Archiv für die Abteilung 'Selbstbespiegelung'

Der Blogger ist blockiert (3): Kassiber

Donnerstag, 14. Februar 2013 22:02

Herr G. ist in Zimmer 8 der Chef oder hält sich jedenfalls dafür. Er will, nachdem ich an meinen Fensterplatz gerollt worden bin (kahle Äste vor Schiefer-
himmel), nicht wissen, wie‘s mir geht, sondern ob ich aus einem Zweibettzimmer hierher verlegt worden sei. „Nein, direkt vom OP-Tisch“, sage ich mit etwas Mühe. Das scheint den alten Mann zu verdrießen. Eventuell sammelt er Material für eine Verschwörungstheorie, die sich um seinen zweifellos skandalösen Fall dreht. Jedenfalls ignoriert er mich in den folgenden Stunden.

Erst als meine Frau mit der Übernachtungstasche erscheint, wird er wieder gesprächig. Wir wundern uns, daß zwischen Herrn G.s und meinem Bett so viel Raum ist. Das bleibe nicht so, der Mann komme bald wieder, rasselt Herr G. (er hat was mit der Lunge). „Ein Türke“, sagt er in einem Tonfall, der alles ausdrückt, wofür Thilo Sarrazin, die Niete, 500 Buchseiten braucht. – „Oh“, sage ich, „kein Problem, ich mag Türken.“ Schlagfertiger kann ich gerade nicht. Für Herrn G. reicht‘s als Provokation. „Na“, sagt er, „ob Sie das auch mögen, wenn hier alles voll ist mit seiner Familie … Bis zur Wand stehen die, überall.“ – „Stört mich nicht“, sage ich, „dann muß ich wenigstens mein eigenes Gejammer nicht hören.“ Martina lacht, Herr G. ist erneut verdrossen. Ich kann nicht behaupten, daß mir das leid tut.

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Abteilung: Man schreit deutsh, Selbstbespiegelung | Kommentare (3) | Autor:

Der Blogger ist blockiert (2): Bulletin

Mittwoch, 13. Februar 2013 18:09

Erfolgreiche Rekanalisation, PTCA und Stent-
implantation von 2 medikamenten-
beschichteten Stents („Drug-eluting“) der RCA. Koronare 1-Gefäß-Erkrankung. LV-Funktion systolisch normal. EF 60 %. … Der Patient wurde postinterventionell mittels Monitoring überwacht und zeigte sich hierbei allzeit atem- und kreislaufstabil.

PS. Ich frage mich, wenn ich so was lese und abtippe: Dient es evtl. der atem- und kreislaufstabilisierenden Beruhigung des Patienten, medizinische Berichte allzeit in einem Jargon zu verfassen, den der Laie nicht zu dechiffrieren vermag? Um den Preis allerdings, daß der Kranke sich wie ein defekter Dieselmotor vorkommt oder wie eine kaputte Kaffeemaschine. – Jedenfalls trage ich jetzt zwei Spiralen („Stents“) in der rekanalisierten RCA spazieren und meine rechte Leiste fühlt sich postinterventionell so an, als hätte Zlatan Ibrahimović vollspann reingetreten. Trotzdem bin ich, das weiß ich, glimpflich davongekommen. Dafür danke ich meinen Ärzten, ganz gleich, wie ihr Jargon mich irritiert. (Was außerdem in Haus 4 A, Station 21, passierte: bald in diesem Blog.)

Episode 1: Verschlußsache
Episode 3: Kassiber
Episode 4: Rezept

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Der Blogger ist blockiert (1): Verschlußsache

Montag, 11. Februar 2013 22:20

„Der Fuß“, schreibt unser bedeutendster Dichter Ror Wolf in seiner Inkarnation als Raoul Tranchirer, „ist neben dem Gehirn die Hauptsache der Menschenform.“ Außerdem lernen wir aus Raoul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt 1 über „Füße, kalte“: „Die Füße sind bezüglich der Blutversorgung die am meisten benachteiligten Teile des Menschen, weil sie am weitesten vom Herzen entfernt sind und weil das Blut bei seinem Rückweg bergauf laufen muß.“ Vor einem runden Vierteljahrhundert habe ich diese Zeilen das erste Mal gelesen; aber erst heute ist mir klar, daß in ihnen mindestens so viel Wahrheit wie Komik steckt.

Denn seit einem Monat macht mein linker Fuß mir zu schaffen – um es zurückhaltend auszudrücken. Er glüht und krampft, sticht und kribbelt, pocht und drückt, pausenlos, Tag und Nacht. Vor allem nachts. Das ist wie ein Sonnenbrand mit Mückenquaddeln. Oder wie nach einer Waldwanderung in Flip-Flops. Eine gewisse Taubheit, als hätte der Fuß stundenlang in Eiswasser gebadet. Ein gewisser Druck, als stünde man auf der Kante eines Ziegelsteins. Eine gewisse Lähmung, als sei um die Wade ein Gummischlauch geknotet. Nein, schlimmer. Es ist wie nichts, das ich jemals erfahren habe. – Ah, nun komme ich auf den passendsten Vergleich: Linker Fuß und Knöchel fühlen sich an, als trüge ich einen Gummistiefel, der zwei Nummern zu klein ist, und außerdem Socken aus unbehandelter Wolle.

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Abteilung: Selbstbespiegelung | Kommentare (2) | Autor:

Of the people by the people for the people

Montag, 4. Februar 2013 22:17

In der Februarausgabe von Konkret äußert sich Kay Sokolowsky sehr wohlwollend über Steven Spielbergs neuen Film „Lincoln“, aber das war ja nicht anders zu erwarten. Hr. Sokolowsky ist, was Mr. Spielberg betrifft, seit je von großem Wohlwollen bestimmt. Immerhin kann er auch begründen, warum ihm die Angelegenheit so gut gefällt. Leider hat Sokolowsky vor lauter Wohlwollen einen dicken Bock geschossen und das Premierenjahr von „Close Encounters of the Third Kind“ ganz falsch gesetzt. Dieser grandiose Film kam nämlich nicht, wie der Vollhorst S. behauptet, 1980 ins Kino, sondern bereits 1977. Im Jahr 1980 erschien die leider nicht mehr so grandiose „neue Version“ der „Unheimlichen Begegnung“. Mit diesem verheerenden Fehler hat sich S. für alle Zeiten als ernstzunehmender Filmkritiker diskreditiert!

Gebeugt vor Gram wegen seines Schnitzers freut der Autor sich umso mehr über folgendes Lob von Leser Frank Eric: „In jeder Konkret gibt es mindestens einen Satz, der mich noch Wochen später zu einem fröhlichen Lächeln zwingt. In dieser Ausgabe (1⁄2013) kam der Satz von Kay Sokolowsky. Für die Formulierung ‚Es gibt Köpfe, in denen möchte man nicht fünf Sekunden lang wohnen‘, bin ich Ihnen vorläufig erst einmal ewig dankbar!“ Gern geschehen und gleichfalls merci! (Der unbewohnbare Schädel gehört übrigens Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.)

Warum aber der Blogger Kay Sokolowsky so lange nichts von sich lesen ließ, verrät er demnächst. Bloß zwei Worte jetzt: „Akuter Arterienverschluß“. Klingt übel? Klingt nicht nur so.

