Archiv für die Abteilung 'Selbstbespiegelung'

Im Glanze dieses Glückes

Samstag, 9. November 2019 15:44


[Das nachfolgende Memorabile verfaßte Kay Sokolowsky im November 2009 für „Jungle World“.

Der „Abfall“-Admin]

Meine Mutter, die in den 50ern aus Erfurt in den Westen türmte, hat sich über den Fall des antifaschistischen Schutzwalls sehr gefreut. Das durfte sie auch, denn sie ist meine Mutter und ihre Familie fehlte ihr. Ich habe mich nicht gefreut, nicht einmal für meine Mutter, doch zum Glück hat sie das nie gemerkt. Ich habe vor meinem Fernsehkasten gehockt, zwischen den Sondersendungen von ARD und ZDF hin- und hergeschaltet und zum ersten Mal in meinem Leben – ich war 26 Jahre alt – keine Lust mehr auf die Zukunft gehabt. Denn die Zukunft, die mir bevorstand, würde gewiß nicht die sein, die ich wollte, die eines globalen Sozialismus. Der Zug war gegen die Wand gefahren, und durch das große Loch, das er beim Crash gerissen hatte, strömten Menschen, die als einzigen Begriff für ihre Stimmungslage nur das Wort „Wahnsinn“ kannten.

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Abteilung: Kaputtalismus, Man schreit deutsh, Selbstbespiegelung | Kommentare (9) | Autor:

Grüße von Amrum

Freitag, 9. August 2019 20:57

Lieber Orthwien,
jeden Morgen, jeden Mittag, jeden Abend und meist auch in der Zeit dazwischen sitzt ein Austernfischer auf dem Dach unserer Pension oder dem First des Nachbarhauses und ruft: „Gehweg! Gehweg! Gehweg!“ Unermüdlich, ohne Rast, und nach vielen Stunden genauso lautstark wie zu Beginn. Gelegentlich jagt ein Trupp seiner Artgenossen knapp über die Dächer hin zum nahen Watt und schreit im Chor zurück: „Fick! Fick! Fick!“ Und so was steht unter Artenschutz.

PS. Wenn der Austernfischer doch mal eine Essenspause einlegt und zum Strand windsurft, stehen sogleich zwei Tauben auf seinem Stammplatz und – kein Witz! – turteln.

PPS. Ich bin mies in Nordfriesisch: Es mag also sein, daß die Austernfischergangs nicht „Fick! Fick! Fick!“ rufen, sondern „Fisch! Fisch! Fisch!“ (Könnten diese Krawallgeschwister aber gern leiser tun.)

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Abteilung: Aphone Aphorismen, Bored beyond belief, Selbstbespiegelung, Sommerfrische, Unerhört nichtig | Kommentare (2) | Autor:

Hinter den blauen Bergen

Sonntag, 24. März 2019 0:18

Neben zwei kleinen Mädchen, die vergnügt ein Puschelhündchen gassiführen, warte ich auf Grün. An dieser Ampel müssen Fußgänger eeewig ausharren, denn sie ist, obwohl mitten in einem Wohnviertel, nicht für Menschen, sondern Automobile da. Die Mädchen vertreiben sich die Zeit mit dem Absingen eines Liedes, das ich seit gut vier Jahrzehnten nicht mehr gehört habe, und ich vergesse ein paar Sekunden lang zu atmen vor Staunen, daß Kinder immer noch diese Verse kennen: „Von den blauen Bergen kommen wir, unser Lehrer ist genauso doof wie –“

Nein, ruft eins der Mädchen, das heiße nicht „doof“, sondern „dumm“. Die beiden probieren die alternative Version aus, aber das bringt sie derart aus dem Konzept, daß ihnen der dritte Vers nicht richtig einfallen will: „Mit der Brille auf der Nase … auf der Nase so ein Hase …“ Sie merken, daß es nicht weitergeht und kichern im Kanon. Meinetwegen? Die lachen doch nicht über mich?! Ich schaue zu ihnen hinunter, und sie sehen einander an, die hübschen Fratzen rosé vor Fröhlichkeit. Ob sie mich überhaupt wahrnehmen?

