Im Glanze dieses Glückes


[Das nachfolgende Memorabile verfaßte Kay Sokolowsky im November 2009 für „Jungle World“.

Der Abfall-Admin.]

Meine Mutter, die in den 50ern aus Erfurt in den Westen türmte, hat sich über den Fall des antifaschistischen Schutzwalls sehr gefreut. Das durfte sie auch, denn sie ist meine Mutter und ihre Familie fehlte ihr. Ich habe mich nicht gefreut, nicht einmal für meine Mutter, doch zum Glück hat sie das nie gemerkt. Ich habe vor meinem Fernsehkasten gehockt, zwischen den Sondersendungen von ARD und ZDF hin- und hergeschaltet und zum ersten Mal in meinem Leben – ich war 26 Jahre alt – keine Lust mehr auf die Zukunft gehabt. Denn die Zukunft, die mir bevorstand, würde gewiß nicht die sein, die ich wollte, die eines globalen Sozialismus. Der Zug war gegen die Wand gefahren, und durch das große Loch, das er beim Crash gerissen hatte, strömten Menschen, die als einzigen Begriff für ihre Stimmungslage nur das Wort „Wahnsinn“ kannten.

Wie Wahnsinnige kamen sie mir auch vor, und ich hätte sie alle schütteln und anschreien mögen, aber weil man die Leute, die im Fernsehkasten gezeigt werden, nicht schütteln und anschreien kann, lernte ich in jenen Tagen auch, was Ohnmacht bedeutet. Mir war klar, daß all diese Nationalbesoffenen und Kadewe-Entdeckungsfahrer auf einen wie mich gerade noch gewartet hatten. Also blieb ich lieber in Hamburg vor meinem Fernsehkasten hocken, statt in Berlin die Massen zu agitieren. Obwohl die Zukunft mir vergällt war – 27 wollte ich schon werden und eben nicht als der erste Geöffnete-Mauer-Tote in die Geschichte eingehen. Außerdem war ich neugierig, ob all das, was ich mir ausmalte, tatsächlich geschehen würde. Um dann, bei allem Entsetzen, wenigstens die Befriedigung empfinden zu können, es immer schon gewußt zu haben.

Das war äußerst bescheuert, denke ich heute. Überhaupt kommt mir der Bursche, der ich vor zwei Jahrzehnten gewesen bin, partiell sehr dämlich vor, wehleidig und dünkelhaft. Er hätte mich allerdings auch nicht gemocht, mich und mein seit ‘89 stark gewachsenes Bedürfnis, lieber nicht recht zu behalten, wenn es um die Prophezeiung von Katastrophen geht. Mit solchen Voraussagen richtig zu liegen, verschafft nämlich keine Genugtuung. Desaster sind keine Freudenspender. Und ich hatte leider mit allem recht, was ich mir vorstellte angesichts dieser Wiedervereinigung von Wahnsinnigen, die möglichst in Einzelzellen oder wenigstens in zwei scharf bewachte Staaten weggeschlossen gehörten. Der Chauvinismus, Rassismus, Militarismus, die Anmaßung, das Kulturgeschwätz, die Selbstgerechtigkeit – diese Explosion von Deutschtum und Niedertracht nach der Implosion der DDR hat mich wirklich nicht überrascht. Nur das Tempo, in dem dieser einzigartige Menschenschlag sich von der Scham befreit hat, die er für seine einzigartigen Verbrechen sowieso nie fühlte: Das hat meine dunkelsten Ahnungen überstiegen.

Wenn sie wenigstens ein paar Tage lang den Rand gehalten hätten! Wenn ich nicht in meinem Fernsehkasten hätte beobachten müssen, wie die Mitglieder des Bundestags sofort das verdorbenste Lied der Erde grölten, nachdem Schabowski seinen welthistorischen Lapsus begangen hatte. Wenn diese Deutschen nicht im Nu die Deutschen hätten heraushängen lassen – ich hätte mich eventuell doch mit meiner Mutter freuen können. Einen Abend lang. Möglicherweise.

