Die Glorreichen schrieben

Kay Sokolowsky hat so viel Zeit damit verbracht, seinem Nachwort zu „Die Zukunft war gestern“ einen Epilog anzukleben (ohne bis jetzt oder übermorgen ein Ende zu finden) –, so viel Zeit, daß ihm keine blieb, auf weitere, eventuell interessante Texte aus seiner Manufaktur hinzuweisen, die in den vergangenen Wochen das WWW sowie die echte Welt geentert haben. Das wird nun, Punkt für Punkt, nachgeholt.

1.) Die KONKRET-Redaktion hat beschlossen, Sokolowskys Abgesang auf die Partei der Grünen (in ihrer Eigenschaft als Partei) auf der Heft-Website zu parken. In „The party is over“ erläutert der Autor, warum es die Grünen als Partei nimmermehr braucht. Sie wollen ja nur noch Racket sein.

2.) Im nämlichen KONKRET wenngleich nicht und ebenfalls auf der Website singt Sokolowsky dem „Snowden“-Spielfilm von Oliver Stone eine Eloge. Via Facebook wurde dem Autor von einem eifrigen Schlauberger mitgeteilt, er, der Autor, habe damit einen antisemitischen Verschwörungstheoretiker beworben. Via „Abfall“ erwidert nun der Autor: Es schadet jedes Menschen Gehirn, „Bahamas“ gläubig zu lesen und Justus Wertmüller für einen seriösen Intellektuellen zu halten.

Was es nicht für lau im Netz zu fischen gibt, möchte Sokolowsky allerdings noch wärmer anpreisen als seine eigenen Buchstaben. Die besttuende Lektüre im neuen Heft verdankt er dem höchst gescheiten Kombattanten Stefan Gärtner, der in schlanken 3.000 Zeichen der Pfuscherin Juli Zeh nachweist, warum sie außer Posieren nichts kann, und zwar in ihren eigenen dürftigen Worten: „‚Mit einem Schlag kehrte Ruhe ein, eine Stille, die in den Ohren brauste‘ (S. 14), noch nie erlebt, vieltausendmal gelesen. ‚Hoch über den Kronen der alten Bäume flitzte eine Armee von Schwalben.‘ (S. 31), zum nächsten Flitzkrieg womöglich.“ – Grandios!

Kay Sokolowsky will sein Lob übrigens nicht, bestimmt nicht als Gefälligkeit verstanden wissen. Zwar hat Gärtner vor gut zwei Wochen in seinem berühmten „Kritischen Sonntagsfrühstück“ einen Satz Sokolowskys beifällig zitiert. Aber auch ohne diese Nettigkeit wäre Sokolowsky dem Meister Gärtner dankbar dafür, einer der talent- und sprachfernsten Schrapnellen der akuten Literaturindustrie den Weg ins Vergessen gewiesen zu haben. Diese kleine große Glosse allein ist es wert, das Oktober-KONKI käuflich zu erwerben.

3.) In Volker Schönenbergers enorm rührigem Weblog „Die Nacht der lebenden Texte“ hat Kay Sokolowsky neulich eine enorm umfangreiche Liebeserklärung geparkt. Sie gilt einem Wildwestfilm und sie bezeugt, daß Sokolowsky bis heute nichts lieber ansieht als Wildwestfilme. Sofern sie so wohlgestalt, rasant, mehrdeutig und unterhaltsam sind wie John Sturges‘ Meisterwerk „Die glorreichen Sieben“.

Sokolowskys Gastbeitrag beansprucht sehr viel Platz in Schönenbergers Blog. Trotzdem hat der Autor das Gefühl, die Sache gerade mal angekratzt zu haben. Doch das sollten die Leser beurteilen (oder bemängeln). – Auf diesen kurzen Satz aus der langen Hommage an einen seiner liebsen Western ist Sokolowsky auf jeden Fall stolz und wird es gewißlich die kommenden (vier oder fünf) Jahre bleiben: „ Eines der Werke, auf die ich beim Switchen stets hoffe, ist ‚Die glorreichen Sieben‘ …, und egal wie spät es wurde: Ich bin noch nie dabei eingeschlafen.“

Und nun zurück zur „Zukunft“!


