Gründe, aber keine gravierenden oder gar besorgniserregenden. Manchmal hat Kay Sokolowsky einfach keine Lust, sich mit den Wörtern abzugeben, manchmal haben die Wörter keine Lust auf ihn, und manchmal, das heißt, ziemlich oft will er die Wörter einfach für sich behalten. Diese Phasen der Unlust bzw. Privatisierung könnten ein Thema für ein Blogpost sein. Aber dazu müßte Sokolowsky sehr viel Lust aufs Wörterstanzen haben undiaußerdem den Antrieb, etwas zu veröffentlichen, was höchstwahrscheinlich kein Aas interessiert. Sowieso sind, meint Sokolowsky, erheblich zu viele Wörter unterwegs, bloß um unterwegs zu sein. Ein Schwallen und Schwafeln und Schwätzen ist in der Welt, das nicht zuletzt den Wörtern schadet: Ein Verstummen und Schweigen von Zeit zu Zeit täte sowohl ihnen als auch den Lesern recht gut.

Ein tiefer Grund, dem allgemeinen Wahn, allzeit zu allem alles sagen zu wollen, mit Stummheit zu begegnen, war der Absturz des Germanwings-Flugzeugs Ende März. Schrecken wird niemals gebannt, indem er zu Wörtern gerinnt: Die Begriffe reichen, wenn der Tod sich austobt, zum Begreifen nie aus. Und ganz bestimmt sind Journalisten, diese gewerblichen Ausbeuter und Mißhandler des Worts, die am wenigsten geeigneten Leute, um eine Tragödie aufzuschreiben. Die bestialische Gier unserer Qualitätsmedien nach „authentischen“ Bildern, „echten“ Gefühlen, „wahren“ Geschichten hat auf den entsetzlichen Crash einen Dreckdeckel gelegt, unter dem sogar die Trauer sich in Jauche verwandelt. Kay Sokolowsky rechnet in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Konkret mit den Dreckschwatzen und ihren Selbstermächtigungen zu Voyeurismus und Vampirismus ebenso ab wie mit einem Publikum, das unbedingt sehen will, wovor es besser tränenblind sein sollte. Ergänzend zu Sokolowskys Polemik sei auf eine brillante Videosatire von Fritz Tietz und Marit Hofmann hingewiesen. Sie machten sich in Bielefeld auf Spurensuche nach dem „Amokjournalisten Kai D.“:


Was Sokolowsky nicht liefert – denn das gehört weder zu seinem Thema noch versteht er genug davon –, sind Erwägungen über die Motive des angeblichen „Todespiloten“ Andreas L. Und obwohl Kay Sokolowsky weiß, wie eine Depression sich anfühlt, hält er sich nicht für berufen, über diese Krankheit, ihre Ursachen und Konsequenzen aufzuklären. Es gibt zum Glück einen Autor, der die Angelegenheit nicht nur versteht, sondern sogar verständlich und erhellend darüber zu sprechen vermag: Götz Eisenberg. Er hat den mit Abstand klügsten und bedenkenswertesten Aufsatz über die möglichen Motive L.s und den katastrophalen Unverstand, der sich jetzt über diese Motive hermacht, geschrieben – das Stück ist auf den „Nachdenkseiten“ zu finden.

Doch leider nicht dort, wo es, um ein größeres Publikum zu erreichen, hingehörte, in der Zeit, dem Spiegel oder der FAZ. Das Desaster, das sich selbst als Premiumjournalismus lobt, wird zumal in seinen Versäumnissen offenbar; und die Ignoranz gegen einen so gescheiten Kopf wie Eisenberg ist ein mindestens skandalöses Versäumnis. Bei dieser Gelegenheit sei mit Nachdruck hingewiesen auf Götz Eisenbergs neues Buch: Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus. Sokolowsky wird das Werk in einer der nächsten Ausgaben von Konkret besprechen, möchte aber bereits jetzt jeden Besucher dieses Blogs ermuntern, das Buch zu erwerben und zu studieren.

Zurück zum aktuellen Heft: Erich Später beendet seine großartige Serie „Der dritte Weltkrieg“ mit einer Klarstellung über die Verbrechen Stalins gegen die Soldaten, die ihm den Hals und den Sowjetbürgern das Leben retteten. Der Blogger kann sich nur wiederholen: Dies ist ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung, fundiert und ergreifend. Soeben ist eine erweiterte Fassung der Serie beim Conte Verlag erschienen; auch über dieses Buch wird Sokolowsky sich demnächst ausführlich äußern. Und auch hier kann er schon heute Kauf und Lektüre ebenso freundlich wie bestimmt anraten.

Zwischen vielen vorzüglichen Artikeln – etwa von Stefan Ripplinger über Mike Leigh als Künstlerbiographen oder von Peter Kusenberg übers „Internet der Dinge“ – versteckt sich wiederum ein Textlein Kay Sokolowskys, und zwar die neunte Episode seiner Serie „Die Zukunft war gestern“. Diesmal würdigt er Picknick am Wegesrand, das vieldeutige Meisterwerk der Brüder Strugatzki.

