Archiv für die Abteilung 'Director’s Cut'

Director’s Cut (5): Sein letzter Böller

Montag, 31. Dezember 2012 12:00

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es das, was Jungs zu Silvester am meisten Spaß macht. In diesem Sinne:
Komm‘ Se jut rin!

Manchmal träumte Uwe von Atompilzen. In diesen Träumen hörte er ein Donnern, das von Horizont zu Horizont rollte. Es grollte hinauf bis in den Weltraum und hinab in den glühenden Kern der Erde. Ein Knall, der nie verhallte, ein Geräusch, laut genug, um alle Katzen, Hunde und alten Knacker der Welt in einen Schrecken ohne Ende zu versetzen. Für einen Jungen von elf Jahren waren das recht ungewöhnliche Träume. Kurz vor Silvester hatte Uwe überhaupt keine anderen Träume mehr. Da war jedesmal ein Blitz, den Blinde sehen, ein Krach, den Taube hören konnten, und wenn er aufwachte, hatte Uwe etwas Feuchtes in der Pyjamahose, das er für Pipi hielt.

Weiterlesen

Abteilung: Director's Cut, Erzählungen | Kommentare (0) | Autor:

Director’s Cut (4): Das Scorsese-Treatment

Samstag, 17. November 2012 20:00

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es der 70. Geburtstag Martin Scorseses, des größten Filmregisseurs nicht nur unserer Zeit.

Vorspann:
„Kino und Religion, das ist mein Leben. Sonst nichts.“
Sagt Martin Scorsese, das größte Genie, das Hollywood seit John Ford zu bieten hat. Er verfertigt Filme, die wirken wie Katechismen der Kinokunst; und redet er über Gott, wird ein greller Reißer namens „Kap der Angst“ daraus. Besessener Perfektionismus, eine fanatische Lust an Selbst-
zerstörung und Bildersturm durchziehen sein Werk; und obschon dieser zartgebaute Mann bestimmt noch keiner Fliege was zuleide getan hat, macht ihm die Inszenierung von Gewalt so leicht keiner nach. (Freilich machen sie alle, von Oliver Stone bis Quentin Tarantino, es ihm nach.) Ein Regisseur, der nichts mehr fürchtet und haßt als die Arbeit am Set. Ein glühender Katholik, der sich dreimal scheiden ließ und auch seinem Herrn – in der „Letzten Versuchung Christi“ – einen vernünftigen Beischlaf gönnt. Ein durchaus widersprüchlicher Charakter. Und darum lassen seine Filme, im Guten wie im Bösen, keinen kalt.

Weiterlesen

Abteilung: Director's Cut, Moving Movies | Kommentare (4) | Autor:

Director’s Cut (3): Mein schönstes Endspiel

Sonntag, 1. Juli 2012 19:00

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es das Endspiel um die Europameisterschaft 2012.

 

DER BESSRE GEWANN!
WM-FINALE 1986 – EINE EPOPÖE

  

ERSTER GESANG
Singe den Sieg, o Göttin, der
argentinischen Stiere,

Stimme uns ein mit Lauten der
Freude auf das Versagen,
Kläglich, verdient und allen
willkommen, die Schande der
deutschen
Truppgurken, wie sie sich zutrug
im Endspiel der Weltmeister-
schaft im
Jahre Acht-Sechs zu Mexiko-Stadt,
der sonnenerhitzten
Herrlichen Perle des Hochlands!
Und singe, o Göttin, vor allen
Lob dem begnadetsten Spieler, so
jemals gelebt und getreten
Und wie der Sturmwind getragen
den Ball übers Feld, ach, Diego,
Strammester, ach, aller Strammen, Gewitztester, ach, der Gewitzten,
Ach, Maradóna! Nicht wen‘ger denn drei teutonische Klötze
Band jenen Tages, es war Ende Juni, Dein magischer Fuß, Dein
Unwiderstehlicher Antritt, und ihre Namen verwehte,
Bliese hinweg der Wind der Geschichte, wären sie nicht durch
Dich für immer verewigt: Matthäus und Förster und Jakobs.