Dienstag, 18. Oktober 2016 0:16
Abteilung: Moving Movies, Sokolowsky anderswo

6 Kommentare

  1. 1

    Gärtner und Tietze sind (waren) nach Walter Boehlich die Gründe, Titanic zu lesen.
    Mein lieber Scholli, was für eine Eloge auf einen Western! Neben „High Noon“ sicherlich ein Höhepunkt des Genres. In dem Umfang könnte ich nur über „A fish called Wanda“ schreiben. In der Qualität leider gar nicht.

    Das wollen wir doch mal sehen! Bitte! (Und danke für das schöne Kompliment!) KS

  2. 2

    Daß in KONKRET aus „Die Zukunft war gestern“ allen Ernstes „Der letzte Dreck“ geworden ist, läßt mich, nun ja, bestenfalls: Gemischtes fühlen. Die gute alte Rubrik lieferte ja allerlei Anregungen, Lesenswertes zu entdecken; das Anliegen der bösen neuen scheint es wohl zu sein, allerlei frisch Defäkiertes aus der hiesigen Literaturbetriebslatrine zu extrahieren. Das riecht wirklich nicht sonderlich gut, aber zugegeben hat’s auch mir jede Menge Spaß gemacht, Stefan Gärtners gemeine Glosse über den Buchstabenhaufen zu lesen, den die Thomas-Mann-Preisträgerin jüngst unter sich gemacht hat. Wenn’s denn so etwas wie eine Welt über oder unter der unseren geben sollte, dann rotiert der arme Mann seit der Verleihung garantiert ohn‘ Unterlaß in seinem Literatengrab.
    Und jetzt kommt eine kleine Pointe: Als ich vorhin in der U-Bahn Gärtners Zeh-Rezension las, saß mir ein durchaus sympathisch wirkender junger Mann gegenüber, der war ganz und gar vertieft in „Was steht zur Wahl? Über die Zukunft der Politik“, verfaßt von Hamed Abdel-Samad. Den kenn ich nicht. Aber auch von: Herfried Münkler. Und: Juli Zeh! Fast hätte ich dem netten jungen Mann mein KONKRET unter die Nase gehalten. Aber ich hab’s mich dann doch nicht getraut. Ich sollte einfach damit aufhören, fremden Menschen auf die Buch-Cover zu starren. Auch wenn ich mich eigentlich immer freue, wenn jemand, der im städtischen Nahverkehr unterwegs ist, ein Buch in der Hand hat und kein Blödphone. Und dann werd ich halt immer neugierig … Auf jeden Fall: Wenn mir solch seltsame Koinzidenzen noch öfter zustoßen sollten, dann fang ich am Ende noch an, an eine Welt über der unseren zu glauben. Und das wäre bestimmt fast so schlimm wie ein Buch von Frau Zeh lesen zu müssen.

    So lange in der höheren Welt keine Götter wohnen, die geil darauf sind, angebetet zu werden, denn sonst setzt es ewig Hiebe … Warum dann eigentlich keine höhere Welt? Die von unfaßbar alten bzw. evolutionär fortgeschrittensten Entitäten bewohnt wird. Ich denke da etwa an gewisse schwarze Monolithen in der afrikanischen Savanne, im Clavius-Krater oder im Orbit des Jupiter. KS
    PS. Abdel-Samad ist berühmt geworden als Muslimbruder, der vom Glauben abfiel und nun vor der Islamisierung des Abendlandes warnt. Gern auch vor AfD-Volksgenossen. Außerdem ein ganz alter Buddy des Menschenfreundes und Kant-Nachfolgers Henryk M. Broders. – Ich durfte mal in einem TV-Studio neben Abdel-Samad sitzen. Ein freundlicher, sympathischer Mann! Leider ohne Berührungsängste vor unfreundlichem, unsympathischem Umgang. Wie z. B. seinen aktuellen Co-Autoren.

  3. 3

    Lieber Kay, jetzt, wo du mir das Duzen angeboten hast, kann ich es vielleicht sagen: Es ist manchmal echt nervig mit Deinen Texten. Da habe ich vor längerer Zeit mal einen Film aus meiner Sammlung aussortiert (warum, sage ich jetzt nicht – ich würde ja auch nicht hinhören, wenn jemand was egatives über meinen Lieblingswestern schreibt), und dann lese ich Deinen tollen Text über diesen Film und denke: Mann, ey, den MUSS ich noch mal gucken.
    Schrecklich!
    Zum Glück gibt es den aber (fast) immer in der Bücherhalle.
    Ich hoffe, Du schreibst nicht irgendwann ähnlich positiv, brillant und überzeugend über Winnetou-Verfilmungen. Dann wäre ich echt am Ende. (Womit ich natürlich „Die glorreichen Sieben“ nicht mit „Winnetou“ verglichen haben will!)