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Abteilung: Inside "Abfall", Selbstbespiegelung | Kommentare (17) | Autor:

Hoch lebe die / Synästhesie

Mittwoch, 27. Februar 2019 21:05


Der größere Teil der Osdorfer Feldmark
ist eingezäunt, damit die neurotischen Polo- und Polizeipferde, die hier zu Hause sind, nicht vom Pöbel belästigt werden, wenn sie stumpfsinnig um die Weidenwüste kreisen. Außer Maulwürfen, Krähen, Elstern, Möwen und Löwenzahn verirrt sich auf diese Klepperwiesen kein Leben, das sich selber gehören darf. Bloß ein Schamrest des „Landschaftsschutzgebiets“ besteht aus altem holsteinischen Knickgelände, und gäb‘s den NABU nicht, wären sogar diese paar Hektar längst erschlossen, das heißt, verödet. Nur hier kann der Spaziergänger die Promenade mal verlassen und fünfhundert Meter weit querfeldein wandern.

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Abteilung: Musicalische Ergetzungen, Selbstbespiegelung, Stadtstreicherei | Kommentare (7) | Autor:

Neujahr 2019 (Sonata Slesvica)

Samstag, 12. Januar 2019 23:20


Thema/Exposition
Hier vorne das Gitter, dahinter die Welt.
Dazwischen ein Blau, das sich selber gefällt.

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Abteilung: Bored beyond belief, Lieder ohne Werte, Selbstbespiegelung | Kommentare (1) | Autor:

Im Bernstein-Kabinett

Sonntag, 30. Dezember 2018 1:46

Mehr als eine Woche ist vergangen, seit Fritz Weigle, der sich auch F. W. Bernstein nannte, diese Welt verließ, und ich bin immer noch fassungslos und fühle mich weiterhin außerstande, einen ordentlichen Nachruf zu verfassen; doch immerhin habe ich ein paar Worte notieren können.

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Abteilung: Litterarische Lustbarkeiten, Per sempre addio, Selbstbespiegelung, Zeuge der Geschichte | Kommentare (3) | Autor:

Schnipsel: 9. November 2018

Freitag, 9. November 2018 23:30


Schwermut als Chance

Also schon wieder Herbst, schon wieder kurze Tage, schon wieder schwarze Nächte, schon wieder kahle Bäume, schon wieder kalte Füße, schon wieder Tod, wohin du trittst.

Also wieder ein Jahr fast umgebracht, wieder viele schöne Momente verpaßt (von den häßlichen leider keinen).

Also schon wieder älter geworden, ohne es zu wünschen, also: dies Altsein.

Aber nie noch habe ich mehr gestaunt über die Farben, die Maler Herbst über die Welt kippt. Der Ahorn so rot! Der Boden unter den Bäumen so gelb! Die Wolken am Horizont so blau! Und zum ersten Mal in meinen 55 Herbsten denke ich: Hoffentlich darf ich das wiedersehen. (Wo ich sonst dachte: Warum muß ich das denn schon wieder sehen?)

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Abteilung: Aufgelesen, Die Spezies hat‘s verkackt, Kaputtalismus, Lieder ohne Werte, Man schreit deutsh, Per sempre addio, Qualitätsjournalismus, Schnipsel, Selbstbespiegelung | Kommentare (5) | Autor:

Quizás

Mittwoch, 17. Oktober 2018 22:00

Vielleicht sollte ich nur noch über die schönen Phänomene schreiben. Über das Klagen der Bussarde da oben oder das Plappern der Spatzen hier unten. Über den Halbmond, wie er nachts die Wolken versilbert, oder über die Sonne, wie sie sich abends in Purpurtücher hüllt. Über das Tuscheln der Bäume oder das Taumeln der Hummeln. Über die Marienkäfer, die sich vorm Winterschlaf zu einem letzten Tanz versammeln, oder die Eichkater, die das Vorrätehorten aussehen lassen wie den größten Spaß der Welt. Über das neptunische Blau der Korn- oder das saturnische Orange der Ringelblumen, satt und warm sogar jetzt noch, Mitte Oktober.

Vielleicht sollte ich den Rest meines Lebens, will ich das Schreiben nicht ganz lassen, nur mehr über das Gute schreiben, das ja doch in diesem einen oder jenem anderen Menschen steckt, und nicht mehr über das Schlechte, das die meisten Artgenossen, leider, kultivieren. Vielleicht sollte ich über den Krankenpfleger schreiben, der von seinem lächerlichen Lohn DVDs mit berückenden Naturaufnahmen anschaffte, damit die Patienten, die Stunden über Stunden vor der OP-Schleuse darauf warten müssen, in der Hospitalfleischfabrik verwurstet zu werden, etwas anschauen können, das sie von ihrer Angst und Ohnmacht ablenkt. (Der Betrieb, von lauter BWL-Zombies organisiert, sieht nämlich nicht mal Tröstungen dieser geringsten Art vor; es kümmert ihn nicht, was seine Objekte bekümmert.)

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Abteilung: Selbstbespiegelung | Kommentare (9) | Autor: