Archiv für die Abteilung 'Selbstbespiegelung'

Die 55. Seite

Dienstag, 24. Juli 2018 0:05

… oder: Das literarische Geburtstagsorakel

Wenn ein Mann ein Jubiläum begeht, das eine Schnapszahl enthält, dann darf er, glaube ich, etwas weniger Nüchternes tun und den Status quo sowie evtl. die nahe Zukunft aus jenen Büchern lesen, die er liebt wie sich selbst.

Und zwar immer aus einem Absatz auf der gedruckten Seite 55. Zum Deuten der Zufallsbotschaften hat unser Mann dann 52 Wochen Zeit, möglicherweise 55, schließlich ist er nicht mehr der Schnellste.

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Arno Schmidt

„Und überdem hätten die Herrschaftn sich doch wohl waschn dürfn; auch die Zeehne putzn. – Und den Korkn=hintn etwas fester schteckn !“ fügte ich ärgerlich hinzu; denn meinem Herrn Nachbarn flog er ebm, mit gut hörbarem POPP, heraus. (Und er lachte noch, froh der eig‘nen Kraft, rauh & cis=Taunensisch : ‚Wir sind die Nieder=Saxn !‘
KAFF auch Mare Crisium (1960)

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Olaf Stapledon

Man kam ferner überein, all jene Rundfunkangestellten zu entlassen, die verdächtig waren, mit derart schädlichen Idealen wie dem Pazifismus oder der Freiheit der Meinungsäußerung zu sympathisieren. Darüberhinaus wurden die Soldaten mit der Bewilligung eines staatlichen Mutterschaftszuschusses, der Einführung einer Junggesellensteuer und der regelmäßigen Ausstrahlung militärischer Propaganda beruhigt.
Der Sternenschöpfer (1937)

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Abteilung: Litterarische Lustbarkeiten, Selbstbespiegelung, Unerhört nichtig | Kommentare (2) | Autor:

Wie es sich im Writersblock wohnt

Donnerstag, 19. Juli 2018 22:38

Schreibblockaden sind keineswegs einem Mangel an Themen oder einem Unterschuß an Ideen geschuldet. Im Gegenteil: Die Blockierer bauen, was mich betrifft, ihre Mauern erst dann, wenn zu viele Motive, viel zu viele Gedanken sich aufdrängen und der Autor daran verzweifelt, der Invasion Herr zu werden. Wenn ihn die Angst quält, der Sache in der, in seiner Sprache nicht gewachsen zu sein. Wenn das wenige, was er auf seiner Seite hat, die Wörter, die Lettern, ihm zu leise erscheint, zu blaß, verglichen mit den Bildern und Begebenheiten, den Gerüchten und Geräuschen, welche ihn von allen anderen Seiten bedrängen.

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Abteilung: Inside "Abfall", Selbstbespiegelung | Kommentare (7) | Autor:

Der Tag des Ruhms ist da

Montag, 16. Juli 2018 0:53

Dieses Match gehört meinen Jungs.
Das ist die Krönung.
Didier „Le Général“ Deschamps



Ich hab ja gewußt, daß meine Blauen gewinnen werden, ich hatte überhaupt keinen Zweifel, daß sie die Ustascha-Kameraden bezwingen würden, ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß Didier „Dieu“ Deschamps etwas falsch machen könnte … Aber wenn ES dann doch geschieht – wenn dann doch die Mannschaft, der ich so gern zujuble und mit der ich so oft getrauert habe seit 1982 bzw. 2006, den Pokal erringt – wenn dann doch die Besten als die Besten vom Platz gehen – wenn dann doch eintritt, woran ich öffentlich nie zweifelte –: In solch einem endlosen Augenblick des Glücks und der Erleichterung und der Bewunderung und der Schadenfreude tauchen die heimlichen Zweifel einer nach dem anderen auf und versinken sogleich, einer nach dem anderen, für immer. Wenn es doch immer so wäre!

En avant

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Abteilung: Lieder ohne Werte, Selbstbespiegelung, Sokolowsky anderswo, Unerhört nichtig | Kommentare (8) | Autor:

Weshalb der Abfall gammelt

Mittwoch, 13. Juni 2018 23:04


Ich bin nicht weg, bloß stumm.
Warum?
Ich bin die meiste Zeit nicht froh.
Wieso?

Ich hab die Wörter nicht mehr gern.
Inwiefern?
Ich hab beim Schreiben so ein Loch.
Und was noch?

Ich schweige, weil es mir zuviel wird.
Haben Sie kapituliert?
Ich hab vielzuviel zu sagen.
Wie geht‘s weiter, darf man fragen?

Geht schon weiter. Irgendwann.
Und dann?
Keine Ahnung. Keine Pläne.
Bene.

Ach … Dürft‘ ich was bemerken?
Zu Ihren Werken?
Nein. Zu meiner Leserschar.
Ja, klar.

Danke, daß Sie treu geblieben!
Das war Kultur live um sieben.

Photo: „Frontmic“, by LuckyLouie
at English Wikipedia [Public domain],
via Wikimedia Commons

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Abteilung: Inside "Abfall", Lieder ohne Werte, Selbstbespiegelung | Kommentare (15) | Autor:

Nach 54 Jahren und 262 Tagen

Samstag, 12. Mai 2018 17:57

hat der HSV es endlich geschafft, die 1. Fußballbundesliga zu verlassen.

Um diesen großen Moment gebührend zu begehen, kramt der „Abfall“ im Altpapier und wiederholt einen Nekrolog auf den „Dino“, der bereits am 23. Mai 2015 in der „Taz“ erschien. (Freunden angewandter Fußball-Lyrik empfehle ich außerdem meine „HSV-Epitaphe“. Mehr habe ich zu der Angelegenheit wirklich nicht zu sagen, und ich mag auch nimmer.)

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Nachruf auf den Haffau

2008 wurde unter großem Marketing-Radau auf dem Hauptfriedhof Hamburg-Altona eine Begräbnisstätte eigens für HSV-Fans hergerichtet. Der Totenacker ist der legendären „Westkurve“ nachgebildet und liegt nur wenige Meter vom Volksparkstadion entfernt, das heute „Imtech Arena“ heißt und leider keine Westkurve mehr hat. Wenn man dieser Tage ein Symbol für den Niedergang des Hamburger Sport-Vereins sucht, hier kann‘s gefunden werden: In sieben langen Jahren wurden keine sieben Gräber in das fußballfeldgroße Areal gebuddelt. Andernorts möchte man vielleicht über den Tod hinaus seinem Verein die Treue halten. Für Anhänger des HSV ist dies jedoch schon im Leben die Hölle.

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Abteilung: Selbstbespiegelung, Unerhört nichtig | Kommentare (5) | Autor:

Rück Ein Aus Blick

Samstag, 24. März 2018 1:18

Falls Sie, werte Leserin, lieber Leser, sich fragen, warum ich dieser Tage so wenig sage, obwohl weißgott sehr viel zu melden wäre …  Nun …

Vorhin stand ich in der Küche, schaute neben die Spüle und sah eine Reflexion der Welt, der Zeit, des Lebens, eine Metapher, die alles erklärt, bloß ohne Worte. Könnte ich malen, dies wär mein Motiv:

Ja!, so sieht es derzeit in meinem Hirnkastl aus. Sortiertes Chaos, forcierte Entropie. (Die Hoffnung, wenn eine ist, versteckt sich in den Details.)

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Abteilung: Aphone Aphorismen, Ich Ich Ich, Selbstbespiegelung | Kommentare (4) | Autor:

Brot für meine Welt

Samstag, 6. Januar 2018 0:04

Seltsam … Auf kein Buch, keinen Aufsatz, keine Glosse, keinen Aphorismus war ich je so uneingeschränkt stolz wie vorhin auf das, was meine Hände aus Mehl, Wasser und Zutaten kneteten. Oder vielleicht nicht stolz. Sondern, besser: mit mir im Reinen. – Seltsam. Oder vielleicht nicht.

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Abteilung: Bored beyond belief, Selbstbespiegelung, Unerhört nichtig | Kommentare (5) | Autor:

Lüber schrübe ich darüber

Montag, 13. November 2017 21:29



Ich hab Worte, Macht hat Waffen.
Was ich schreib, macht mir zu schaffen.
Denen nicht, den Alpha-Affen.
Raffen gar nix außer raffen.
Kleiber, Keiler, Bienen, Biber:
Lüber schrübe ich darüber.

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Abteilung: Lieder ohne Werte, Selbstbespiegelung | Kommentare (2) | Autor: