Archiv für die Abteilung 'Man schreit deutsh'

Man schreit deutsh (7): Der Partyotismus und der Patridiot

Freitag, 29. Juni 2012 16:11

Ulf Poschardt, Schirmherr des Borderline-Journalismus, Redaktions-
abwickler und Geschmacksbürger, neulich, am vormaligen Tag der deutschen Einheit (wann auch sonst?) in „Welt online“:

„Die Deutschen haben mit der Enttabuisierung der Nationalfarben und der Hymne weniger ein nationales Bedürfnis entwickelt, sondern ein internationales.“

   Wuppertal am 28. Juni 2012, kurz nach Abpfiff: 800 deutsche greifen einen Auto-Corso von italienischen Fans an. Die Polizei setzt Pfefferspray ein, Straßen müssen gesperrt werden. Ein Polizist und dreizehn Fans werden verletzt. Wenig später zeigen italienische Fans eine riesige Flagge, die ihnen aufgebrachte Deutsche entreißen wollen. Im gesamten Innen-
stadtbereich kommt es immer wieder zu Rangeleien und kleineren Schlägereien. Anhänger der Squadra azzurra werden mit Spaghetti beworfen, 27 Randalierer vorläufig festgenommen.

Weiterlesen

Abteilung: Man schreit deutsh, Undichte Denker | Kommentare (3) | Autor:

Man schreit deutsh (6): Brat und Spiele

Donnerstag, 28. Juni 2012 14:12

Noch ist nicht heraus, ob die deutsche oder die italienische Mannschaft das Halbfinale siegreich bewältigen wird. Sollte die Squadra azzurra heute abend wieder einmal für das Ende hiesiger Titelträume sorgen, kann das aber bestimmt nicht mit der Verpflegung an der Heimatfront zu tun haben. Denn Netto, der „Marken-Discount“, heißt in dieser Woche:

– also Nettfußball, und weiß daher, daß der echte Rums-rums-rumsdi-rumsrumsrums-„Sssieg!“-Siggi neben einer Kanne Bier auch was vom Benzol-Grill braucht, irgendwas, um in die Stimmung zu kommen, die er mir durch sein Gebrüll sofort vermiest, wenn ich in Ruhe die Spielkunst der Löw-Truppe goutieren möchte. In Mägen, die auch der Bruzzzler Einlaß gewähren, paßt praktisch alles, vermuten die Nettfußball-Marketingstrategen, und deshalb verordnen sie:

Weiterlesen

Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh | Kommentare (1) | Autor:

Man schreit deutsh (5): Thilo Sarrazin ist keine alte Hure

Montag, 25. Juni 2012 21:19

Michael Ringel, Redakteur der „Taz“-Satireseite „Die Wahrheit“, teilt heute via Rund-E-Mail mit, daß Thilo Sarrazin den Anwalt Christian Schertz beauftragt hat, gegen die „Taz“ eine Beleidigungsklage anzustrengen. Anlaß dafür ist eine Polemik Ringels vom 18. Juni 2012. Darin heißt es, gewisse Journalisten würden Sarrazin „benutzen wie eine alte Hure, die zwar billig“ sei, „aber für ihre Zwecke immer noch ganz brauchbar, wenn man sie auch etwas aufhübschen“ müsse. Das will der Intelligenz-, Bildungs-, Sozial-, Finanz-, Brauch- und Volkstumsexperte Sarrazin nicht auf sich sitzen lassen.

   Der Fall, sofern es einer wird, zeigt wieder einmal, wie schlecht Leute, die mit dem großräumigen Austeilen von grundlosen Beleidigungen berühmt geworden sind, einstecken können. Er zeigt überdies, daß sie mit dem Lesen Schwierigkeiten haben. Denn keineswegs hat Ringel den Mann, der allen deutschen Deutschen ein leuchtendes Vorbild ist, mit einer Hure, nicht mal mit einer alten, verglichen. Sondern in einer – gewiß drastischen – Metapher den Zynismus und die Gewissenlosigkeit jener Journalisten zu beschreiben versucht, die den Populisten Sarrazin auf die Titelseite heben und ihm ganze Druckbögen einräumen, sobald der irgendein Zeug in die Gegend lispelt, das nach Eklat und Auflagen-
steigerung riecht. Beleidigt müßten jetzt also gewisse Herrschaften beim „Spiegel“, bei „Bild“, der „FAZ“ oder dem „Focus“ sein, doch in solchen Angelegenheiten sind die Profis und deshalb von Empfindlichkeiten frei. Wenn nicht freier.