    Lieber Karsten – keine Sorge, über die „Winnetou“-Filme werde ich nie was Nettes schreiben. Das weiß ich so sicher wie ich keine Garnelen fressen mag. KS

  4. 4

    Ich hatte es vergessen oder verdrängt, aber deine Wortwahl hat meinem Gedächtnis aufgeholfen: Es gibt sie ja längst, die höhere Welt, und sie ist in der Tat bewohnt von unfaßbar alten Entitäten! Nur sieht diese Welt leider ganz und gar nicht freundlich aus: Beim gestrigen Wiederlesen von Robert A. Wilsons „Lexikon der Verschwörungstheorien“ nämlich stieß ich auf des Autors Interpretation von H.P. Lovecrafts Beschreibungen genau dieser höheren Welt. Die handelten lt. Wilson davon „daß wir Menschen mickrige und armselige Kreaturen sind, die in der unendlichen Raumzeit von viel stärkeren und seltsameren Wesen umgeben sind, die uns überhaupt nicht leiden können.“ Und weiter und schlimmer noch: „Es ist wahrscheinlicher, daß sie uns eher auffressen, als uns irgendeinen Gefallen zu tun“.
    Also ich sähe natürlich auch lieber was freundlich Fortgeschrittenes über mir schweben; ich fürchte aber, es sind Cthulhu, Yog-Sothoth und all die anderen unermeßlich boshaften Great Old Ones, die sich da im Äther tummeln. Und einen unfaßbar bösen Einfluss auf unsere irdischen Geschicke nehmen – unsere Erde sieht doch stellenweise ganz danach aus, oder? Seit eben glaub ich sogar, daß die Abgesandten der Großen Alten bereits unter uns wandeln: Der unglaublich dicke Mann in Daniel Lüdkes blogfrischem „Abfall“-Gastbeitrag „Fetter Nachtisch“ sieht mir nämlich ganz danach aus, als ob er deren Gene in sich trüge – genauer: die von Tsathoggua, der grausig gedunsenen Riesenkröte von Yuggoth.
    PS.
    Es soll ja tatsächlich Leute geben, die behaupten, Lovecraft hätte sich das alles bloß ausgedacht, sogar das Necronomicon soll er angeblich selbst geschrieben haben. Diese Ungläubigen werden schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn sie erst von Horden abscheulich stinkender Shoggothen überrannt werden. Oder vom ewig hungrigen Tsathoggua aufgefressen. Ich hoffe nur, er frißt zuerst die feisten Volksgenossen von der AfD! Oder wenigstens die kompletten Druckauflagen sämtlicher Werke von Juli Zeh.

    Woran er dann vermutlich elend zugrundegehen wird. So ist das Zeh-Zeug am Ende doch für was gut! KS

  5. 5

    Das walte Azathoth! Um den fetten Tsathoggua wär’s sowieso nicht sonderlich schade, der ist noch nicht mal bei seinen fiesen Mitdämonen sonderlich beliebt.

    So wie Trump bei den Republikanern? (Schulli’ung, mein Lovecraftisch ist etwas eingerostet. Das bißchen, was überhaupt da ist.) KS

  6. 6

    Na ja, so ähnlich wie Trump bei seinen Parteigenossen. Denn ganz genau ist es nicht das eher subalterne Krötenmonster, dem Trump seine kürbisfarbene Maske leiht, er tut’s für den tentakelgesichtigen Dämonenmeister Cthulhu höchstselbst! Das weiß ich sicher, denn ich hab’s von jemandem, der sich mit dem Bösen auskennt wie kein zweiter. Es war Stephen King, der bereits am 12.09.2016 die Welt via Twitter warnte: „Reliable sources reveal that Donald Trump is actually Cthulhu. The absurd hairdo isn’t absurd at all. It hides the tentacles.“ Und falls das noch nicht reicht: „That is not dead which can eternal lie“, sagt das Necronomicon über Trump, äh, Cthulhu. Er lügt, und er ist quicklebendig. Quod erat demonstrandum! Oder?

    Kein oder. Danke für die metaphysischen Erläuterungen! KS

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