Wer jetzt anmerken möchte, daß Sokolowsky sich in den vergangenen Wochen offenbar ziemlich viel mit den Wörtern abgegeben hat und es so richtig ernst mit dem Schweigen nicht hält … Ach, halt den Mund!


Freitag, 8. Mai 2015 12:08
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Qualitätsjournalismus, Selbstbespiegelung, Sokolowsky anderswo

Kommentare und Pings geschlossen.

5 Kommentare

  1. 1

    Da kann ich nur sagen, was ich vor längerer Zeit schon einmal sagte (nachdem Kay S. sich in diesem Blog wegen irgendeiner Auseinandersetzung mit irgendwelchen blöden Leuten [ich erinnere mich kaum] gefragt hatte, ob es sinnvoll sei, weiter zu schreiben, sich also vielleicht vergeblich extrem kräftezehrend abzuarbeiten): bitte, bitte weitermachen! Wenn auch der Autor mal meint, es seien zu viele überflüssige Wörter unterwegs, und er deswegen seine zurückhält (was auch immer wieder schade ist – er schreibt so toll), so ist doch ein Link, wie der zum Text von Götz Eisenberg, Grund genug, einen Blog wie diesen am Laufen zu halten. Wo sonst hätte ich davon erfahren?

    Lieber Karsten Wollny, wenn Sie vorhatten, meine alten Augen feucht werden zu lassen: Ja, haben Sie geschafft. – Ich danke Ihnen sehr und herzlich für Ihren wunderschönen Kommentar! Und ich kann Ihnen versprechen: Ich werde dieses Blog weiterhin betreiben. Es ist mir nämlich ein Trost und eine Freude, Leser wie Sie zu haben und für solch ein Publikum zu schreiben. Die Arschkrampen, die hier hin und wieder auftauchen: Nun, da irren Sie sich – DIE werden mich bestimmt nicht abhalten. – Daß sie den Aufsatz von G. Eisenberg mit Gewinn gelesen haben, spricht sehr für Sie, und ich freu mich stellvertretend für diesen großartigen, viel zu unbekannten Autor. – Ein möglichst sonniges Wochenende wünscht Ihnen: KS

  2. 2

    Ich bin ja nun wirklich froh, lieber Kay Sokolowsky, daß es keine gravierenden oder besorgniserregenden Gründe für Ihre Schreibpause gab. Kein Wort in Ihrem Blog ist ein Wort zu viel.

    Lieber Thomas Herpers, Sie haben eine erheblich bessere Meinung über meine Bloggerei als ich selbst. Aber das nehme ich Ihnen alles andere als übel. Vielen Dank! KS

  3. 3

    So, jetzt habe ich endlich den Eisenberg in der Bücherhalle erwischt und freue mich, weil ich gerne Geistreiches lese.
    Allerdings bin ich über den „Pirschelbär“ aus dem Text “Ethnologie des Inlands: Pirschelbär“ gestolpert.
    Kann es wirklich sein, dass Götz Eisenberg auf Axel („Wumbaba“) Hacke reingefallen ist?
    Das ruft in mir ein leises Bedauern hervor.

    PS. Sie haben offenbar nur Eisenbergs Überschrift gelesen und nicht den dazugehörigen Aphorismus. Das wiederum ruft in mir Bedauern hervor. Und Bücher wie die Eisenbergs soll man KAUFEN, nicht leihen. Tss, tss. KS

  4. 4

    Ich habe schon Bücher gekauft, die ich bereits gelesen hatte, allerdings ist da immer auch die Frage, was mein Unterschichtenarbeitslohn zu kaufen erlaubt. Zu Ihrer Antwort: Ich verstehe sie tatsächlich überhaupt nicht. Ich habe einen kursiv gesetzten Text in drei Absätzen gelesen, der in „Zwischen Amok und Alzheimer“ auf Seite 165 beginnt und auf Seite 166 endet. Ist die Frage „Was bedeutet es für das Verhältnis eines Kindes zu sich selbst und den anderen, …, wenn es seinen eigenen Namen nicht aussprechen und verstehen kann?“ nicht von Götz Eisenberg und ernst gemeint?
    Auf welchem Holzweg renne ich hier rum? Wo ist der Aphorismus? Können Sie es mir erklären?

    Gern: Der ganze Text ist der Aphorismus. (Es ist ein leider weit verbreiteter Irrtum, daß Aphorismen nie länger als ein Satz sein dürfen.) Alle weiteren Fragen an Eisenbergs Text soll der gefälligst selbst beantworten (der Text, nicht Eisenberg). KS

  5. 5

    Wenn man Bücher wie die Eisenbergs nicht leihen, sondern KAUFEN soll („tss, tss“), was ist dann der Auftrag der öffentlichen Bücherhallen? Den Einkommensschwachen den Zugang zum neuen Schätzing/Grisham/King zu ermöglichen? Tss, tss, tss!

    Ich habe nichts gegen öffentliche Büchereien und ihre Benutzung einzuwenden – mach ich ja selber. Aber dem Eisenberg-Werk wünsche ich so viele Käufer wie möglich; die Schätzings und Kings haben solche frommen Wünsche nicht nötig. KS