Weiterlesen

Abteilung: Man schreit deutsh | Kommentare (1) | Autor:

Man schreit deutsh (4): Zwischen Danzig und Gdansk

Montag, 18. Juni 2012 10:41

Oliver Fritsch hat für die Online-Ausgabe der Zeit aufgeschrieben, was seiner Ansicht nach von Lukas Podolskis Leistungen bei der Europameisterschaft zu halten sei („Mit Vollspann und Gangstafaust“). Ein Artikel aus dem Ressort Fußball-Feuilleton – viel Geraune, noch mehr Spekulation, reichlich Küchenpsychologie und das alles in einem Stil, der auf originell gebürstet ist und doch bloß Blüten treibt wie diese: „Podolski fällt manchmal in ein altdeutsch anmutendes Vollspanndasein zurück.“ Wieviel schöner dagegen das Vollpfostendasein eines neudeutschen Sportjournalisten!

   Aber es soll hier nicht um Fritsch und nicht einmal um Podolski gehen, sondern darum, wie schnell ein Online-Forum, das sich eigentlich dem Spieljubiläum des Fußballers und seiner Zukunft in Joachim Löws Mannschaft widmen sollte, zur Bühne für altdeutsch nicht bloß anmutendes Vollhorsttum, für erzteutonische Selbstgerechtigkeit, Geschichtsklitterung und Arroganz werden kann. Es beginnt mit einer etwas sauertöpfischen, doch berechtigten Kritik von „Wolfram W“:

Weiterlesen

Abteilung: Man schreit deutsh | Kommentare (0) | Autor:

Man schreit deutsh (3): Letzte Worte zum Flaggezeigen

Sonntag, 17. Juni 2012 13:30

Aus Garth Ennis‘ exzellenter Comic-Serie The Boys den dritten Band Herogasm wiedergelesen und dabei respektvoll die Sätze aufgesammelt, die Mother’s Milk, mein liebster Boy, über die exzessive Verwendung von Nationalsymbolen äußert:

Je mehr man die Flagge schwenkt, desto weniger Bedeutung hat sie. Desto weniger denkt man darüber nach. Und nimmt man sie erst zum Einpacken oder trägt sie wie ’nen Scheißanzug … Shit. Dann bedeutet sie bald gar nichts mehr.

Weiterlesen

Abteilung: Man schreit deutsh | Kommentare (0) | Autor:

Man schreit deutsh (2): Die Tintenfahne

Samstag, 16. Juni 2012 14:00

Wo sitzt der Nationalist, wenn er sich auf die Nation verläßt? Richtig, in der Tinte. Wahrscheinlich geht dem Online-Versand Tinte.de die Subversion ab, an so was zu denken. Aber bei der aktuellen Werbe-Offerte dieses Shops für Druckerzubehör kommt ein vaterlandsloser Gesell wie ich gar nicht umhin, den Zusammenhang zwischen Chauvinismus und zäher Schmiere herzustellen:

Weiterlesen

Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh | Kommentare (0) | Autor:

Man schreit deutsh (1): Die Bier-Bewegung

Donnerstag, 14. Juni 2012 12:00

Hat das ZDF die Übertragungshoheit für den EM-Spieltag inne, ist dem Dreck nicht zu entkommen. Nein, ich meine nicht die Müller-Hohenstein mit ihrem schaumweinsauren Dauerfrohsinn oder ihren mühsam die Nullworte zwischen den Bulldozerkiefern zermalmenden Kompagnon Kahn, obwohl die Zumutung durch dieses dämonische Duo eine der ärgsten ist. Der echte Dreck kommt vom Megasponsor Bitburger und versammelt so ziemlich alles, was es mir unmöglich macht, mich über Siege der deutschen Nationalmannschaft zu freuen. Obwohl ich gegen dieses Team inzwischen, nach drei Jahrzehnten Abscheu, gar nichts mehr habe – polyglott und arschgeigenarm, wie es sich heuer präsentiert, mindestens eine Million Lichtjahre entfernt von Knüppeln wie Andreas Brehme und Hans-Peter Briegel, von Unsportsmännern wie Harald „Toni“ Schumacher und Paul Breitner.

   In dieser Mannschaft läuft niemand herum, den ich hassen könnte oder anspucken möchte, und wenn sie gewinnt, dann nicht aus Dusel oder dumpfem Wahn, sondern einfach, weil sie es draufhat. Aber zwischen meine Sympathie für das Spiel, das Joachim Löw ihnen beigebracht hat, und für die freundlichen Auskünfte, die die Spieler erteilen, stellt sich weiterhin das Gehabe der Fanatiker, das Dauergekeif eines Béla Réthy, das Schwarze, das Rote und das Goldene. Und genau darauf, aufs Eklige am deutschen Fußball, hebt der EM-Werbespot von Bitburger ab.

Weiterlesen

Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh | Kommentare (2) | Autor: