Archiv für die Abteilung 'Director’s Cut'

Lagerfeuer-Geschichten (2): Der Geisterball

Samstag, 18. Juli 2020 19:18



Martin Brühl haßte vieles an der Schule. Die Deutschdiktate bei Frau Wurm, die Bastelstunde mit Frau Harms, die Bande von Marlene Peltz, das Geschimpfe des Hausmeisters und die Ökokäsestullen, die seine Mutter ihm als Pausenbrot mitgab. Am leidenschaftlichsten, unerbittlichsten, hoffnungslosesten aber haßte er die Sportstunde am Dienstagmittag. Denn da wurde Völkerball gespielt. Und wenn es einen Jungen gab, der auf keinen Fall, der im Leben nicht „König“ beim Völkerball werden würde, dann hieß er Martin Brühl.

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Lagerfeuer-Geschichten (1): Allein im Wald

Samstag, 4. Juli 2020 1:01



Ich bin als erster im Rabenforst gewesen; und das hat mich gewundert, weil, sonst ist René, der Witzbold, immer der erste, und dann kommen Jakob, der so klasse zeichnet, und Daniel und Sven, die bei uns aber nur Kehlmann-Eins und Kehlmann-Zwei heißen, weil, sie sind Zwillinge und sehen sich total ähnlich, und gleich danach taucht Bernd auf, der wahnsinnig viel essen kann, und dann warten alle schon auf mich, und Bernd schimpft, daß er seine ganze Verpflegung aufgegessen hat wegen der Warterei. Aber letzter bin ich nie, denn als letzter kommt jedesmal Jochen, über den Herr Piepenbrock sagt, er, also Jochen, würde wohl glauben, daß nach ihm die Sintflut kommt. Herr Piepenbrock ist unser Klassenlehrer, aber ich finde ihn gemein, weil, Jochen ist nicht der schnellste, aber er ist ein prima Kumpel, und darum darf er auch in unserer Bande mitmachen, obwohl nach ihm die Sintflut kommt.

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Wo ich recht hab, hab

Samstag, 27. Juni 2020 0:42

Berliner Glitzerwelt (Symbolphoto)


Der Skandal um das „CDU-Talent“ (n-tv)
Philipp Amthor wird seiner Parteikarriere selbstverständlich nicht den Garaus bereiten. Sondern bloß eine Pause aufnötigen, bis der Rauch sich verzieht bzw. ein anderer Unionist beim Abgreifen erwischt wird. Und das dürfte so lange nicht dauern.

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Abteilung: Director's Cut, Kaputtalismus, Man schreit deutsh | Kommentare (9) | Autor:

Matinee mit Mozart

Freitag, 15. November 2019 17:51



Die folgende Liebeserklärung an den unvergleichlichen Filmkünstler Martin Scorsese erschien erstmals in KONKRET 5/2000, anläßlich der deutschen Premiere von „Bringing Out the Dead“. Aus Anlaß des neuen, vermutlich finalen Spielfilms des einzigartigen Kinogenies Scorsese, „The Irishman“, hat Kay Sokolowsky den alten Aufsatz aus dem Dateidschungel geborgen, durchgeflöht und (von Kleinigkeiten abgesehen) für sehr gut erhalten befunden.
Sokolowskys (selbstredend hymnische) Besprechung des „Irishman“ finden Sie übrigens im befreundeten Weblog „Die Nacht der lebenden Texte“.
Der Abfall-Admin

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Hüter des Schreins
Ich kann über Martin Scorsese nicht reden, ohne persönlich zu werden. Kein anderer Regisseur, dessen Werke mir ebenso viel bedeuten, dessen ästhetisches Programm mir gleich einleuchtet, dessen Blick auf die Welt und ihre Einwohner ich mir mit ähnlicher Passion angeeignet habe. Vor anderen, und gar nicht einmal wenigen, Regisseuren rutsche ich ehrfürchtig auf den Knien. Vor, mindestens, fünf liege ich anbetend auf dem Bauch. Mein Pantheon ist wirklich gut bestückt. Aber neben diesem kleinen, asthmatischen, freundlichen, wütenden Italoamerikaner schrumpfen all die Götterbilder, selbst Kubrick, Ford, Hitchcock, Spielberg und Eisenstein, zu Götzen. Ihn, Marty, liebe ich; ich liebe ihn wie, mindestens, Frau von Bingen ihren mystischen Bräutigam.

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Abteilung: Director's Cut, Moving Movies, Selbstbespiegelung, Sokolowsky anderswo | Kommentare (7) | Autor:

Auf des Totentamms Kiste

Donnerstag, 5. Januar 2017 3:41

Auswüchse pathischer Fixation (Symbolphoto)


Am 29. Dezember 2016 ist der „Museumsstifter und frühere Vorstandschef von Axel Springer“ (shz.de) Peter Tamm
im unerhörten Alter von 88 Jahren verstorben. Ein ehrlicher Seemannstod war dem Liebhaber aller Kriegsmarinen, voran der reichsdeutschen, nicht vergönnt.

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Abteilung: Director's Cut, Sokolowsky anderswo, Zeuge der Geschichte | Kommentare (1) | Autor:

Director‘s Cut (6): Das System Stefan Raab

Sonntag, 20. Dezember 2015 23:30

DVT-scan-MagoCut-bild4-dvtreconstructedAm Samstagabend beging Deutschlands erfolgreichster TV-Entertainer seinen Abschied aus dem Fernsehprogramm. Mir fehlt der Glaube, daß Stefan Raab das Versprechen halten und uns fortan tatsächlich mit seinem Grinsen verschonen wird. Ich bin jedoch sicher, bereits vor fünf Jahren, in der KONKRET-Ausgabe 7/2010, die Gründe für Raabs Popularität und Erfolg recht gut benannt zu haben. Um das zumindest vorläufige Verschwinden eines Unholds zu feiern, folgt hier eine teils verlängerte, teils gekürzte Version meiner raabiaten (harhar) Anmerkungen.


Live und Leben

Kein Mensch braucht das Fernsehen, und trotzdem will kaum einer darauf verzichten. Niemals wurde so viel in die Röhre geschaut wie heute, wo sie meistens keine ist, sondern ein Bildschirm, so flach wie das, was er zeigt. Aber es guckt ja kein Schwein wirklich hin. Die Bilder und Geräusche, die das Fernsehen produziert, sind einfach da, eine bewegte Tapete, und wenn sie mal fehlt, wundert man sich allenfalls, warum es plötzlich so still ist. Dieser enormen Diskrepanz zwischen Penetranz und Relevanz versucht ein Heer von „Medienjournalisten“ entgegenzuwirken. Sie schreiben zwar sorgfältig auf, was sie sich ansehen und manchmal notieren sie sogar, warum gescheiter handelt, wer den täglichen „TV-Event“ ignoriert. An der Nichtigkeit des Mediums ändern sie damit allerdings so wenig wie an der Gleichgültigkeit der Fernsehmacher gegen das, was der Kritiker treibt. Fernzusehen kostet keine Mühe, bloß Zeit; zeitlos bleibt Raymond Chandlers Metapher vom TV-Glotzer als einer „Fliege am Müllkübel“. Trotzdem sollte niemand sich für was Besseres halten, nur weil er die Scheibe matt läßt; dem Kapitalismus entkommt einer ja auch nicht, indem er darauf verzichtet, die Aktienkurse in der Zeitung zu lesen. Die Sendungen sind in der Welt, sie schaffen sich ihre eigene Welt, und vielleicht gibt es schon gar keine Welt mehr diesseits des Schirmbilds.

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Der Prophet im Medienbordell

Sonntag, 11. Januar 2015 12:40

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Bröckers-Hirn, Detailausschnitt (Symbolphoto)

Der Journalist Mathias Bröckers hat zwei Berufungen. Die eine, schon etwas ältere, gilt der Legalisierung von Hanf und dessen Nebenprodukten. Die andere hat ihn vor knapp fünf Jahren ereilt, nach den Anschlägen des 11.September: Seitdem ist Bröckers der erfolgreichste Verschwörungsphantast Deutschlands. Unermüdlich, leidenschaftlich, selbstgewiß wie nur je ein Prophet behauptet er, Al-Qaida sei eine Erfindung der amerikanischen Geheimdienste, Osama bin Laden ein Strohmann der CIA, die US-Regierung eine moderne Version der Nazidiktatur, außerdem seien die Mordpiloten bestimmt nicht die wahren Attentäter, und alle Medien, die etwas anderes erzählen, gehörten zu einem gewaltigen Manipulationskartell. Nach zwei Büchern zum Thema, die bei Zweitausendeins erschienen und einige hunderttausend Male verkauft worden sind, hat sich Bröckers im September 2004 von seinem dankbaren Verlag einen ordentlichen Batzen Serverkapazität spendieren lassen, um „die Lunte der Aufklärung“, wie er das nennt, fortan in einem „Writer’s Blog“ kokeln zu lassen.

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Der verhexte Weihnachtsmarkt

Donnerstag, 25. Dezember 2014 1:00

Meinem Freund Sönke gewidmet, dessen Geburtstag gestern
in weiten Teilen der Welt festlich begangen wurde.
(Nie wieder will ich Dir vorzeitig gratulieren, o heilige Vielfaltigkeit!)

Aus_dem_Muensterland_Aufmacher_(c)_Kay_SokolowskyVielleicht hätte Richard nicht so spät die Betriebsfeier verlassen sollen. Vielleicht wäre es klüger gewesen, keinen Punsch zu trinken – jedenfalls nachdem Lehmann, der Witzbold, eine Buddel „Captain Morgan“ in die Schüssel gekippt hatte, „zum Nachwärmen, hrrrg, hrrg“. Und vielleicht sollte Richard es sich endlich angewöhnen, die Geschenke nicht erst an Heiligabend zu besorgen. „Nun“, murmelte er, etwas entsetzt sein Spiegelbild begutachtend, „man kommt aus seiner Haut nicht raus.“ Richard hätte freilich einiges dafür gegeben, aus dieser Haut, die nach Fuselöl und den Zigarren des Chefs stank, herauszukommen.

Eine Wechseldusche und zwei Aspirin später saß er in der U-Bahn und fragte sich, woher das lange blonde Haar auf seinem Pulli stammte. Yvonne? Katja? Tief in Richards schwerem Kopf steckte eine Erinnerung an Gefummel und Geknutsche, wollte aber nicht heraus. Richard wurde klamm zumute. Wahrscheinlich hatte er bloß eine oder beide Trainee-Tussis zum Abschied brav umarmt. Hoffentlich! Sonst könnte er sich im neuen Jahr auf ein Gerede gefaßt machen, das bis zur nächsten Weihnachtsfeier der Reederei nicht verstummen würde. Immerhin hielt der alte Scharnagel größere Stücke auf ihn als auf die eigenen Söhne.

Richard beschloß, eine Station früher auszusteigen, um sich auf dem Weihnachtsmarkt vorm Rathaus ein Katerfrühstück zu genehmigen. Er griff in die linke Manteltasche, in der die Geschenkliste steckte, und sah dann auf seinen Citizen-Chronometer (wasserfest bis 50 Meter). Ist noch Luft nach oben, dachte er, um sich selbst zu beruhigen, und dann, am Ausgang, sah er gleich gegenüber, über hundert Köpfe mit wechselnden Körpern hinweg, das Schild von „Christkindel’s Glühweinhaus“. Das falsche Apostroph störte Richard nicht. Er war in Rechtschreibung noch nie eine Leuchte gewesen.

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