Abteilung: Selbstbespiegelung, Sokolowsky anderswo | Kommentare (1) | Autor:

Per sempre addio: Michael Quasthoff

Sonntag, 9. Dezember 2012 9:00

Für Renate

Ich würde ihn gern anrufen, um ihn zu fragen, ob ihm das hier recht ist. Wahrscheinlich nicht. Er hielt nicht viel davon, machte man um ihn ein Gewese. Dann würde ich erwidern: „Michael, bitte, man wird doch nur einmal 55!“ Dann hätten wir über die Schnapszahl geflachst. Und wenn ich ihm gesagt hätte, daß ich als Aufmacher-Photo das magische Bild verwende, das Marion Gülzow von ihm mit seinem Wodka-Gläschen gemacht hat: Nun, dann hätte ich ihn schon zu Vierfünfteln rumgekriegt, glaube ich. „Kein Thema“, hätte er gesagt, um den Fall abzuschließen, „ich werd‘ ja nur einmal 55.“

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Abteilung: Per sempre addio, Selbstbespiegelung | Kommentare (1) | Autor:

Bored beyond belief (11): SechsSechsSechs

Sonntag, 11. November 2012 23:11

Ich mach so was sonst nie: nach nur einem Absatz Lohn- und Brottext gucken, wieviele Buchstaben ich bereits verschleudert habe. Aber diesmal hat es mich gejuckt, die Zeichen zu zählen. Das kann unmöglich ein Zufall sein. Und selbstverständlich ist ebenso wenig ein Zufall, was ich dann zu sehen bekommen habe:

In meinem Manuskript – ein Monogramm des Antichrist! Von welchem der Apokalyptiker Johannes schreibt: „Hier ist Weisheit! Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig!“ (Offenbarung 13, 18)

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Abteilung: Bored beyond belief, Selbstbespiegelung, Unerhört nichtig | Kommentare (0) | Autor:

Bored beyond belief (10): Hotel Kubrick

Sonntag, 4. November 2012 1:08

Wenn ich mir jetzt einen Baseball kaufe und ihn den lieben Tag lang gegen die Wand schmeiße … Wenn ich nie mehr etwas anderes schreibe als: „All work and no play makes Kay a dull boy“ … Wenn ich mit Barkeepern rede, die gar nicht da sind, und wenn ich eine mehr als bedenkliche Beziehung zu Feueräxten entwickle … Dann liegt es nur daran, daß ich in der Nacht zum 2. November im „Overlook“ übernachtet habe. Ja, genau, in dem Hotel aus Stanley Kubricks „The Shining“.

Zugegeben, die Herberge, in der ich mich aufhielt, heißt in Wirklichkeit nicht so, und sie steht auch nicht in den verschneiten Rocky Mountains, sondern im verregneten Hannover. Aber warum Jack Torrance jeden Bezug zu Welt und Wirklichkeit verliert, nachdem er das „Overlook“ betreten hat – das habe ich nun erst richtig begriffen.

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Abteilung: Bored beyond belief, Moving Movies, Selbstbespiegelung | Kommentare (4) | Autor:

The Boy is back in Town

Donnerstag, 11. Oktober 2012 0:23

Die Deutsche Telekom hat alles versucht, wirklich: ALLES, mir das Bloggen zu verekeln. Sie hat nicht gesiegt. Ich bin nach vier Wochen Gewürge und Frust endlich und ohne (!) Amputationen bei einem anderen Provider angekommen. Er beherrscht die technischen Standards von 2012 – und ist nicht, wie die Telekom, geil auf die von 2002. Außerdem wird man bei diesem Anbieter nicht wie ein Schmutzlappen behandelt, sondern wie ein gleichberechtigter Vertragspartner. Das fühlt sich wattewolkenweich an, nach so vielen Tagen fruchtlosen Austauschs mit den Call-Center-Robots der Telekom.

Ich muß jetzt sehr viel nachholen. Und bitte die paar treuen Leser meines Blogs um Entschuldigung für die scheinautistische Pause der vergangenen Wochen. Es wird hier bald wieder reges Leben stattfinden. Dies ist kein faules Versprechen. Sondern eine Aussicht – und, sofern es mich betrifft, eine gute.

Um Paul Newman in „Die Farbe des Geldes“ zu zitieren: „Ich bin wieder da!“

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