Verkracht



„Hochmut ist, wenn ein Mensch sich eine Vollkommenheit beimißt,
die bei ihm nicht zu finden ist.“

Spinoza

Die Autorin Veronika Kracher schloß sich spät und angeblich schweren Herzens dem Putsch an, den Lars Quadfasel, Marit Hofmann, Olaf Kistenmacher und Kumpanei Ende Juni gegen KONKRET anzettelten. Daß Kracher ihren unkittbaren Bruch mit dem Magazin verkündete, war für mich kein Anlaß zum Kummer. Nachdem sie nämlich Ende 2019 auf Facebook geplärrt hatte, der – durchaus sehenswerte – Spielfilm „Joker“ von Todd Phillips sei ganz schlimm und sogar gefährlich, und dass sie dies wisse, obwohl sie das Stück noch gar nicht gesehen hatte –: Seitdem also konnte ich Kracher nicht für fünf Pfennig mehr ernstnehmen und überblätterte ihre KONKRET-Beiträge, so schnell ich konnte.

Daß Ver. Kracher seither leider nichts dazugelernt hat, weiterhin starke Parolen raushaut und sich gleich danach desavouiert resp. blamiert, durfte ich heute mittag studieren, als mir (ungebeten) dieser Tweet in die Timeline genäht wurde:

„Ja“, mögen Sie nun einwenden, „das ist wirklich etwas voreilig von Kracher behauptet, zumal sie solche Bemerkungen auch unter der vermeintlichen Meinungstyrannei Musks absetzen darf. Aber Sie, Sokolowsky, sind beim Polemisieren gleichfalls kein Kind von Traurigkeit, was also stänkern Sie hier ‘rum?“

Das ist schnell beantwortet. Denn direkt unter dem Tweet, der die „Diskurszerstörung“ durch den Muskobösen beklagt, steht dies:

Und wissen Sie was, lieber Leser, werte Leserin? Kracher wird den klaffenden Widerspruch nicht erkennen, und würde er ihr vorbuchstabiert. Deshalb bin ich nach wie vor froh, nie wieder etwas von ihr in KONKRET überblättern zu müssen. Politische oder ideologische Differenzen kann ich, so schwer es mir fällt, aushalten. Sind Meinungen, die mir nicht liegen, gescheit, womöglich witzig formuliert, geben sie mir einen Anstoß – zumindest hin und wieder –, mein eigenes Gemeine infragezustellen. Und das schadet sicherlich nie.

Watt ich aba auffen Dot nich abkann noch vergebe, ist: Bigotterie. Da mach’ ich Krach, weil es sein muß.

Photo: „La hipocresía“,
by
Sistema Nacional de Bibliotecas [Public domain],
via Wikimedia Commons


Sonntag, 6. November 2022 0:02
Abteilung: Qualitätsjournalismus, Twitter, Undichte Denker

3 Kommentare

  1. 1

    Lieber Kay Sokolowsky, es freut mich sehr, daß auf das wunderbare Nullenquartett (das ich als Instrumentezeigen in Richtung „Schmierlappen“ verstanden habe „ich zeige euch jetzt mal, wozu ich mich noch nicht mal anstrengen muß“) nun die Denunzianten des offenen Briefes „dran“ sind:
    Der „Schmierlappen“ hat ja schon Schule gemacht, man liest ihn derzeit allenthalben für Denunzianten des Offenen-Briefe-Typus‘ und die weibliche Form von „Schmierlappen“ ist ja tatsächlich „Bigotterie“: Besser kann man das lustvolle Denunzieren im Gefolge eines vermeintlich Über-Mächtigen gar nicht charakterisieren.
    Das Internet ist in dieser Hinsicht Fluch und Segen zugleich: Sie wähnen sich unsichtbar als ob sie wie ehemals anonym mit weißer Kreide an der Türe den Hexenvermerk anbrächten und sind doch weltweit sichtbar als bösartige, niederträchtige und gemeine Verleumder und Denunzianten.
    Instinktiv nimmt man Abstand von solchen Zeitgenossen: Ob als Arbeitgeber („wann zeigt sie mich an?“), als Freund („war sie nicht mit Kay befreundet?“), als Kollege („aha, sie hat sich gut verstellen können jahrelang, was verbirgt sie jetzt?“) oder als Ehemann („sie will mich loswerden, denunziert sie mich beim Finanzamt?“) oder als Autorität („sie ist bigott, das sind die Schlimmsten“).
    Ob sie das schon weiß?
    Josi

    V. Kracher ist, fürchte ich, so sehr von sich und ihrer moralischen gleichwie intellektuellen Größe überzeugt, daß jede Kritik an ihr abperlt wie Wasser von Lotosblättern. Dieser Typus herrscht bedauerlicherweise beim eingebildet linken journalistischen Nachwuchs vor. Insofern ist jede Polemik ohne erzieherischen Effekt. Aber ich will ja nicht an meiner Wut ersticken, und darum schreibe ich hin und wieder auf, was mir an diesen Typen besonders lächerlich vorkommt. KS

  2. 2

    Ich verstehe das Gewesen um Twitter nicht so recht. Ein eigenes Blog kann doch viel mehr,wie man sich hier anschauen kann.
    Ich bezweifle auch, dass Musk die Zeit hat, sich zusätzlich noch der dortigen Propaganda jenseits seiner Firmen zu widmen.
    Was man Musk indes ankreiden kann, ist, dass er sich bei Twitter als Prototyp des schlechten Managers gerierte. Von einem so hoch gelobten Geschäftsmann sollte man mehr erwarten können, als Management by Champignon.
    Mir sind noch Zeiten bekannt, da wollte man noch nicht das Internet regulieren. Nicht, dass damals alles schõn war, aber zumindest hat niemand in den alten Medien Twitter und Facebook rezitiert und das mit eigenen Kommentaren angeteichert.
    Vielleicht kommt es ja wieder dazu?

    Der Trend geht eindeutig zu mehr Zensur und weniger Meinungsfreiheit, da sollte sich niemand Illusionen machen. Aber derweil kann man sich durch die Twitter-Files bestens unterhalten lassen. Immerhin für diese Enthüllungen war Musk (von dem ich nichts Gutes halte) gut. KS

  3. 3

    Von Frau Kracher las ich kürzlich ein Buch über „Incels“, das zwar von einigen Längen und Redundanzen nicht ganz frei war, mir aber doch Einblick verschaffte in die Welt ebenso larmoyanter wie brutaler junger Männer, die nicht damit fertig werden, dass die Damenwelt sie ignoriert. Mit ihrer Charakterisierung Musks als „Kleinkind“ liegt sie allerdings falsch, denn solche Nabobs wissen sehr genau, was sie tun, wenn sie sich Meinungsproduktionsmaschinen unter den Nagel reißen.

    Was Sie so alles lesen … Ich könnte das nicht. KS

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