Photo: „Sunset at the gates (28360083609)“
by Rolf Dietrich Brecher from Germany [CC BY-SA 2.0],
via Wikimedia commons


Samstag, 9. November 2019 15:44
Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Selbstbespiegelung

6 Kommentare

  1. 1

    Super Text, vielleicht sogar der beste, den ich bisher über das Thema gelesen habe.

    Was für ein Lob – ich danke mit heißen Wangen und Ohren! KS

  2. 2

    An den schönen, traurigen Artikel konnte ich mich noch genau erinnern. Muß wohl Qualität sein.
    Und nur zehn Jahre weiter sind wir kurz vor dem Punkt, wo eine AKK sagen wird, daß WIR im Chinesischen Meer dafür sorgen werden, daß niemals wieder ein Chinese wagt, einem Deutschen eine Markenfälschung zu verkaufen. Oder so ähnlich. Brüh im Lichte!

    Sie erinnern sich an die Erstveröffentlichung? Mensch, ist DAS ein Kompliment – merci, merci, merci! Sprachlos: KS

  3. 3

    „Längsteilung reicht nicht. Eine Querteilung muss noch her.“ Stimmt auch immer noch.
    Und nach vorne blicken. Wir schaffen das noch.
    Ihr Udo Theiss

    Was die Vermögensverteilung betrifft, ist die Querteilung auf jeden Fall geschafft. Die Katastrophenkanzlerin wies gestern darauf hin, daß sich daran, geht es nach ihr, in den kommenden Jahrhunderten nix ändern wird: „Merkel hat um Geduld bei der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland geworben.“ (NDR.de) Nach DREISSIG JAHREN blühender Landschaften! KS

  4. 4

    Das Fernsehprogramm wurde in den Tagen vor dem 9.11.2019 auf eine penetrante Art regelrecht mit Spielfilmen und Dokumentationen über die ehemalige DDR überflutet.
    Übrigens: Genauso wenig, wie A. Merkel 2015 die Grenzen geöffnet hat (nach dem Schengener Abkommen gab es keine geschlossenen Grenzen in der EU), fiel am 9.11.1989 die Mauer.
    Das Bild, dass dabei im Kopf entsteht entspricht nicht der Tatsache, dass in Berlin ein paar Grenzübergänge, zuerst der in der Bornholmer Strasse, geöffnet wurden, ohne die Mauer auch nur anzutasten. Das kam erst später und ging so weit, dass heute microfeine Mauerbestandteile Inhalt von Globulikügelchen sind.
    https://blog.gwup.net/2019/04/11/video-berliner-mauer-globuli-und-hunde-homoeopathie-bei-leschs-kosmos/

    Daß Mauerreste als homöopathische Partikel verklappt werden, wußte ich nicht – danke für den Hinweis! Deutschland ist wahrlich die Heimat der Märchen. Und der Leute, die für dumm verkauft werden und nicht genug davon kriegen. KS

  5. 5

    Es immer wieder ein Genuss, Ihre Texte zu lesen! Es sollte Hoffnung geben, denn selbst in den USA gibt es einen Chomsky oder Hedges. Doch was sind diese Regentropfen im Ozean der Ignoranz.

    Ihr Lob freut und bewegt mich tief. Ich genieße es sehr – danke! So was läßt mich meine Hoffnungslosigkeit ein paar Stunden lang vergessen. KS

  6. 6

    Moin Hr. Sokolowsky,
    wie meine Ex-Chefin sagt: „Europa muss auch die Sprache der Macht lernen.“ Oh Graus. Sie haben die Macht, mit Ihren Worten (Texten) zumindest mich, aus der Einsamkeit & Hoffnungslosigkeit zu führen, dafür danke ich Ihnen.

    Ein Autor, der solche Resonanz, solches Lob erfährt und nicht zum Weinen gerührt ist, muss schon ein unglaublich eingebildetes Arschloch sein. Oder tot. Ich danke Ihnen von Herzen! KS

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