Wohl – ein Tor, Maradóna, war Dir nicht vergönnt in dem Glanz des
Estadio Aztéca vor einhundertzehntausend Menschen, frenetisch
Alles bejubelnd, was Du nur tatest, und wie erst ein Goal von
Dir, ach, Diego! Dumm aber, taub und wahrscheinlich auch blind sind
Jene, die meinen, Du habest rein gar nichts gerissen an diesem
Tage. Vergessen, verleumdet haben die dreisten Idioten
Dein berückendes Zuspiel, den tödlichen Paß auf, Moment, auf
J. Burruchága, acht Minuten vor Abpiff, der Schuß und
Drei-Zwei! Der Titel! Die Krone der Welt! Doch Einhalt, o Göttin,
Sprich Deiner Laute und meiner! Uns fehlet die Stimme des Mannes,
Welcher vom Klappstuhl, geklemmt zwischen Mikro und Ohrknopf,
erbebend
Aussprach die Schmach der germanischen Elf. Wir rufen Rolf Kramer.

Weiterlesen

Abteilung: Director's Cut, Erzählungen | Kommentare (0) | Autor:

Director’s Cut (2): Hommage an Ror Wolf

Freitag, 29. Juni 2012 12:25

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute ist es der 80. Geburtstag des bedeutendsten deutschsprachigen Dichters unserer Zeit.

__________________________


DANKE SCHÖN. VIEL ZU DANKEN

EINE TRAVESTIEN-COLLAGE
FÜR ROR WOLF

__________________________

 

LEBEN, LAUF

Ein Mann, wir nennen ihn Richard oder Roger, nein, Robert oder, Moment, wir nennen ihn Ror, nennen wir ihn also Ror: Ror Wolf also, wie wir diesen Mann nennen wollen, wird am 29. Juni 1932 geboren. Damit fängt alles an. Jedenfalls das, was nun folgt. Die bekannten Einwände Wobsers dürfen an diesem Punkt gern ignoriert werden. Sie sind auch an anderen Stellen ohne Belang. Bei unseren Lesern erzeugen sie nichts als Belustigung. Der Mann, von dem wir jetzt reden, wurde geboren, das ist kein Geheimnis, und es geschah am 29. Juni. Mehr muß man an dieser Stelle nicht sagen.

   Die Welt weiß viel über die Angelegenheiten des Mannes, von dem hier die Rede sein wird. Man muß die Welt nicht über ihn aufklären. Die Welt tut aber gut daran, sich auch weiterhin über seine Werke und Worte auf dem Laufenden zu halten. Wir verweisen auf Lemms erschöpfende Bemerkungen.

Weiterlesen

Abteilung: Director's Cut, Litterarische Lustbarkeiten | Kommentare (0) | Autor:

Director’s Cut (1): Das letzte Bild

Sonntag, 24. Juni 2012 23:30

Die Serie „Director‘s Cut“ versammelt Texte von mir, die bereits vor Jahren, aber nie in ihrer ursprünglichen Form erschienen sind. Hier sind sie endlich so zu lesen, wie sie mal gedacht waren, bereichert um Szenen oder Exkurse, die einst an den engen Grenzen des Layouts scheiterten, beschnitten um Sätze und Formulierungen, die dem Autor heute eher peinlich sind. Für jede Neupublikation gibt es einen Grund – heute lautet er selbstverständlich Europameisterschaft.

 

Für Fynn

Oma Heidi hatte Martin heimlich 20 Euro für die Kirmes zugesteckt. Doch außer einer Fahrt mit dem Autoscooter und einem großen Erdbeersofteis gönnte er sich dort nichts. Er brauchte das Geld für etwas Wichtigeres – wichtiger sogar als die Wilde Maus und das Augenschmelzen. Dabei foppte man mit Sonnenblitzen aus kleinen Spiegeln die Leute am Schießstand: ein Heidenspaß, auf den Martin sonst nie verzichtet hätte. Zumal an diesem Nachmittag keine Wolke am Himmel stand. Aber in gewisser Weise ging es um Leben und Tod, und damit spaßt ein Zehnjähriger ebenso wenig wie ein Erwachsener. Während seine Freunde Sven und Jens-Peter nach taktisch günstigen Plätzen suchten, huschte Martin durchs Gewühl davon.

   In der Tankstelle an der Möllner Landstraße schob sonntags Herr Beltz Dienst, ein grimmiger alter Mann mit pechschwarzen Haaren und Spitzbart, vor dem Martin normalerweise gehörig Schiß hatte. Aber nicht heute: Mit einem Vermögen von 17 Euro im Brustbeutel kam der Junge sich unantastbar vor. Martin baute sich vor der Kasse auf, Beltz schaute herab und fragte: „Schon wieder Sammelbilder?“ Martin nickte, und der Tankwart reichte ihm den Karton mit den Stickertüten herunter: „Ist ja hoffentlich dein Geld, das du verschwenden willst.“

Weiterlesen

Abteilung: Director's Cut, Erzählungen | Kommentare (0) | Autor: