Archiv für die Abteilung 'Kaputtalismus'

Wer nix ist, wird Analyst

Montag, 20. August 2012 0:03

Vor dem Börsengang:

„Facebook ist heute in einer ähnlichen Ausgangsposition wie einst Google. Mehr als 800 Millionen Nutzer haben sich in dem sozialen Netzwerk angemeldet, viele von ihnen geben dort immer intimere Daten preis. Facebook hat schon die Reichweite, jetzt muß es nur noch den Milliarden-Dollar-Knopf finden und drauf drücken. So kalkulieren Investoren.“
Stefan Schultz, Spiegel online, 31.1.2012

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„Angesichts dieses Potenzials sehen die meisten Beobachter Facebook gut gerüstet für den rauhen Wind an der Wall Street.“
Thorsten Schröder, Zeit online, 1.2.2012

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„Dennoch hält der Experte [Maik Haufe, Quirin Bank] einen Zusammenbruch nach dem Börsengang für unwahrscheinlich. ‚Das hat den einfachen Grund, daß Facebook schwarze Zahlen schreibt.‘“
N. N., Süddeutsche.de, 2.2.2012

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Bored beyond belief (5): Am Zebrastreifen

Freitag, 3. August 2012 0:04

An ihrem Kinderrad sind Stützreifen befestigt, dabei sieht die Kleine aus wie eine Achtjährige. Mit dem Helm auf dem blonden Kopf wirkt sie noch größer. Ein Blick auf die Mutter verrät, woher das kommt – Erbmasse die
Fülle. Das Mädchen möchte über den Zebrastreifen preschen, wird jedoch von der Vorgesetzten zurückbefohlen. Das Kind zieht einen Flunsch, denn weit und breit ist kein Auto zu sehen. Mutti guckt stur nach links und nach rechts, marschiert mit langen Schritten los und ruft: „Jezz!“

   Das Mädchen kräht: „Vo‘hin waa‘s auch frei …“ Seine Stimme ist viel jünger als sein Körper: Höchstens sechs Jahre hat dieses Kind bislang hinter sich gebracht – das erklärt die Stützräder. Aber sechs Jahre sind bereits eine Welt entfernt von der Zeit, als Mamas zugleich Gottes Wort war. Es ist weiterhin Gesetz, das schon. Aber die hochgeschossene Kleine beginnt, die geltende Rechtsprechung in Frage zu stellen. Den Flunsch behält sie daher im Gesicht, als sie sich betont langsam in Bewegung setzt. Auf halbem Weg über den Zebrastreifen jedoch hat sie schon wieder vergessen, daß Mama spinnt, und freut sich, schneller radeln zu können, als die Mutter läuft.

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Man schreit deutsh (8): Ein Volk in Zahlen

Sonntag, 8. Juli 2012 16:35

• Teilnehmer am Hamburger
„Schlager-Move 2012“: 500.000

• Verkaufte Tickets für Show-Acts
von Mario Barth: 6.000.000

• Anteil der Deutschen, die mit
Kanzlerin Merkel zufrieden sind:
66 %

• Anteil der Deutschen, die über
kein oder nur geringes Vermögen
verfügen (Schätzung): 66 %

• Gesamtbetrag der 2011
in Deutschland geleisteten
Spenden: 4,3 Mrd. Euro

• Auf schweizer Konten
gelagertes Vermögen deutscher
Steuerhinterzieher (Schätzung):
80 Mrd. Euro

• Antisemiten in Deutschland (Schätzung): 20 %
• Anteil der Deutschen, die niemals ein Buch lesen: 25 %
• Durchschnittliche Einschaltquote bei der 9. Staffel von
„Deutschland sucht den Superstar“: 26 %

• Deutsche, die stolz sind, Deutsche zu sein: 60 %

Photo: Wikimedia commons, 4028mdk09

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Sie nennen es Lobotomie

Samstag, 7. Juli 2012 19:40

Sascha Lobo (Symbolbild)

Von nichts eine Ahnung zu haben, aber davon eine Menge – das ist, seit es ihn gibt, das Markenzeichen des Leitartikelschreibers. Als der Unfug begann, hat der Verleger selbst eine Meinung hinterlassen, die man sich denken kann, ohne sie lesen zu müssen. Dann wurde das Geldverdienen zu zeitraubend fürs Moraltrompeten und an die Stelle des Druckmaschi-
nenbesitzers trat der Chef-
redakteur. Weil der aber mittlerweile wie alle leitenden Angestellten die Zeit in infiniten Konferenzen verbringt, delegiert er die Besinnungstexte an Kräfte seines Vertrauens, und die sind entsprechend autonom in Haltung und Ansicht.

   Bei „Spiegel online“, wo man Nachrichten von Kommentaren kaum noch unterscheiden kann, ist die Demonstration der Gesinnung, die der Leser sowieso hat, zeitgemäß „outgesourced“ worden. Als Gegengewicht gleichsam zum brachialen Neoliberalismus der Redaktion dürfen sechs sieben Autoren im Wechsel die Rubrik „S.P.O.N – Die Kolumnisten“ volltexten. Sie sind dabei nie so rechts (Jan Fleischhauer) oder „im Zweifel links“ (Jakob Augstein), daß es die Geschäftsgrundlagen erschüttern könnte. Immerhin haben sie den Dreh heraus, mit irgendeiner Pseudo-
provokation die Leserhammel gegen den Zaun zu treiben. Das nennt sich dann Pluralismus der Meinungen und ist doch bloß die jämmerliche Travestie einer Debatte. Aber man darf nicht zuviel erwarten von einem News-Portal, das seine Nachrichten mit Schlagzeilen wie diesen versieht: „Italien fürchtet Montis neue Giftliste“, „Und es hat bumm gemacht“, oder „Keine Macht dem Kalorien-Quickie“.

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Man schreit deutsh (6): Brat und Spiele

Donnerstag, 28. Juni 2012 14:12

Noch ist nicht heraus, ob die deutsche oder die italienische Mannschaft das Halbfinale siegreich bewältigen wird. Sollte die Squadra azzurra heute abend wieder einmal für das Ende hiesiger Titelträume sorgen, kann das aber bestimmt nicht mit der Verpflegung an der Heimatfront zu tun haben. Denn Netto, der „Marken-Discount“, heißt in dieser Woche:

– also Nettfußball, und weiß daher, daß der echte Rums-rums-rumsdi-rumsrumsrums-„Sssieg!“-Siggi neben einer Kanne Bier auch was vom Benzol-Grill braucht, irgendwas, um in die Stimmung zu kommen, die er mir durch sein Gebrüll sofort vermiest, wenn ich in Ruhe die Spielkunst der Löw-Truppe goutieren möchte. In Mägen, die auch der Bruzzzler Einlaß gewähren, paßt praktisch alles, vermuten die Nettfußball-Marketingstrategen, und deshalb verordnen sie:

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Man schreit deutsh (2): Die Tintenfahne

Samstag, 16. Juni 2012 14:00

Wo sitzt der Nationalist, wenn er sich auf die Nation verläßt? Richtig, in der Tinte. Wahrscheinlich geht dem Online-Versand Tinte.de die Subversion ab, an so was zu denken. Aber bei der aktuellen Werbe-Offerte dieses Shops für Druckerzubehör kommt ein vaterlandsloser Gesell wie ich gar nicht umhin, den Zusammenhang zwischen Chauvinismus und zäher Schmiere herzustellen:

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Bored beyond belief (2): Onkel Emma

Freitag, 15. Juni 2012 10:59

Meine Lieblingsladenwerbung im Hamburger Westen schmückt ein Haus an der Schenefelder Landstraße. Die Reklame ist auf den Fallwimpel einer blauweiß gestreiften Segeltuchmarkise gepinselt, die den Eingang zu einem nicht besonders großen, nicht besonders modernen Kiosk vor der berüchtigten Hamburger Sonne schützt. Gegenüber residiert der FTSV Komet Blankenese, der trotz imposanter Trainingsanlage noch keinen einzigen berühmten Fußballer hervorgebracht hat, dafür aber ordentlich Laufkundschaft in den Laden schwemmt.

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Man schreit deutsh (1): Die Bier-Bewegung

Donnerstag, 14. Juni 2012 12:00

Hat das ZDF die Übertragungshoheit für den EM-Spieltag inne, ist dem Dreck nicht zu entkommen. Nein, ich meine nicht die Müller-Hohenstein mit ihrem schaumweinsauren Dauerfrohsinn oder ihren mühsam die Nullworte zwischen den Bulldozerkiefern zermalmenden Kompagnon Kahn, obwohl die Zumutung durch dieses dämonische Duo eine der ärgsten ist. Der echte Dreck kommt vom Megasponsor Bitburger und versammelt so ziemlich alles, was es mir unmöglich macht, mich über Siege der deutschen Nationalmannschaft zu freuen. Obwohl ich gegen dieses Team inzwischen, nach drei Jahrzehnten Abscheu, gar nichts mehr habe – polyglott und arschgeigenarm, wie es sich heuer präsentiert, mindestens eine Million Lichtjahre entfernt von Knüppeln wie Andreas Brehme und Hans-Peter Briegel, von Unsportsmännern wie Harald „Toni“ Schumacher und Paul Breitner.

   In dieser Mannschaft läuft niemand herum, den ich hassen könnte oder anspucken möchte, und wenn sie gewinnt, dann nicht aus Dusel oder dumpfem Wahn, sondern einfach, weil sie es draufhat. Aber zwischen meine Sympathie für das Spiel, das Joachim Löw ihnen beigebracht hat, und für die freundlichen Auskünfte, die die Spieler erteilen, stellt sich weiterhin das Gehabe der Fanatiker, das Dauergekeif eines Béla Réthy, das Schwarze, das Rote und das Goldene. Und genau darauf, aufs Eklige am deutschen Fußball, hebt der EM-Werbespot von Bitburger ab.

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